"Wohlthätigkeits-Vorstellung" an Weiberfastnacht "zum Besten der Armen" im "grimmigen Winter" 1895 im Hotel Mattern

Aufnahme: 1895

"Wohlthätigkeits-Vorstellung" an Weiberfastnacht "zum Besten der Armen" im "grimmigen Winter" 1895 im Hotel Mattern

Am 16. Februar 1895 hatte das Echo des Siebengebirges angekündigt, dass am 21. Februar 1895, das war damals an Weiberfastnacht, im Hotel Mattern "zum Besten der Armen eine musikalisch-theatralische Abend-Veranstaltung mit anschließendem Balle" stattfinden wird.

Neben musikalisch-theatralischen Darbietungen kam auch das Mundart-Gedicht "Der Spaziergang" zu Gehör (siehe unten im Text), das die damaligen Auseinandersetzungen über den angemessenen Platz für das Denkmal des Königswinterer Dichters Wolfgang Müller karnevalistisch auf die Schippe nahm.

Zu diesem Streit in Königswinter im Jahr 1895 liest man auf der Homepage der Stadt: "Die markanteste Erinnerung an den "großen Sohn" der Stadt ist das Denkmal für Wolfgang Müller von Königswinter. Seit 1895 ... steht es an prominenter Stelle der Rheinpromenade und zeigt das überlebensgroße Konterfei des Mannes, der hauptsächlich für seine romantischen Dichtungen von den Zeitgenossen verehrt wurde. Sogar eine Haltestelle wurde später nach ihm benannt – mit der offiziellen Bezeichnung "Königswinter Denkmal" verschweigt sie allerdings den Namen des Geehrten.

Die Initiative und die Begleitumstände der Denkmal-Errichtung werfen ein bezeichnendes Licht auf den Geist der wilhelminischen Zeit – besonders deutlich dadurch, dass sogar ein heftiger Streit um die Wahl des genauen Standorts entbrannte." - siehe 1. Link unten

Einen Bericht zu den "Drehern" des Denkmals mit Foto finden Sie im Virtuellen Brückenhofmuseum - siehe 2. Link unten

Hier der ausführliche Bericht im Echo des Siebengebirges vom 23. Februar 1895:

Der durch den grimmigen Winter in den ärmeren Familien hervorgerufene Nothstand hatte in einem kleinen Kreise meist jüngerer Herren und Damen den Plan reifen lassen, eine Wohlthätigkeits-Vorstellung zu veranstalten. Es mag dabei auch der gerechtfertigte Wunsch mitgesprochen haben, das öde Einerlei des Winters durch einen erfrischenden Festabend angenehm zu unterbrechen. Die kleine Gesellschaft setzte sich aus Damen und Herren zusammen, die als Dilettanten nicht ganz Neulinge auf den Brettern sind, welche die Welt bedeuten und so entschied man sich für einen musikalisch-theatralischen Abend, der auf gestern, Weiberfastnacht, angesetzt wurde. Als Festlokal wurde der gemüthliche Saal des Hotels Mattern gewählt, dem eine geräumige Glashalle als Ergänzung dient.

Die in Circulation gefaßte Liste bedeckte sich überraschend schnell mit Unterschriften und zur bestimmten Stunde, Abends 7 ½ Uhr, begann sich der in hellstem Lichtglanz strahlende Festraum zu füllen und war bald so dicht besetzt, daß man mit jedem Eckchen vorlieb nahm.

Als Ouvertüre wurde Brahms Ungarischer Tanz, G moll, für zwei Klaviere von Fräulein Vormbaum und Herrn Toni Mattern sehr brillant vorgetragen. Dann sang Fräulein Adele Sieber aus Godesberg, Sopranistin, eine jugendliche Künstlerin die ihre Beihülfe gerne zugesagt hatte, 1) die große Arie aus dem Freischütz 2) „Keine Sorg' um den Weg“ von Joach. Raff. Der verdiente Applaus, den man ihr spendete, veranlaßte sie, noch ein italienisches Lied zuzugeben, was allgemein sehr gefiel.

Nun wandten sich die Blicke der Bühne zu. Das Programm avisirte den Schwank „Zu Befehl Herr Lieutenant" von J. Schröder. Das Stück steckt voll des köstlichsten Humors und die Rollen waren in guten, bewährten Händen. Der Inhalt darf als bekannt vorausgesetzt werden. Die Hauptfigur ist Hans Taps, der Lieutenantsbursche (Herr E. Richarz) der hier mit überwältigender Comik seinen Dienst versah. Sein Lieutenant (Herr V. Rech) war jeder Zoll der schneidige Offizier, auf Taille, der sich selbst durch seines Burschen bedenkliche Geniestreiche nicht aus der Fassung bringen läßt. Die mitwirkenden Damen: Frl. A. Kessels, Frl. M. Friederichs und Frl. E. Schnorrenberg wußten ihre kleinen Rollen zu einem recht anmuthigen Bilde zu gestalten.

So war das Ganze comme il faut, verschaffte Amüsement und fand lebhafte Anerkennung.

Nach der Pause wurde der zweite Theil wiederum durch einen Vortrag auf zwei Klavieren eingeleitet. Diesmal hatte man die muntere Weise: „Aufforderung zum Tanz“ von C. M. v. Weber gewählt. Wiederum waren es Fräulein Vormbaum und Herr Mattern, welche den Beweis lieferten, daß sie das Instrument leicht und sicher beherrschen. Zwei Lieder für Bariton folgten. Herr Adolf Döllinger, mit einer wohlklingenden, den Saal bis zur äußersten Ecke füllenden Stimme begabt, sang „Am Rhein und beim Wein“ von Franz Ries und „Bonn“ von Aug. Bungert, Gedicht von Carmen Sylva. Er ersang sich reichen, wohlverdienten Beifall.

Das zweite Bühnenstück: „Singvögelchen“ Liederspiel von Jacobson, nahm die Aufmerksamkeit des Auditoriums ganz gefangen. Sein Inhalt ist bekanntlich sehr ansprechend und der Effect der gemüthvollen Scene zwischen „Nettchen der Blumenhändlerin" (Frl. Sieber) und dem Gärtnerburschen Friedel (Herr C. Richarz) wird trefflich vertieft durch die kostbare Figur des reichen Engländers Lord Midelby (Herr C. Bachem) und seines originellen Kammerdieners Bor (Herr H. Krings). Gesang und Spiel waren vorzüglich und Beifall erheischend, womit wahrlich nicht gekargt wurde.

Ein angenehmes Intermezzo bildete der Vortrag eines carnevalistischen Gedichtes, verfaßt von Herrn Brunagel, der sich auf dem Gebiete des carnevalistischen Lebens längst die Sporen verdient hat. Der Verfasser, geschmückt mit dem Orden für Senatoren der Kölner Karnevalsgesellschaft, trug das Opus selbst vor. Hier ist es.

Der Spaziergang

   Nicht nach Schiller, sondern nach dem Augustaplatz.

Im Elysium dem schönen,

In hellen klaren Tönen

Hört per Telephon der „Wolfgang" raisonniren, 

Und über sein Denkmal diskutiren, 

   Wo feucht-fröhliche Menschen, da will ich hausen, 

Vor dem Platze bei „Bellinghausen"

Dort will ich stehen und sinnen,

"Du Lotterbov wellst wohl an der Germania minnen! 

Wedd nix druhß du sollst in den kalten Norden", 

Vernahm ich Stimmen in deutlichen Accorden.  

   Op dä Lagerplatz künnt ehr mich nit posteere, 

Dann lever en et Geburtshaus, Wing probeere. 

Ich ben vunem echte rheinische Stamm 

Un ne goden Droppen well ich hann. 

   Beß stell „Wolfgang“ du sollst dinge Wellen hann, 

Fing do ein Genius „der Stubben“ an. 

Wo gesungen wird der „Gaudeamus“

Dat sollst de sinn, mer machen „bibamus."  

   Grielächer do, sollst mich och nit kölle! 

Klüngel kenn ich, wohr och en Köll`n

Wenn meine sämmtlichen Comilitonen

Dort bei großen Humpen thronen, 

Dann will ich rufen hell und heiter:

Paragraph 11. Es geht so weiter. 

Ein Jahr später!

   Da steh ich nun, ich armer Thor

Und bin so klug, als wie zuvor. -

Der schönen Germania muß ich der Röggen drigge, 

Dat es jo för den Kranz zo krigge

Deinen schönsten Strom „Germania“ hab ich besungen

In bester Weise ist es mir gelungen, -

Komm doch erav un stell´ dich neffe mich, 

Sonst langweilen ich mich fürchterlich.  

   In einer schönen Sommernacht, Germania, am Rhein die Wacht, 

Herab von ihrem Postamente, - Es ist keine Zeitungsente -

Sich zu dem Wolfgang leise schlich: 

   Du liebe schönste aller Frauen,

Lass mich ewig dich beschauen,

Komm herr und setz dich he en de Gade,

Un lohß dä Wilhelm do gät wade. 

Das Fest, mit einem fröhlichen Balle schließend, ist in ungezwungendster Harmonie verlaufen, zur Freude aller Betheiligten. Es hat gezeigt, daß auch in Königswinter Einigkeit stark macht und daß Viele, sehr Viele guten Willens sind, sich im gesellschaftlichen Leben, wenn auch von verschiedenen Seiten kommend, die Hand zu reichen. Für die Armen hat das Fest den Betrag von ca. 150 M netto ergeben.

Quelle
Echo des Siebengebirges vom 23.02.1895 Zum Bericht auf www.koenigswinter.de - Foto und Info zum Denkmal von Wolfgang Müller im Virtuellen Brückenhofmuseum
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