Aufnahme: 1990
Vor 25 Jahren: Gedenken auf dem Soldatenfriedhof
Die Siebengebirgs-Zeitung berichtete ausführlich (ohne Bild) über die Gedenkfeier auf dem Ittenbacher Soldatenfriedhof. Das Foto von ca. 1990 stammt aus dem Archiv des Rhein-Sieg-Kreises
"Nicht nur der 65 Millionen Opfer der beiden Weltkriege dieses Jahrhunderts, sondern auch der mehr als 30 Millionen Toten der über 130 Kleinkriege seit 1945 wollen wir heute gedenken." Mit diesen Worten begann der Oberdollendorfer Pfarrer Georg Kalckert die Totenansprache bei der Gedenkfeier des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge an den drei Hochkreuzen auf dem Ittenbacher Heldenfriedhof anläßlich des Volkstrauertages. Weiter erklärte der Geistliche: Wir betrauern die Toten, wenn auch die Wunden immer mehr verheilen. Die Zeit soll angeblich diese Heilung bewirken. Aber es gibt immer noch sehr viele Menschen, deren Trauer nicht vergangen ist, deren Liebe nicht vergessen ist, die bis heute nicht darüber hinweggekommen sind, daß sie ihren Mann, ihre Söhne, ihre Brüder und Freunde verloren haben. Nur der Lieblose und Hartherzige, der abgebrühte Realist könnte einer solchen Trauer gegenüber gleichgültig sein, könnte den Trauernden sagen: Hört endlich auf und vergeßt und laßt diese Kriege wie seine Toten endlich begraben sein!
Wir sind nicht so ehrfurchtslos und gefühlskalt. Wir gedenken der Toten, wir achten alle, die um die Opfer der Kriege trauern. Allerdings können wir es damit nicht genug sein lassen. Der Volkstrauertag kann sich nicht selbst genügen. Er ist nicht nur der Tag der Trauer, sondern Tag der Wahrheit, Tag des Friedens. Nicht wahr wäre, wenn dieser Tag auf irgendeine Weise unter der Hand zum ,Heldengedenktag' sich ausformte, wie es früher einmal gewesen ist. Wir sind sehr vorsichtig und ziemlich zurückhaltend geworden mit unserer Antwort, für wen oder was denn die Soldaten gefallen und die Menschen gestorben sind, ganz egal auf welche Weise und an welchem Ort. Damals hieß es `für Führer, Volk und Vaterland´. Der Führer war ein Verbrecher, für den sollten die Menschen gestorben sein? Für die Größe und den Ruhm des Vaterlandes hat der millionenfache, oft grausame Tod auch keinen Sinn gebracht. Es waren nachher ganz einfache und menschliche und elementare Werte, die für manche einen Sinn ergaben, aber auch nicht für alle: Schutz der Heimat, Abwehr eines diktatorischen und ähnlich menschenfeindlichen Systems wie das nationalsozialistische. Aber in so gut wie allen Fällen, wollte niemand dieses Sterben – weder die Toten noch wir, die Angehörigen, Überlebenden und Freunde. Kaum einer zog aus, und das gilt von allen Frontseiten, um ein Held zu werden, um kühn und groß für eine Idee zu sterben, sondern weil er mußte, weil seine Weigerung seinen Tod bedeutet hätte. Die Menschen wollten leben und nicht sterben. Natürlich gab es auch Fanatismus, es gab Überzeugung und echte Begeisterung, zumindestens am Anfang. Es gab soldatische Tugenden, auch heldenhafte Tapferkeit, nicht zuletzt als Ausdruck tiefer Kameradschaft, die sich für die Anderen opferte.
Begeisterung wandelte sich in Verzweiflung. An den Gesichtern der Soldaten der Wehrmacht konnte man fast das Kriegsjahr ablesen, in dem sie sich befanden. Das Heldentum wurde zum Töten aus Angst vor dem eigenen Tod. Und viele, viele Soldaten, Stalingrad nur als Verweis auf das Ganze, waren Preisgegebene und Verratene eines sinnlosen Wahns eine furchtbare Tragödie: Kämpfend meinten sie, sich zu opfern, sterbend erfuhren sie, daß sie Geopferte waren, um ihr Leben Betrogene. Das ist die Wahrheit, hart, unerbittlich - berechtigte Trauer.
Wir müssen so weit kommen, daß uns die Gedanken an Krieg und Gewalt einfach peinlich sind, daß wir uns wirklich schämen, daß uns klar ist, daß Krieg nicht nur grauenhaft und unmenschlich ist, sondern daß ein neuer Krieg uns jener `dunklen Stunde entgegenführen würde, wo die Menschheit keinen anderen Frieden mehr spürt als die schaurige Ruhe des Todes´, so die Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Kirche in der Welt von heute.
Wenn Trauer nicht zu Frieden, zu Versöhnung und Freiheit, zu neuer Menschlichkeit und Gemeinschaft führt, dann ist unser Tun hier fragwürdig, hoffnungslos. Wir spüren und erleben, daß jetzt die Zeit da ist, um aus der Geschichte der Vergangenheit eine neue und ungeahnte Zukunft erhoffen und erwarten zu können. Es bedarf der besten Anstrengungen von uns allen, im genauen Bewußtsein unserer Geschichte diesen weithin offenen Weg zu gehen und zu wagen.
Der Volkstrauertag bekäme dann eine neue Sinngebung, vielleicht würde er neuer Impulsgeber, für Frieden und Freiheit einzutreten, auch zu kämpfen, nicht auf irgendwelchen militärischen Kriegsschauplätzen, sondern dort, wo der Raum für Menschlichkeit und Solidarität, für Völkerverständigung und Freiheit nicht immer neue, immer teuerere und immer totalere Waffen produziert, sondern immer mehr unsere besten Kräfte erweckt und abfordert: Verständnis, Hilfsbereitschaft, Verläßlichkeit, Rücksichtnahme, Großzügigkeit, Entgegenkommen, wenn das Wort ,Liebe' nicht manchmal schon so mißbraucht wäre. Trauern ist besser als Lachen. Denn durch Trauern wird das Herz gebessert. Wenn die Trauer unser Herz erreicht und wandelt, dann erhält nicht nur dieser Tag, sondern auch der Tod der Menschen hier und überall einen eigenen Sinn."
Während der Kranzniederlegung durch den Regierungspräsidenten Franz-Josef Antwerpes, Stadtdirektor Franz-Josef Schmitz, Landrat Dr. Franz Möller und der beiden stellvertretenden Bürgermeister Dr. Renate Heck und Herbert Krämer intonierte der Eudenbacher Hauptfeldwebel Karl-Heinz Müller das Lied vom Guten Kameraden. Der Ittenbacher Männerchor „Eintracht” umrahmte die kurze Gedenkstunde mit den beiden Totenliedern „Weiß ich den Weg auch nicht“ und „Alles Leben führt zum Tod“. Es wurden Kränze des Volksbundes, der Stadt Königswinter, des Rhein-Sieg-Kreises und des Bundesministers der Verteidigung niedergelegt. Feuerwehrmänner und Polizisten trugen die Kränze über den Friedhof zu den Kreuzen.
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