Aufnahme: 1960 (ca.)

"Ittenbach – einmal anders" von Paul Eudenberg

Der frühere Leiter des Heimatkundlichen Arbeitskreises und Lehrer Paul Eudenberg hat sich in den 1950er und 1960er Jahren intensiv mit der Heimatgeschichte befasst, vieles verschriftlicht und Vorträge dazu gehalten. Der Arbeitskreis stand in enger Verbindung zum Volksbildungswerk Ittenbach-Lahr, das schon in den 1940er Jahren in Ittenbach heimatgeschichtlich aktiv war.

Den folgenden Beitrag hatte Paul Eudenberg für eine "Festausgabe des Gesangverein Ittenbach" geschrieben:

„Ittenbach, fast 3000 Einwohner, Ort im Siebengebirge, gelegen an der Autobahnausfahrt Siebengebirge und 7 km von Königswinter entfernt, Fremdenverkehr und Hotelgewerbe, großer Soldatenfriedhof, … dieses Ittenbach ist bekannt.

Das andere Ittenbach? Es ist nicht jener Wohnort, der in den Werbeprospekten angeboten wird, - vielmehr eine Selbstbesinnung auf das Leben in der Gemeinde von gestern, heute und morgen.

Vor rund 35 Jahren machte in der Presse eine Meldung Schlagzeilen: Ittenbach hat seine Jahrtausendfeier verschlafen! – Es war so. (Anm. Red.: Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Dorfname im Jahre 922 in einer Urkunde des Cassiusstiftes Bonn. Der Aufsatz von P. Eudenberg stammt demnach aus den späten 1950er Jahren.) Der Ittenbacher weiß von seiner Dorfgeschichte wenig, - es ist eigentlich auch zuviel Geschichte für so ein kleines Dorf! Man vergißt, vereinfacht, verdreht, um sich eines Teils seiner Geschichte zu entledigen, wie jemand der – des Guten zuviel – aus einer Schatzkammer Wertgegenstände nacheinander verschenkt.

So geschehen mit der steinernen Madonna, die mitten im Dorfe steht: Man spricht sie der ehemaligen Abtei Heisterbach zu: Dekorativ ineinander verschlungene Initialen aber verraten einen Ittenbacher Mitbürger, jenen Johann Peter Schugt, der berechtigt war, ein reichsfreiherrliches Wappen zu führen, zu dem viele Alt-Ittenbacher in einem nahverwandtschaftlichen Verhältnis stehen.

(Anm. Red.: An anderer Stelle erklärt Paul Eudenberg: "Irrtümlich ist die Meinung vertreten worden, die Marienstatue auf dem Marktplatz stamme von Heisterbach: hingegen ein Wappen im Sockel mit den Initialen J.P.S. (Johann Peter Schucht) liefert den einwandfreien Beweis, dass die Statue, die früher auf einem etwa drei Meter hohen Obelisken stand, aus dem Privatbesitz einer der angesehensten, ältesten Familien Ittenbachs stammt." Die Schreibweise des Familiennamens variiert: Schucht - Schugt - Schugd)

Zu Schugts Lebzeiten führten sogar zwei Wege zum Rhein hin, ein Fuhrweg, auf dem die beladenen Karren nach Königswinter rollten, und ein Gehweg. Den letzteren nannten sie „Leichenweg“. Sie behaupten, auf diesem seien die Verstorbenen in die Grabstätte nach Königswinter verlegt worden, woher auch der Name entstanden sei. Aber eine Vielzahl der z.T. kunstvollen Grabsteine in Ittenbach beweisen, daß man die Toten bei sich behielt. „Leichenweg“? Der Ausdruck war damals umfassender und schloß den lebenden Menschen mit ein. Also „Leichenweg“ = Fußweg.

In entgegengesetzter Richtung (heute Oberpleis) verlief die „Pulverstraße“, manchmal auch „Straße nach Kircheip“ genannt. Die aus den Siebengebirgswäldern gewonnene Holzkohle wurde auf ihr zu der Geschoßfabrik in Hamm/Sieg gefahren. Genug Zeit verblieb auf der Rückfahrt, um in den zahlreichen Kneipen links und rechts des Weges Bekanntschaften zu schließen. Manche spätere Ittenbacherin „kam“ aus dem Sieg- oder Eiptal.

Von dichtem Gestrüpp überwucherte und heute nicht mehr begehbare Wege führten zur Löwenburg, zum Drachenfels, zum Einsiedlertal, zur Frühmeßeiche oder zum Drei-Teufels-Siefen. Ihre tiefen Eingrabungen deuten auf eine jahrhundertlange und häufige Benutzung. -

Von wunderlichen Namensträgern kannst du in der Geselligkeit mit Alt-Ittenbachern hören. Man wird dir sagen, wer der letzte Häkselschneider mit dem außergewöhnlich langen Vorfahrenregister war, der „Liens-Biems-Willems-Krest“ (d.i. Helenes-Bernhards-Theodors-Wilhelms-Christian) und seine Hütte beschreiben können. – Von Jülich kam zu Fuß der „Zucker-Dolles“ mit Zucker und Rübenkraut hausieren. – Die tugendsame „Fupp-Majänne“ (Marianne) versorgte die Einwohner mit Anmachholz. – Dagegen hielt man die „Häckels-Drückels (Gertrud)-Liß“ für eine „Kraat“ – „Jeder Jeck ist anders“.

Die Ittenbacher haben es verstanden, den Alltag mit humoristischen und selbstironisierenden Schwänken „deftig“ zu würzen.

Du wirst staunen, sogar zwei echte Sagen sind überliefert, die im Rahmen des Volksbildungswerkes vorgetragen, begeisterten Beifall fanden:

„Klappers Griet“ und „General von Kuhhorn“.

Von der „guten alten Zeit“ sprechen die Ittenbacher im allgemeinen mit einer abfälligen Geste. Sie seien einmal arme Bauern und Arbeiter gewesen. Nicht im Einklang mit dieser Behauptung steht allerdings die Tatsache, daß sich zwei solche rivalisierende Gruppen im Dorf ewig „in den Haaren“ lagen: die „Hölzernen“ und die „Steinernen“. Raufereien und Streitigkeiten kamen aber nicht bis vor den „Kadi“ – in schlimmeren Fällen gab man die Tochter in die Ehe. – Von Geld sprach man verächtlich.

Ittenbach – auch heute ein Völkchen für sich:

Die Ittenbacher halten treu an dem Glauben fest, daß ihre Vorfahren die „Heupungen“ (Anm. Red.: Heu-Bündel, Heu-Haufen) auf die Löwenburg zu ihren damaligen Herren geschleppt haben. Aus diesem Grund nennt man sie noch heute in der Umgebung „Heudräjer“. – In stolzer Erinnerung an diese Löwenburger Zeit trägt heute noch der „Maiclub“ im Maimonat ein kleines Heubüschel am Rockaufschlag. –

An frühere Hexenverbrennungen erinnert heute noch die Verbrennung des „Kirmes-Kerls“.

Viel wäre noch über das „andere Ittenbach“ zu berichten. Der Verfasser hat sich darauf beschränkt, in einem kurzen Aufriß einen Überblick über dasjenige aus Ittenbach zu geben, was seiner Meinung nach Alt und Jung in und um Ittenbach interessieren könnte.

Es bleibt die Bitte an die Ortsvereine, altes Brauchtum auch für die Zukunft zu bewahren und in seinem tiefen Sinn zu erhalten.

Paul Eudenberg, Lehrer

Zur Herkunft der Marienstatue auf dem Marienplatz - siehe Link unten

Räume & Galerien
Dorfgeschichten und Ereignisse
Aufrufe
378

Etwas zu ergänzen?

Kennen Sie abgebildete Personen, das Jahr oder Hintergründe zu diesem Bild? Schicken Sie uns einen Hinweis – wir prüfen ihn und ergänzen das Objekt.