Aufnahme: 1948

Der Witt’s Helmut

An der Einmündung der Kirchstraße in die
Königswinterer Straße stand ein kleines Fachwerkhaus, wo jetzt der Marienplatz ist.
Das Häuschen und der etwas verwilderte Garten lagen ca. ein Meter höher als die beiden Straßen. Das Dach des alten Häuschens überdeckte zum größten Teil die Krone eines mächtigen Baumes. Hier wohnte der "Witt’s Helmut" mit seiner Großmutter. Den Helmut kann man wegen seiner Geschichten, die über ihn erzählt wurden, und solche, die ich selbst noch erlebt habe, zu den Originalen zählen, die es in Ittenbach gab. Alleine sein Gehabe veranlasste die Leute zu der allgemein vertretenen Meinung, dass der Helmut nur über eine beschränkte Intelligenz verfügte. Auf einem normal gewachsenen und ordentlich gekleideten Körper saß ein auffällig kugelrunder Kopf. Das runde Gesicht mit den dicken Wangen bezeichneten die Leute als "Mondgesicht". Wenn der Helmut zu sprechen begann, schob er das Kinn nach vorne, zuckte mit den Augen, hob die Schulter hoch und stieß mit heller, in der Klangfarbe wechselnder Stimme Worte hervor, zwischen denen er ungewöhnliche Pausen einlegte. Alleine konnte er schon als absonderlich gelten. Allem Anschein nach lebte er gut gelaunt und genährt auf Kosten seiner Oma in den Tag hinein. Die Oma behandelte ihr Enkelkind offensichtlich mit viel Nachsicht und konnte sich, wenn überhaupt, dann nur wenig durchsetzen. Man musste den Leuten recht geben, wenn diese ihn als arbeitsscheu bezeichneten.

Damals, in den dreißiger Jahren und während der Kriegszeit, war es üblich, wegen Kostenersparnis mit möglichst viel Holz zu heizen, um Braunkohle-Briketts zu sparen, die lediglich zur Erhaltung von Glut und zum Dauerbrand verheizt wurden.
Insbesondere bei armen Leuten war es notwendig, mit Holz zu heizen. In jedem Haus stand ein kleiner Handwagen zur Verfügung, mit em man im Wald gesammeltes Holz nach Hause transportierte. Eigentlich waren die Förster zwar gehalten, das Holzsammeln nur mit "Lesescheinen", die man kaufen konnte, zu gestatten. Aber das wurde nicht allzu genau genommen. Den Berichten der Leute zu folgen, hatte die Oma dem Helmut aufgetragen, im Wald Holz zu holen. Nach langer Zeit soll der Helmut mit leerem Handkarren nach Hause zurück gekommen sein.
Auf die Frage der Oma, wo das Holz sei, soll er geantwortet haben: "Omäjelchen, es war kein Hölzchen mehr im Wäldchen!" Seither wusste jeder, von wem die Rede war, wenn jemand vom "Helmütchen" sprach.

Wenngleich die Leute den Helmut für nicht zurechnungsfähig hielten, wirkte sich das andererseits als vorteilhaft aus. Bei der Musterung zum Militär-Dienst stufte man ihn als untauglich ein, wodurch er zu Hause bleiben durfte, was ihm sicher eine Menge von Not und Elend erspart hat. In jedem Unglück ist eben ein Körnchen Glück.
Das hieß aber nicht, dass er mit seinen gesunden Händen und augenscheinlicher Kraft seines Körpers nicht zu einer Beschäftigung verpflichtet werden konnte. Die größte Fabrik in Ortsnähe, in der für grobe Arbeit eine Menge ungelernter und sogar auch ungeschickter Leute für die seinerzeit "kriegswichtigen" Erzeugnisse gebraucht wurden, war das Räderwerk der Fa. Lemmerz in Königswinter. Der Helmut wurde zwangsweise verpflichtet dort zu arbeiten.
Sein treu sorgendes "Omäjelchen" gab ihm das damals übliche doppelte "Henkelmännchen" (Kochgeschirr), das mit weißem Emaille-Überzug versehen war, sowie eine Menge gut belegter Butterbrote zur Arbeit mit, damit er die Schinderei bei der Arbeit schadlos überstehen konnte. Nach einiger Zeit erkundigt sich sein Arbeitgeber, nachdem man es wohl mehrfach schriftlich versucht hatte, bei ihm zu Hause, nach dem Grund, warum er nicht zur Arbeitsstelle komme. Da fiel sein Omäjelchen wie aus allen Wolken. Abends musste der "Schwerstarbeiter" seiner Oma gestehen, dass er nur ein Stück weit mit dem Bus in Richtung Königswinter gefahren, am Margarethenhof ausgestiegen und bis zu einer Schutzhütte im Wald spaziert war. Dort ließ er sich die Sonne auf den Bauch scheinen, gut schmecken und danach ausruhen. Abends kehrte er nach verrichtetem Tagewerk zum Genuss des Feierabends fröhlich heim. Davon wussten auch Waldarbeiter zu berichten, die den Helmut in der Schutzhütte gesehen hatten. Von denen aus machte die Geschichte dann die Runde im ganzen Dorf. Es entzieht sich meiner Kenntnis, wie die Sache weiter ging.

Nach dem Krieg trafen sich Leute in der Frisörstube wegen eines Haarschnitts oder aber auch, um Neuigkeiten aus dem Ort sowie beim Sportverein zu erfahren. Hier berichteten auch Leute von ihrer Militärzeit, Kriegserlebnissen, Abenteuern usw.
Auch der, bei dem der Haarschnitt bereits erledigt war, blieb noch sitzen. Der Helmut wollte dem allem nicht nachstehen und erzählte wichtigtuerisch von einer allein stehenden Frau, deren Namen er auch noch nannte und die allen bekannt war, von seinen Liebeserlebnissen, die er mit dieser Frau durchlebe. Ein Satz aus diesem Bericht wurde schließlich unter dem Gelächter aller wiederholt und weitergereicht, und dieser lautete: "Abends Bratkartöffelchen, und dann in et Bett!" Der Satz hatte Flügel und kam der allein stehenden Frau zu Ohren. Das brachte dem Helmut dann Ohrfeigen und abrupten Liebesentzug ein.

Nach dem Krieg hatte ich die Aufgabe, im Hotel Petersberg eine Schadensaufnahme zu tätigen. Als ich in den Keller des Restaurants kam, saß dort der Helmut auf einer Weinkiste. Es gehe ihm sehr gut, meinte er. Er habe die Arbeit übernommen, Flaschen des Restaurants zu sortieren und zu stapeln. Wie ich bemerkte, leerte er die Reste aus den Flaschen, schüttete sie in einer leeren zusammen und tat sich daran gütig. Das brachte ihm nicht nur leicht verdientes Geld für seinen Lebensunterhalt, sondern dazu auch noch kostenlosen Alkoholgenuss ein!

Irgendwann später sah ich den Helmut auf der Rheinpromenade in Königswinter. Er promenierte dort wie ein gut gekleideter Urlaubsgast mit gesunder Gesichtsbräune auf und ab. Dabei gab er sich den Anschein eines Touristen, indem er einen kleinen Fotoapparat aus Plastik an einem Schulterriemen trug. Ab und zu schob er dabei seinem angeborenen Tic sein Kinn vor und hob, wie eh und je, die Schultern hoch. Das war dann die Zeit seines, wie er wohl gedacht hat, wohlverdienten Ruhestandes.
Danach sah ich ihn gelegentlich durch die Stadt schlendern. Wie und wo er schließlich gestorben oder geblieben ist, kann ich nicht sagen, weil ich danach nicht mehr in Ittenbach gewohnt habe.

Manfred Wilhelmy

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