Der Collin s Weiher - Erinnerungen an Badespaß in den Nachkriegsjahren

Aufnahme: 1945 (ca.)

Der Collin s Weiher - Erinnerungen an Badespaß in den Nachkriegsjahren

Die Jugenderinnerungen an "Collin´s Weiher" beziehen sich auf den Weiher im ehemaligen Levenschen Steinbruch am Kantering. Das Anwesen mit dem Pavillon oben an der Felskante gehörte damals dem aus Dortmund stammenden Kaufmann Collin.

An meinem Schulweg entlang entzog eine hohe Bruchsteinmauer den Einblick in eine viele tausend Quadratmeter große Parklandschaft, die sich ein reicher Mann namens Collin hatte anlegen lassen. Die Mauer, welche sich etwa um das Doppelte meiner Größe als Schulkind vor mir aufreckte, verbarg meinen Blicken Geheimnisse, die ich im Bereich von Märchen wähnte. Aus ihrer Abdeckung ragten senkrecht spitze Glasscherben heraus, die auch Erwachsenen das Übersteigen im Wortsinn zum einschneidenden Erlebnis werden ließen, wenn die sich etwa mit den Händen dort festhalten wollten. Aus einiger Entfernung drangen aufdringliche Laute aus dem Park bis zu mir, die – wie man mir sagte - von einem Pfau stammten.
Ich fragte mich, warum dieses seltsame Tier immer wieder seinen eigenen Namen rief. An einer besonders hohen Stelle hatte der Parkbesitzer eine überwölbte Nische in der Mauer einbauen lassen, die im unteren Teil als Sitzbank gelten konnte und weiter oben eine ovale, vergitterte Öffnung hatte, die einen Durchblick in einen Teil des Parks gestattete. Wenn ich mich von der Sitzbank aus mit einem Klimmzug zur vergitterten Öffnung hochzog, erhaschte ich einen Augenblick lang, nämlich so lange meine Kraft in den Armen und die an der Brüstung verkrampften Hände es gestatteten, einen kleinen Teil der ansonsten geheimnisvollen und für mich unsichtbaren Märchenwelt: Von hohen, schroffen Felswänden umschlossen lag tief unten der Weiher, von dessen unheimlich dunkelgrünem Wasser ich nur so weit etwas sehen konnte, wie ein wenige Meter breiter Zugang es zuließ, der in einem Felseinschnitt steil nach unten bis zur Wasserfläche abfiel.
Oben, am Rande des höchsten Felsens, stand ein von Bäumen überragter, achteckiger Pavillon mit einem hohen Spitzdach. Von diesem Pavillon aus konnte der Herr Collin sein Anwesen mit dem Weiher betrachten, und er hatte darüber hinaus einen herrlichen Überblick über die weitere Umgebung, wie etwa dem Ölberg. Ein Märchenprinz könne es nicht schöner haben, dachte ich bei mir. Wie glücklich musste der Herr Colin sein! Wenn keine Eile geboten war, gönnte ich mir einige Klimmzüge an dem ovalen Fenster, das eine magische Kraft auf mich ausübte und mir für wenige Augenblicke einen Blick in die zauberhafte Welt verschaffte.
Je nach Witterung und Sonnenstand veränderte sich der Eindruck. Bei Sonne schimmerte das Wasser zu mir herauf. Dagegen verdüsterten Wolken seine tiefgrüne Fläche, sodass es schaurig aussah. Auf dem Wasser döste ein Holzkahn vor sich hin, den ich liebend gerne einmal bestiegen hätte. Jemand meinte einmal, der Weiher sei unvorstellbar tief, mindestens zehn Meter. Ein Maß von zehn Metern zu erfassen, war mir damals noch nicht gegeben, aber der fast ehrfürchtige Ton, in dem mir das jemand sagte, verriet mir, dass es sich um eine entsetzliche Tiefe handeln musste. Das nötigte mir zusätzlich ein gewisses Gefühl von größtem Respekt ab, und ich schauderte bei der Vorstellung, dort hinein zu fallen.
Der Herr Collin überlebte den Zweiten Weltkrieg nicht. Seine Erben und Verwandten fanden bei Kriegsende in seinem Haus eine denen willkommene Bleibe. Mit denen zogen zwei Jungen ein, die etwa im Alter von meinem Bruder und mir waren. Durch den Umgang mit den beiden Zugereisten gelang es mir erstmalig, in den weitläufigen Park und damit auch an den Weiher zu gelangen. Der ungehinderte Zutritt zu dem ehedem unerreichbaren "Märchenland" verdrängte leider die von Ehrfurcht geprägten kindlichen Vorstellungen, dort verzauberte Dinge meiner früheren regen Phantasie vorzufinden. Der besondere Reiz des Unnahbaren wich einer bedauernswerten Ernüchterung, welche sich bei einem selbstverständlichen Umgang mit etwas einstellt.
Immer mehr größere und auch kleinere Kinder aus der Nachbarschaft nutzten nun den Weiher ganz selbstverständlich als Schwimmanstalt. Selbst der erwachsene Sohn des Herrn Collin gesellte sich dazu. Als Schwimmhilfe dienten Treibstoffkanister, welche die Amerikaner in ihrem Überfluss überall hatten liegen gelassen, wo immer sie diese entleert hatten. Zunächst war ich noch befangen und es ängstigte mich etwas, das dunkelgrüne, unheimliche Wasser zu betreten. Aber mit der Zeit wich die Angst Schritt für Schritt. Hinzu kommt dann noch, dass man sich anderen gerne als "tollen Kerl" zeigen möchte. Vom Kahn aus konnte man sich gefahrlos in das Wasser hinab gleiten lassen, das sich mangels Sonneneinstrahlung als empfindlich kalt erwies. Die Nichtschwimmer planschten zunächst vorsichtig in unmittelbarer Ufernähe, denn bereits wenige Meter vom Ufer entfernt fiel der Grund jäh ab.
Natürlich wollte jeder der nach und nach zahlreicher werdenden Leutchen in dem Kahn mitfahren. Als fast alle in dem Kahn Platz genommen hatten, wurde er vom Ufer abgestossen. Es genügte, dass einer der Insassen voller Übermut zu schaukeln begann, damit das Wasser überbordete, der Kahn voll lief und sank. Dadurch schockiert und geängstigt, sprangen einige heraus, in der Meinung, sich davon entfernen zu sollen, bevor er vollends abtauchte und sie vielleicht in die dunkle Tiefe des Weihers mitnähme. Brenzlich wurde es aber, als auch die Nichtschwimmer in höchster Not kopflos über Bord ins Wasser sprangen, weil das rettende Ufer nicht weit entfernt schien. Dann entstand ein wildes Getümmel, indem die Schwimmer die Nichtschwimmer ans Ufer retten wollten. In dem Knäuel von Leibern, Armen und Beinen war man fast unkontrolliert einmal oben und dann wieder unter der Wasseroberfläche. Bei den am Ufer stehenden löste das Geschehen auch Panik und einen allgemeinen Tumult aus. Der Herr Collin lief ins Wasser. In diesem Augenblick wollte jemand den ertrinkenden Nichtschwimmern am Kahn einen Benzin-Kanister zuwerfen. Der traf den Herrn Collin im Rücken, bevor er das ihm zugedachte Ziel erreichte.
Trotz allen wirren Handelns und dem Drunter und Drüber gelang es endlich doch allen, wie durch ein Wunder, das rettende Ufer unbeschadet aber schockiert zu erreichen. Das Geschehnis führte uns erschreckend vor Augen, welche waghalsige und unbedachte Tat wir vollbracht hatten, indem wir kleine Kinder ohne Schwimmhilfe in dem Kahn mitgenommen und nicht über die sich daraus ergebenden eventuellen Folgen nachgedacht hatten. Im Nachhinein noch darüber erschrocken malten wir uns aus, wie überaus entsetzlich es gewesen wäre, wenn wir Eltern eines ertrunkenen Kindes über dessen Tod hätten benachrichtigen müssen.
Nach wenigen heißen Sommertagen ging die Ferienzeit zu Ende und das Interesse an dem Weiher nach und nach verloren. Die völlige Verschattung des Weihers ließ das Wasser so stark auskühlen, dass es fast schmerzte, darin zu schwimmen.
Beim "Wassertreten" hatte ich mir an einem scharfen Felsgrat, der unter Wasser aufragte, an der Fußsohle eine beachtliche Verletzung zugezogen, die vermeintlich ausheilte. Aber nach einiger Zeit schwoll der Lymphknoten an der Leiste. Der Arzt stellte fest, dass unter der Haut, die über der Verletzung gewachsen war, sich zu dem Schmutz aus dem Weiher Eiter gesellt hatte. Dieser Umstand verleidete mir den Weiher zusätzlich.
Schließlich fiel das dunkle Gewässer, das bei mir immer schon als unheimlich gegolten hatte, wieder seinem vorherigen Dornröschenschlaf anheim. Allmählich siedelte sich auf der gesamten Oberfläche eine dicke Schicht "Entengrütze" an, die das darunter schlummernde Wasser mit einem grünen Teppich überdeckte.

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Manfred Wilhelmy
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