Aufnahme: 2024

Erinnerungen an den früheren ev. Pfarrer Erwin Otto Krakowski

Bevor der frühere evangelische Pfarrer Erwin Otto Krakowski 1961 nach Königswinter kam, war er Flüchtlingspfarrer im Landkreis Esslingen in Baden-Württemberg gewesen, wo er seit dem 29. August 1945 bis 1946 als Pfarrverweser in Hohengehren und später als Pfarrer im Dekanat Heilbronn tätig war. 1961 wurde er auf eigenen Wunsch entlassen, um die Pfarrstelle in Königswinter anzutreten.

1946 hatte er im Rahmen einer Gemeindevisitation einen Pfarrbericht verfasst über die Erfahrungen in der damaligen Kirchengemeinde mit den „Neuankömmlingen aus dem Osten“. Insgesamt strömten nach Kriegsende ca. 14 Millionen deutsche Flüchtlinge und Vertriebene in die vier Besatzungszonen ein. Anders als lange behauptet verlief dieser Prozess der Integration durchaus nicht ohne Konflikte und Polarisierung. 

Alfred Hottenträger, pensionierter Deutsch- und Geschichtslehrer und Gründungsmitglied des Heimat- und Geschichtsverein Baltmannsweiler-Hohengehren, stellt uns freundlicherweise seine aktuelle Recherche zu den damals von Pfarrer Krakowski verschriftlichten Erfahrungen und Hintergründen mit Informationen zu dessen Biografie zur Verfügung und erinnert auch an den wichtigen Beitrag der „Fremden“ aus dem Osten zum wirtschaftlichen Aufschwung in der jungen Bundesrepublik:

„Die Flüchtlinge sind zu einem großen Problem geworden…"

Im Jahre 2008 erschien ein Buch mit dem Titel „Kalte Heimat“, darin widersprach der Historiker Andreas Kossert eindrücklich der jahrzehntelang gepflegten Behauptung der rundum geglückten Integration der 14 Millionen deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen nach dem Kriegsende 1945. Im Chaos des zusammengebrochenen Regimes trafen sie in den vier alliierten Besatzungszonen ein, deren Behörden oftmals nicht wussten, wie und wo sie diese Massen unterbringen und verwaltungsmäßig einordnen sollten. Die Ankömmlinge fühlten oft, dass sie bei ihren Landsleuten nicht willkommen waren, sondern im Gegenteil ausgegrenzt und sogar als „dahergelaufenes Gesindel“ diskriminiert wurden. Durch den gewaltigen Zustrom der „Fremden“ aus dem Osten wurden das Sozialgefüge Restdeutschlands massiv beeinträchtigt, Vorurteile und Ängste derjenigen, die nicht ihre Heimat verloren hatten, verstärkt und die damalige Gesellschaft polarisiert.

Das betraf auch die Bevölkerung in Baltmannsweiler und Hohengehren, das erschließt sich beispielsweise aus dem „Pfarrbericht für die auf den 19. Mai 1946 ausgeschriebene Visitation“ in Hohengehren. Er war von dem für eine nicht allzu lange Zeit in der Kirchengemeinde tätigen Flüchtlingspfarrer Erwin Otto Krakowski verfasst worden. Sein im örtlichen Pfarrarchiv aufbewahrter Bericht ist sicherlich eine Quelle mit teilweise subjektiver Sicht, sie bedürfte hinsichtlich einer besseren Einordnung weiterer Zeitdokumente. 

Der am 29. August 1945 als Pfarrverweser in Hohengehren eingesetzte Krakowski war am 3. April 1909 in Jagdschütz bei Bromberg (im heutigen Polen) geboren worden und hatte Theologie in Königsberg, Tübingen und Berlin studiert. Seit dem 8. Oktober 1938 war er mit der aus Berlin-Lichtenrade stammenden Lieselotte Sommer, bei der Eheschließung gerade 18 Jahre alt, verheiratet und Vater dreier Töchter. Christel, die jüngste, kam am 16. September 1945 in Hohengehren zur Welt und wurde dort drei Wochen später getauft.  Zum 1. Mai 1946 wurde Krakowski zum Pfarrverweser in Baiereck bestellt, bereits ein halbes Jahr zuvor war die Pfarrstelle Baiereck-Schlichten von Hohengehren aus mitverwaltet worden.

Nach dem laut Krakowski „Zusammenbruch der unglücklichen NS-Herrschaft“ stellten die Neuankömmlinge aus den deutschen Ostgebieten ein großes Problem sowohl für die politische als auch die kirchliche Gemeinde des Schurwaldortes dar. Nach Krakowskis Worten hatte man die „Ostflüchtlinge“ ungeschickt empfangen und damit den „Einzug der Heimatlosen und ihr Einleben am Ort erschwert“. Die Kirchengemeinde habe diese Härte dadurch auszugleichen versucht, indem sie für die ersten evangelischen, fast ausnahmslos aus Schlesien gekommenen Flüchtlinge „einen mit der schlesischen Liturgie ausgestalten [sic] Flüchtlingsgottesdienst hielt und im Anschluss daran alle Flüchtlinge (evang. und kath.) zu einem besonderen Flüchtlingsabend im Gemeindehaus versammelte, auf dem jene nicht nur bewirtet und mit kleinen Gaben bedacht wurden, sondern auch der Gemeinde und der Kirche ihre Wünsche mitteilen konnten.“

Eine Kleider- und Geldsammlung vermochte offenbar die meisten Wünsche zufriedenzustellen, zudem erhielt jede evangelische Familie Bibel- und Gesangbuch. In der Folgezeit wurden der Gemeinde mehrmals Geld- und Sachspenden zur Verfügung gestellt, und der Abend mit Gabenverteilung wurde wiederholt. Der Pfarrer merkte kritisch an, dass die Flüchtlinge sich „nicht in besonderer Weise am gottesdienstlichen Leben der Gemeinde beteiligt“ hätten.

Mit den letzten Transporten kamen dann hauptsächlich katholische Familien nach Hohengehren. Krakowski konstatierte: „Da die Raumnot in der Gemeinde und der Missmut über die Flüchtlinge namentlich in unkirchlichen Familien gross ist, sind in der letzten Zeit unerfreuliche Szenen entstanden, die nur mit Hilfe der Polizei beseitigt werden konnten.“ Leider ließ der Geistliche die damalige Zahl der Neuankommenden im Ort offen. 

Krakowskis weiterer Lebensweg, soweit er dem Verfasser bekannt ist, verlief wie folgt: Am 17. Februar 1961 entließ der Landesbischof Krakowski, inzwischen Pfarrer in Flein (Dekanat Heilbronn), auf sein Ansuchen hin aus dem Dienst der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, damit der Seelsorger eine Stelle in Königswinter (Rheinland) übernehmen konnte. Seit dem 12. März 1961 war er dort Pfarrer und trat am 1. April 1974 in den Ruhestand, verstarb jedoch schon kurze Zeit später am 27. November 1974 in Königswinter. 

Abschließend darf aber nicht vergessen werden, dass ohne die Flüchtlinge und Vertriebenen, die in der neuen Heimat mit Nichts begannen, es das sogenannte „Wirtschaftswunder“ in der jungen Bundesrepublik so nicht gegeben hätte. Diese Menschen trugen nämlich aufgrund ihrer Leistungs- und Anpassungsbereitschaft sowie ihrer Arbeitskraft entscheidend zum wirtschaftlichen Aufschwung des Weststaates bei. Zudem veränderten sie die bis dahin homogene Bevölkerung auf dem Land, indem ihr Anderssein überkommene Abgrenzungen auflöste, z. B. in konfessioneller Hinsicht. Die Neuankömmlinge leisteten somit einen wichtigen Beitrag zu Entprovinzialisierung, Säkularisierung und Urbanisierung, ja zur Modernisierung Deutschlands. Das wird in den Schurwalddörfern sicherlich ähnlich gewesen sein. Der Verfasser dieses Beitrags bittet Einwohnerinnen und Einwohner beider Gemeinden darum, dem Heimat- und Geschichtsverein noch vorhandene Unterlagen zu jenen ersten Nachkriegsjahren vorübergehend zur Verfügung zu stellen. Auch noch lebende Zeitzeugen mögen sich bitte melden und von ihren Erlebnissen berichten.

Alfred Hottenträger

Quelle
Dorfnachrichten aktuell - 25. Oktober 2024 - Nr. 43
Zur Verfügung gestellt von
Alfred Hottenträger
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