Aufnahme: 1926

Vor 100 Jahren: Sylvester 1925 / Neujahr 1926 fielen buchstäblich ins Wasser

So viele Veranstaltungen - u.a. mit Jazz-Konzert, mit Winter-Konzert vom Rheinischen Männerquartett - waren für die Silvesternacht und die ersten Tage im neuen Jahr angekündigt worden. Auf dem Spielplan in den Monopol-Lichtspielen, "um ihren Besuchern eine angenehme Abwechselung zu bieten", standen für Silvester ein Lustspielabend und für den Neujahrstag das Filmwerk "Rummelplatz des Lebens" oder "Wien, wie es weint und lacht", wie das Echo des Siebengebirges am 29.12.1925 ankündigte. Dort ist in der Wettervorhersage nachzulesen, dass vor dem Hoch der nächsten Woche "das Depressionsystem sich noch weiter auswirken und eine Reihe von Tagen hindurch veränderliches, unruhiges und zu verbreiteten Regenfällen neigendes Wetter bringen wird".  

Das Hochwasser, das die Überschwemmungen der vorigen Jahrzehnte weit übertraf, kam in dieser Wucht überraschend und machte zum Jahreswechsel einen Strich durch alle Pläne. Starke Regenfälle hatten überall zu verheerenden Überschwemmungen geführt und die davon betroffenen Menschen nicht nur am Rhein extrem hart getroffen.

Am 1. und 2. Januar 1926 steht ein ausführlicher Bericht im Echo des Siebengebirges unter der Überschrift

HOCHWASSER

Königswinter, 1. Jan. Eine Wasser-Katastrophe, wie sie furchtbarer nicht auszudenken, ist über das Rheinland und nicht zum mindesten über einen Teil von Königswinter hereingebrochen. Die Feder vermag es nicht zu schildern, wie zerstörend die Hochflut gehaust hat. Ein großer Teil der Bürgerschaft ist mehr oder weniger in Mitleidenschaft gezogen. Vom Wülsdorferhof bis zur Knabenstraße sind alle Häuser auf beiden Seiten der Hauptstraße, und von da ab die ganze Rheinfront zu Inseln geworden. Besonders trostlos ist das Bild im Wülsdorferhof, den die Stadt infolge der Wohnungsnot dicht bevölkert hat. Nicht minder trostlos steht es um die abwärts gelegenen Villen. Diesen gelingt es noch, über Dächer und Mauern den Bahndamm zu erreichen. Die Häuschen der Wirtschaft Dahmen, der Herren Peter Stoffel und P. Schmitz stehen fast bis zur ersten Etage im Wasser.

Bei Bellinghausen steigt das Wasser hoch, zum Fenster hinein und überspült sogar den erhöhten Teil der Rheinhalle. Durch das alte Haus, die Rheinhalle und den Garten führen Brücken und Stege zum großen Saale, der auch schon zum großen Teile vom Wasser umgeben ist. Das gleiche Bild reicht bis zur Winkelstraße, in die das Wasser weit hinein steht. Die Häuser zwischen Germania und Knabenstraße sind von Wasser rings umgeben, denn der Rhein fließt die Hauptstraße hinab bis ungefähr an die Kabenstraße, die auch fast bis zur Hauptstraße unter Wasser steht. Auf der oberen Hauptstraße ist regelrechter Fährdienst eingerichtet, der die Anwohner von und zu den Wohnungen bringt und sie mit Lebensmitteln versorgt. Alle Rheinhotels mit Ausnahme vom Europäischen Hof, dessen Gasträume dank seiner glücklichen Bauart noch wasserfrei, sind hoch vom Wasser durchflutet. Vom Matternerhof angefangen bis hinab zum Düsseldorferhof können alle zum Fenster hinein mit Rachen durchfahren werden. Küchen und Säle mit Parkettböden bieten ein Bild der Verwüstung. Was das für solche Häuser bedeutet, wolle man daraus ersehen, daß für das Wochenende die Hotels belegt und zu Sylvester zahlreiche Anmeldungen ergangen waren.

Ganz besonders bedauernswert sind die Bewohner der vielen kleinen Häuser in den Rebenstraßen. Kaum hatten sie die Schäden vom Hochwasser 1920 mit Mühe und Not ausgebessert und schon wird wieder alles zerstört. In der Meerkatzstraße steht das Wasser über dem Tor von Dr. Embs, der Hof von Carl Bachem gleicht einem großen See. In der Bungertstraße reicht das Wasser bis über Schaefers und auf dem Markt steht es um ein weniges am Rathause. Lange festgezimmerte Brücken führen in den Berliner und Europäischen Hof sowie zur Stadtkasse und zu Lemmerz. Letztere blieben 1920 im Hause selbst vom Wasser verschont, jetzt steht es in allen Räumen. In der Kellerstraße (…?) die schmutzigen Fluten bis zum Hause von Büllesfeld, in der Klotzstraße bis zu Nikolaus und in der Tombergerstraße bis Wilhelm Schmitt. Die tieferliegenden Häuschen stehen metertief im Wasser. Die Heisterbacherstraße steht bis Trimborn, die Pfefferstraße bis Niedecken und die Neustraße bis Ringen unter Wasser. Weiter abwärts bietet sich dem Auge das gleiche traurige Bild. Nur ein einziges Wassermeer, aus dem die Häuser wie Inseln hervorlugen. Schreiber dieser Zeilen ist heute im Rachen über die Bäume der Rheinallee hinweg gefahren.

Der Mirbesbach staut sich bald bis zur Brandstraße und überflutet die hübschen Anlagen an der ehemaligen Fritzen-Mühle vollständig. Station Longenburg ist bis zum Dach der Wartehalle mit Wasser gefüllt. Ueber die Gärten der Villa von Eynern hinweg bis weit hinab nach Dollendorf hat der Rhein die Chaussee überschritten und überflutet die jenseitigen weiten Felder bis zum Bahndamm. Die hier gelegenen Villen können auch nur noch per Rachen erreicht werden. Soweit das Auge reicht nur Wasser. Die Fluten wälzten sich unerwartet und katastrophal gebirgsseitig in Niederdollendorf hinein und setzten die Häuser an der Longenburgerstraße und Petersbergstraße unter Wasser. Sie erreichten nahezu die Heisterbacherstraße.

Das ganze war das Werk einer halben Stunde. Auch jenseits des Bahndammes ist alles überschwemmt. Die Geflügelzuchtanstalt Dilthey, die evangelische Schule, alles steht im Wasser. Noch wenige Zentimeter, und der Friedhof von Niederdollendorf ist überflutet. Vom ganzen Dorf ist nur die Heisterbacherstraße und die Hauptstraße von Peill bis unterhalb der Pastorat wasserfrei. Von hier ab bis Oberkassel und landeinwärts bis zur Molkerei Klein gegenüber dem Bahnhof ist ein großes Meer. Einzelne Häuschen ragen nur mit dem Dach heraus.

Diese Zeilen geben dem Fernstehenden ein schwaches Bild von dem Leid und der Not, die über das Rheinland herein gebrochen. Wer aber kein Hochwasser miterlebt hat, der weiß gar nicht, was das Wort Hochwasser bedeutet. Dieses kleine Wort birgt so viel Kummer, Aufregung, schlaflose Nächte, Mühen und Arbeit, die zu schildern gar nicht möglich sind. Jedenfalls ist mit wenigen Ausnahmen die ganze Stadt geschlagen. Schaurig gellte das Signal der Feuerwehr durch die Stadt, wenn es galt, Bedrängten zu helfen, Brücken zu bauen und dergleichen mehr zu tun. Außer der Feuerwehr gab es noch viele tüchtige, hilfsbereite Männer, die tatkräftig halfen, wenn es galt, dem Nächsten beizustehen. In der Neujahrsnacht hatte die Feuerwehr vollständigen Wachdienst eingerichtet. Hier gab es an allen Enden Arbeit, denn während dieser Nacht erreichte das Wasser den Stand von 1845.

Diejenigen, die geglaubt hatten, der Höchststand von 1920 würde nicht überschritten, mußten jetzt räumen. Der heutige Neujahrsmorgen glich einem Werktag, denn allerwärts durchfuhren Karren mit Masten und Brettern zum Brückenbau die Stadt. Auf der ganzen Hauptstraße und vielfach auch auf der Grabenstraße war wohl kein Keller wasserfrei geblieben; der eine hat mehr, der andere weniger Wasser. Vielfach reicht es bis oben hin. In dem Erholungsheim „Unser Haus“ mußten bie angesetzten Kurse abgebrochen werden; alle Herren reisten Mittwoch abend ab, weil Küche, Keller und Heizung im Wasser standen.

Zu all diesem Leid gesellte sich eine ägyptische Finsternis. Nicht genug, daß vielfach das Gas versagte, mußte das elektrische Licht auch ausgeschaltet werden, weil die Hauptsicherungen der Transformatoren ins Wasser kamen. Diese Dunkelheit hält auch heute am Neujahrsabend noch an. Ganz der Stimmung der Bevölkerung angepaßt waren die Schlußandacht im alten Jahre und die Frühmessen am Neujahrstage, welche nur bei Kerzenlicht gehalten werden mußten. Ganz wehmütig stimmte, wie für alle, die durch Hochwasser in Not und Bedrängnis geratenen, gebetet wurde.

In große Erregung hatte eine auswärtige Zeitung viele ängstliche Bürger gebracht, welche meldete, in Königswinter stehe das Wasserwerk infolge des Hochwassers in Gefahr, überschwemmt zu werden und die Stadt habe zu sparsamem Wasserverbrauch aufgerufen. Letzteres war nicht an dem, wohl drang das Grundwasser in den tiefliegenden Pumpenturm, aber eine Anzahl Saugpumpen und viele fleißige und kräftige Arme sorgten dafür, daß die Pumpen des Wasserwerks frei blieben. Eine direkte Gefahr besteht erst dann, wenn das Rheinwasser von oben herein steigt. Eine direkte Gefahr besteht zur Zeit nicht, und wenn der Rhein fällt, wie der amtliche Bericht heute abend meldet, wird jede Gefahr beseitigt sein. Dieselben Befürchtungen bestehen für die Wasserwerke in Honnef und Gobesberg. Das Gaswerk in Honnef kam bereits zum Erliegen. Wie hier in Königswinter, so ist es leider auch anderwärts. Von überall, aus ganz Deutschland und darüber hinaus aus Frankreich, Belgien und Holland werden Verheerungen schlimmster Art durch Hochmasser gemeldet.

Ein Kölner Blatt nennt es „Die Sündflut von Europa".

Samstag, 2. Januar. „Gott sei dank“ so atmet man erleichtert allenthalben heute morgen auf. Der Rhein ist 10 Ztm. gefallen. Hoffentlich hält es an. … überall fallend. Gestern hat Herr van Stuyvenberg den Rhein befahren und hat zahlreiche Aufnahmen von dem traurigen Schauspiel gemacht Da weder elefktrisches Licht noch Kraft vorhanden, so ift es ihm leider bis zur Stunde noch nicht möglich, Postkarten zu kopieren. Deshalb werden dieselben erst in den nächsten Tagen bei Tillewein zu haben sein.

Wie wir soeben erfahren, kann der elektrische Strom erst wieder eingeschalten werden, wenn das Wasser einen halben Meter gefallen ist. Ob dieses nun bis heute abend eintritt ist fraglich. Hiervon war auch der Druck des „Echos“ abhängig. Die Verspätung wolle man also damit entschuldigen.

Trotz allem Leid bietet doch mancher Vorfall nicht einer gewissen Komik. So passierte es gestern Abend, daß noch zu guterletzt in einem Hause an der Hauptstraße das Wasser in den Keller drang. Das Dienstmädchen stand nun heute Morgen um (…?) Uhr auf und gab sich daran das Wasser hinauszuschaffen. Als der Hausherr aufwachte, hatte es schon 40 Eimer heraufgetragen. Mit dem Schwur nie mehr zum Rhein zu ziehen und das Hochwasser zu sehen, zog gestern ein dreizehnjähriger Junge von Niederdollendorf wieder nach Oberpleis, seinem Heimatorte. Dieser hatte sich per Rad auf den Weg begeben und wollte nach Königswinter. An der Villa von Eynern lief das Wasser über die Chaussee. Die Mitte der Straße war knapp mit Wasser bedeckt, welches er durchfahren wollte. Die Kraft der Strömung hatte er nicht gekannt; er verlor die Gewalt über sein Rad und stürzte kopfüber in den mit Wasser gefüllten Chausseegraben und verschwand in den Fluten. Nur den angestrengten Arbeiten einiger beherzter Männer ist es zu verdanken, daß er mit dem Leben davon kam. Das Rad konnte nicht geborgen werden. 

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Dieses alte Weinhaus Bellinghausen an der Rheinallee "am Fahr", d.h. an der alten Fähranlegestelle, war eines der bekanntesten Gaststätten in Königswinter. "Ein großer Gartensaal hinter dem spitzgiebligen, verputzten Fachwerkhäuschen hat manche zünftige Kneipe Bonner Studentenverbindungen und manches rauschende Fest Königswinterer Vereine gesehen. 1966 wurde die Gaststätte niedergelegt. Das Fachwerkhäuschen wurde sodann, ohne den störenden Putz, in äußerlich gleiche Form einige hundert Meter rheinabwärts, im Garten des Jesuiterghofes, wieder aufgebaut" (Dr. Elmar Heinen, in: Königswinter in alten Ansichten Band 1, Abbildung 7)

Der Gasthaus- und Weinbergbesitzer Franz Bellinghausen, der am 27.12.1932 im Alter von 74 Jahren starb, hatte hier 1888 seinen neu erbauten großen Restaurations-Saal eröffnet.

Zur Verfügung gestellt von
Guido Schmeichel aus der Sammlung von Fred Fiala
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