Aufnahme: 1940 (ca.)
Herr Holler und wie Jugendliche in "früheren Zeiten" ihm übel mitspielten
Manfred Wilhelmy erinnert sich:
Sollte jemand die Meinung vertreten, dass in "früheren Zeiten" weniger Streiche verübt worden seien, so vermag ich den mit nachfolgenden Geschichten davon zu überzeugen, dass es vom harmlosen Schabernack bis zum groben Streich, zumindest in unserem Dorf, eine ganze Menge Vorkommnisse gegeben hat, die man diesem Themenkreis zuordnen kann. Daran waren sowohl Jugendliche, wie auch alte Leute in einem Maß beteiligt, das heutzutage einen ausreichenden Anlass zur strafrechtlichen Verfolgung begründen würde. Man kann aber darüber hinaus getrost davon ausgehen, dass zu allen Zeiten und anderen Orten Ähnliches, oder sogar Schlimmeres, verübt worden ist wie das, wovon im Folgenden von unserem Dorf berichtet wird:
Dieses kleine Fachwerkhaus "Unter der Linde" gehörte einem Professor Müller aus Bonn und wurde von diesem als Wochenendhaus genutzt. Der Professor galt – obgleich allseits hoch geachtet - bei den Dorfbewohnern als Sonderling. Das mag an einer oder mehrerer seiner Eigenheiten gelegen haben, die ihn die Akzeptanz im Dorf gekostet haben und ihn zum Ziel einiger grober Streiche werden ließen. Das große, an das Haus anschließende Grundstück gestattete es dem Herrn Professor, sein privates Vergnügen der Hühnerzucht extensiv ausleben zu können.
Da er nur zum Wochenende hierfür Zeit und Muße fand, kümmerte sich ein alter Mann namens Holler als Faktotum um Haus und Hof. Der Herr Holler war damit zufrieden, in einer kleinen Bude in der Nähe von Professors Anwesen zu hausen.
Die Dachdeckung der Bude bildete gleichsam die Decke der Behausung.
Die in den Augen der Dorfbewohner völlig abnorme Lebensweise des Alten hätte wahrscheinlich an sich ausgereicht, um von ihnen nicht nur verachtet und daher ausgegrenzt, sondern zudem wo immer sich die Möglichkeit bot, von Jugendlichen geärgert zu werden. Man kann vermuten, dass die Beziehung des Alten zu dem Professor den Anreiz zur Fopperei noch verstärkte. Darüber hinaus verschaffte es den Burschen des Dorfes einen Nervenkitzel.
Über der Bleibe des Herrn Holler breitete ein mächtiger Baum mit ausladender Krone seine Äste aus. Während der Abwesenheit des Alten nutzten einige junge Burschen aus dem Dorf die Gelegenheit, unbemerkt eine lange Schnur über einen Baumast zu legen, die auf dem Dach landete und an deren Ende sie einen Backstein verknoteten. Wenn nun in sicherer Entfernung an der Schnur gezogen wurde, hob sich der Stein. Beim Loslassen der Schnur landete er dann wiederum deutlich hörbar auf der Dachdeckung. Des Nachts kosteten die Burschen ihre Vorbereitungen aus und warteten gespannt auf die Reaktion. Wie absehbar erkundigte sich der Herr Holler nach dem Geräusch zunächst, ob jemand in der Nähe sei. Die abwartende Stille unterbrach das Geräusch, mit dem der Stein erneut auftraf. Dieses Mal hatte der alte Holler den Eindruck, dass jemand auf das Dach gestiegen war. Dem entsprechend forderte er zum sofortigen Verlassen des Daches auf.
Das neuerliche Gepolter auf dem Dach brachte den Alten in Rage, er warnte den "Poltergeist" und drohte damit, zu schießen, wenn der Spuk nicht augenblicklich aufhöre. Man wusste, dass der alte Holler eine Schrotflinte besaß, konnte aber gefahrlos die Sache auf die Spitze treiben und den Stein noch mehrmals kräftig hinab sausen lassen, bevor es knallte und die Schrotflinte ein Loch ins Dach schoss.
Danach hatten die Übeltäter ihr Ziel erreicht und mussten schleunigst verschwinden, damit der aufgestaute Lachreiz Luft bekam. Außerdem war zu befürchten, dass der gereizte Alte aus dem Haus heraus stürzte und in seiner Wut auf sie schießen würde. Der Holler hatte ein Loch im Dach, aber seine Ruhe und die Burschen etwas, was sie erzählen konnten. Der Lacherfolg war ihnen dabei sicher. Die Sache ist nach vielen Jahren, die seither vergangen sind, den Nachfahren bis heute im Gedächtnis geblieben und wird gelegentlich erzählt, obgleich die Beteiligten mittlerweile bereits lange verstorben sind.
Eine weitere Geschichte über einen der mehr oder weniger üblen Streiche, die die Dorfjugend dem Herrn Holler spielte, finden Sie im Link unten
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