Aufnahme: 1936

Kleiner Einblick in „Ittenbach in der NS-Zeit“ mit nationalsozialistischen Einschüchterungsversuchen gegen den damaligen Ittenbacher Pfarrer Josef Klais

Pfarrer Josef Klais war am 17. Februar 1878 in Scheiderhöhe (bei Lohmar) zur Welt gekommen. Im März 1903 wurde er zum Priester geweiht, war von 1914 bis 1942 in Ittenbach tätig und starb hier am 16. März 1945, kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, im Alter von 64 Jahren. Einen Tag vorher waren die amerikanischen Einheiten bis zum Ortsteil Lahr und auf die Margarethenhöhe vorgerückt. In diesen Tagen war der Ortskern von schweren Geschützen getroffen und etliche Häuser um die Kirche herum zerstört worden. Auch der Dachstuhl der Kirche hatte Feuer gefangen.
Wegen Krankheit, so berichtet die Schul-Chronik, war Pfarrer Klais aber schon zu Beginn der 1940er Jahre durch Pfarrer Felten vertreten worden, der seinerseits 1942 aus gesundheitlichen Gründen wieder versetzt wurde. Auf ihn folgte am 11. Juli 1942 Pfarrer Hambüchen, dessen Kirche in der Kupfergasse in Köln nach einem Bombenangriff vollständig ausgebrannt war.
Zum Hintergrund:
Am 30. Januar 1933 war Adolf Hitler zum Kanzler des Deutschen Reiches gewählt worden. Der damalige Ittenbacher Lehrer Adolf Sawinsky hielt in der Schul-Chronik fest, was damals wohl viele irrtümlich annahmen: „Man rechnet mit einem alsbaldigen Versagen H. (Anm.: Hitlers) als Kanzler u. gab ihm 6 Wochen bis zu seiner Abwirtschaftung. Hitler schickte den Reichstag nach Hause u. rief das Volk zur erneuten Stellungnahme für oder gegen ihn auf.“ Mit Blick auf den 5. März 1933 heißt es dort weiter: „Der Reichstagsbrand veranlaßte den preuß. Polizeimeister Goering zum sofortigen Eingreifen u. mit dem 5. März, als dem Wahltag zum Reichstag, wurde die nat.soz. Bewegung machtpolit. Siegerin über ihre sämtl. Gegner. Wie aber das flache Land noch gegen H. stand, zeigt auch der Ausfall der Wahl in Ittenbach.“
Von den 499 Ittenbacher Stimmen (bei 81 % Wahlbeteiligung) zur Reichstagswahl, so listet die Chronik auf, entfielen 88 auf die N.S.D.A.P., 24 auf die SPD, 46 auf die K.P.D. und 270 auf das Zentrum.

Unter dem Titel „Das Siebengebirge in der NS-Zeit“ schreibt der Historiker Ansgar S. Klein:
„Die nationalsozialistische Herrschaft war von der Machtübernahme an durch Terror und Verfolgung gekennzeichnet. Das Regime beanspruchte die totale Machtausübung und nutzte alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel und schuf sich zusätzlich eigene. Durch den Zugriff auf die Polizei und die daraufhin erfolgende Verklammerung von SS und Polizei wurde ein Instrument geschaffen, das zur systematischen Verfolgung freie Hand bekam. Die neu geschaffene Geheime Staatspolizei (Gestapo) entwickete sich durch das stete Zurückdrängen der Justiz zur selbstständigen Vollstreckerin der von der Staatsfüh¬rung vorgegebenen rassenstaatlichen Vorstellungen... In einem Staat, der nahezu jeden Lebensbereich kontrollierte und durchdrang, konnten Unmutsäußerungen gleich welcher Art gravierende Konsequenzen nach sich ziehen. Menschen, die sich im Alltag einfach Luft machen wollten und denunziert wurden, sahen sich dem Verfolgungsapparat eines Regimes gegenüber, das sich von solchen Äußerungen bedroht fühlte und mit aller Härte dagegen vorging. Die Machthaber prägten dafür die Begriffe wie „Miesmachertum”, „Heimtücke” und „Volksschädling”… Gegen diese Art von Opposition ging der nationalsozialistische Staat auf dreierlei Art vor: zum einen durch rücksichtslose Verfolgung und Androhung harter Strafen, des Weiteren durch Förderung des Denunziantentums und schließlich durch die öffentliche Anprangerung der Abgeurteilten zur Abschreckung… Allein ihr Ruf als allwissende und allmächtige Behörde sorgte für ein latentes Klima der Bedrohung… Kleinstädte und Ämter wie die im Siebengebirge besaßen eine kommunale Polizei, deren Leiter der Bürgermeister war. Für die rund 32.000 Einwohner des Siebengebirges waren es 1932 gerade mal 17 Polizisten und sechs Flurhüter. Bis in die 1940er Jahre kamen in den beiden Stäten sieben weitere hinzu.
Zuständig für die Aburteilung von Delikten, die sich gegen den Staat richteten, waren ab 1933 die Sondergerichte. In den rund 50.000 erhaltenen Akten des Kölner Sondergerichtes finden sich die Namen von 118 Personen aus dem Siebengebirgsraum… Im Siebengebirge waren 89 Prozent der Bevölkerung Katholiken, 10,4 Prozent Protestanten... Nahezu jeder Geistliche im Siebengebirgsraum hatte Zusammenstöße mit der politischen Polizei.“

Eines dieser Opfer von Bespitzelung und Verfolgung war auch der Ittenbacher Pfarrer Josef Klais. „Wegen kritischer Bemerkungen, die Pfarrer Klais auf der Kanzel gegen den Staat machte“, schreibt Lehrer Sawinsky in der Schul-Chronik zum 30. März 1936, „wurde er heute vom Gericht in Bonn zu 200 Rm (Anm.: Reichsmark) Geldstrafe verurteilt. Während besagter Predigt verließen demonstrativ mehrere Kirchenbesucher die Kirche, von denen wahrscheinlich einer der Ortsgruppe K`w (Anm.: Königswinter) sofort von dem Vorfall Kenntnis gab. Teske (Anm.: Lehrerkollege in Ittenbach) und ich wurden der Orstgr. als Zeugen genannt. Fest steht, dass ein hier ansässiger Kaufmann aus Köln, der die Ittb. verschiedentlich wegen ihrer laxen polit. Haltung in K´w anschwärzte, als Spitzel in Frage kommt.
Am 14.4. erhielt Pf. Kl. vom Reg.Präs. Diels ein Schreiben, wonach ihm die Unterrichtserlaubnis entzogen wird. `Es könne den Lehrern nicht zugemutet werden, mit Pf. Klais zusammen zu arbeiten.´ Da wir (Teske u. ich) diese Anordnung nicht für angebracht hielten, da die Straftat schon lange zurücklag u. unnötige Unruhe in den Schulbetrieb bringen würde, fuhren wir zum Gau u. zur Regierung, um diese Maßnahme von ihm abzuwenden, es glückte uns nicht, da der Ortsgruppenleiter der N.S.D.A.P. in K´w Friederich von der Reichsschulungsburg es strikt ablehnte, in irgendeiner Weise für Pf. Kl. Stellung zu nehmen.“
Zum 25. Mai 1936 hält Lehrer Sawinsky fest: „Pf. Kl. erteilt den Religionsunterricht in der Kirche weiter. Auf Anforderung des Schulamtes schrieb ich an den Hn Schulrat einen Bericht des Inhalts, daß mir nicht bekannt geworden sei, daß Pf. Kl. den Unterricht in der Schule zu hetzerischen Zwecken mißbrauche, etwas Nachteiliges sei über ihn nicht bekannt geworden. Ob er sich innerlich umgestellt habe, entzöge sich unserer Kenntnis.“
Zum 31. Mai berichtet die Schul-Chronik: „Wegen erneuter Ausfälle schrieb heute Lhr T. (Anm.: Lehrer Teske) an den Pf. Kl. einen Brief des Inhaltes, daß er ihm am Samstag mitteilen möge, ob u. wann sonntags gepredigt würde, da er sonst nicht mehr die hl. Messe besuchen könne. Er habe keine Lust, noch einmal in einer solchen unangenehmen Sache als Zeuge vor Gericht aufzutreten.“

Ein Beschwerdeschreiben des Kölners F. Hobert an den Ortsgruppenleiter der Ortsgruppe Königswinter der N.S.D.A.P. zur „ablehnenden Haltung gegen das 3. Reich“ der Ittenbacher Bevölkerung vom 4. Oktober 1937 gibt auch einen kleinen Einblick in die damalige Stimmungslage im Dorf:

„Betr. den Tag des Erntedankfestes in Ittenbach
Ich darf wohl voraussetzen, daß Sie über die Einstellung der Einw. (Anm.: Einwohner) des Dorfes Ittb. zum heutigen Staate unterrichtet sind. Die ablehnende Haltung der Einw. des Dorfes kam am 3. Okt. demonstrativ durch das Nichtzeigen der Nationalflagge zum Ausdruck. Um 10.30 Uhr habe ich einen Spaziergang durch das Dorf gemacht. Bis auf wenige Ausnahmen zeigte kein Haus die Hakenkreuzfahne. Nicht einmal der Gemeindediener u. Flurhüter Vg. (Anm.: Volksgenosse) Giershausen hatte die Hakenkreuzfahne gehißt. Vor der Kirche, in Gegenwart vieler Volksgenossen – der Gottesdienst war gerade beendet – stellte ich ihn dieserhalb zur Rede u. bekam eine ausweichende, verwirrte Antwort. Verschiedene Volksgenossen fragte ich nach dem Grund der Nichtbeflaggung ihrer Häuser. Eine Frau antwortete: „Wir haben für die Fahne kein Geld übrig.“ Ein anderer Vg. gab die jesuitische Antwort: „Wir haben keine Fahnenstange.“ Meine weitere Frage, ob er eine Hakenkreuzfahne besitze, beantwortete er mit Nein. Auch mein Nachbar, der Schulrektor i.R. u. Pensionsempfänger Valenti, gehörte zu dem Kreise derjenigen, die nicht geflaggt hatten, obwohl er eine Fahnenstange im Garten stehen hat u. eine Hakenkreuzfahne besitzt. Die Kirche hatte beflaggt, aber nicht wie es üblich ist u. sein soll, die Fahne am Kirchturm angebracht, wo sie sich entfalten konnte, sondern an der Einfriedungsmauer der Kirche. Das Ganze machte den Eindruck einer durchaus bewußten u. gewollten Kundgebung gegen den heutigen Staat. Die Einw. Ittb. scheuen sich also nicht, ihre ablehnende Haltung gegen das 3. Reich in aller Öffentlichkeit darzutun.
Man stelle sich einmal vor, die Städter wären zum Erntedankfest nach Ittb. gekommen.
Ich habe es für meine Pflicht gehalten, Ihnen obige Tatsachen mitzuteilen.“
Lehrer Sawinsky vermerkt dazu, dass der Briefschreiber „im Geruche“ steht, „daß er reich ist u. ein großes Einkommen bezieht. Viele Ittb. sind arm. Möge dsr. (dieser) H(err) einige hundert Mark spenden zur Anschaffung von Fahnen. Aber dazu scheint sein Nat.soz. nicht zu reichen!“
Ab September 1944 wurde Lehrer Sawinsky mehrfach „als Truppführer zum Westwall notdienstverpflichtet“. Im November wurden beide Schulsäle, ab Dezember nur der obere Schulsaal mit Truppen belegt. Im unteren Schulsaal fand, „weil fast den ganzen Tag Luftalarm war“, nur für eine halbe bis ganze Stunde Unterricht statt.
Zum 29. Dezember 1944 schreibt Adolf Sawinsky: „Großer Luftangriff auf Troisdorf; unter vielen anderen kamen dabei mein Bruder, dessen Tochter u. deren Söhnchen ums Leben.
Über den Ausgang des Krieges besteht kein Zweifel mehr. Der Druck des Gegners wird immer stärker. Korruption, gerade in den führenden Schichten der Partei beschleunigt den Zerfall. Nichts ist vorhanden, die Lebensmittel werden immer knapper, kein Schuhwerk u. keine wärmende Kleidung. Mißliebige Leute schickt man zum Westwall oder versucht, sie im Volkssturm I. Aufgebot unterzubringen. So wird das Schicksal unerbittlich seinen Lauf nehmen! Deutschland geht einer furchtbaren Zukunft entgegen.“

Die letzte Eintragung in die Schul-Chronik stammt vom 9. März 1945:
„Die Lage wird immer kritischer. Es gelingt mir, mit einem Militärwagen nach Ittenbach zu fahren, wo ich spät abends unter Einschlägen von Granaten eintreffe. Erst hier erfahre ich, daß der Feind bei Remagen über die Brücke kommen konnte u. einen ständig größer werdenden Brückenkopf bildete.“
Hier bricht die seit 1863 geführte Ittenbacher Schul-Chronik ab.

Die komplette zweiteilige Schul-Chronik Ittenbach kann in unserem Museum im Raum "Schriften" nachgelesen werden.

Zum vollständigen Artikel von Ansgar S. Klein „Das Siebengebirge in der NS-Zeit“ – siehe Link unten

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