Aufnahme: 1997 (ca.)

Heimweh nach dem großen Ameisenhügel

Eine Hommage auf den Ölberg und auf Ittenbach vom damals hier lebenden Bonner FAZ-Korrespondenten Karl Feldmeyer, die er Ende der 1990er Jahre für den Bonner General-Anzeiger geschrieben hatte:

"Nicht nur im Märchen versteckt sich das Glück bisweilen hinter einer häßlichen Maske. Im Leben ist es nicht anders, aber das weiß man immer erst hinterher. Mir lief es 1975 über den Weg. Ob ich für zwei, drei Jahre bereit sei, in die Bonner, die Parlamentsredaktion überzuwechseln, wollten meine Herausgeber wissen. Da stand ich nun und mußte mich entscheiden zwischen beruflicher Chance und meinem Wunsch, mein gerade erst gebautes Haus zu bewohnen.

Umzug entschied ich – und ging auf Wohnungssuche. Gleich das erste Objekt erwies sich als das richtige: ein geräumiges Haus, großer Garten am Hang mit weitem Blick ins Bergische Land. Nun sind aus den zwei Jahren 22 geworden, unsere Kinder sind groß – und wir sind alt geworden; ziemlich zumindest.

Noch etwas ist in dieser Zeit passiert, etwas, wessen man sich nur gelegentlich bewußt wird. Ittenbach ist mir vom Wohnort zu einem Stück Heimat geworden. Ich merke es nicht, wenn ich morgens in die Redaktion oder abends zurück fahre, wohl aber, wenn ich von einer meiner vielen Reisen heimkehre. In der Regel geschieht dies über die A 3. Noch bevor das Abfahrtsschild „Siebengebirge“ auftaucht, werde ich ungeduldig. Die Schilder interessieren mich nicht mehr. Ich suche nach etwas anderem, nach „meinem“ Berg, dem Ölberg. Wie ein überdimensionaler Ameisenhügel sitzt er da. Das satte Grün seiner Buchenwälder beruhigt und entspannt am Tage. Komme ich aber nachts an, so grüßt mich das rote Licht an der Spitze des Sendemastes, den die Post auf seinem Gipfel errichtet hat. Das eine wie das andere bewirkt bei mir das gleiche: das erleichternde Gefühl, wieder daheim zu sein.

Aber nicht nur des Ölbergs wegen ist Ittenbach besonders geeignet, Heimat zu sein. Noch wichtiger sind dafür die Überschaubarkeit seiner Verhältnisse und seine Bewohner. So weit das Auge reicht: kein Hochhaus. Rechterhand das fränkische Hofgeviert unseres Nachbarn Leven, bei dem ich mit der Milchkanne die frisch gemolkene Milch hole; linkerhand Einfamilienhäuser aus den 30er, den 50er und 60er Jahren, dazwischen Birken, Tannen, Fichten und Wildkirschen, die einen einstigen Steinbruch überwuchern.

Keine zwei Minuten Fußweg, und schon stellt mich die Weggabelung vor die schwere Entscheidung, ob ich den Waldweg zur Frühmesseiche oder den Feldweg in die Mark einschlage. Entscheide ich mich für letzteres, so ist mir das Wiehern von Shanty gewiß. Daß ihre Begrüßung dem Würfelzucker gilt, den ich nicht vergessen darf, stört nicht, im Gegenteil: klare Interessenslagen machen Beziehungen verläßlich - in Bonn wie in Ittenbach.

Aber nicht nur Shanty kennt mich längst. Ihr Besitzer, mit dem mich inzwischen eine alte Hundefreundschaft verbindet, mein Nachbar Leven und seine Namensvettern, der Gärtner und der Schreiner – sie alle grüßen mich wie ich sie mit Namen und dann folgt, wenn es die Zeit eben zuläßt, ein kleiner Schwatz übers Wetter oder, wenn es sich nicht vermeiden läßt, über die Politik. Unten, rund um den Marienplatz, hat das Dorf sein Zentrum bewahrt. Dort stehen die große graue Wallfahrtskirche, das kleine Altenheim, die Schule und natürlich die Geschäfte, die Ittenbach so attraktiv machen: Der Metzger Haags und der Lebensmittelhändler Halm, der mich mit immer gleicher Freundlichkeit mit Früchtejoghurt ebenso wie mit einem ordentlichen Barolo zufriedenstellt, die „Alte Post“ und eine schicke Boutique, vor allem aber der Bäcker Blesgen, aus dessen Laden morgens früh der Duft frischen Brotes herausweht.

Auf dem steilen Weg vom Dorfplatz zu unserem Haus begegne ich gelegentlich unserer betagten Nachbarin. Was dann geschieht, ist längst Routine: Ich halte an und öffne die Tür, sie tritt vom Bürgersteig wortlos auf die Fahrbahn, steigt ein, strahlt und sinkt mit einem Seufzer der Erleichterung in den Beifahrersitz. All das ist ebenso sicher wie ihr "Vielen Dank, Herr Feldmeyer, und noch einen schönen Tag", mit dem sie sich verabschiedet.

Was von alledem zu Ittenbachs Charme am meisten beiträgt - wer will das entscheiden? Eines aber kann ich versichern: Alles zusammen ergibt eine ziemlich unwiderstehliche Mischung."

Karl Feldmeyer, geb. am 30.11.1938 in Mindelheim/Oberschwaben, gestorben am 18.12.2006 in Berlin, hat von 1976 an über 20 Jahre lang auf dem Lahr in Ittenbach gelebt. In Mainz hatte er Geschichte und Politikwissenschaft studiert und seit 1971 für die FAZ gearbeitet. Seine Schwerpunkte als Bonner Korrespondent für die FAZ waren Deutschland-Politik, Sicherheitspolitik und CDU/CSU.

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