Aufnahme: 2006
"Noch weniger Zeit zum Nachdenken"
Bonn-Berlin Helmut Herles spricht beim Bürgerverein VVI über die Entwicklung beider Städte seit dem Umzug. Die Metropole an der Spree braucht nach seiner Ansicht "nicht noch mehr Beamte"
Unter diesen Überschriften berichtete der General-Anzeiger:
Mit dem Bildband „Schönes Bonn, Beautiful Bonn, Bonn, La Belle“ machte Helmut Herles der Stadt am Rhein im Jahr 2004 eine mehrsprachige Liebeserklärung über 95 Seiten. Diese Bildreise begann der frühere Chefredakteur des General-Anzeigers mit den Worten: „Bonn war, ist und bleibt eine besondere Stadt.“
Und zwar trotz der Verlagerung des Sitzes von Parlament und Regierung nach Berlin. Beinahe 15 Jahre nach dem Umzugsbeschluss vom 20. Juni 1991 referierte Herles vor Mitgliedern des Bürgervereins VVI Ittenbach über die Entwicklung seither. Er rief die Worte von Johannes Rau in Erinnerung. Der einstige Bundespräsident hatte voller Zutrauen gesagt: „Berlin wird nicht Babylon und Bonn nicht Krewinkel.“
Dessen Vorgänger Roland Herzog hatte später die Entwicklung der Bundesstadt mit einem Satz so eingeschätzt: ,,Bonn lebt schon lange im dritten Jahrtausend." Herles, zunächst als FAZ-Korrespondent und später als GA-Chefredakteur über Jahrzehnte mit dem Politikbetrieb in Bonn und danach in Berlin vertraut, beschrieb die Situation heute und stellte sich auch selbst auf den Prüfstand. Er verglich das, was er 1991 geschrieben hatte, mit dem Ist-Stand.
Damals, als die Parlamentarier darum rangen, ob sie künftig weiter in Bonn oder doch in Berlin arbeiten wollen, hatte Herles gerade seine neue Position als Chefredakteur angetreten. Er zitierte sich selbst aus seiner vor dem Beschluss veröffentlichten fiktiven Rede: „Bonn muss nach vorn schauen und nicht nachtragen. Bonn bleibt Bonn.“ Herles hätte allerdings die Arbeitsteilung - Berlin als Hauptstadt, Bonn als Arbeitssitz - bevorzugt. Auch noch aus heutiger Sicht. „In Berlin bleibt noch weniger Zeit zum Nachdenken. In Berlin fehlen die kurzen Wege der Kommunikation.“
Journalisten, die einst in Bonn in wenigen Minuten am Ort des Geschehens waren, würden deshalb heute die Debatten oft am Fernseher verfolgen. Und: „Die Inszenierung hat erschreckend zugenommen.“ Womit Herles auf die Inflation von Talkshows anspielte.
Hatten sich einst Berlin-Befürworter vom Umzug auch den Untergang des Bonner Raumschiffs versprochen, so hat der Berlin- und Bonn-erprobte Helmut Herles andere Erfahrungen gemacht: „Berlin hat dieselben Schwächen.“ Kritik übte der Journalist an Friedbert Pflüger, zu Bonner Zeiten in Ittenbach lebender Bundestagsabgeordneter und glühender Verfechter Bonns, der nun als Kandidat für das Oberbürgermeisteramt Berlins eine dauerhafte Teilung der Hauptstadtfunktion ablehnt. „Ich befürchte, dass die Rutschbahn stattfindet“, kommentierte Herles, der nach eigenem Bekunden durchaus Sympathien für Berlin hege, diese Haltung. „Berlin geht seinen Weg. Aber die Stadt, die auch das Hauptstadtgetöse ablegen sollte, braucht nicht noch mehr. Beamte“, so Herles, „wenn Pflüger das Umzugskarussell in Bewegung setzt, tut er Berlin keinen Gefallen." Die Festschreibung Berlins als Hauptstadt im Grundgesetz würde Helmut Herles am liebsten ergänzen mit: „Deutsch ist die Sprache der Bundesrepublik.“ Und hebt dabei ab auf die Kürzel IKKB und künftig UNCC für das internationale Kongresszentrum in Bonn. „Warum sagen wir nicht einfach Bundeshaus?" fragte er kritisch. Mit Blick auf die Historie. „Aber die Oberbürgermeisterin schaut nur noch in die Zukunft.“ Mit Geschichte verbindet Herles auch die Villa Dahm, einst Sitz der Parlamentarischen Gesellschaft. Unverständlich für den Autor des Buches „Von der Villa am Rhein in das Palais an der Spree - die Deutsche Parlamentarische Gesellschaft“, dass dieses Gebäude abgerissen statt eingebunden wird in das neue Kongress-Ensemble am Rhein. Als „strikter Gegner des DDR-Sozialismus“ widersprach er dennoch auch dem Abriss des DDR-Volkskammergebäudes. „Auch dieses sollte man nicht in den Mülleimer der Geschichte werfen.“ Sein Fazit: „Bonn und die Region haben etwas aus den Ausgleichsmitteln gemacht. Bonn ist nicht Krewinkel, nicht irgendeine kleine Stadt geworden und Berlin ist nicht Babylon." Aber krewinkelsche und babylonische Züge, die gebe es hin und wieder.
Von der Bürgervereinsvorsitzenden Annette Hirzel erhielt Helmut Herles nicht nur viel Lob für seinen Vortrag, sondern auch zwei Flaschen Wein - eine für das, was ihn gefreut, eine für das, was ihn geärgert hat.
Bildunterschrift: "Bonn bleibt Bonn" und Schwächen gibt es am Rhein ebenso wie an der Spree. Stadt und Region haben sich seit dem Umzugsbeschluss gut behauptet, zieht Helmut Herles Bilanz.
Etwas zu ergänzen?
Kennen Sie abgebildete Personen, das Jahr oder Hintergründe zu diesem Bild? Schicken Sie uns einen Hinweis – wir prüfen ihn und ergänzen das Objekt.