Aufnahme: 1941

Ein wilder Hühnerhaufen, aufgescheucht von Petra Büllesfeld - und die Sache mit dem Zuchthahn von Professor Müller

Unweit der ehemaligen alten Schmiede Unter der Linde mit Blick Richtung Hardtweg scheint die kleine Tochter des Schmieds Fritz Büllesfeld ihren Spaß am wilden Hühnerhaufen zu haben.
Hier mag sich auch "Die Sache mit dem Zuchthahn", von der der Ittenbacher Dichter und Geschichtenschreiber Manfred Wilhelmy zu berichten weiß, zugetragen haben:

"Am Ende der Gefällestrecke der Fahrstraße von der Margarethenhöhe nach Ittenbach steht im Ortsteil "Unter der Linde" ein kleines Fachwerkhaus, das einem Professor Müller aus Bonn gehörte und von diesem als Wochenendhaus genutzt wurde. Der Professor galt – obgleich allseits hoch geachtet - bei den Dorfbewohnern als Sonderling. Das mag an einer oder mehrerer seiner Eigenheiten gelegen haben, die ihn die Akzeptanz im Dorf gekostet haben und ihn zum Ziel einiger grober Streiche werden ließen. Das große, an das Haus anschließende Grundstück gestattete es dem Herrn Professor, sein privates Vergnügen der Hühnerzucht extensiv ausleben zu können.

Akribisch, wie der Herr Professor Müller als Wissenschaftler nun einmal in all seinem Tun war, betrieb er wohl auch seine Hühnerzucht. Um in dieser Sache ein in seinen Augen ansehnliches Ergebnis zu erzielen, musste er sich einen ausgesucht leistungsfähigen Zuchthahn zulegen, was die Hühnerhalter im Dorf sicherlich mit Kopfschütteln und spöttischen Bemerkungen begleitet haben dürften. Man darf gewiss auch davon ausgehen, dass das viele Geld zum Erwerb eines Prachtstücks bei dem Professor keine übergeordnete Rolle gespielt hat. Indessen dürfte das Unverständnis bei den Dorfbewohnern sich aber vermehrt haben. Es ist daher zu vermuten, dass den Dorf-Burschen ein solches Maß an Sonderlichkeit nunmehr hinreichend Anlass bot, dem "Spinner" eine Lektion zu erteilen und gleichzeitig diesen kauzigen Kalfaktor zu ärgern.
In unserem Dorf gab es seinerzeit nur ganz wenige Telefone. Die Leute überbrückten noch zu meiner Jugendzeit den Mangel dadurch, dass die Telefonbesitzer ihren Nachbarn Bescheid gaben, wenn ein Anruf für sie einging. Die Telefonbesitzer nahmen die Gefälligkeit für ihre Nachbarn willig und ohne Murren auf sich, denn zum einen geschah derlei selten, und zum anderen war Nachbarschaftshilfe in vielerlei Hinsicht eine Selbstverständlichkeit. Oftmals ging es nur um Kleinigkeiten wie eine Tasse Mehl, die jemandem im Augenblick fehlte.
Anders als derzeit bestand bei den meisten Leuten eine gewaltige Scheu, um nicht zu sagen Angst, ein Telefon zu benutzen. Wenn also ein Mensch mit schlichtem Gemüt, wie es dem alten Holler zu eigen war, zu dem suspekten "Teufelsgerät" gerufen wurde, lagen dem in mehrfacher Beziehung die Nerven "blank", denn nicht nur eine eventuell zu erwartende schlimme Nachricht, sondern auch die Aussicht, in ein Telefongerät hinein sprechen zu müssen, verursachte enormes Herzklopfen.
Einige Burschen hatten Zugang zu einem Telefon, von dem aus sie eines abends den Herrn Holler zum nachbarlichen Apparat zitieren ließen, mit dem Hinweis, der Herr Professor möchte ihn dringend telefonisch sprechen. Die Aufgeregtheit und die verzerrte Sprachqualität der damaligen Telefone hinderten den alten Holler daran, seinen Herrn an der Stimme zu erkennen. Im Übrigen wäre er aber auch nicht im Entferntesten darauf gekommen, dass jemand Anderer ihn in dieser Art und Weise narren wollte. Einer der Burschen gab sich als Professor Müller aus und trug dem seinem "Verwalter" auf, den Zuchthahn zu schlachten und den dann sofort zu ihm nach Bonn zu bringen. Der alte Holler glaubte sich verhört zu haben und fragte ungläubig, ob er wirklich "Zuchthahn" gehört habe. Der Anrufer spielte noch kurz den ob solcher Rückfrage aufgebrachten Professor, bejahte energisch die Frage und legte auf, um sich endlich vor Lachen auszuschütten, was die anderen bereits im Hintergrund während des Telefonats wonniglich taten und sich die Hände rieben.
Der Holler wird vielleicht "gedient" haben und hatte von daher den Spruch "Befehl ist Befehl" verinnerlicht. Deshalb schob er alle Bedenken beiseite, kam der Aufforderung seines hohen Herrn nach, schlachtete den Hahn und machte sich grimmig mit dem Tier nachts zu Fuß auf den etwa zwanzig Kilometer langen Weg nach Bonn. Dort angekommen klingelte er den Herrn Professor zu nächtlicher Stunde aus dem Bett. Dem Vernehmen nach soll der alte Holler das Tier dem völlig verdatterten Professor, der nicht wusste, wie ihm geschah, verärgert vor die Füße geworfen und gesagt haben: "Da habt Ihr Euren Zuchthahn!"
Ich habe nie gehört, dass es in dieser Sache Ermittlungen polizeilicher oder privater Art gegeben hat. Denn, abgesehen von der wesentlich geringeren Neigung der Leute von damals, die Polizei herbei zu rufen, wäre aber auch dergleichen im Sande verlaufen, weil die heutigen kriminologischen Mittel den damaligen Ermittlern in Sachen Strafverfolgung noch nicht zur Verfügung standen.
Nun hätte man meinen können, dass das Maß der Foppereien übervoll gewesen sein müsste. Aber die Sache fand folgende Fortsetzung:
Um seine Hühnerzucht fort zu führen, musste man erneut einen Zuchthahn erwerben. Der krähte dann auch eines schönen Tages im Hühnerhof des Professors. Dort blieb er nicht lange, weil er in einem unbewachten Augenblick von einigen Burschen eingefangen und irgendwo eingesperrt wurde. Der Professor soll dem Vernehmen nach angenommen haben, dass dem Hahn seine neue Heimstatt wohl nicht gefallen und er sich vergleichbar mit dem Artgenossen bei den Bremer Stadtmusikanten auf und davon gemacht habe. Nach einiger Zeit nahmen die Burschen den Hahn und warfen ihn über den Zaun von Professors Gehege zurück zu seinen Hühnern. Der verärgerte Professor soll dem für untreu gehaltenen Hahn seinen Ausflug nicht verziehen haben und dessen offensichtliche Unzuverlässigkeit durch eigenhändiges Köpfen bestraft haben."

Manfred Wilhelmy

Mehr zum Ittenbacher Prof. Müller findet sich im Raum "Persönlichkeiten und Originale", Vitrine "Prof. Josef Müller".

Ein Bild von Prof. Müllers Wohnhaus mit der Geschichte, wie die Ittenbacher Dorfjugend dem Hern Holler einen üblen Streich spielte, finden Sie im Link unten

Zur Verfügung gestellt von
Peter Heider (Foto); Manfred Wilhelmy (Anekdote) Wie Herr Holler Opfer eines üblen Streichs wurde
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