Aufnahme: 2025
Zum 50-jährigen Jubiläum des evangelischen Kirchenchores blickte Sigrid von Holst, Chormitglied von Anfang an, zurück auf 50 Jahre Chor Ittenbach
Hier ihr Vortrag:
Wie anders war das Leben vor 50 Jahren! Der Krieg lag gerade 30 Jahre hinter uns. Aus den kleinen Bergdörfern hier im Siebengebirge waren durch die vielen Flüchtlinge und den Zuzug durch die Bundeshauptstadt Bonn große auch evangelische Gemeinden geworden mit eigenen Pfarrern.
Unsere Ittenbacher Kirche war gerade 10 Jahre alt. Als dann im Herbst 1975 bei einem Gottesdienst abgekündigt wurde, dass ein Chor entstehen sollte, waren wir, mein Mann und ich mit Begeisterung von der ersten Stunde an dabei. Die evangelische Lehrerin in der Grundschule, Frau Gottwald, ihr Mann und Frau Gerhardt hatten in Honnef Monica Benninghoven kennen gelernt und dafür gewinnen können, auch hier einen Chor zu gründen. So trafen sich dann kurz drauf etwa 10 freudige Sänger in Ermanglung eines Raumes auf der Orgelempore der Kirche. Von den Sängern der ersten Stunde sind nur noch Frau Gerhardt, Helga Bunge und ich übrig geblieben. Da die Orgelempore kein guter Probenraum ist - darüber sind wir uns sicher alle einig - ergab sich die Möglichkeit, dass wir in der Katholischen Grundschule proben konnten. Wir wollten singen, aber wir wollten auch etwas bewegen. Schon das erste Konzert im folgenden Frühjahr war musikalisch ein voller Erfolg. Nur einige Presbyter waren nicht begeistert, da wir uns erlaubt hatten, die Bänke ein wenig umzustellen, um es für ein Frühlingskonzert in der Kirche ein wenig freundlicher zu gestalten. Aber oh je — trotz aller Vorsicht hatte es Kratzer auf dem Boden gegeben! Seitdem, bis heute, habe ich den Wunsch und die Vision, Stühle in der Kirche zu haben, die man je nach Bedarf umstellen kann.
Gemeinsame Wochenendfreizeiten mit unseren damals jungen Familien haben uns einander näher gebracht. Aber es wurde immer deutlicher, dass ein lebendiges Gemeindeleben ohne Haus nicht möglich ist. Dem Argument - kein Geld - wollten wir entgegen wirken und stellten in der Schule ein tolles Gemeindefest auf die Beine, bei dem auch viele nicht Gemeindeglieder mit angepackt haben. Und es kam eine beachtliche Summe zusammen. Wie glücklich waren wir dann, als wir bei der Grundsteinlegung des Gemeindehauses singen konnten „Komm bau ein Haus“! Und dann erst, als es endlich fertig war und wir unsere Chorproben im eigenen Haus abhalten konnten - nach 10 Jahren Schule! Dann hatte jemand im letzten Augenblick ohne Rücksprache mit dem Prebyterium zur Bestuhlung die alten Sessel aus der Beethovenhalle für wenig Geld erstanden! Aber das war total verrückt! Weder Singen noch am Tisch sitzen oder aufmerksam zuhören war in diesen Sesseln möglich. Auch waren sie nicht stapelbar. So regten wir wieder eine Aktion an, dass Gemeindeglieder Stühle sponsern konnten, sodaß dann bald passend zu den Tischen auch die funktionsfähigen Stühle ihren Platz fanden.
Sehr gerne erinnere ich mich an gemeinsame Chortreffen - der Höhepunkt war ein Treffen im Dom zu Köln mit Kirchenchören aus der ganzen Region.
Nachdem im November 1989 die Mauer zwischen Ost und West gefallen war, fassten wir bei unserer Jahresplanung im Januar 1990 den Entschluss, am 1. Oktoberwochenende mit dem Chor unsere Partnergemeinde Oybin zu besuchen. Diese Partnerschaft lief bisher nur auf recht kleiner und privater Flamme. Braucht man dann noch ein Visum? Wird es möglich sein? Viele Fragen waren offen. Aber dann ging ja alles recht schnell - und unser geplantes Wochenende war just der erste offizielle 3. Oktober, der Tag der Deutschen Einheit. Nach einem wunderbaren Konzert erst in der Ittenbacher Kirche, fuhren wir mit einem Bus in den hintersten Winkel Deutschlands nach Oybin, in dem Dreiländereck Polen, Tschechei und Deutschland. Dort wurden wir herzlich empfangen und privat bei den Gemeindegliedern untergebracht. Funktionierende Hotels gab es noch nicht. Aber daraus entstanden Freundschaften, die teils bis heute anhalten.
Und dann das Konzert in der einmaligen Oybiner Bergkirche! Das war der Beginn einer guten Tradition, die uns 20 Jahre lang begleitet hat. Denn im nächsten Jahr kam im Herbst eine Delegation aus Oybin nach Ittenbach und wir fuhren in jedem zweiten Jahr in den Osten zu unserem Konzert in der Bergkirche. Und allen war wichtig, durch die Gespräche mit unseren Gastgebern Land und Menschen besser kennen zu lernen. Eisenach, Gotha, Bautzen, Zittau, Sind nur einige Städte, die mir gerade in den Sinn kommen. Ich denke, für alle, die sich mit auf diesen Weg begeben hatten, war es eine wertvolle Zeit.
Anfang der Neunziger Jahre hatte der Chor musikalisch einen sehr guten Ruf und mancher aus den umliegenden Gemeinden, der Freude an guter Musik hatte, freute sich, mitmachen zu können. Monica war es immer wichtig, dass wir die Texte glaubhaft rüberbrachten und dabei auch Freude an der Musik hatten. Für mich war die Zeit im Chor, das Singen in Gemeinschaft und die Freundschaften, die daraus entstanden sind, eine ganz wichtige Bereicherung meines Lebens. Die ich jetzt leider aus Altersgründen nicht mehr wahrnehmen kann und oft vermisse.
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