Aufnahme: 1971
Siebengebirge erhielt Europadiplom; Europahymne "welturaufgeführt"
Die Siebengebirgs-Zeitung berichtete:
Regierungsvizepräsident Dr. Neumann bei der Begrüßungsansprache vor den vielen Ehrengästen; links Minister Deneke, in der Mitte Generalsekretär Sforza mit Dolmetscherin und Präsident Tendron.
Am 22. September 1971 hatte der Ministerrat in Straßburg den Verleihungsbeschluss gefasst. Das Europadiplom bleibt nicht nur außergewöhnlich reizvollen und geschützten Landschaften vorbehalten, die Schutzgebiete müssen auch eine besondere naturwissenschaftliche Bedeutung aufweisen. Die Arbeitsgruppe „Flora, Fauna und Landschaft" des europäischen Ausschusses zur Erhaltung der Natur sah diese Voraussetzungen für das Siebengebirge als gegeben an. Die Vorarbeiten dafür leistete im vergangenen Jahre Professor Franco Bruno vom Botanischen Institut der Universität Rom, der nach mehrtägiger Bereisung des Naturschutzgebietes ein positives Gutachten erstattete. Die 10. Generalversammlung des europäischen Naturschutzausschusses empfahl daraufhin einstimmig dem Ministerausschuss des Europarates, das Siebengebirge in die Kategorie der geschützten Landschaften von europäischer Bedeutung einzuordnen. Der Verschönerungsverein für das Siebengebirge hat sich alle Mühe gegeben, den Bedingungen für die Verleihung des Diploms gerecht zu werden. Heute weist das Siebengebirge 200 Kilometer Wander- und Reitwege auf. Im Gebiet des Siebengebirges wurden 17 Parkplätze in einer Gesamtgröße von 4,25 Hektar, 28 Rastplätze und Liegewiesen von 7,15 Hektar Größe angelegt. Drei Rastplätze sind mit Feuerstellen versehen. An ruhigen Plätzen und den schönsten Aussichtsstellen wurden 392 Einzelbänke und 45 Bankgruppen aufgestellt. 28 Hütten bieten Schutz vor Unwetter und Regen. Tafeln und rd, 200 Hinweisschilder geben dem Wanderer gute Orientierungsmöglichkeiten. 150000,- DM müssen jährlich aufgebracht werden, um allein das Wegenetz in Ordnung zu halten.
Übrigens: wussten Sie schon, wie viele Erhebungen das Naturschutzgebiet aufweist? Kennen Sie die Namen der „Sieben Berge"? Ja oder Nein? Das Naturschutzgebiet Siebengebirge hat nicht sieben Berge, sondern rd. 30 kleinere und größere Erhebungen. Das Naturschutzgebiet um fasst 4200 Hektar. Seit dem vergangenen Freitag, dem 15. Oktober, 11.45 Uhr hat Europa eine Hymne. Das bekannte Chorwerk „Ode oder Hymne an die Freude" von Ludwig van Beethoven wurde zur Europahymne erklärt und auf dem Weilberg im Siebengebirge von einer Kölner Polizeikapelle uraufgeführt. Dieses Lied ist inzwischen auch zu einem weltbekannten Schlager geworden unter dem Namen „Song of Joy". Anlass für diese Premiere war die Verleihung des Europadiploms für das Siebengebirge, dem ältesten deutschen Naturschutzgebiet. Das Siebengebirge soll 23 Millionen Jahre alt sein. Es ist das dritte Naturschutzgebiet in der Bundesrepublik und das elfte in der Welt, welches diese hohe Auszeichnung erhielt.
Das Siebengebirge ist ein Naherholungsgebiet für den rheinischen Raum und wird jährlich von Millionen Besuchern aufgesucht. Der Drachenfels ist hinter dem Zuckerhut der meistbestiegenste Berg der Welt. Neben der Lüneburger Heide und dem Wollmatinger Ried am Bodensee gehört nun auch das Siebengebirge zu den ausgezeichneten Naturschutzgebieten in der Bundesrepublik. Die Überreichung des Diploms nahm der stellvertretende Generalsekretär des Ministerrates im Europarat, Sforzino Sforza aus Italien vor. Er begrüßte zunächst die Gäste in deutscher Sprache und hielt dann die Laudatio in englischer Sprache. Eine junge Dame übersetzte seine Ausführungen ins deutsche. Nordrhein-Westfalens Landwirtschaftsminister Diether Deneke nahm die Urkunde entgegen und reichte sie an das VVS-Vorstandsmitglied Dr. Offner weiter. Die Feierstunde zur Überreichung des Europadiploms begann mit Jagdhornsignalen. Die rd. 200 Ehrengäste wurden vom Regierungsvizepräsidenten Dr. Werner Neumann begrüßt. Er sagte: „Das Land NRW ist stolz auf dieses zum 3. Male in der Bundesrepublik und zum 1. Male in NRW verliehene Diplom. Die Ehrung wird nicht nur Ansporn sein, den Naturpark zu erhalten. Dringend erforderlich ist ein in Vorbereitung befindlicher Landschaftsentwicklungsplan, der diesem Gebiet nebst einer Oase der Stille jene Erholungseinrichtungen schaffen soll, die zur Entspannung der Besucher insbesondere aus den Ballungsgebieten vorhanden sein müssen."
Sforzina Sforza überbrachte die Grüße des Generalsekretärs Toncic-Sorini und betonte, mit dem Europadiplom werde die europäische Bedeutung dieser Landschaft offiziell anerkannt; gleichzeitig auch seine wissenschaftlichen, kulturellen und ästhetischen Werte und die Maßnahmen, die zum Schutze dieses Bereiches in den vergangenen Jahrzehnten geleistet wurden. Dieses schöne Gebiet zu erhalten sei zudem eine Aufgabe im Interesse kommender Generationen, die noch viel mehr Ruhe und Erholung benötigen werden wie unsere Generation. Auf die Umweltverschmutzung eingehend, warnte Sforza davor, untätig der Vergeudung nationaler Hilfsquellen zuzusehen. Um so erfreulicher sei der Beitrag, der gerade von der Bundesrepublik im Rahmen des Europajahres für Umweltschutz geleistet wurde. Dafür gelte den zuständigen Behörden öffentlicher Dank. Gleichzeitig machte der Vertreter des Europarates auf die Verpflichtung aufmerksam, die mit der Übernahme des Diploms anerkannt würde. Minister Deneke nahm das Diplom mit Dank und Freude entgegen. Dies sei ein großer Tag in der Geschichte dieser Landschaft, die weit zurückreiche bis in die Zeit, wo sie sich in Sagen und Legenden verliere.
Hier werde eine Arbeit gewürdigt, die vor über 100 Jahren begann, von Menschen, die aus Engagement, Heimatliebe und Naturverbundenheit sich dafür einsetzten, dass diese Landschaft erhalten blieb. Um das Ziel zu erreichen, hätten Behörden, Persönlichkeiten, Forstverwaltungen, Heimatvereine und Waldbesitzer zusammengewirkt. Aus eigener Anschauung, so betonte der Minister, habe er in den letzten 20 Jahren die Erschließung des Naturparks miterlebt. Hier seien ihm auch viele Ideen gekommen, die sich im neuen Landesforstgesetz widerspiegeln. Sein besonderer Dank galt dem Verschönerungsverein für das Siebengebirge , an dessen Repräsentanten, Dr. Herbert Offner, Minister Deneke das Europadiplom weiterreichte. Dr. Offner betonte in seiner Ansprache: „Es ist für mich eine Ehre und Freude zugleich, aus Ihrer Hand, Herr Minister, dieses 11. Europäische Diplom für eine streng geschützte Landschaft von europäischer Bedeutung als der vom Vorstand des Verschönerungsvereins für das Siebengebirge autorisierte Vertreter in Empfang nehmen zu dürfen. Wir sind uns bewusst, dass dieses Diplom eine hohe Auszeichnung, aber zugleich eine ernste Verpflichtung ist, die wir in den kommenden fünf Jahren mit vereinten Kräften erfüllen wollen.
Dieses Diplom ist ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk für den vor zwei Jahren 100 Jahre alt gewordenen Verschönerungsverein für das Siebengebirge, und ich bedauere zutiefst, dass sein vieljähriger rühriger Vorsitzender, Dr. Max Horster, und sein Ehrenmitglied, Dr. Werner Schulz, diesen Tag nicht mehr erleben durften. Wir gedenken ihrer in Dankbarkeit und Verehrung. Vor mehr als 100 Jahren haben sich die Bürger dieser viel besungenen Rheinlandschaft zusammengeschlossen und über den Regierungspräsidenten ein königliches Dekret erwirkt, dass der weitere Steinabbau verboten und der Drachenfels vom Staat gekauft wurde. Dadurch wurde die Zerstörung dieses Herrlichen Waldgebietes, das Alexander von Humboldt als das 8. Weltwunder bezeichnete und das der Tenno, Kaiser Hirohito von Japan, vor seinem Abflug aus Bonn noch einmal sehen wollte, unterbunden. So haben beherzte Männer und Frauen vor unserer Zeit aktiven Umweltschutz geleistet, eine Tat, die uns heute noch als leuchtendes Beispiel Mahnung und Verpflichtung für die Zukunft ist. In der Folgezeit wurde das Siebengebirge zum streng geschützten Naturschutzgebiet erklärt und 1958 in die Schar der deutschen Naturparke eingereiht.
Als ältestes deutsches Naturschutzgebiet und als 3. deutscher Naturpark sowie als bedeutsame Forschungsstätte und als einmalig schönes Erholungsgebiet nimmt es unter den vielen reizvollen deutschen Landschaften einen beachtlichen Rang ein. Vier Millionen europäischer Bürger kommen alljährlich hierher, um die Schönheit und Eigenart dieses Gebietes, welches im Volksmund die „Alpen der Holländer" genannt wird, zu genießen. Bevölkerung, Kreis, Gemeinden, Forstbehörde, Privatwaldbesitzer, an ihrer Spitze die Familie Mülhens (4711) und der VVS haben sich zusammengetan, um gemeinsam das Siebengebirge zu schützen, zu pflegen und auszugestalten, damit es unseren Kindern und Kindeskindern als unentbehrliches Erholungsgebiet in einem zunehmend dichter besiedelten Raum und als geologisch, botanisch und zoologisch wertvolle Fundstätte erhalten bleibt. Ich danke Herrn Dr. Töpfer als dem Schöpfer des Deutschen Naturparkprogramms, Herrn Staatssekretär Dr. Sonnemann, der sich selbst und durch mich von jeher für das Naturparkprogramm eingesetzt hat, dem Land NRW für seine großzügige ideelle und finanzielle Förderung, allen Institutionen, die um das Siebengebirge mit Rat und Tat besorgt sind, insbesondere aber dem Europarat und hier in erster Linie Ihnen, Herr Generalsekretär, dass der Ministerausschuss dank Ihrer Fürsprache dem Siebengebirge diese hohe Auszeichnung verliehen hat, wobei ich meinen Freund, Herrn Georges Tendron, den derzeitigen Präsidenten unseres Europäischen Ausschusses zur Erhaltung der Natur und der natürlichen Hilfsquellen von ganzem Herzen einschließe.
Hier an den Hängen des nördlichsten Rheingebirges blühen und reifen die dem Nordpol am nächsten gelegenen Reben. Europas, die Ihre Vorfahren, Herr Generalsekretär, vor Jahrtausenden aus dem sonnigen Italien in unsere raueren, aber trotzdem schönen Gefilde gebracht haben. Wein und Freude haben schon immer zusammengehört. So kredenze ich Ihnen, Herr Generalsekretär, Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin, Ihnen, Herr Minister, der Sie für das Wachstum dieses Weines zuständig sind, Ihnen Herr Regierungsvizepräsident, Ihnen, Herr Präsident Tendron, und Ihnen, meine sehr verehrten Festgäste in dieser Stunde durch die Hand einer reizenden Winzerin aus dem Siebengebirge den Pokal mit dem besten Tropfen, den der Rhein am Siebengebirge zu bieten hat.
Dieser gemeinsame Trunk soll gleichzeitig ein Symbol unserer, im Europarat begründeten, über Ländergrenzen hinwegreichenden, europäischen Verbundenheit und Freundschaft sein. „Vivat, crescat, floreat, Europa. " Das Diplom hat folgenden Wortlaut: „Da der Europarat eine Zusammenarbeit seiner Mitgliedstaaten besonders begrüßt und fördert, wo die natürliche Umwelt der Europäer beschützt und erhalten werden soll, um die materiellen und geistigen Grundlagen dieser und der kommenden Generation zu sichern; der der Ministerrat zu diesem Zweck ein Europäisches Naturschutzdiplom geschaffen hat, durch welches bestimmte, bereits geschützte Landschaften, Reservate und Naturdenkmale, die von allgemeinem europäischen Interesse sind, der Förderung durch den Europarat direkt unterstellt werden können; bestätige ich, Lujo Tincic-Sorini, der Generalsekretär des Europarates, hiermit folgendes: dass der Ministerrat, nachdem er die Bestimmungen zur Verleihung des Europäischen Diploms überprüft hat, nachdem er die Vorschläge des Europäischen Ausschusses für die Erhaltung der Natur und der natürlichen Hilfsquellen zur Kenntnis genommen hat, nachdem er außerdem die Zustimmung der Regierung der Bundesrepublik Deutschland eingeholt hat, nachdem er sich gründlich beraten hat, dass er durch seine Resolution (71) dieses Diplom für das Naturschutzgebiet Siebengebirge dem Land NRW und durch dieses dem Verschönerungsverein für das Siebengebirge übergibt und dadurch das ganze Gebiet der Förderung des Europarates bis zum September 1976 unterstellt. Um dieses zu bezeugen, habe ich meine Unterschrift unter dieses Dokument gesetzt und es mit dem Siegel des Europarates versehen.
Ausgestellt am Sitz des Europarates in Straßburg im September 1971.
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