Aufnahme: 1949

Der Lehrer, die Kinder und das Grundgesetz

Artikel von Helmut Herles aus dem Jahr 2009 anlässlich 60 Jahre "Verkündung des Grundgesetzes und Ausrufung der Bundesrepublik" 1949 in Bonn, an der der ehemalige Ittenbacher Lehrer Harry Schillings mit allen Schulkindern teilgenommen hat. Der Artikel ist sowohl in der Festschrift zum 60-jährigen Bestehen des Bürgerverein VVI e.V. (siehe im Museum unter "Schriften") als auch im Bonner General-Anzeiger vom 8. Mai 2009 erschienen:

"Harry Schillings fuhr am 23. Mai 1949 mit seinen Schützlingen zur Ausrufung der Bundesrepublik nach Bonn. Ja, es gab und gibt solche Lehrer. Die mehr als ihr Pensum zwischen Pauken und Pausen schaffen. Und das kann schwer genug sein. Einer davon war der Hauptlehrer Harry Schillings (1902 - 1964) an der Ittenbacher Schule. Er hat Verfassungspatriotismus vorgelebt und dazu erzogen, bevor dieser politische Begriff erfunden war. Indem er am 23. Mai 1949 nicht im Dorf blieb, sondern seine Schüler in die provisorische Bundes-Hauptstadt Bonn führte. Provisorium - das nahm damals jeder ernst. Vielleicht auch wegen der ur-rheinischen Erfahrung, dass Provisorien besonders lang halten. Daran hat Harry Schillings natürlich nicht gedacht, als er mit seinen Kindern aus dem Siebengebirge an den Rhein fuhr. Er war der Herkunft nach ein Patriot aus Berlin und dem deutschen Osten, in der Aegidienberg und Ittenbach zum Rheinländer wurde. Seinem in Ittenbach lebenden Sohn Heiner hat er beides vererbt, die rheinische Verwurzelung und die Neugier auf Masuren oder Schlesien. Der Hauptlehrer führte mit klarer Handschrift eine Schul-Chronik, unter Einschluss der Ergebnisse der ersten Bundestagswahl im Dorf am 14. August 1949 mit sehr großer CDU-Mehrheit und einem Kommentar zur Ausrufung der DDR am 7. Oktober: „Damit ist die Trennung zwischen Ost und Westdeutschland scheinbar vollendet. Es ist nicht abzusehen, wann wir wieder ein einziges Deutschland sein werden. Trotzdem geben wir die Hoffnung nicht auf.“ Schillings Chronik ist ein Zeugnis der frühen Bundesrepublik, ihrer Hoffnungen, aber auch ihrer Verklemmungen im Konfessionalismus, den sie erst nach und nach überwand. Übrigens nicht zuletzt mit dem Erfolg der CDU als erster „ökumenischer" Partei. Das war sie örtlich 1949 erst im Ansatz, sonst hätte der Hauptlehrer nicht katholischen Eltern mit Erfolg trotzen müssen, die wegen der Anstellung des ersten evangelischen Lehrers Rudolf Moritz am 1. Juli 1949 den Schulboykott für 41 katholische Kinder ausgerufen hatten. Aber auch diese Eltern hatten zuvor nichts dagegen, dass Schillings mit allen Kindern beider Konfessionen am 23. Mai 1949 bei der Verkündung des Grundgesetzes und der Ausrufung der Bundesrepublik in Bonn war. Seine Begründung ist es wert, nicht vergessen zu werden: „Wenn es sich auch um ein Provisorium handelt, da die Ostzone zwangsläufig ausgeschlossen bleiben muss, so ist dieser Tag trotzdem nicht leicht zu überschätzen. Von heute an leben wir Deutsche nicht mehr im Nichts, sondern wieder in einem Staatswesen. Und es ist erschreckend, wie gering der Widerhall dieses Ereignisses in der breiten Volksmasse ist. Ich bin nach Bonn gefahren, um den Kindern die Wichtigkeit des Tages nahezubringen. Wenn wir auch außer der beflaggten Akademie und einer Anhäufung luxuriöser Autos kaum etwas sahen, die Kinder sind jedenfalls mit einem Ahnen davon heim gekommen, dass sie an einem tief einschneidenden Ereignis teilgenommen haben." Aus gleicher Motivation wäre er gern zur ersten Rede des neuen Bundespräsidenten Theodor Heuss auf dem Bonner Marktplatz am 12. September 1949 mit seinen Schülern erschienen, nachdem er notierte, dass an jenem Tag auch der Bundeskanzler Konrad Adenauer vom Bundestag mit nur einer Stimme Mehrheit gewählt worden war: „Mit Präsident und Kanzler bekommt unser Staatswesen endlich ein Gesicht und wird aktionsfähig. Die Anteilnahme der Bevölkerung war wesentlich größer als bei der Ausrufung der Bundesrepublik, zumal die entscheidenden Sitzungen durch Rundfunk übertragen wurden." An jenem 12. September holte sich das Staatsoberhaupt „das Vollwort des Volkes" ein, um es in den Worten von Heuss zu sagen. „Aber die erste Ansprache des Präsidenten an das Volk lag leider in den Abendstunden." So schrieb der Geschichtszeuge Harry Schillings. Ohne hinzufügen, dass die Busverbindungen am Abend von Bonn nach Ittenbach offensichtlich schon 1949 so schlecht waren wie heute."

Politische Hintergründe zur doppelten Staatenbildung 1949 finden Sie bei der Bundesanstalt für politische Bildung - siehe Link unten

Zum Bild: Konrad Adenauer spricht im Parlamentarischen Rat.

Bildunterschrift: Als Konrad Adenauer die Bundesrepublik ausrief, waren die Ittenbacher Zeitzeugen ganz in der Nähe.

Quelle
General-Anzeiger Bonn vom 08.05.2009 (und Festschrift VVI 2009)
Zur Verfügung gestellt von
Annette Hirzel bpb-Artikel zur doppelten Staatenlösung
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