Aufnahme: 1960
Das Betriebs- und Wohngebäude der Wirkerei Wilhelm Huber 1957 bis 1973 (heute Haus der Jugend, Dollendorfer Straße 98)
Gewirkte Stoffe aus Oberpleis – eine (kurze) Firmen- und Familiengeschichte
Welch eine Enttäuschung nach nur wenigen Monaten in der neuen Heimat. Erst im Herbst 1956 war die Familie nach Oberpleis gekommen, um hier nun endlich eine dauerhafte Bleibe zu finden, weil mein Vater Wilhelm Huber, damals 52 Jahre alt, hier bei der Fa. Bürlina Wirkwarenfabrik als technischer Leiter eine seinen Fähigkeiten entsprechende Anstellung gefunden hatte. Und der Ort Oberpleis mit seiner schönen Umgebung fand auch bei meiner Mutter Friederike und meiner Schwester Thusnelde große Zustimmung. Ich selbst war damals dank eines großzügigen Stipendiums in einem Internat der evangelischen Kirche in Oberhessen untergebracht.
Vorausgegangen waren schon viele Veränderungen im Leben meiner Eltern. Die Flucht aus der DDR war gerade ein Jahr her, wo die Familie nach der Flucht in 1945 für 10 Jahre lebte. Mein Vater war zum Glück schon 1946 und ohne bleibende gesundheitliche Schäden aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Bitterfeld in Sachsen Anhalt heimge-kehrt. Hier hatte er bei Agfa Wolfen eine seiner beruflichen Qualifikation entsprechende Anstellung als Werkmeister im Textilbereich gefunden.
Die Heimat meiner Eltern lag allerdings viel weiter im Südosten Europas. Sie waren beide Nachfahren deutscher Auswanderer, die Ende des 18. Jahrhunderts von Maria Theresia als Kolonisten in die Bukowina (Buchenland) angeworben worden waren. Sie lebten dort in der Hauptstadt Czernowitz, die heute eine Provinzhauptstadt in der Ukraine ist.
Die Bukowina war das östlichste Kronland der Habsburger Monarchie und sollte nun nach jahrhundertelangem Dornröschenschlaf unter türkischer Herrschaft zivilisiert und entwickelt werden, was in erstaunlich kurzer Zeit gelungen war. Die Vorfahren meines Vaters stammten vorwiegend aus dem heutigen Rheinland-Pfalz, die meiner Mutter aus Schwaben und Böhmen.
Nach dem ersten Weltkrieg kam die Bukowina zu Rumänien, und meine Eltern wurden somit rumänische Staatsbürger. Mein Vater erlernte einen damals sehr modernen Beruf in einem Textilunternehmen, das sich u.a. mit der Verarbeitung der neuen synthetischen Fasern zu neuartigen Stoffen beschäftigte. In 1930 zog diese Firma und so auch mein Vater nach Bukarest in die Hauptstadt Rumäniens, meine Mutter folgte nach der Hochzeit 1935 nach. Aber 1940 wurden alle Buchenlanddeutschen auf Grund des Hitler-Stalin-Paktes "Heim ins Reich" umgesiedelt, wo meine Eltern schließlich in Litzmannstadt, dem urpolnischen Lodz, eine neue Heimat finden sollten, und wo ich in 1942 geboren wurde. Mein Vater wurde hier als technischer Verwalter eines Textilunternehmens mit dem schönen Namen "Tamara" eingesetzt, das vornehmlich Socken für die deutsche Wehrmacht produzierte. Aber schon nach kurzer Zeit wurde mein Vater auch noch zum Kriegsdienst an die Ostfront einberufen. Meine Mutter flüchtete Anfang 1945 mit meiner 4-jährigen Schwester und mir sowie ihren Eltern, um schließlich, wie schon erwähnt, in Bitterfeld zu landen.
Und nun sollte mit der neuerlichen Flucht 1955 in die Bundesrepublik nochmals ein Neuanfang gemacht werden. Nach kurzen Zwischenstationen in Frankfurt am Main und Rottenacker an der Donau (südlich von Ulm) landeten meine Eltern voller Hoffnungen und Zuversicht im schönen Oberpleis. Zwar gab es hier keine Wohnung, so dass sie zunächst notdürftig mit zwei Mansardenzimmern im Betriebsgebäude der Firma an der Dollendorferstraße, dem heutigen "Haus der Jugend", vorlieb nehmen mussten, aber das konnte den Optimismus nicht trüben. Und nun das: nach wenigen Monaten der Konkurs der Fa. Bürlina und somit wiederum kein Geld. Ersparnisse gab es keine, und Hilfen von anderen Stellen gab es in der neuen Heimat auch keine. Die Verzweiflung steigerte sich von Tag zu Tag, und Aussicht auf ein Ende dieser neuen Wirrnisse bestand kaum.
Und doch gab es nach einigen Wochen einen Hoffnungsschimmer, denn die Hauptgläubiger der Konkursfirma, die großen Garnlieferanten Bayer AG, Dormagen und Vereinigte Glanzstofffabriken AG aus Wuppertal sowie der Maschinenlieferant Mayer aus Obertshausen (bei Frankfurt am Main) suchten verzweifelt nach Verwertungs-möglichkeiten ihrer Sicherungsgüter. Schließlich boten Sie meinem Vater an, ihm die technischen Einrichtungen darlehensweise zu überlassen und für eine gewisse Auslastung zu sorgen, wenn er sich auf reine Lohnarbeiten beschränken und darüber Entwicklungsarbeiten für sie zur Erschließung neuer Verarbeitungstechniken synthetischer Garne (Polyamide, z.B.Perlon und Nylon) durchführen würde.
Mein Vater, der schon immer eigenunternehmerisch tätig sein wollte, erklärte sich dazu bereit, während meine Mutter strikt gegen dieses neue Risiko war, aber schließlich mangels Alternativen auch keine andere Lösung unserer Probleme sah. Und so startete die neue Firma "Wirkerei Wilhelm Huber" am 1. Juli 1957 im Gebäude des jetzigen "Haus der Jugend", das im Eigentum der Gemeinde Oberpleis stand und für zunächst 10 Jahre angemietet wurde, und nach Beseitigung aller überflüssigen Altbestände konnten auch eine Küche und zwei akzeptable Wohnräume hergerichtet werden, so dass nun auch in der neuen Firma ordentlich gewohnt werden konnte.
Das Geschäftsmodell ging auf: Gearbeitet wurde im 3-Schicht-Betrieb "rund um die Uhr", und die monatlichen Tilgungsraten der Darlehen konnten planmäßig geleistet werden. Hergestellt wurden gewirkte Stoffe, die von den Auftraggebern verkauft und von deren Kunden vornehmlich zu Damen-Unterwäsche (u.a. "Petticoats"), zu Nachthemden und anderen Wäschestücken verarbeitet wurden. Im Untergeschoss befanden sich zwei Maschinensäle mit zunächst sechs, bald aber insgesamt 9 sogenannten "Kettenstühlen", einem Schärgerät und einem Lagerraum für die Fertigware. Im Erdgeschoss waren neben den Wohnräumen die Lagerräume für Rohmaterialien untergebracht, und im Obergeschoss lagerten alle möglichen Hilfsstoffe, zunächst nicht benötigte Nähmaschinen aus der Konkursmasse und jede Menge Stoffe unterschiedlichster Art.
Wirkwaren beruhen im Gegensatz zu gewebten Stoffen auf Maschenbildung, ähnlich der Stricktechnik. Diese Verarbeitung von Garnen, die sich auf zwei Kettbäumen mit je bis zu 2.500 Einzelfäden befinden, war zur damaligen Zeit vornehmlich für synthetische Fasern geeignet.
1958 kehrte auch ich als damals 16-jähriger Schüler heim, denn in unserem Betrieb wurde zusätzliche Muskelkraft neben der meines Vaters benötigt. Vor allem das Be- und Entladen der LKWs und das Verpacken fertiger Stoffe in Kartons und Kisten wurde meine Arbeit neben dem Besuch des Gymnasiums in Siegburg. Mein Vater stellte die Kettbäume zusammen und bestückte die Maschinen neben all den anderen Arbeiten, die in einem Industriebetrieb anfallen. Die Bedienung der Maschinen selbst oblag ausschließlich Frauen. Die Belegschaft umfasste neben den vier Familienmitgliedern zunächst sechs bis acht Mitarbeiterinnen. Meine Schwester, die inzwischen eine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen hatte, und meine Mutter erledigten die Büroarbeiten.
Nach etwa zwei Jahren in 1959 wollte sich mein Vater allmählich aus der Abhängigkeit der Konzerne befreien und neben dem Lohngeschäft auch eigene Stoffe produzieren und zu Wäschestücken verarbeiten. Nähmaschinen und eine große Zuschnittplatte waren noch von der Vorgängerfirma vorhanden. Nach vorsichtiger Kontaktaufnahme mit potentiellen Kunden wagte er den Schritt, engagierte eine Direktrice, die Kollektionen entwarf und engagierte etwa 10 Näherinnen. Hinzu kam noch etwa die gleiche Anzahl von Heimarbeiterinnen. Er vereinbarte die Zusammenarbeit mit einem Import-Exporthändler aus Amsterdam, der sich zur Abnahme des größten Teils der eigenen Ware verpflichtete. Das Geschäft ließ sich gut an, die Zahl der verkauften Blusen, Kittel und Damenunterwäsche stieg von Monat zu Monat, aber leider wuchsen auch die Außenstände, die, wie damals üblich, zum großen Teil aus Wechselforderungen bestanden.
Anfang 1961 trat die Katastrophe ein: Der Partner aus Amsterdam war spurlos verschwunden, von ihm und unserer Ware konnte auch mit Hilfe der holländischen Polizei und von Detektiven keine Spur gefunden werden, und unsere erheblichen Forderungen mussten abgeschrieben werden: Das Geld war weg. Mein Vater stand wieder ganz am Anfang, Rücklagen im Unternehmen gab es keine, alles bisher verdiente Geld war entweder zur Darlehenstilgung oder in den Aufbau des neuen Geschäftszweiges investiert worden.
Aber auch dieser Rückschlag wurde schließlich überwunden. Das riskante Eigengeschäft wurde wieder aufgegeben und die Näherei an ein größeres Unternehmen verpachtet. Meine Schwester leitete nun diesen Pachtbetrieb, während ich nach gerade bestandenem Abitur und Beginn meines Volks- und Betriebswirtschaftsstudiums in Köln nebenher nun auch die Buchhaltungs- und andere Büroarbeiten übernahm. Außerdem machte ich mit frisch erworbenem Führerschein Auslieferungsfahrten vornehmlich nach Wuppertal, ins Rhein-Main-Gebiet und sogar auch bis in die hessische Rhön.
Mein Vater tüftelte aber immer weiter daran, gewirkte Stoffe auch für andere Verwendungen einsetzbar zu machen. Dazu waren immer neue Garnqualitäten nötig, die in Zusammenarbeit mit den großen Konzernen entwickelt wurden. Auch neue Ausrüstungstechniken in entsprechenden Färbereien und Ausrüstungsbetrieben, die die Verarbeitungsmöglichkeiten erweitern sollten, wurden erforderlich. Ein Ergebnis dieser Tüfteleien waren die berühmt-berüchtigt gewordenen "Nyltesthemden", die ab Mitte der 1960-er Jahre Marktreife erlangt hatten und zunächst eine große Zukunft versprachen. Endlich könnte der Traum vom absolut bügelfreien Oberhemd realisiert werden, und in der Wirkerei Wilhelm Huber kam die Produktion dieser zunächst sehr begehrten Stoffe kaum nach. Die Belegschaft stieg zeitweise auf bis zu 40 Personen einschließlich der verpachteten Näherei. Leider aber hatten die Hemden und andere Kleidungsstücke wie z.B. Arbeitskittel für Friseure und ähnliches, die nun aus diesen Stoffen hergestellt wurden, einen großen Nachteil: sie waren leider nahezu luftundurchlässig und führten bei den Trägern naturgemäß zu vermehrter Schweißbildung mit allen negativen Folgeerscheinungen. Und so war diese etwa zweijährige Boomzeit ähnlich schnell wie sie gekommen war auch wieder verschwunden.
Dennoch bescherte diese Episode dem Unternehmen doch eine verbesserte Kapitalbasis. Die Altschulden konnten endgültig und vollständig getilgt werden, und mein Vater hielt Ausschau nach einem geeigneten Ort für ein größeres und moderneres Betriebsgebäude, zumal die Gemeinde Oberpleis den auslaufenden Mietvertrag zwar verlängerte, aber nicht bereit war, das Anwesen zu verkaufen, was mein Vater immer wieder anstrebte, um endlich auch die ihm notwendig erscheinenden Umbau- und Modernisierungsmaßnahmen durchzuführen. Außerdem war die Familie in 1965 in ihr neu errichtetes Eigenheim "Auf dem Oberen Auel" umgezogen, und die bislang verpachtete Näherei war inzwischen samt Maschinen und sonstigem Inventar verkauft worden. Das Unternehmen wurde in 1968 in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt, die Wirkwarenfabrik Wilhelm Huber KG, mit meinem Vater als persönlich haftendem Komplementär und meiner Schwester und mir als Kommanditisten.
Und ein neues Anwendungsgebiet für gewirkte Stoffe wurde zur Marktreife gebracht: Velourstoffe, die als quasi Samtersatz große Einsatzmöglichkeiten versprachen. Bezugsstoffe für Sitzmöbel und Autositze, für Stores, Vorhänge in Theatern und vielen anderen Bereichen waren nun neue Absatzmöglichkeiten. Die Herstellung und vor allem Ausrüstung dieser Stoffe war technisch sehr anspruchsvoll, aber mein Vater tüftelte gern und ausdauernd, und er ließ sich auch von Rückschlägen und Enttäuschungen auf diesem Gebiet nicht entmutigen. Und es gelang Anfang der 1970-er Jahre auch hier, einsatzbereite Stoffe den jeweiligen weiterverarbeitenden Unternehmen zur Verfügung zu stellen.
Leider aber stellten sich bei meinem Vater - inzwischen längst im "Rentenalter" - zunehmend altersbedingte Krankheiten ein, die ihn immer öfter und nachhaltiger an der Arbeit hinderten. Beide Kinder hatten kein Interesse, den Betrieb fortzuführen, da ihnen dafür die technischen, wirkereispezifischen Voraussetzungen fehlten. Für reine Produktionsbelange war der Standort im teuren Rheinland auf Sicht nicht geeignet, zumal damals schon gerade für die Textilindustrie neue Produktionsstandorte in Südeuropa, in einigen sozialistischen Ländern und teils auch schon in Südostasien mit erheblich niedrigeren Kosten erschlossen wurden. Und für technische Entwicklungs- und Pionierarbeiten, wie sie von meinem Vater vorrangig und erfolgreich betrieben wurden, sind Fachkenntnisse und auch einschlägige Erfahrungen unabdingbar.
Wir entschlossen uns daher in 1972 zu einer planmäßigen stillen Liquidation des Unternehmens, die dann auch bald eingeleitet wurde und Ende 1973 abgeschlossen werden konnte. Eine Entscheidung, die meinem Vater nicht leicht gefallen war. Leider ereilte ihn aber schon bald in 1974 ein schwerer Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholen sollte, und an dessen Folgen er im Januar 1976 starb. Er wurde, wie auch meine Mutter, die im Oktober 2000 verstorben ist, auf dem Oberpleiser Friedhof beerdigt.
An diese insgesamt 23 Jahre währende industrielle Tätigkeit, davon 16 Jahre als Wirkerei Huber mit zum Teil bahnbrechenden Neuerungen auf dem Gebiet der Wirkwarenherstellung und -Verarbeitung, erinnert außer dem Gebäude selbst, das äußerlich nahezu unverändert geblieben ist, im heutigen "Haus der Jugend" nichts mehr. Schade eigentlich, denn hier hatten in der damaligen Zeit nicht wenige Oberpleiser ihren Lebensunterhalt verdient und es herrschte immer ein sehr gutes Betriebsklima und eine enge Verbundenheit der Mitarbeiter mit der Firma und der Familie.?
Kurt Huber, im Juni 2014
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