Aufnahme: 1945

Die letzten Kriegswochen im Siebengebirge im März 1945 - Erinnerungen des damaligen Kommandeurs Arthur Jüttner

"Abwehr am Rhein. Die 62. (Volksgrenadier-) Division im März 1945" - unter dieser Überschrift hat der damals in unserer Region befehlshabende Kommandeur der Deutschen Wehrmacht, Oberst Arthur Jüttner, seine Erinnerungen an die letzten Kriegskämpfe aufgeschrieben.

Vorweg eine kurze Einführung:
Am 7. März 1945 hatten die amerikanischen Truppen die Brücke in Remagen, eine der letzten unzerstörten Rheinbrücken, überquert. Sie drangen langsam, aber unaufhaltsam in das rechtsrheinische Gebiet vor. Das Siebengebirge (im Bild der Löwenburger Hof am Kriegsende) wurde von Granatbeschuss und erbitterten Kämpfen durchgerüttelt, bis es am 21. März von amerikanischen Truppen komplett besetzt und damit hier der Krieg beendet war.
Militärisch verantwortlich für den Bereich Königswinter, Dollendorf, Oberkassel mit Gefechtsstand in Ittenbach war der am 8. März 1945 zum Divisionskommandeur der 62. Volksgrenadier-Division ernannte Arthur Jüttner, damals 47 Jahre alt. Diese Division war im Herbst 1944 in Schlesien neu aufgestellt worden und hatte im Dezember 1944 in der gescheiterten Ardennen-Offensive gekämpft.

Für nachfolgende Generationen ist es kaum zu begreifen, warum in diesen letzten Kriegswochen Mitte März 1945 angesichts der Überlegenheit der amerikanischen Truppen noch so viele Menschen ihr Leben in aussichtslosen Kampfhandlungen verlieren mussten. "Nach amtlichen Angaben fordern allein die Kämpfe rund um Ittenbach das Leben von 22 deutschen Zivilisten sowie 400 deutschen und 1100 amerikanischen Soldaten" (in: Kriegsende im Siebengebirge, hrsg. von der Stadt Königswinter, Rheinlandia-Verlag 1995, S. 75).

Aus der Sicht der Menschen, die hier lebten, waren es qualvolle Tage und Wochen voller Bangen und Hoffen, dass nicht bis zum bitteren Ende gekämpft und das sinnlose Töten endlich ein Ende haben würde - siehe im Link unten den Gen.-Anzeiger-Bericht von 1985 in unserem befreundeten Nachbarmuseum in Oberpleis.

Arthur Jüttner sah sich nach eigenem Bekunden „in erster Linie Land und Volk gegenüber verantwortlich“ und war bemüht, die Schäden möglichst gering zu halten. Seine Darstellung sieht er belegt durch die Erinnerungen des damals in Rhöndorf wirkenden Schweizer Generalkonsuls Dr. Franz-Rudolf von Weiß, der sich intensiv für Vermittlungen mit den amerikanischen Befehlshabern einsetzte, um die überfüllten Lazarette vor amerikanischem Beschuss zu schützen. (Nach ihm wurde die Von-Weiß-Straße in der Königswinterer Altstadt benannt.)

Hier der autobiografische Bericht von Arthur Jüttner:

Abwehr am Rhein. Die 62. Division im März 1945

Es ist wenig bekannt, dass gegen Kriegsende eine schlesische Division das Siebengebirge etwa zwischen Königswinter und Heisterbacherrott (wo jetzt das “Haus Schlesien” aufgebaut wird) in harten Kämpfen gegen die weit überlegenen Amerikaner verteidigt und nur geringe Zerstörungen hinterlassen hat. Es handelt sich um die 62. Volksgrenadier-Division im September und Oktober 1944 auf dem Truppenübungsplatz Neuhammer am Queis in Schlesien neu aufgestellt. – Ihre Vorgängerin, die 62.ID, war im August 1939 in 2. Welle aus Teilen der aktiven 8. (Neisse) und 28. (Breslau) Division aufgestellt und 1944 in Rumänien vernichtet worden.
Zur 62. Volksgrenadier-Division gehörten die Regimenter 164, 183 und 189 sowie AR, Aufklärer, Panzerjäger, Pioniere, Nachrichten und Versorgungstruppen 162. Erster Kommandeur war Generalmajor Kittel. Ich führte das Regiment 164. Adjutant war Oberleutnant (Kurt) Schwerdt, als Ohnhänder, wenn auch mit einer “Sauerbruchhand”, an sich nicht mehr felddienstfähig. Aus Verantwortung und Pflichtgefühl hatte er sich freiwillig gemeldet. Nach dem Krieg war er Bürgermeister in Biedenkopf.
Am 16. Dezember 1944 begann die Ardennen-Offensive. Die 62.VGD. war am rechten Flügel der 5.Panzer-Armee, General-von-Manteuffel, eingesetzt. – Annähernd aus demselben Raum mußte 1940 die 62.ID. im Westfeldzug angreifen. Unser IR.164 bildete die Angriffsspitze. Zu Weihnachten standen wir am Salm, südlich Vielsalm. Am 8. März 1945 – die Ardennenschlacht war längst erfolglos beendet – wurde ich auf Befehl von Feldmarschall Model mit der Führung der 62.VGD. beauftragt. Was ich am 10. März auf dem Gefechtsstand des Armeekorps hörte, war für die neue Aufgabe wenig ermutigend. General Püchler erklärte mir, daß es für mich als Oberst eine hohe Ehre sei, schon mit der Führung einer Division beauftragt worden zu sein (es gab damals viele Generale ohne Truppenkommando).
Der Abschnitt der Division reichte von Königswinter über Nieder-Dollendorf bis Oberkassel, Gefechtsstand in Ittenbach. Auftrag: Verhinderung eines feindlichen Brückenkopfes wie in Remagen. Unterstellt wurden Flak-Batterien, eine wesentliche artilleristische Verstärkung. Schwierig war die Verteidigungsführung im eigenen Lande. Die Dörfer beiderseits des Rheins waren überfüllt mit Flüchtlingen aus dem Osten und aus rheinischen Großstädten, wegen der Bombenangriffe. Hinzu kam, daß in einigen Orten überfüllte Lazarette eingerichtet waren. Vorteilhaft war, daß wir über Fernsprechleitungen der Post einigermaßen über Feindbewegungen unterrichtet wurden, auch darüber, daß sich im “Dreesen” in Godesberg-Mehlem ein hoher amerikanischer Stab aufhielt. In diesem Hotel hatten sich 1938 Chamberlain und Hitler getroffen. Auch der Petersberg, lange Zeit Herberge hoher Diplomaten, gehörte zu unserem Abschnitt.
Am 13. März war nahezu Gefechtsruhe, am 14. März gab es wieder heftiges Artilleriefeuer. Wir.verlegten deshalb den Divisionsgefechtsstand nach Jüngsfeld.
Leider war dort vorher der Stab des Armeekorps, durch Funkpeilung längst festgestellt. Alsbald empfing uns schweres Artilleriefeuer. Als eine Granate die Hauswand am Fenster traf, flog ich durchs Zimmer. – Wir verlegten sofort nach Oberpleis.
In jenen Tagen nahmen wir Verbindung mit dem von Godesberg nach Rhöndorf ausgewichenen Schweizer Generalkonsul Dr. von Weiss auf, um mit seiner Hilfe eine freie Zone zur Evakuierung von Kranken und Verwundeten aus den durch Beschuß gefährdeten Lazaretten mit den Amerikanern zu vereinbaren. Dr. von Weiss wurde zu diesem Zweck von unseren Pionieren unter weisser Flagge über den Rhein gerudert. Die Amerikaner lehnten zwar eine Vereinbarung ab, versprachen aber, die Genfer Konvention nach Möglichkeit zu respektieren. Hierüber verfaßte Dr. von Weiss am 16. März ein Memorandum. Dieses Dokument beweist auch, daß wir uns in erster Linie Land und Volk gegenüber verantwortlich fühlten.
Erst nach Standgerichtsurteilen auch gegen einige Offiziere wegen der ungenügenden Verteidigung der Brücke von Remagen, die von den Amerikanern ohne große Verluste genommen werden konnte, kam mir zum Bewußtsein, wie lebensgefährlich unsere Verhandlungen waren: Todesurteile wären den Beteiligten sicher gewesen, hätte ein Vorgesetzter davon erfahren ...
Glücklicherweise versuchten die Amerikaner nicht, in unserem Abschnitt einen neuen Brückenkopf zu erkämpfen. Sie griffen von Remagen aus ostwärts an und bedrängten damit unseren linken Flügel, den wir zurückbiegen mußten. Unsere Artillerie schonte möglichst die Dörfer und Siedlungen, nahm aber die Angreifer im freien Gelände umso härter unter Beschuß. Oft konnten wir überlegene Panzerverbände zum Rückzug zwingen. Die Amerikaner umgingen daraufhin den Petersberg und griffen dann wieder nach Norden an. Dabei kam es zu harten Kämpfen um den großen und kleinen Ölberg. Oberleutnant Prinz konnte den kleinen Ölberg mit dem Feldersatzbataillon im Gegenangriff nehmen und erhielt dafür das Ritterkreuz.
Arthur Jüttner

Die zurückgezogenen Reste der 62. Division löste Arthur Jüttner auf Befehl am 17. April 1945 auf. Er selbst geriet in der Nähe von Wuppertal in amerikanische Gefangenschaft, aus der er fliehen konnte. 1960 wurde er zum Oberst der Reserve ernannt.

Mit den letzten Kriegswochen in den Räumen des Kreises Altenkirchen und den umliegenden Gemeinden und mit der Biografie von Arthur Jüttner hat sich Ralf Anton Schäfer, Mitarbeiter der Kreisverwaltung Altenkirchen, intensiv beschäftigt – siehe Link unten


In Ittenbach mit seiner strategisch wichtigen Lage als Verbindung des Rheintals mit der Autobahn und dem Hinterland wurde am 26. März 1945 der erste gefallene deutsche Soldat von den Amerikanern begraben, so entstand der Ittenbacher Soldatenfriedhof - siehe Raum "Soldatenfriedhof" in unserem Museum.

Quelle
Autobiografischer Bericht von Arthur Jüttner
Zur Verfügung gestellt von
Manfred Stützer / Walter Schilling Gen.-Anz.-Bericht im Museum Oberpleis - Informationen der Kreisverwaltung Altenkirchen:
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