Aufnahme: 1945

Persönliche Erinnerungen an das Kriegsende 1945 in Ittenbach

von Heinz Hinse, damals 9 Jahre alt, der mit seinen Eltern und Brüdern auf der Perlenhardt die letzten Kriegswochen erlebt und seine Erinnerungen im Jahre 2015, 70 Jahre nach dem Kriegsende, aufgeschrieben hat:

70 Jahre Frieden in Deutschland

Persönliche Erinnerungen an den letzten Kriegstag 15. März 1945 im Haus Perlenhardt / Siebengebirge

70 Jahre danach schreibe ich meine Erinnerungen an diesen Tag auf: Selbst erlebte und von meiner Mutter erzählte. In diesen letzten Kriegstagen lebten wir vor allem im Keller des Hauses Perlenhardt, phasenweise mit 65 Personen, darunter 21 Kinder. Wie sie alle untergebracht waren, kann ich mir bis heute nicht erklären. Unser Haus Perlenhardt war eine Fremdenpension, die aber von der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) beschlagnahmt worden war für werdende oder gewordene Mütter aus Köln.
Die letzten Kriegstage nannte meine Mutter später immer den „Beschuss“, die Zeit, in der Ittenbach von der anderen Rheinseite her beschossen wurde, zum Glück ohne Treffer in unserem Haus und in der Nachbarschaft.
Nach dem Rheinübergang über die Brücke von Remagen am 7. März 1945 drangen die Amerikaner ins Siebengebirge vor und erlitten dabei schwere Verluste. Auf dem Soldatenfriedhof in Ittenbach soll es doppelt so viele Amerikaner als Deutsche gegeben haben.
Umkämpft war vor allem die Löwenburg, mehrmals wechselte sie den Besitzer. Wie aussichtslos aber der Kampf der Deutschen war, bekamen wir in unserem Keller mit. In der Waschküche, am Eingang links, war ein Gefechtsstand der Wehrmacht untergebracht. Meine Mutter hörte, wie immer wieder kleine Gruppen von Fallschirmjägern zur Löwenburg geschickt wurden. Kaum einer kam vom Kampfeinsatz zurück.
Im Ohr habe ich heute noch, wie im Keller immer wieder der Rosenkranz gebetet wurde und „Hilf Maria, es ist Zeit, hilf Mutter der Barmherzigkeit!“
An einem Abend kamen Soldaten auf dem Rückzug mit einem Pferdewagen. Für die Pferde hatten sie kein Futter, da haben die Pferde das Holz eines Sägebocks gefressen. Andere Soldaten fuhren Granaten in einem Kinderwagen.
An einem anderen Abend kamen Soldaten, die in Asbach noch einen Panzer hatten und bei einer Versorgungsstelle auf der Margaretenhöhe Treibstoff holen wollten. Sie hatten nur einen Kanister bekommen. Da wussten meine Mutter und die übrigen Leute bei uns im Keller, dass der Krieg bald vorbei sein würde.
Am Abend des 13. oder 14. März räumte der zuständige Offizier den Gefechtsstand in unserer Waschküche. Meiner Mutter hatte er vorher erzählt, er habe bisher alle seine verlassenen Gefechtsstände anschließend zerstört, mal ein Schloss, mal einen Schafstall. Er drohte meiner Mutter, bei uns werde er es auch so halten. Meine Mutter, die natürlich an die vielen Frauen und Kinder in unserem Keller dachte, rief ihm wütend nach: „Der Teufel soll Sie holen!“ - Er dagegen: „Der holt mich doch! Auf Wiedersehen, Frau Hinse“. Später erfuhren wir, er habe aus dem Keller des Ittenbacher Pfarrhauses noch Kommandos an den einzigen Panzer gegeben, auf Haus Perlenhardt zu schießen.
Der 15. März 1945 brachte nach langer Regenzeit Sonnenschein. Am frühen Morgen besetzten die Amerikaner vom Wald aus das Haus der Familie Wiehenbrauk in einem größeren Park auf der anderen Straßenseite. Immer wieder hörten wir einzelne Gewehrschüsse auf unser Haus.
Fünf deutsche Soldaten suchten in unserem Keller Zuflucht. Einer von ihnen merkte, als er einmal nach draußen ging, dass er gezielt beschossen wurde. Meine Mutter erzählte: „Er holte sich ein Fernrohr und suchte die Bäume am Waldrand hinter Wiehenbrauks Haus ab. Plötzlich entdeckte er in einer Tanne einen amerikanischen Scharfschützen. Er nahm sein Gewehr, legte an – es war gerade ganz still – und holte den Scharfschützen herunter.“
Später, nach dem Krieg, hat uns dieser Soldat noch einmal besucht und meiner Mutter den Baum gezeigt.
Gegen ein Uhr am Mittag kam ein kleiner Trupp amerikanischer Soldaten in unseren Hof. Die fünf deutschen Soldaten traten ihnen mit erhobenen Händen entgegen und riefen laut „Wir ergeben uns!“ Den Klang dieses Rufes habe ich heute noch im Ohr. Die Amerikaner nahmen die Deutschen mit, zerschlugen aber vorher noch ihre Gewehre.
Nach einiger Zeit kam ein neuer, größerer Trupp von Amerikanern, die offensichtlich von der Gefangennahme der Deutschen nichts wussten. Als sie am Kellereingang die fünf Stahlhelme sahen, befahlen sie allen, die im Keller waren, herauszukommen in den Hof. Ich selber war ganz hinten im Keller und fand meine Schuhe nicht. Voller Angst versteckte ich mich hinter einem Schrank und betete um mein Leben, als ein Amerikaner mit Taschenlampe und vorgehaltener Pistole hereinkam. Er hat mich aber nicht gesehen. Die ausgestandene Angst muss mir so auf den Magen geschlagen haben, dass ich tagelang Durchfall hatte und von den guten Sachen, die uns die Amerikaner gaben, nichts essen konnte.
Plötzlich wurden alle wieder in den Keller zurückgeschickt. Meine Mutter erzählte später: „Wir standen draußen einem ganzen Trupp von amerikanischen Soldaten gegenüber. Sie hatten ihre Gewehre und Maschinenpistolen auf uns gerichtet. Plötzlich eine Explosion, eine Granate war in unseren Komposthaufen eingeschlagen, einige Meter hinter den Amerikanern. Wie der geölte Blitz warfen sich alle auf den Boden. Da musste ich so lachen, als ich alle diese schwerbewaffneten Männer platt auf dem Boden liegen sah.“
Um unser Haus herum sind dann noch mehrere Granaten eingeschlagen, zum Glück gingen aber nur Fenster zu Bruch. Meine Mutter meinte dazu später, vielleicht hätten die deutschen Soldaten in Ittenbach, die noch aus dem letzten Panzer auf den Gefechtsstand Haus Perlenhardt schießen sollten, absichtlich daneben geschossen.
Warum die Amerikaner für die 100 Meter vom Waldrand hinter Wiehenbraucks Haus bis zu unserem Haus einen ganzen Vormittag gebraucht haben, konnten wir uns damals nur so erklären, dass sie – im Gegensatz zu deutschen Soldaten – das Leben ihrer Soldaten nicht unnötig aufs Spiel setzen wollten.
In den nächsten Tagen habe ich nur noch Erinnerungen an die amerikanischen Panzer, die in unserem unteren und mittleren Hof standen. Gerade wir Kinder wurden von den Panzersoldaten reich beschenkt. Und die Frauen waren glücklich über einen ganzen Weckkessel mit Bohnenkaffee.
Eine Besonderheit möchte ich noch erzählen: In den Tagen vor dem 15. März hat es immer wieder geregnet, auf den nicht asphaltierten Straßen war tiefer Matsch. Mit dem Einzug der Amerikaner schien die Sonne. In kürzester Zeit haben sie mit ihren Jeeps, Lastern und Panzern die Straßen wunderbar platt gefahren.

Nachbemerkung:
Ich war damals neun Jahre alt, mein Bruder Benno sieben, Karl sechs, Johannes vier Jahre alt. Mein Vater war vom 1. September 1939, dem Tag des Kriegsbeginns, bis zum Ende des Krieges bei den Pionieren, musste also nicht schießen, wie er am Ende seines Lebens immer wieder betonte. Er ist schon im August 1945 aus einem Internierungslager in Bredstedt (Schleswig-Holstein) entlassen worden. Meine Schwester Marianne ist 1946 geboren, Christa 1949. Die beiden Mädchen nannte unsere Mutter „die Friedenskinder“.
Meine Mutter hat gerade in der Zeit des „Beschuss“ Großartiges geleistet, vielen Menschen Mut gemacht und ihren rheinischen Humor bewahrt. Wir haben also mit unserer Familie allen Grund, Gott dankbar zu sein aber auch mitzufühlen mit all den vielen Familien, die den Krieg nicht überlebt haben oder ihre Heimat verloren haben.
Die bisher 70 Jahre Frieden, die wir in diesem Jahr erleben, sollten uns motivieren, alles in unseren Kräften Stehende zu tun, diese Zeit zu verlängern.

Heinz Hinse (gestorben 2018)

Zur Verfügung gestellt von
Johannes Hinse
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