Aufnahme: 1984
Die Friedrich-Naumann-Stiftung zieht in den Margarethenhof um
Unter der Überschrift "Ein Volksfest – rheinisch und liberal. Die Naumann-Stiftung im neuen Domizil" erschien am 7. Mai 1984 folgender Artikel von Helmut Herles in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:
Ittenbach, 6. Mai. Man hätte denken können, die FDP sei eine Volkspartei, als am Samstag die Friedrich-Naumann-Stiftung ihr neues Haus, den Margarethenhof, der in einem alten Buchenhain oberhalb Königswinter im Siebengebirgsort Ittenbach gelegen ist, eröffnete. Da kamen nicht nur die Prominenten wie Graf Lambsdorff, da drängten sich die Mitglieder der 28 Vereine Königswinters und die Nachbarn in dem anmutigen Innenhof. Es wurde ein Volksfest der rheinischen Lebensart und Liberalität. Mit Bier- und Weintempeln, mit Waffeln, Milch und Joghurt und Preisen wie zu Adenauers Zeit, eine Mark für eine Wurst. Für die Kinder waren Trampolin und Karussell in Betrieb und ein eigenes Zelt mit Puppenspiel, Zauberer und Pantomime. Die Erwachsenen redeten gelegentlich auch über die Zauberspiele der Politiker, und einer sagte, die Koalition in Bonn verdiene wegen ihres magischen Tricks mit der geplanten Amnestie für steuersündige Parteispender einen neuen Beinamen „Amnesty national“. Ein anderer, ein Industriekenner aus Düsseldorf, sagte das Gegenteil: Wenn jetzt die Koalitionsabgeordneten nicht hart bleiben, werde eine zwanzigjährige von den Finanzämtern geduldete Praxis kriminalisiert, erhielten weder FDP noch CDU Spenden aus der Industrie. „Dann ist die Koalition kaputt.“ Die SPD brauchte sich dagegen wegen ihrer Nähe zu den Gewerkschaften nicht zu sorgen. Die FDP im größten Bundesland sei schon bankrott.
Der Margarethenhof war für solche Gespräche der richtige Ort. Die Stiftungen der Parteien stehen ebenfalls in Karlsruhe auf dem Prüfstand der Verfassungsrichter. Manches an der Steuer vorbeigeleitete Geld soll an und über sie geflossen sein.
Um die Eigenständigkeit der Stiftung gegenüber der Partei herauszustellen, hatte sich die Naumann-Stiftung auf den Auszug aus der Parteizentrale vorbereitet, in der sie zur Miete wohnte. Dem ehemaligen FDP-Bundesgeschäftsführer, dem mit österreichischer Phantasie begabten neuen geschäftsführenden Stiftungschef, Fritz Fliszar, kam dabei 1983, wie die Rheinländer sagen, ein „Schnäppchen“ zugute. Vom Verfall bedroht und kurz davor, eine „Räuberhöhle“ zu werden, stand das ehemals von der Kölschen und Bonnschen Gesellschaft begehrte Hotel leer, war nur noch eine Last des letzten Besitzers, einer Bank. Die Stiftung erwarb Haus und Park mit 13 000 Quadratmetern für etwas mehr als eine Million Mark. Der Umbau und die innere Renovierung, die Schaffung neuer Pavillons zwischen den hohen Bäumen, die Umwandlung einer verfallenden Garage in ein für Wanderer wie für südländische Küche begeisterte Gourmets gleichermaßen zugängliches Restaurant kosteten noch einmal über sechs Millionen Mark. Der Innenhof mit Arkaden-Brunnen, Treppchen, Dächern und den weißen Gartenstühlen und einer alten Kastanie, die überwiegend gelbe Farbe der Wände schafften ein Stück altes Österreich im Siebengebirge. Zur Atmosphäre trägt bei, daß neue Anbauten aus den alten Ziegeln einer in Oberkassel abgerissenen Brauerei errichtet wurden. Schon vor der Eröffnung akzeptierten die Ittenbacher, aber auch die fremden Wanderer das Gasthaus. Es wird von einem Spanier und einem Italiener geführt, die Stiftung von einem Österreicher. Als am Ostersonntag jemand mit der Sprühdose die Außenwand des Lokals mit einem Davidstern und mit der Schmiererei „Flick-Stiftung“ verunstaltet hatte, übte sich ein Hennefer Malermeister in Mittelstandssolidarität. Noch am Festtag war die Wand wieder gelb. Ähnlich rasch und zuverlässig arbeiteten die Handwerker, des Generalunternehmers und des Architekten: Innerhalb eines halben Jahres wurde aus einem morbiden Haus eine neue Zier für das romantische Gebirge.
Das Volksfest zur Eröffnung hielt, was die Stiftung versprochen hatte. Da die Landschaftsschutzbehörde des Regierungspräsidenten Anstoß am weißen Zaun des Margarethenhofes nimmt, ließ er – trotz der an diesem Tag im Festvortrag des stellvertretenden Stiftungsvorsitzenden Professor Scholder abermals bekundeten Skepsis der FDP gegenüber Plebiszite – das Volksfest zu einer ironischen Volksabstimmung werden: Fast alle Gäste waren für den weißen Zaun, auch der Bürgermeister Hank (CDU) aus Königswinter, der außerdem die Bürokraten darauf aufmerksam machte, daß das gegenüberliegende Margarethenkreuz schon längst einen weißen Zaun hatte. Da Fliszar ihn ironisch und unter Anspielung auf eine alte von der FDP mitzuverantwortende Sünde der Gebietsreform als „Bürgermeister dieser Gegend“ begrüßt hatte zahlte es ihm der Bürgermeister in schönster rheinischer Rhetorik zurück. Er zeigte den Stolz dieser Gegend auf Historie und Landschaft, auf den Cäsarius von Heisterbach, auf den Petersberg und auf die geschichtlichen Entscheidungen, die auf dem Gebiet der heutigen Stadt Königswinter gefallen sind, ehe es das politische Bonn gab. Sie reichen von verhängnisvollen Treffen Hitlers auf dem Petersberg über Adenauers selbstbewußtes Auftreten gegenüber den drei westlichen Hohen Kommissaren im gleichen Hotel, auf einem für einen damaligen Bundeskanzler protokollarisch nicht vorgesehenen Teppich, von der Arbeit des Adam-Stegerwald-Hauses der Sozialausschüsse der CDU in der gleichen Stadt über die deutsch-englischen Königswinterer Gespräche bis hin zum Margarethenhof-Abkommen zwischen DGB und Arbeitgebern, wie man notfalls einen ausufernden Arbeitskampf beilegen könnte. Deshalb hatte Hank recht, als er die FDP bat, nicht Margarethenhof „bei Bonn“ zu sagen, sondern allenfalls „im Siebengebirge oder in dieser Gegend“.
Der zur Eröffnung angesagte Altbundespräsident Scheel konnte wegen einer Krisensitzung eines Aufsichtsrates nicht kommen. Statt dessen erläuterte der Stiftungsvorsitzende, Prof. Ralf Dahrendorf, was politische Stiftungen sind ihre Doppelfunktion als inoffizielle Außenministerien, vor allem in der Dritten Welt, und als geistige Trainingszentren im Inneren, wobei er ebenso vom liberalen Zweifel und vom „Selbstzweifel“ sprach. Den legte der FDP auch Klaus Scholder nahe. Die Partei hat ihn nötig, auch wenn offiziell niemand etwas über die noch nicht ausgeheilten Krankheiten des organisierten Liberalismus sagte. Die Volksfest-Atmosphäre gab Scholder recht, es lohnte sich für die FDP schon, Optimismus gegen Pessimismus als Politikum den Bürgern nahezubringen und selbstkritisch Themen wie Umwelt, Abrüstung, Arbeitslosigkeit, Elite selbst zu beackern. In der Tat, dies war trotz der Amnestie-Skrupel und der Ungewißheit, die noch immer auf dem politischen Schicksal des Grafen Lambsdorff lastet, kein Tag des vom Stiftungsvater Naumann beklagten „elegischen Liberalismus“.
Dr.Helmut Herles, Ittenbacher Mitbürger, war von 1975 - 1991 F.A.Z-Korrespondent in Bonn,
von 1991 bis 2000 Chefredakteur des General-Anzeiger, danach bis 2005 Chefkorrespondent des GA in Bonn und Berlin. Seither ist er freier Journalist und Buchautor. Er wohnt hier in Ittenbach.
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