Aufnahme: 1945
Die letzten Kriegskämpfe in und um Ittenbach im März 1945
Ein Augenzeugenbericht von Ferdinand Schilling
Eine Kopie des mit der Schreibmaschine geschriebenen Berichtes befindet sich im Nachlass des Ittenbacher Lehrers Harry Schillings.
Der Augenzeuge beschrieb die letzten heftigen Kriegstage in Ittenbach, die er mit der Familie am Höhenweg erlebt hatte. Nach heftigsten Kämpfen zwischen den längst übermächtigen amerikanischen Truppen und deutschen Soldaten in der Nacht vom 15. auf den 16. März 1945 entschloss sich der deutsche Kommandeur, der im Pastorat stationiert war, zur "Waffenstreckung", und Pfarrer Heinrich Hambüchen zog als "Unterhändler (Übermittler)" dieser Botschaft mit der weißen Fahne durch den Ort.
"Ferd. Schilling wohnte mit seiner Frau in dem damaligen Gartenhaus am Höhenweg. Er hatte eine Samenhandlung in Köln", liest man in der Festschrift des VVI von 2009, in der dieser Bericht ebenfalls abgedruckt wurde (s. Raum "Schriften", S. 16ff.).
Bericht über die Eroberung von Ittenbach im März 1945
In den ersten Märztagen 1945 war die Bevölkerung des rechtsrheinischen Gebietes in höchster Spannung. Die amerikanischen Truppen hatten den Westwall durchstoßen und näherten sich dem Rhein. Noch lag das Dorf Ittenbach im Frieden und ohne jegliche Truppenansammlungen der deutschen Wehrmacht. Bis in den ersten Märztagen die alliierten Streitkräfte in bedrohlicher Schnelle sich den Rheinufern näherten, und eines Tages kreisten ca. 20 – 30 Jagdbomber über dem Siebengebirge, nahmen alle Verkehrsverbindungen unter Beschuss, sodass jeglicher Verkehr von Ortschaft zu Ortschaft unmöglich wurde, viele Wagen brennend auf der Strecke lagen, die Reichspost stellte ebenfalls den Dienst ein und wir waren von dem übrigen Reich wie abgeschnitten. Nun kamen auch die zurückflutenden Truppen durchgezogen mit Flüchtlingen, die als „Nazis“ sich aus dem Staube machen mussten. Jedes Haus im Dorf war mit Menschen voll gestopft, jeder dachte, der Rheinstrom gebietet Halt. Unser kleines Gartenhaus verspürte noch nicht den Strom des Krieges. Eines Tages erschien ein Feldwebel einer Nachrichteneinheit und bat um zur Verfügungstellung unseres Büros im Gasthof zur Post. Damit es nicht ohne weiteres beschlagnahmt wurde, nahmen wir die wichtigsten Geschäftspapiere ins Gartenhaus und übergaben den Schlüssel. Immer mehr füllte sich das Dorf mit Soldaten aller Gattungen, die Spannung stieg, wo mochte der Feind zuerst das rechtsrheinische Ufer betreten? – Am Abend des 8. März kamen 10 verwegen aussehende Fallschirmjäger am Gartenhaus vorbei, klopften plötzlich an die Türe, um nach Quartier zu fragen. Jedoch Carla lag krank mit Angina im Wohnzimmer und 10 Menschen konnten nicht beherbergt werden. So gingen die Soldaten weiter. Jedoch kurz nach Einbruch der Dunkelheit kamen drei von den zehn Soldaten wieder, um eine Nacht irgendwo bei uns zu verbringen, da sie nirgends ein Obdach finden konnten. Wir nahmen sie auf, zwei schliefen bei Vater im Zimmer, der Dritte auf der Bank im Wohnzimmer. In dieser Nacht setzte der Artilleriebeschuss auf Ittenbach und Umgebung ein. Da wir verborgen am Waldesrand wohnten und fern von jedem Verkehrspunkt, konnten wir unbesorgt im Häuschen bleiben, während die Dorfbewohner ihre Kellerräume beziehen mussten. Die drei Fallschirmjäger blieben einige Tage bei uns, alle 24 Stunden kamen sie zum Einsatz an den vom Amy gebildeten Brückenkopf bei Honnef, wo schwere Kämpfe tobten und viele Zivilisten ebenfalls zum Opfer fielen. Der Kampf um den Brückenkopf dauerte 8 Tage, in denen sich der Artilleriebeschuss verstärkte, aber auch von deutscher Seite Verstärkungen an Panzern und Artillerie, Nebelwerfern etc. eintraf. Die Nächte waren von dem Feuer der Geschütze zauberhaft erhellt, das Brummen der Panzermotoren und der dumpfe Knall ihrer Geschütze, das Zischen der Nebelwerfer aus dem Walde vor und hinter dem Laagshof gab die Kriegsmusik. In den Wäldern um die Löwenburg tobte die Schlacht, immer neue Reserven wurden herangeführt, jedoch der weit überragenden Zahl der Alliierten konnte bald kein Ersatz mehr entgegengestellt werden. – 20 Meter vom Gartenhaus entfernt waren 2 Geschütze der leichten Flak eingebaut worden, es musste mit Fliegerangriffen auf das Dorf und die wichtigste Verkehrsstraße gerechnet werden. Plötzlich eines Nachmittages schoss der Feind rote Rauchfahnen ins Dorf, das hieß Fliegerangriff. Wir stürzten aus dem Häuschen in den höher gelegenen Behelfsbunker (Keller d. alten Gartenhauses) da erschien ein Tommy, der weitere Rauchgeschosse zum Dorf sandte, jedoch wurde er von der Flak ins Visier genommen und sofort abgeschossen, der Angriff kam nicht zustande. Tags darauf kamen wieder die roten Geschosse und kurz darauf schon die Jagdbomber. Vater, Carla und Mathilde stürzten sogleich in den Luftschutzkeller, als auch schon die Bomber im Sturzflug auf das Dörflein niedersausten und die ersten Bomben fielen. Gott sei Dank fielen von den 20 Bomben die meisten ins Feld, Dank der eifrigen Abwehr der Flakbatterien, jedoch ein Haus wurde mit Insassen vollkommen pulverisiert, das Dorf hatte 9 Todesopfer zu beklagen, nur Zivilisten. Dieser Angriff war ein deutliches Zeichen, dass der Amy seinen Weg nach Ittenbach einschlug, nachts tobte mit verstärkter Heftigkeit das Feuer der Geschütze, woraufhin Vater und Carla zum Schlafen in den kleinen Luftschutzkeller übersiedelten. Mathilde zog abends während dem Beschuss noch mutig ins Dorf, um dort in alter Weise weiterzuschlafen. Jedoch die Granaten flogen immer dichter und näher heulten sie über unser kleines Haus. Am Sonntag, dem 11. III., wagte sich Carla während des Beschusses noch ins Dorf zur Hl. Messe, doch die Kirche war leer, von den vielen Kirchgängern nur 6 Menschen mit dem Priester am Altare. Schnell eilte Carla zum Büro, um noch einiges zu bergen. Dieses war von den Soldaten der Nachrichteneinheit wieder geräumt worden und Panzersoldaten lagen im tiefen Schlaf vor ihrem Einsatz auf dem Fußboden. Das Dorf schien tot und leer, nur Soldaten in kleinen Trupps mit Nahkampfwaffen, wie Panzerfaust, MG und Handgranaten zogen zum Einsatz in die Wälder der Sieben-Berge, es waren graue, starke Gestalten mit ernsten, zerfurchten Gesichtern. Die Schwere des Kampfes war ihnen anzusehen. Es ging plötzlich das Gerücht, der Amy steht auf der Löwenburg, morgen wird er sicher im Dorf kämpfen! Wir zogen für einige Stunden in den Keller des alten Gartens, den Fluchtrucksack auf der Schulter. Da sahen wir Soldaten der Flakbatterien über das Feld kommen, einer flüsterte etwas zu dem anderen, der Dritte nahm seinen Helm, um ihn mit einem Fußtritt ins Tal zu schleudern, immer neue kleine Trupps kamen über die Felder und aus den Wäldern an der Löwenburg zum Dorf zurück. Langsam und müden Schrittes. Da tauchte über der Öffnung unseres Bunkers ein wilder Soldatenkopf auf, nur noch Brotbeutel und Stock in der Hand, die Waffen hatte er fort geschmissen, er wolle den Wahnsinnskampf bis zur letzten Patrone nicht mehr fortsetzen, sondern sein Leben für die Seinigen bewahren, es sei doch alles verloren.
Als uns der Hunger quälte, zogen wir wieder zum Häuschen zurück. Mathilde blieb endlich ganz oben, der Gang ins Dorf konnte nicht mehr gewagt werden. Tante Maria Schilling wollte auch unseren Luftschutzkeller über Nacht besuchen, sodass wir in dem kleinen Raum nur sitzend die Stunden verbringen konnten. Da kam über die Wiesen ein junger, blasser Infanterist gestürmt, seinen Kamerad hatte er gerade zum Hauptverbandsplatz am Margarethenhof geschleppt, seine ganze Kompanie war bis auf wenige Mann in den Wäldern der Löwenburg aufgerieben nach 12stündigem Einsatz einer Reservetruppe, die man von Prag aus zum ersten Brückenkopf an den Rhein geworfen hatten. Bei der großen Übermacht des Feindes sei der Kampf aussichtslos, eine Nacht wolle er hier bei uns schlafen, um dann noch Reste seiner Truppe zu suchen. Jedoch in dieser Nacht setzte heftigstes Artillerie-Feuer auf die beiden Flakgeschütze vor unserem Häuschen ein. Der Amerikaner hatte sich in den Wäldern des Laagshof bereits vorgearbeitet und setzten nun einen zweiten Keil zur Umfassung des Dorfes von der Löwenburg über den Ölberg ein. Daher erhielten wir das Artilleriefeuer von der Süd-West-Seite auf das Häuschen. Vater und Carla waren gleich bei Einbruch der Dunkelheit mit dem einsetzenden Feuer in den Keller gekrochen, Tante Maria Sch., Mathilde und der Infanterist jedoch blieben noch im Häuschen, bis sie plötzlich bei den Einschlägen der Granaten im Garten und nächster Nähe des Häuschens in den Keller stürzten. Hierbei wurde der Infanterist von einem Granatsplitter vor der Kellertüre in den Oberschenkel getroffen, Mathilde war gleich hinter ihm, hatte aber noch alle Knochen heil. Wir zogen den schweren ohnmächtigen Körper in den kleinen Luftschutzraum, wo wir nun zu 5 Menschen weilten. Der Verwundete hatte große Schmerzen, da der Splitter im Oberschenkel saß. Carla legte sofort einen Notverband an, gab ihm schmerzstillende Mittel und blieb die ganze Nach an der Seite des Soldaten, halb kniend, halb stehend, da der Raum keinen Sitzplatz mehr zuließ. Die ganze Nacht hielt das heftige Artilleriefeuer an, wir konnten über 100 Einschläge in nächster Nähe zählen. Der nächste Einschlag lag 1 m neben dem Kellerfenster, er hätte uns alle töten können, doch so wurde nur die Senke zerstört, die dann ihren Inhalt über die Wiese ergoss. Als der Morgen graute, waren wir alle sehr erschöpft, Carla hatte über Nacht weiße Schläfen bekommen. Wir hielten Ausschau nach einem Sanitäter für unseren verwundeten Soldaten, jedoch keiner kam auf unser Rufen heran. Da schleppte Carla den Soldaten über das Feld bis an den Weg nach Haus Hagen, wo noch deutsche Soldaten lagen. In den Wäldern des Ölbergs saßen bereits die Scharfschützen, auf der Spitze des Ölbergs saß der Amerikaner, wie auch schon auf dem Thomashof. So musste der Verwundete das letzte Stück bis zum Verbandsplatz auf dem Bauche weiter kriechend erreichen. Nun stellten wir ein Schild mit der Aufschrift „Zivil“ und einer weißen Fahne vor dem Eingang zum Keller, plötzlich hörten wir die Schützen im Garten und es war gegen 11 Uhr vormittags, als die Schritte der ersten Amerikaner über unseren Köpfen auf der Veranda laut wurden. Mit Karabiner und Maschinenpistolen schossen sie heftig zu den ersten Häusern herüber, dann aßen sie einiges Eingemachtes und schlichen über die Wiese den Berg herunter. Wir machten uns bemerkbar und sprachen mit einem amerikanischen Sanitäter, der mit „all right“ abwinkte. Gleichzeitig waren zwei schwere Panzerwagen den Weg an uns vorbei zum Dorf hinuntergefahren unter ständigem Feuer, ein dritter stand am Wege nach Haus Hagen, dem dann viele weitere folgten durch die Wälder des Ölbergs. An den ersten Häusern im Dorf trat eine Stockung ein, es lagen dort in einzelnen Häusern noch Soldaten, die den Ort bis zur letzten Patrone verteidigen sollten. So hatten beide Seiten gleich heftige Verluste, wir konnten viele Tragbaren und auch Soldaten sehen, die sich ergeben hatten. Nun kam Verstärkung heran, an den Häusern bei dem Landwirt Kemp und drei weiteren standen die Panzerwagen. Von dort aus wurde die Dorfmitte unter heftiges Feuer aller Kaliber und Waffengattungen genommen. Langsam pirschte sich Soldat nach Soldat von Haus zu Haus, von Busch zu Busch, gegen 7 Uhr abends am 15. März wurde das Dorfinnere erreicht. Dort wurde die ganze Nacht hindurch gekämpft, sodass um die Kirche herum die Häuser bald in Flammen aufgingen. Im Pastorat saß der Deutsche Kommandeur; die Parole hieß Kampf bis zur letzten Patrone. Als er sich jedoch gegen Morgen vom Amerikaner umstellt sah und ohne seine Soldaten, die gefallen oder gefangen waren, entschloss der Befehlshaber sich zur Waffenstreckung. Der Pastor zog als (Übermittler) Unterhändler mit der weißen Fahne, die sich noch im Keller befindlichen Zivilisten mussten ebenfalls das letzte Widerstandsnest verlassen. – Wir im Gartenhaus waren am Ende unserer Kräfte, da wir im Keller nur mit einem kleinen Spirituskocher etwas Nahrung wärmen konnten, dann konnten wir 48 Stunden lang nicht den Kopf vor die Kellertüre stecken, da die Geschosse um die Ohren pfiffen. So entschlossen wir uns, nunmehr das Haus zu verlassen, um einmal wieder zur Besinnung zu gelangen. Vater und Carla gingen zum Thomashof, Mathilde ins Dorf zu Büllesfeld, jeder trug sein Fluchtgepäck bei sich. Kaum waren wir eine Stunde auf dem Thomashof in einem warmen Zimmer und erhielten wieder die erste normale Kost, da kamen zwei Amerikaner, die Haussuchung abhielten. Carla wurde nun stets als Dolmetscherin gerufen. Zwei verwegene Burschen mit vorgehaltenen Pistolen frugen nach Waffen und Getränken. Als die beiden mit Carla sprachen, wurden sie höflich und stellten sich sogar vor, als ob sie sich auf der Reise und nicht im Kriege im Frontabschnitt befinden würden. Einige Stunden später kamen mehrere kleine Wagen mit 2 Amys besetzt, die Quartier machten. Zuerst wurde nach der Anzahl der Hausbewohner gefragt und dann mussten wir alle den obersten Stock beziehen, was bei dem noch herrschenden Artilleriebeschuss böse Folgen haben konnte. Alle Zimmer wurden mit vielen Soldaten belegt, wir Zivilisten durften zufrieden sein, nicht wie die anderen Dorfbewohner das Haus räumen zu müssen. Wir lagen zu 26 Personen auf 3 Zimmern verteilt, bei insgesamt 6 Betten. So hausten wir 3 Tage auf dem Thomashof, dann gingen wir wieder zum Gartenhaus, das man inzwischen tüchtig durchwühlt hatte.
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