Aufnahme: 1954
Hans Robert I. (Mies) und Ihre Lieblichkeit Erika I. (Mies)
Erinnerungen aus dem „Pleeser Karneval" - von Hans-Robert Mies
Man soll die Feste feiern wie sie fallen. Oder anders ausgedrückt: Feste feiern ist besser, als feste arbeiten!
Also haben wir auch einen Grund gefunden und schließen uns an, mit der Feststellung, daß die Narrenzunft 3 mal 11, das sind 33 Jahre, besteht.
Wenn wir so traditionsbewußt wären, wie mancher Schützenverein, dann würden wir, oder hätten schon ein 70-jähriges Jubiläum gefeiert. Denn bereits 1908 bestand eine Oberpleiser Carnevalsgesellschaft, von der noch als einziges Überbleibsel ein Liederheft vorhanden ist.
Der Name dieser Gesellschaft lautete: „Mer probieren et ens". Das deutet darauf hin, daß die Oberpleiser Bürger, die sich damals zusammenfanden, recht bescheiden waren und noch nicht so ganz an den Erfolg glaubten, sonst hätten sie sich vielleicht „Große Oberpleiser K.G.“ oder ähnlich genannt.
Da uns außer dem Liederheft nichts weiter überliefert wurde, habe ich nun in diesem geblättert und einige beachtliche Texte gefunden. Von diesen möchte ich einen hier wiedergeben, um damit zu beweisen, daß die Oberpleiser immer schon in der Stille beachtliche Leistungen vollbracht haben.
Willkommen Prinz Karneval Mel.: Tief im Böhmerwald.
1. Von Grengelsbetz us kam en jecke Schar doher
Un trok en Oveplees wohl en dä Fasteller
Der Köbes mäht em op de Döhr zom Saal ganz flock
Dat ganze Schmölzche kom bei Ihm erene gejök
Ref. Willkommen Prinz Carneval!
Im schönen Pleisertal,
Willkommen uns viel tausendmal!
Willkommen Prinz Carneval!
Im schönen Pleisertal
Willkommen uns hurrah!
2. Et schwenkt sing Zepter in der Luft Prinz Carneval
Von Noh un Fähn do kummen herbei die Gecke all
Bekregen dann den Griesgrahm der en welde Flucht,
Wohl üvver alle Berge hin dat Weite sucht.
Willkommen Prinz Carneval! u.s. w.
3. Von Jüngsfeld, Uthweiler, Thelenbitz un Pleiserhon
Komme sie, dat nächste Dörfche welle mer overschlon
Von Frühnet, Pötzstück, Sand un von der Repuplick
Sie kommen in Schaaren och wohl von der Bällekeser Sick.
Zu huldigen Prinz Carneval. u.s.w.
Von ihren Nachbarn wurden sie für solche Leistungen selten gelobt, sondern im Gegenteil mit Bezeichnungen, wie „Windbüggele" o.a. bedacht. Nun liegt es in der Mentalität der Oberpleiser, zunächst einmal den Gedanken zu hegen und ernsthaft zu diskutieren, wie man die Leute, die einen so schmähen, ausrotten könnte.
Nach eingehenden Überlegungen kommt man zu dem Ergebnis, daß dies viel zu anstrengend und aufregend ist.
Statt dessen macht man dann lieber ein Heimatlied, dessen Refrain mit „Pleeser Wind" beginnt und sich mit diesen bösen Nachbarn gemeinsam gut singen läßt.
Diese besondere Eigenschaft der Oberpleiser hat bestimmt dazu beigetragen, daß Oberpleis über 1000 Jahre ohne Stadtmauern existieren konnte. Andererseits brachten es ein paar Schreibtischstrategen (die diese Aktion unversehrt überstanden) fertig, dieses 1000jährige Oberpleis von heute auf morgen verschwinden zu lassen und als Königswinter 21 aus ihren Schubladen wieder hervorzuholen. Nach längeren Überlegungen konnten wir Narren, die Leistungen unserer Kollegen nur bewundern.
Nun kann eine Narrenzunft langlebiger sein als eine Regierung oder Verwaltung und braucht deshalb auch keine so schnellen Entscheidungen zu treffen. Vielleicht haben wir uns deshalb in den letzten 33 Jahren nur unwesentlich verändert.
Vor dem Krieg hat der Männer-Gesangverein, dem auch mein Vater als Mitglied angehörte, karnevalistische Veranstaltungen durchgeführt.
Ich habe damals noch nicht daran teilnehmen dürfen, konnte mich jedoch schon durch Beschaffung von akustischem Zubehör in Form von Liliput-Krachern nützlich machen.
In einer „Jungmühle" wurde mein Großonkel Toni, genannt: „De Pittersch Tünn", mit viel Gedöns und Radau in eine liebliche Jungfrau verwandelt.
Man war damals mit Begeisterung bei der Sache, bis der Krieg allem ein Ende machte. Wer diesen Krieg mehr oder weniger gut überstanden hatte, freute sich, daß er noch lebte und wollte dieses Leben wieder genießen. Da steckten dann auch die Jecken die Köpfe wieder zusammen und es gab heiße Debatten. In einer Zeit, in der noch viel Trauer herrschte, in der das Schicksal vieler Familienmitglieder noch ungewiß war, konnte man natürlich wiedermal einen Witz erzählen. Doch Blödsinn über viele Stunden schien etwas unangebracht.
Schließlich entschloß man sich doch für den baldigen Anfang, denn jedem stand frei, zu kommen oder zu bleiben.
So fand denn 1946 die erste Sitzung der „Närrischen Gesellen" statt. Der Erfolg war groß und ermunterte zum Weitermachen.
Aus dieser Zeit kann ich keine eigenen Erlebnisse bringen, da ich mich damals noch im Ausland aufhielt. Ich hatte die Aufgabe, bei unseren Freunden in England Rüben auszumachen, Kartoffeln zu sortieren, oder Fabrikhallen auszukehren. Hierdurch habe ich meinen Beitrag zur wirtschaftlichen Erstarkung und zur Vorbereitung des Eintritts Englands in die E.G. geleistet.
Als 1948 das Britische Weltreich immer kleiner zu werden begann, schickte man mich nach Hause. Die Fastnachtszeit war schon um und deshalb beginnt für mich die Erinnerung an Fastnacht erst 1949.
Als die Session 49 nahte, wurde der Herr Präsident (mein Vater) immer nervöser. Warum, erfuhr ich kurz vor der Sitzung. Ein paar Stunden davor tauchte der Büttenredner Josef Zimmermann blaß und still mit ein paar Zetteln bei uns auf. Dann ging eine Schimpfkanonade auf Jupp nieder, der sichtlich größer wurde, als das überstanden war und der Präsident seine Hilfe brauchte, um das, was kaum lesbar war, mit der Schreibmaschine niederzuschreiben.
Man wurde noch soeben fertig, raste zur Sitzung und Jupp hatte einen tollen Erfolg.
Vielleicht brachten es die Tippfehler mit sich, daß Jupp mit seinen Opfern immer wieder Schwierigkeiten hatte, die dann mitunter in der Fastenzeit vor dem Schiedsmann wieder behoben wurden.
Mir wurde damals kurz mitgeteilt, ein Protokoll sei schon fertig, ich brauche dieses nur zu verlesen.
Die Sitzung war damals am Rosenmontag. Am Sonntag davor hielt man im Saale Post-Mattes-Hein den „Ball" ab. Mein Senior befahl: „Wir verkleiden uns und bringen den Saal mal in Schwung." Wir taten das, er als schwerer Junge und ich als leichtes Mädchen. Als wir heimgingen, kannten sich Vater und Sohn nicht mehr. Unsere Stimmen hatten wir im „Caffee duck dich" oder sonst wo gelassen, den Schwung auch. Meine Schwestern freuten sich, daß der „Alte" nicht mehr schimpfen konnte. Ich versuchte mit krächzender Stimme das Protokoll zu üben, konnte überhaupt nicht an das Singen denken, hatte ich doch aushilfsweise bei den „4 Botze" mitzusingen. Mein Auftritt war so eindrucksvoll, daß, wenn sich heute die „4 Botze" über verflossene Zeiten unterhalten, von dem Jahr 1949 nie gesprochen wird.
Sicher ist meinem alten Herrn damals klar geworden, daß Talente wie Pflanzen sind, sie müssen vorsichtig und regelmäßig begossen werden. Meine Talente sind damals sicher an den Wurzeln etwas zu feucht geworden, darum haben mich die verantwortlichen Narren ins Treibhaus zurückgestellt, um mich später wieder hervorzuholen. Gegen Ende des Jahres 1953 fand eine Versammlung der Narren beim Flinks-Franz-Finchen (Hotel zur Post) statt.
Es wurde wieder einmal beraten, wie man mit den damals noch sehr bescheidenen Mitteln die Fastnacht interessanter gestalten könne.
An Mut fehlte es nicht, darum beschloß man, für die schon begonnene Session ein Funkenkorps zu gründen.
Es gab noch allerhand Beschlüsse und Bierchen, bis zu vorgerückter Stunde der Entschluß gefaßt wurde, auch ein Prinzenpaar zu wählen. In knapper militärischer Form wurde mir dann bald mitgeteilt, daß ich ausersehen sei, als erster Prinz die närrischen Gesellen zu vertreten und daß meine mir seit einem halben Jahr angetraute Erika sich als Prinzessin bestens eigne.
Für diese Ehre hatte ich mich artig zu bedanken. Da alle zufrieden mit dem Verlauf der Sitzung waren, gab es noch viele, viele Bierchen, bis wir dann zu sehr später, oder früher Stunde aufbrachen. Ohne fremde Hilfe, nur durch meine Ratschläge unterstützt, fand mein stolzer Vater das Schlüsselloch recht schnell und wir begaben uns in unsere Gemächer.
Die junge Prinzessin erwachte, als ich so geräuschlos wie möglich erschien. Nun konnte ich ihr gleich die freudige, gute Nachricht übermitteln.
Da echte Prinzessinnen gleich als solche geboren werden, haben sie Zeit, sich daran zu gewöhnen.
Wird man aber zu so später Stunde und dann noch nüchtern plötzlich Prinzessin, ist das überwältigend.
Was der Prinz dann zu hören bekam, war, soweit ich mich erinnern kann, ebenfalls überwältigend. Ganz unrecht hatte sie auch nicht, als sie mir in's Gedächtnis rief, daß ich doch wissen müsse, daß sich Nachwuchs angemeldet habe.
Da die „Proklamation" nun einmal erfolgt war, gab es kein Zurück mehr und die Vorbereitungen für den kommenden Fastelovend wurden von allen Freunden und der ganzen Familie intensiv betrieben. Wir befanden uns auf Neuland und hatten darum mit unzähligen Schwierigkeiten zu kämpfen, die jedoch gemeinsam gemeistert wurden. Als die Fastnacht kam, war alles gerüstet.
Ein neugegründetes Funkenkorps, stolz und schmuck gekleidet, ein Elferrat, trinkfest und immer einsatzbereit, geleiteten uns durch eine Fastnacht, die nicht schöner hätte sein können.
Es gibt also seit 25 Jahren ein Oberpleiser Prinzenpaar - in diesem Jahr 1979 stammt es wieder aus der Kolpingsfamilie, Hermann-Josef l. (Hermes) und Ehefrau Gerda l. Wenn Prinzen auch keine Jubiläen zu feiern haben, die Blau-Weißen Funken der Narrenzunft, wie jetzt die „Närrischen Gesellen" heißen, haben es getan und in ihrer Festschrift kann man die weiteren 25 Jahre Pleeser Karneval bequem nachlesen.
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