Aufnahme: 1995

Bilder aus meiner Kindheit auf dem Hünscheiderhof

Aufgeschrieben von Berta Elisabeth Heinen, geb. Brassel

Die folgenden Zeilen oder Abschnitte gehören zum Teil zu dem Gebiet der Memoiren oder Erinnerungen, die meistens den Lebensweg der erzählenden Personen beinhalten. Mein Anliegen ist etwa anderer Art; ich möchte Ereignisse und Situationen darin festhalten, die es, wie ich glaube, wegen ihrer Besonderheit verdienen, mitgeteilt zu werden. Es wäre schade, wenn sie im Zuge der sich dauernd verändernden Verhältnis verloren gingen. Das meiste habe ich selbst erlebt oder durch Schilderungen anderer erfahren. Zunächst einige Mitteilungen zum Entstehen meiner Familie: Meine Eltern heirateten im Jahre 1907; mein Va­ter war 38 Jahre und meine Mutter 26 Jahre alt. Die ersten beiden Jahre waren sie noch kinderlos, bis 1909 meine Schwester Greta geboren wurde. Für meinen Vater ging damit ein lang ersehnter Wunsch in Erfüllung. Kam er zum Mittagessen nach Hause, so mußte das Baby neben seinem Teller auf einem Kissen liegen. Er spielte jede freie Minute mit ihm. Doch bevor Greta richtig laufen konnte, brachte Mama Zwillinge zur Welt, zwei Mädchen. Die wogen zusammen so viel, wie Gretchen als Baby allein auf die Waage gebracht hatte. Sie waren so winzig, zum Gotterbarmen winzig. Aber Dr. Rehdanz, der glücklicherweise neben uns wohnte, war zuversichtlich. Durch seinen Einsatz, Papas Behutsamkeit und die ständige Hilfe einer Hebamme entwickelten sich die Zwillinge zur Freude der Eltern bald zu runden und gesunden Babys. Getauft wurden sie auf die Namen Anna Katharina und Maria Barbara. Diesen beiden Mädchen folgte zwei Jahre später Wilhelm, der Stammhalter. Im Jahre 1915 wurde Ferdinand geboren und 1916 noch einmal Zwillinge, ein Junge mit Namen Alois und ich als Mädchen mit Taufnamen Elisabeth. Gerufen aber wurde ich so lange ich denken kann, nur Berta, meiner beleidigten Patentante zuliebe. Mir war das gleichgültig, nur später, als ich zur Schule kam, hieß ich morgens Elisabeth und nachmittags zu Hause Berta.

Umzug auf den Hünscheiderhof
Geboren sind wir Kinder alle in Aegidienberg, wo mein Vater Angestellter der Linzer-Basalt-AG war. Wir bewohnten dort ein Haus, und Papa hatte sein Büro gleich nebenan. Es war daher sehr praktisch für ihn eingerichtet. Das hätte auch lange Zeit noch so bleiben können, aber der Erste Weltkrieg war mittlerweile ausgebrochen, und da man Steine nicht essen kann, beschlossen meine Eltern, auf den Hünscheiderhof bei Oberpleis überzusiedeln. Damit wurde die Ernährung für die so schnell groß gewordene Familie auch für die Zukunft sichergestellt. Auf diesem Bauernhof hatte meine Mutter ihre Kindheit verbracht und war dann bei den alten Leuten, Gebrüder Röttgen, und einer Tante wohnen geblieben, bis sie starben. Vorher hatte der Besit­zer Röttgen meine Mutter als Pflegetochter zur alleinigen Erbin von Haus und Hof eingesetzt. Im Frühjahr 1918 war es so weit: Meine Eltern zogen mit ihrer munteren Kinderschar wieder dorthin, wo Mama als Einzelkind aufgewachsen war. Meine älteren Geschwister erzählten, sie hätten sich beim Anblick der Gebäude und der weiten Wiesen vor Freude im Gras gewälzt. Damit hatten wir Kinder ein Paradies bekommen. Und unsere Eltern? Ich weiß es nicht. Unsere Mutter hatte es schwer mit ihren sieben Kindern und der schweren Arbeit auf dem Hof, trotz Magd und Knecht. Aber auch Papa mußte nun frühmorgens bei Wind und Wetter mit seinem Fahrrad nach Aegidienberg hinauf fahren.

Ein Gebet zum Tagesbeginn
Durch diesen Umstand wurde ich morgens auf besondere Weise aus dem Schlaf geholt. Alois und ich schliefen gleich neben dem Schlafzimmer unserer Eltern. Im Gegensatz zu Mama, die stets leise hantierte, hörte man Papa entsprechend seinem positiven Temperament meist überall. Beim ersten Lichtschein der Petroleumlampe, der in unser Zimmer drang, wurde ich schon wach. Mit viel Geräusch goss er aus einer Kanne das Waschwasser in die Schüssel. Gleichzeitig begann er dabei laut sein Morgengebet herzusagen. Den Anfang „Vater unser, - brrrrrr - der du bist im Himmel", - lautes Prusten - konnte ich noch verfolgen. Bearbeitete er aber sein Gesicht mit beiden Händen, daß es nur so klatschte, vernahm ich nur einzelne Worte. Nach einer kurzen Verschnaufpause folgten weitere Gebetsfetzen: „Zu uns komme dein Reich" wie auf Stelzen. Eine dann plötzlich eintretende Stille signalisierte uns: Papa rasiert sich. Endlich hörte ich seine Stimme wieder, er war jetzt schon beim Nachsatz seiner Gebete: „Herr, gib den abgestorbenen Seelen die ewige Ruhe, Amen." An diesem Satz habe ich lange herumgerätselt, wobei ich mir zusammenreimte: „Herr gib den Trepp­- herab-geschobenen die ewige Ruhe". So konnte ich seine morgendliche Toilette bis zum Anziehen seiner Schuhe miterleben, obwohl ich ihn gar nichts sah.

Diesen immer gleichen Tagesbeginn habe ich nie vergessen. Aus der Küche roch es nach Bohnenkaffee, nur für Mama. Alle anderen tranken selbst geröstetes Malzgetränk, das Papa mit heißer Milch und einem geschlagenen Ei aus einer Riesentasse trank. Pitter, der Knecht, mähte schon Viehfutter, und Anna melkte die Kühe. Kaum war Papa aus dem Haus, hörte ich Mama schon die Treppe heraufkommen. Es wurde Zeit für ihre Schul­kinder. Zuerst ging sie an Gretes Bett, dann zu Maria und Kathrinchen und zuletzt zu den beiden Jungen. Jedem Kind strei­chelte sie zuerst über den Kopf, und erst dann wurden wir geweckt. Alois und ich brauchten noch nicht zur Schule und verhielten uns ganz still. Meine Geschwister aber wurden laut; bald hörte ich sie in ihrem dicken Schuhzeug treppauf und treppab laufen, bis sie alle das Haus verließen. Ich lag noch eine Weile neben Alois und hörte dem Gezwitscher der Schwalben zu. Drei kleine Nester unmittelbar über unserem Schlafzimmerfenster. Ich meinte auch deutlich zu vernehmen, was  sie zwitscherten.  Papa hatte es uns genau erklärt: „Schüün, schüün sin die Määdche, Määdche! - Wenn du et esu wöß, wieß ech et esu weeß, wären se nit esu schüün, schüün schüün!" Und das wiederholten sie immer und immer wieder. Mittlerweile wurde der ganze  Hof laut. Pitter kam mit einer Fuhre Futter zurück. Aufgeschreckt flatterte das  Federvieh schnatternd durcheinander. Das geschah jedesmal, wenn Max mit seinen eisenbeschlagenen Hufen Funken aus dem Pflaster schlug. Erst das dumpfe Getrampel der Kühe, die von Anna mit freundlichen  „Keischen-,  Keischenrufen"  zur  Weide  getrieben wurden, brachten wieder Ruhe. Nun wurde es auch für Alois und mich Zeit, allmählich aufzustehen.

Das Brot wurde selbst gebacken
Nur wenige Ereignisse brachten Abwechslung in unser junges Leben, aber an die immer wiederkehrenden  Backtage erinnere ich mich sehr gerne. In  unserem Backhaus, nicht weit vom Wohnhaus entfernt, war ein großer Backofen eingebaut. Zwei Mulden standen bereit, eine große für das Schwarzbrot und eine kleinere für den Blatz. Am Abend vorher nahm mein Vater den Sauerteig  aus  einem  Steintopf, vermischte ihn mit  Mehl und Wasser und ließ den Brei bis zum anderen Morgen stehen. Am nächsten Tag wurde alles mit viel Mehl zu einem richtigen Teig vermischt, der nochmals einige Zeit ruhen mußte. In der Zwischenzeit bereitete unser Tagelöhner die Feuerung vor. Zuerst legte er Stroh in den Ofen, dann Reiser und darüber dicke Holzscheite. Das zündete er an und ließ es langsam abbrennen. Jetzt wurde der Teig noch einmal geknetet und gewirkt. Anfangs ging das noch mit den Händen, aber dann krempelte mein Vater die lange Hose hoch, zog Schuhe und Strümpfe aus und stieg nach mehr als gründlichem Waschen der Füße in die Mulde. Er trat und wirkte die zähe Masse so lange, bis sich der geschmeidige Teig vom Muldenrand löste.

Nun begann das Formen der Brote auf dem Eichentisch. Alois und ich durften dabei helfen. Es wa­ren in der Regel 30 Brote, die in den Ofen geschoben wurden. Während sie buken, wurden auch noch Blätze vorbereitet. Dieser Teig war weiß und süß, und wir durften kleine Wecken daraus formen. Hinterher waren die Ofensteine noch so heiß, daß wir auch noch Apfel- und Streuselkuchen backen konnten, der von Mama in der Küche vorbereitet wurde. Im Zusammenhang mit dem Backen fällt mir eine kleine Episode zum Nikolaustag ein. Wir mußten unsere Weckmänner, die fast so groß waren wie wir selbst, überall suchen. Sie strotzten vor Zuckerguß, und Augen, Nase und Mund waren durch getrocknete Pflaumen angedeutet. Willi fand seinen Weckmann im Backhaus selbst. Überglücklich stellte er ihn vor sich hin, und der Weckmann blieb stehen. „Mein Weckmann kann stehen", rief er ein übers andere Mal, und bei jedem Ausruf trat er voll Bewunderung einen Schritt zurück, immer weiter, bis er plumps hinter­rücks in die Mulde mit dem angesetzten Teig fiel. Ein jämmerliches Geschrei war das Ende seines Glücks.

Aufregende Schlachttage
So schön für uns Kinder die Backtage waren, so aufregend waren die Schlachttage. Es kam ein Metzger aus dem Nachbardorf, der mit seinen großen Messern zu wetzen und zu wirken begann. Beim Schlachten selbst durften wir nicht dabei sein. „Das ist kein Anblick für Kinder", sagte mein Vater und sperrte uns mit Mama in die gute Stube ein. Trotzdem hörten wir das entsetzliche Quieken der Schweine, was bewirkte, daß unser Ferdinand unversehens mitten im Zimmer ganz gelassen in Ohnmacht fiel. Von da an hatten wir nicht mehr den Wunsch, dabei zu sein. Am nächsten Tage, wenn die Tiere mit aufgeschlitztem Bauch und von der Nachtkälte steif gefroren an den Leitern hingen, durften wir sie besichtigen. Hierbei gab es von Papas Seite einige ganz wichtige anatomische Informationen, die für uns die Sa­che wieder sehr interessant werden ließ. Bis das Fleisch verarbeitet war, vergingen ein paar lebhafte Tage. Bekannte und Ver­wandte kamen zum Probieren der Wurstbrühe und der frischen Blut- und Leberwurst.   


Weihnachten auf dem Hünscheiderhof
Wie bei jedem Fest ist auch zu Weihnachten die Vorfreude am allerschönsten. Es fing schon mit dem winterlichen Abendrot an. Papas Erklärung nach glühte da oben schon der Himmelsback­ofen für all die vielen Weihnachtsplätzchen. Wie gerne hätten wir da mitgeholfen! Aber das war ja unmöglich. Dafür aber machte es Papa auf seine Weise möglich, mit dem Christkind zu sprechen. Er ging mit uns ins Wohnzimmer und stellte sich in eine Ecke mit dem Gesicht zur Wand. Alois und ich, als die Kleinsten, hielten uns an seinen Hosenbeinen fest. Die älteren Geschwister, die anfangs noch lachten, wurden aber ganz still, sobald sie die helle Stimme des Christkinds vernahmen. Es kannte jedes Kind mit Namen, fragte nach jedem einzelnen und ob es auch immer lieb gewesen sei. Papas ruhige Stimme antwortete ihm und versicherte, daß er sieben liebe, fromme, folgsame und fleißige Kinder habe, die der Mama sogar schon bei der Arbeit helfen würden. Wie haben wir die Eltern dafür geliebt, daß sie uns beim Christkind nicht angeschwärzt hatten. Das mochte zwar nicht ganz den Tatsachen entsprechen, aber aus der heutigen Sicht waren wir damals doch recht brav. Wenn ich nur schon daran denke, wie viele Rosenkränze wir vor Weihnachten abends in umgekippten Stühlen kniend gebetet haben. Alois, der sogar Pastor werden wollte, und ich kamen einmal auf 100 Stück.

Endlich war der Abend da. Lange bevor es dunkel wurde, mußten wir schon ins Haus, um zu baden. In der Vorküche dampfte das Wasser in großen Bottichen. Mit Bürsten, die nicht gerade zart waren, wurden wir durchgeschruppt. Später saßen wir im guten Zimmer beim Abendessen um den großen Familientisch. Daneben stand ein kleines rundes Tischehen, nur für drei Personen gedeckt. „Wer kommt denn hier an den kleinen Tisch?", fragte Greta. „Ja, Kinder, da muß ich euch etwas verraten", sagte der Vater mit geheimnisvoller Stimme. „Den Tisch hat die Mama für das Christkind gedeckt." Wir waren stumm. Tat­sächlich war dieser Tisch viel schöner gedeckt als unserer. In der Mitte stand ein Sträußchen Christrosen und auf jedem Platz das schönste Geschirr, das wir besaßen. Die blaue Himmelstasse mit dem Goldrand war wohl für das Christkind? Und mein Vater erklärte uns, daß das Christkind einen weiten und beschwerlichen Weg bis zu uns habe und gewiß hungrig sei, wenn es hier ankäme. Das leuchtete uns ein, und wir waren die bravsten Kinder. Still lagen wir bald in unseren Betten und horchten gespannt nach unten. Und das Christkind kam wirklich, nicht nur zu den Eltern, sondern zu jedem Kind ans Bett.

Wir hatten zu dieser Zeit noch kein elektrisches Licht. So sahen wir nur, daß das Christkind eine Stalllaterne vor sich hertrug, ganz so, wie wir sie auch immer gebrauchten. Diese Laterne war mit einer Glasglocke versehen, die schwarz vor Ruß war. Der Schein der Lampe war dementsprechend schwach. Aber trotzdem - eigentlich war ich jetzt etwas unsicher - sah ich das himmlische Gebilde dahinter schimmern. Alois und ich stotterten sofort unaufgefordert unsere Gebetchen daher. Das Christkind lächelte gütig, segnete uns und verschwand. Am anderen Morgen - die Eltern waren schon in der Christmette gewesen - durften auch wir ins gute Zimmer, den Christbaum und das Krippchen bestaunen. Für jeden stand ein Teller mit Plätzchen und Süßigkeiten bereit. Aber das Schönste und die Hauptsache war und blieb der leer gegessene Teller des Christkinds. Natürlich hatte es aus der Himmelstasse getrunken, aber wir wollten auch wissen, was es alles gegessen hatte. Papa berichtete es bereitwillig und ausführlich, auch daß die Mama zweimal hatte Bohnenkaffee aufgießen müssen. „Und zu mir hat das Christkind gesagt: Johann, deine Leber­wurst, von allen Leberwürsten, die ich je gegessen habe, ist sie die beste. Sie ist die reinste Himmelsleberwurst!" Die Vorstellung, daß das Christkind mit unseren Eltern in der Heiligen Nacht an einem Tisch gesessen und gespeist hatte, beschäftigte uns noch lange. Daß unsere Geschenke und die ganze Ausstattung des Festes eher dürftig waren, bemerkten wir kaum. Unsere Eltern verstanden es eben, die Fantasie in uns Kindern so anzuregen, daß wir trotz allem glücklich waren. Damit gelang es ihnen auch, das gegenwärtige Elend der Nachkriegsjahre und die große Hungersnot nach dem Ersten Weltkrieg, unter der das deutsche Volk litt, nach Möglichkeit von uns fernzuhalten.

Spielend durch die Jahreszeiten
Wie schon aus der Weihnachtsschilderung hervorgeht, waren unsere Geschenke nicht gerade üppig. Das einzige Geschenk zum Spielen, an das ich eine besondere Erinnerung habe, war eine Puppe von meiner Patentante. Ihr Kopf war aus Porzellan, sie hatte blonde Locken und sah sehr schön aus. Eines Tages aber fiel sie mir aus der Hand und zerbrach. Alle trauerten mit mir, aber am lautesten weinte ich. Mein liebes Brüderchen Alois wollte mich trösten. „Ich habe eine gute Idee", verkündete er, „wo wir doch jetzt alle sowieso traurig sind, wollen wir der Puppe eine schöne Beerdigung machen, dabei darf dann jeder so lange wei­nen wie er will, das wirkt dann ganz echt." Wir waren einverstan­den mit diesem Vorschlag. Doch diese Beerdigung verwandelte sich, ob wir wollten oder nicht, in ein sehr lustiges Spiel. Andere Gelegenheiten zum Spielen brachte vor allem der Wechsel der Jahreszeiten mit sich. Wir bauten ein Häuschen, wenn die Getreidegarben auf dem Feld aufgestellt wurden, wir spielten mit Kastanien, wenn die Bäume vor unserem Haus ihre Früchte herabwarfen, wir flochten uns Kränzchen, wenn die Ma­rienblümchen im Frühjahr die Wiese bedeckten. Dabei gab es natürlich auch immer Möglichkeiten zu einem Wettstreit. Meistens war es die Natur selbst, die den Kern unserer Spiele darstellte. Was ich persönlich besonders liebte, war das Spielen mit den Tieren, vor allem, wenn sie noch klein waren. Die Bauernhöfe von damals waren eben keine „landwirtschaftlichen Betriebe", die entweder nur Getreide oder Zuckerrüben oder Obst an­ bauten, sondern es war stets auch ein Zusammenleben von Menschen und vielerlei Tieren, von Pferden und Fohlen, von Kühen und Kälbchen, von Hühnern und Küken. Wurden neue Tiere geboren, war die Freude groß, und jedes mal wurde einem von uns ein solches Tierchen zugesprochen und bekam einen Namen von ihm.

Die Goldhochzeit der Großeltern
In diese erste Kinderzeit fiel auch das Fest der goldenen Hochzeit unserer Großeltern in Aegidienberg. An den Triumphbögen, Girlanden und Fahnen von ihrem Haus bis an die Kirche hatte das ganze Dorf gearbeitet. Tage vorher wurde gekocht und gebacken. Am Vorabend des Festes war Polterabend. Bei schönstem Wetter und festlich leuchtendem Abendrot hatte man mei­ne Großeltern auf zwei Stühlen neben ihrem Haus mitten auf die Kuhweide platziert. Vor ihnen aufgestellt die Damen in Weiß, die Herren in Schwarz, der Altenessener Gesangverein. Tante Käthchen aus Essen, die Initiatorin, mit Mann und Kindern, meine Eltern mit Kindern, die übrige Verwandtschaft, die Nachbarn und viele Zaungäste, alle standen hinter dem Jubelpaar. Endlich trat der Dirigent aus dem Haus, und alles klatschte in die Hände. Er stellte sich vor seine Sänger, und dann erklang die Hymne „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" von L. v. Beethoven. Es war so feierlich und ergreifend, daß allenthalben Taschentücher ge­zückt wurden. Ich, die hinter dem Stall auf meinen Auftritt wartete, merkte von allem wenig. Ich hatte die Aufgabe, dem Jubel­paar das goldene Kränzchen zu überreichen und dabei ein Ge­dicht aufzusagen. Mitten in diese stimmungsvolle Szene kam ich quer über die Wiese, mehr gelaufen als gegangen, und fing laut und deutlich an, mein so mühevoll auswendig gelerntes Gedicht zu sprechen: „Juchheißa, ich bin heute gar fröhlich und munter, denn heut geht's sicherlich drüber und drunter. / Die Mode bei jedem Fest es doch ist, / denn heut ist ja Hochzeit, daß alle ihr's wißt", usw. Es wurde noch lange getrunken, gegessen und auch getanzt. Erst gegen Mitternacht löste sich die Gesellschaft auf. Großvater und Großmutter gingen zu Bett, der Gesangverein fuhr mit einem Bus nach Essen zurück, und für uns stand Pitter mit Pferd und Wagen bereit. Es gab eine herrliche Nachtfahrt mit viel Gesang, bei dem unsere Stimmen ständig zitterten wie ein echtes Tremolo der Profisänger, nur daß es bei uns durch die Schotterstraße zustande kam. Am nächsten Morgen war die kirchliche Feier. Natürlich waren wir wieder dabei. Anschließend wurde dem Jubelpaar von der Geistlichkeit, vom Bürgermeister und der ganzen sogenannten Prominenz im großen Festsaal gratuliert. Und was man sich später noch im Dorf erzählte, war, daß der Großvater nach Art alter, Leute, welche ihre Blähungen nicht verbergen können, meinen Vater gefragt hatte: „Ist der Pastor auch hier?" was der Vater verneinte, worauf der Großvater meinte: „Gott sei Dank, dann hat er meinen Knall von eben ja nicht gehört."

Der Eindruck einer völlig intakten und heilen Welt, wie er bisher entstehen konnte, trügt natürlich etwas. Aber das kommt daher, daß für uns beide, Alois und mich, die Erinnerung an die frühen Kindertage wirklich so ungetrübt war. Die Eltern und die größeren Geschwister hatten auch zu dieser Zeit ihre ganz normalen Sorgen und Nöte, zumal der verlorene Erste Weltkrieg, die an­schließende Hungersnot und die Inflation Deutschland in große Bedrängnis brachten.

Kinderzeit bedeutet auch Schulzeit
Die Tore zum Kinderparadies fielen mit einem großen Knall hinter uns zu. Das war am ersten Schultag. Eigentlich sollten wir uns auf die Schule freuen; wir hatten neue Kleider an, und Mama war so schön in ihrem blauen Kostüm, daß man sie nur bewundern konnte. Zuerst waren alle Mütter mit im Klassenraum, bis die notwendigen Förmlichkeiten erledigt waren. Aber dann kam der Augenblick, wo alle Erwachsenen fortgingen und auch meine Mutter zu verschwinden drohte. Erst jetzt wurde mir der neue Zustand völlig klar, allein unter fremden Kindern und Alois irgendwo auf der „Jungenseite". Ich geriet in so große Panik, daß ich mit einer Heftigkeit schrie, die mich selbst erschreckte. Vielleicht hätten mich ein paar begütigende Worte des Lehrers beruhigen können. Aber im Türspalt klemmte noch ein Zipfel des ungewohnt weiten Rockes meiner Mutter, was mich veanlaßte, eine weitere noch schrillere Salve loszulassen. Auf einmal stand meine Mutter wieder vorn im Klassenraum; der Rektor Schneider trat auf sie zu. Sie flüsterten miteinander, was zur Folge hatte, daß mein Zwillingsbruder und ich auf nebeneinanderliegenden Bänken, nur durch den Gang zwischen Jungen und Mädchen getrennt, sitzen durften.

Später, als meine Mutter endgültig fort war, erklärte unser Lehrer den Kindern, daß Alois und ich Zwillinge seien, darum hatte ich so geschrien. Während er sprach, fühlte ich mit jedem Wort wie viel Verständnis er für meine Situation gehabt hatte, und wie lieb er war. Er war der Rektor der Schule, hieß Schneider und blieb bis Ende des dritten Schuljahres unser Klassenlehrer. Das war für alle Kinder eine sehr schöne Zeit. Kurz vor unserer Versetzung ins vierte Schuljahr brachte er einen Stock mit in die Klasse. Zuerst benutzte er ihn als Zeigestock. Aber während wir Wörter von der Tafel abschrieben, fing er an, den Stock mit einem kleinen Taschenmesser zu bearbeiten. In kurzen Abständen, kaum sichtbar, schnitt er Ringe in das Holz hinein und stellte den Stock dann in den Schulschrank. Was das zu bedeuten hatte, sollten wir später erfahren. Das vierte Schuljahr fing an, und mit ihm kam ein Lehrerwechsel. Der neue Lehrer hieß Raderschall und war an der ganzen Schule gefürchtet. Ziemlich geräuschvoll trat er zur Tür herein. "Aufstehen!" schrie er in die Klasse. Dann kam das Gebet: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes", wobei wir wie gewohnt das Kreuzzeichen machten. Plötzlich schritt er auf meinen Bruder Alois zu und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. Dabei schrie er: „Du willst Meßdiener sein und hat noch immer nicht gelernt, wie man ein Kreuzzeichen macht? Die Hand gehört bei ,des Sohnes' nicht auf die Brust, sondern auf den Nabel. Ich werde es dir noch beibringen!"

Ein anderes Mal verursachte sein Sohn Heinrich, der auch in unserer Klasse saß, einen Wutanfall. Er hatte nicht deutlich genug geantwortet. Vor unseren Augen riß er ihm die Hose herunter, holte den Stock aus dem Schrank, legte Heinrich über die Bank und wollte ihn verprügeln. Bei jedem Schlag sprangen Stücke von dem Stock durch die Klasse. Raderschall raste vor Wut und wollte wissen, wer die Schandtat vollbracht hatte. Aber die Klasse schwieg, obwohl wir es ja alle wußten. Trotzdem blieb die Angst vor diesem Mann für uns bestehen, und die Schule wurde von einem Tag zum anderen ein Ort des Schreckens und des Leidens. Raderschall hat seinen Schuldienst noch einige Jahre in dieser sadistischen Art fortsetzen können. Später wurde er strafversetzt. Erst als er endgültig unserem Blickfeld entschwunden war, wurde im Dorf noch lange über seine Ausschreitungen geredet. Mein Mann, der auch in diese Schule gegangen war, erzählte mir später, daß er bei diesem Lehrer aus Angst stets versagt habe. Bei einem Aufsatz mit dem Thema "Die Fortpflanzung des Maikäfers" gab es schon in den ersten beiden Wörtern eine Menge Fehler. Da stand „Dieh Pfohrdtflahntzung", was genügte, daß es ihm ging, wie ich es von Heinrich berichtet habe, allerdings ohne daß der Stock in Stücke zerbrach. Merkwürdigerweise erzählten wir zu Hause selten etwas von solchen Übergriffen. Kirche und Schule waren von Gott eingesetzt, da gab es nichts dran zu rütteln. So mußte man die täglichen Schulqualen erdulden, es sei denn, man wurde schon mal krank.

Basaltsteinbrüche und Jägerlatein
Wenn es mir dann wieder etwas besser ging, durfte ich schon mal mit Vater zusammen einen Bürotag in Aegidienberg verbringen. Das Büro war ein lang gestrecktes Barackenhaus mit zwei Fenstern zur Straße und einem großen hinteren Fenster zum Wald. Quer durch den Wald führten die schmalen Schienen einer Industriebahn. Von hier wurden alle Züge, die mit Basaltsteinen beladen aus den Steinbrüchen kamen, abgefertigt und das Material in die ganze Welt verschickt. Nachdem mein Vater mir alles erklärt hatte, zeigte er mir auch den Futterplatz für seine Rehe und auch, wo die vielen Waldbeeren standen. Dieser Tag war dann ein glücklicher Tag für mich; ich wurde von allen sehr verwöhnt. Trotzdem ließ mich der Bürotag auch einen Blick in die Doppeltätigkeit meines Vaters werfen mit allen Besonderheiten, die ein zweigleisiges  Berufsleben mit sich bringt. Hier war mein Vater Vorgesetzter, den alle Arbeiter achteten. Auch mit seinen eigenen Vorgesetzten hatte er, verantwortungsbewußt und vertrauensvoll wie er war, ein gutes Verhältnis. Manchmal ging er mit ihnen sogar auf die Jagd. Noch in seinem späten Alter erzählte er seinen Enkeln, die er auf dem Schoß hatte, die spannendsten Geschichten im reinsten Jägerlatein. Aber geschossen hat er in seinen jungen Jahren doch viel; Mama hatte zwei Rotfüchse als Winterpelze, von einem Kürschner so zurecht gemacht, als lebten sie noch. Wenn sie die Füchse trug, lagen beide Kopfe auf ihrem Rücken, wobei der eine des anderen Hals im Maul hatte. Auch wir Mädchen hatten alle unser Winterpelze.

Übrigens  bestimmten die für den Westerwald typischen Basaltsteinbrüche teilweise das Leben der Bevölkerung. Papa hat uns zwar niemals mitgenommen, wenn er zur Kontrolle oder zu Messungen in die Steinbrüche fuhr, weil er das für zu gefährlich hielt. Aber wir wußten von den Gefahren aus seinen Berichten, etwa wenn die Basaltsäulen mit einem Zuschlaghammer  unten angeschlagen wurden, um dann in großen Stücken herabzufallen,  oder wenn mit Dynamit gesprengt wurde. Die Arbeiter waren dabei oft leichtsinnig, besonders wenn sie Schnaps getrunken hatten. Und Schnaps wurde hier quasi als Schutz vor der Staublunge getrunken, wie viele Arbeiter irrtümlich behaupteten. Aber das wußte unser Vater meistens einzuschränken,  denn manch eine Flasche, die unterm Geröll versteckt lag, holte er heraus. Dabei gab es auch manchmal Lustiges zu erzählen,  z.B. von einem betrunkenen Bürodiener, der in seiner Treuherzigkeit zu ihm sagte: „Herr Brassel, ich bin so glücklich. Ich bin besoffen und habe auch noch in jeder Tasche einen Liter."

Unser lieber Freund „Max"
Wenn wir Kinder auch selbst nicht in die Brüche hinein durften, so hörten wir doch täglich die Sprengungen im Hühnerberg wie Donnerschläge. Bei dieser Gelegenheit denke ich an Max, unser Pferd. Es hatte den Krieg 1914 - 1918 an der Front mitgemacht und erschrak bei jedem lauten Knall. Max mußte dann fest am Zügel gehalten werden. Aber beim Ein- und Ausspannen konnte es passieren, daß er erschrak und das Weite suchte. Ich habe das oft mit klopfendem Herzen erlebt. Er war dann nicht mehr der „liebe Max", sondern ein fürchterlich schnaubendes Roß, und wer ihn so rasen sah und in seiner Nähe stand, spürte, wie die Erde unter seinen Hufen erbebte. Einmal war das wieder passiert; meine Schwester Kathrinchen kam gerade von einer Reise zurück. Noch weit vom Hof entfernt sah sie unseren Max. Sie stellte den Koffer hin, rief „Max" und „Hü" und griff, während er an ihr vorbeiraste, nach den hängenden Zügeln. Und siehe da! Max bremste ab, daß die Erdklumpen hochflogen, nicht ohne Kathrinchen ein wenig unsanft durch den Dreck gezogen zu haben. Stolz schritt sie, in einer Hand den Reisekoffer, an der anderen Hand das Pferd, zum Tor hinein. Kathrinchen war die Heldin des Tages. Abgesehen von dieser Schreckhaftigkeit war Max ein liebes Pferd, besonders im Umgang mit uns Kindern. Jeden Tag erschien sein Kopf im Küchenfenster, und wir konnten ihm Brot oder Zucker hinhalten. Aber er war schon alt, und die Wagen, die er zog, wurden nicht mehr so schwer beladen wie bei den jungen Pferden. Ich erinnere mich noch gut an den Sommertag, an dem er seine letzte Fuhre Heu durchs Hoftor zog. Er fiel plötzlich, angeschirrt wie er war, zwischen den Wagenscheren zu Boden und war tot. Wir haben alle sehr geweint.


Neujahrsbrezel  und Wintererinnerungen
Bei der Schilderung von „Max", der das Weite suchte, fiel das Wort „Weite" nicht nur so hingesagt. Tatsächlich breiteten sich die Felder und Wiesen ohne Baum und Strauch vor unserem Hof aus, fielen nach einer Seite zur Straße und zum Dorf hin ab und stiegen zum Siebengebirge zu sanft an. Da fällt mir ein Kindererlebnis ein, das man nicht so leicht glauben möchte. Es war Winterwetter; nach einem Theaterbesuch im Dorf war mittlerweile das ganze Land in tiefem Schnee versunken. Es schneite so dicht, daß wir kaum ein paar Schritte weit sehen konnten. Trotzdem machten wir uns rüstig auf den Heimweg. Zunächst leiteten uns Lindenbäume rechts und links neben der Straße. Dann mußten wir abbiegen und liefen im Gänsemarsch zwischen zwei Kuhweiden her, aber dann kam das weite Feld ohne Baum und Strauch. Wir beschlossen, uns fest an den Händen zu halten, denn einer konnte den anderen nur noch fühlen. Trotzdem waren wir noch guter Laune.

Das Theaterstück „Schneewittchen und die sieben Zwerge" war so schön gewesen, und ich als Schneewittchen hatte eben noch im Glassarg gelegen. Aber bald wurde es uns doch unheimlich, denn eigentlich hätten wir längst zu Hause sein müssen. Willi war der erste von uns, der sagte: „Ich glaube, wir haben uns verlaufen." Wie erstarrt blieben wir alle stehen. Wir weinten und riefen um Hilfe in die weißdunkle Nacht hinein. Aber es blieb totenstill. Wir versuchten wieder zu gehen und gingen doch immer nur im Kreis herum. Man sollte es nicht glauben, und das sozusagen vor unserer Haustür. Nach einer Ewigkeit gewahrten wir beim Rundschauen einen Lichtschein, der sich bewegte. Wie von einem Magnet angezogen gingen wir auf ihn zu. Bald hörten wir laute Hallorufe. Diese Stimmen kannten wir nur zu gut: Gott sei Dank, wir waren gerettet. Wie froh waren wir, nun wieder in der warmen Stube zu sein, wo es nach angebrannten Bratäpfeln roch.

Die Abende waren lang zu Hause, und der Winter bot wenig Abwechslung außer den Geburtstagen, Namenstagen und den kirchlichen Festen. Ein Fest, das heute kaum noch in der gleichen Weise gefeiert wird wie damals, war das Neujahrsfest. Es gab keine Raketen, keine Leuchtkugeln und kein Feuerwerk. Aber dafür gab es selbstgebackene Brezeln, bei dieser Gelegenheit auch für Papa eine Riesenbrezel, die nach Rosenöl roch­ und an die ich mich noch genau erinnere. Sie hing im guten Zimmer an der Wand, und in der Mitte stand mit großen gebackenen Buchstaben die Jahreszahl 1919. Dieses Ereignis leitete mein Zeitbewußtsein ein.

Die Kirmes war ein Höhepunkt des Jahres
Ein Markstein in meiner Erinnerung ist diesbezüglich, allerdings Jahre später, die erste Kirmes. Durch Krieg und Inflation hatte es solche Vergnügungen lange nicht gegeben. Der einzige große Platz für das Karussell und die Buden war der Schulhof. Tage vorher drangen die Geräusche, die mit dem Aufschlagen des Karussells und der Buden verbunden waren, in unseren Klassenraum. Wenn dann gerade in einer Pause der Mast des Karussells aufgerichtet wurde und die größeren Jungens mit Hau-Ruck helfen durften, dann stieg die Spannung aufs höchste. Für uns Kleinen war außerdem das Fremdländische im Aussehen und die Sprache der Kirmesleute von Interesse. An den Festtagen selbst war unser Haus voller Verwandter und Bekannter, von denen wir immer ein paar Groschen Kirmesgeld bekamen. Damit liefen wir, so oft wir konnten, ins Dorf. Unterwegs hörten wir von weitem schon von Karussell und Schiffschaukel das Durcheinander der Musik, die gleichsam im Sommerhimmel hing und über den Ähren schaukelte. So ging es bis zum Abend, der die Müdigkeit brachte mit dem Schlaf und seinen Träumen von vielen bunten Luftballons.

Für die Erwachsenen war neben dem festlichen Essen und Trinken der abendliche Kirrnesball die Hauptsache. In unserem Hause wurde die Frage der Kleider normalerweise ziemlich nebensächlich behandelt. Aber meine älteren Schwestern rückten allmählich in das heiratsfähige Alter vor.  So wurde für das abendliche Tanzvergnügen keine Ausgabe gescheut. Schon einige Tage vorher war unsere Cousine Lydia aus Essen angekommen, die mit ihrem modernen Tanzkleid aus schwarzem Satin und bunter Seide etwas städtischen Flair in unser Haus brachte. Daraufhin hatten meine Eltern einen ungefähr gleichen Stoff gekauft und für Greta, Kathrinchen und Maria Kleider nähen lassen. Bei diesem Ballabend waren denn auch meine Eltern mit ihren vier schönen, schwarzhaarigen Mädchen, die gleichermaßen verzaubert aussahen, der Mittelpunkt des Tanzsaales, um den sich alles drehte. An dieser Stelle fällt mir noch eine kleine Episode von meinem Zwillingsbruder ein, der mit seinem sonnigen Wesen die Herzen aller Menschen gewann. Er war vor der Kirmes ins Dorf geschickt worden, um Farbe zu kaufen. Dabei hatte ihn Frau Wendel gefragt: „Na, Alois, hast du auch schon Kirmesgeld?" „0 ja", kam es von ihm zurück, „ich habe bis auf 9 Groschen schon eine Mark", was ihm dann gewollt oder ungewollt die 90 Pfennige einbrachte.

Bilder wie durch ein Kaleidoskop
Meine Aufzeichnungen gehen hier etwas seltsame Wege. Während des Schreibens gucke ich wie durch ein Kaleidoskop, und es fallen mir dabei immer wieder drei Bilder ein, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Das erste ist eine Erinnerung an unser Dorfleben, an dem wir, abgesehen von Kirche und Schule teilnehmen mußten. Da sehe ich einen Saal voller Menschen, und meinen Bruder Ferdinand mit einer fauchenden Gans unter dem Arm. Es war der Abend des Martinstages, der wie überall mit Fackelzug und Martinsfeuer gefeiert wurde. Das besondere aber war, daß diesmal noch eine Verlosung im Post-Mattes-Saal stattfand. Alois und ich hatten drei Lose, und mit diesen drei Losen gewannen wir die drei Hauptgewinne: einen Korb mit Obst, vom Pastor gestiftet, einen roten, runden Edamerkäse und die Gans, die wir nicht bändigen konnten. Zum Glück war Ferdinand zur Stelle, der sich die Gans unter den Arm klemmte, für ihn war das ein Kinderspiel. Ungewollt wurden wir Mittelpunkt der jubelnden Menge, wir drei „Zigeunerkinder" mit den schwarz gelockten Haaren unter all den meist blonden Dorfkindern. Welches Triumphgefühl mag uns begleitet haben, als wir durch die Nacht nach Hause gingen.

Beim zweiten immer wiederkehrenden Bild sehe ich meine Mutter unter dem Birnbaum stehen. Wie so oft kam sie vom Wassertragen und machte dort Station. Das waren die wenigen Augenblicke in ihrem rastlosen Leben, in denen sie all ihre Sorgen vergessen konnte, und mit einem entspannten Lächeln in den Augen ihre so liebgewordene Umgebung betrachtete. Diese Neigung zur stillen Zufriedenheit haben wir alle mehr oder weniger von ihr geerbt.

Das dritte Bild vermittelt mir den vom Wohnhaus, der Scheune, den Ställen und Schuppen umschlossenen Innenhof. In der Mitte befand sich ein Weiher. Alles Regenwasser, das von den Dächern rann, wurde durch Dach- und Bodenrinnen dort hinein geleitet. Er war nach drei Seiten eingemauert und fiel nur nach der hinteren Seite flach ab. Hier konnten alle Tiere zu jeder Zeit ans Wasser. Gleich neben dem Weiher, durch eine sehr dicke Mauer getrennt, lag der aufgestapelte Mist. Auf dieser Mauer, die mit Moos und allerlei kleinem Geblümele bedeckt war, hielt ich mich sehr gerne auf. Durch mein Kaleidoskop gesehen, schien dort immer die Sonne. Meine Beine baumelten im Wasser, und ich spürte die kühlen Binsen auf meiner Haut. Auf dem Wasser schwammen Enten, und unter den grünen Wasserlinsen hörte ich das Läuten der Unken.

Viele Jahre später, als ich selbst in der Stadt verheiratet und Mutter von drei Kindern war, setzte ich mich gerne auf die Hoftreppe und schaute auf das Bild vor mir. Dabei hörte ich wieder die Unken von damals, und irgendwann entstand wie von selber dieses Gedicht:

Wo hocken die Unken,
Die hier so trunken rufen?
In den Binsen?!
Unter den Wasserlinsen?!
Oder liegen doch noch Glocken im Teich
Von einem versunkenen Königreich??
So möcht' ich am liebsten wieder fragen;
Der Stein ist so warm wie in Kindertagen,
Und ich sitze darauf und horche dem Läuten
Versunken, versonnen im Denken und Deuten.
 

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 50 und 51 von 1995; Textformatierung und Bildbearbeitung: Friedrich Müller und Franz Bellinghausen
Zur Verfügung gestellt von
Rudolf Pieper (SZ)
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