Der Kreuzgangflügel der ehemaligen Propstei Oberpleis wurde wiederhergestellt

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Aufnahme: 1999

Der Kreuzgangflügel der ehemaligen Propstei Oberpleis wurde wiederhergestellt

"Ein Kleinod des Klosterbaus bleibt der Nachwelt erhalten
Lange Zeit gefährdet – Einzigartig in der Region – Einfallsreichtum der spätromanischen Steinmetze spiegelt sich an den Kapitellchen wieder

Wolfgang Mayrhofer in: Honnefer Volkszeitung – Weihnachten 1999

Das Rheinland ist reich an Klostergründungen. Doch Zerstörung in Kriegswirren und Verfall haben die ehrwürdigen Bauten vielerorts niedergelegt. An ihnen hätte sich die umfassende Geschichte des mittelalterlichen rheinischen Klosterbaues im Detail ablesen lassen. Umso erfreulicher, dass ein wahres Kleinod dieser Baukunst, der Kreuzgangflügel der ehemaligen Propstei Oberpleis, nunmehr im Wesentlichen wiederhergestellt und damit der Nachwelt erhalten werden konnte. Noch vor einem Jahr waren die Arbeiten im vollen Gange. Diplomingenieur Heinrich Blumenthal vom Staatlichen Bauamt Bonn und glühender Verfechter in Sachen Denkmalschutz und -pflege, überwachte damals eine technische Meisterleistung: Mit Hilfe eines riesigen Kranes wurde auf das historische Kreuzganggebäude ein neuer Dachstuhl aus Stahlträgern gehievt und aufgesetzt und eine aus der Notzeit nach dem Zweiten Weltkrieg stammende Holzbedachung entfernt. Dachform, Dachneigung und Dacheindeckung blieben gemäß den Auflagen der Denkmalpflege erhalten.

Die Frage, warum sich das Land Nordrhein-Westfalen den Kreuzgang in Oberpleis weit über eine Million Mark kosten ließ, beantwortet nebst der denkmalpflegerischen Vorsorgepflicht der historische Wert des Objekts: In der gesamten Region weist kein Kreuzgang eine so reiche Fassadengliederung auf wie der in Oberpleis, an dessen Kapitellchen sich der ganze Einfallsreichturn spätromanischer  Steinmetze widerspiegelt: Über den Drillingsarkaden sind Überhangböden ausTuffgestein angeordnet, flankiert von Usenen, pfeilerartigen Mauerstreifen, darüber ein Horizontatgesims zur optischen Trennung der Geschosse, tm Obergeschoss sind deutlich die Reste zierlicher Vierpassfenster zu erkennen. In den Wirren des Dreißigjährigen Krieges wurde diese harmonische Fassade zwar durch brutal eingebrochene hochrechteckige Fensteröffnunger gestört, doch auch sie sind Spuren der Geschichte dieses Bauwerkes, ebenso wie die zahlreichen Mauerwerk-Ausbesserungen mit höchst unterschiedlichem Gestein. Ursprüngich dürfte die Fassade verputzt und farbig gefaßt worden sein. Davon, bedauerten die Restauratoren, blieben wenig Reste erhalten. Das noch Vorhandene wurde fachgemäß konserviert.

Zur Geschichte. Bereits 970 gründete der Adelige Megingoz ein Benediktinerkloster in Vilich. Rund hundert Jahre später übergab der Kölner Erzbischof Anno nach seinem Sieg über den Pfalzgrafen den Siegburger Michaelsberg den Benedtktinermönchen. Wieder hundert Jahre später wurde die Burgkapelle in Schwarzrheindorf, die Doppelkirche des Erzbischofs Arnold von Wied, in ein Kloster umgewandelt, und im Jahre 1202 begannen Zisterzienser im „Tal des heiligen Petrus" mit dem Bau der Abteikirche des Klosters Heisterbach. Wenig später stifteten die Grafen von Sayn das Augustinerinnenkloster in  Merten an der Sieg und das Franziskanerkloster Seligenthal, dessen Lage in der feuchten Talniederung an Gründungen der Zisterzienser erinnert, die es stets in Wassernähe zog.

Herzstück aller dieser mittelalterlichen Klosteranlagen war der Kreuzgang. Sein Name stammt von den Kreuzprozessionen, die in seinen Gängen stattfanden. In der Regel war dies ein von gewölbten Bogengängen umgebener Hof, der sich an Kloster- und Domkirhen anlehnte und von Gebäuden umgrenzt wurde, die dem gemeinsamen Leben der Mönche oder Domherren dienten. Die Kreuzgänge aller vorab aufgezählten Klöster sind vergangen, in Kriegen zerstört, verbrannt, verfallen oder abgerissen worden, um die Steine einem angeblich dringenderen Zweck zuzuführen. Nur in der ehemaligen Propstei Oberpleis, einer Tochtergründung der Benediktinerabtei Siegburg, blieb ein Kreuzflügel erhalten, der bis zum Beginn der Restaurierung jahrzehntelang in einem schlechten baulichen Zustand verharrte. Etwa zur Zeit Karls des Großen (742-814) wurde das Oberpleiser Gebiet durch Rodung erschlossen. Um 950 gab es hier einen Fronhof, ein größeres Anwesen, das einem adeligen Grundherrn gehörte, und eine Kirche, geweiht den Heiligen Primus, Felicianus und Lupianus.

Um das Jahr 1100 zog eine Gruppe von Mönchen unter der Leitung eines Propstes vom Siegburger Michaelsberg nach Oberpleis und begann mit dem Bau der Propsteikirche, die dem Ritterheiligen Pankratius geweiht wurde. Sie wurde zur Keimzelle der Siedlung Oberpleis, der Mark Oberpleis und „alten Honschaft“. Dabei baute man auf wenig tragfähigem Grund, was der Propstei noch so manches Problem bereiten sollte. Die Kirche wurde als Pfeilerbasilika mit Flachdecke errichtet. Von ihr stehen heute noch die fünfschiffige Krypta und der Westturm - allerdings mit verändertem Dach, von der Propstei der Westflügel des Kreuzganggebäudes. Um 1150 dürfte der Bau vollendet gewesen sein. Offensichtlich war dem Konvent, der vermutlich aus zwölf Mönchen bestand - die Zahl der Apostel - die Kirche bald zu schlicht. Man blickte nach Schwarzrheindorf, wo zu dieser Zeit die rheinische Spätromantik ihren reichen ornamentalen Schmuck entfaltete, was nicht ohne Eindruck bleiben konnte. So ließ Propst Gerhard in Oberpleis seine Kirche einwölben und lud damit erhebliche zusätzliche Lasten auf den nachgebenden Baugrund. Der Boden im Kircheninneren erhielt - in der Annahme die Fundamente stabilisieren zu können - eine fast meterhohe Aufschüttung.

Auch die alte Apsis wurde abgerissen und durch eine „moderne", im Stil der Stauferzeit, ersetzt. Zwei schlanke Türme flankierten sie und ein weiterer Turm auf der Vierung sollte im Verein mit ihnen ein Gegengewicht zu dem markanten Westturm bilden. Indes: Der schlechte Baugrund hielt die erhöhte Belastung nicht aus. Zu einem nicht mehr bekannten Zeitpunkt wurden deshalb die Osttürme entfernt. Dennoch stellten sich Schäden auf Grund mangelhafter Fundamentierung ein. Propst Gerhard war - in Einschätzung des Historikers Robert Flink - der wohl bedeutendste Propst der Abtei Oberpleis. Er pflog Verkehr mit dem Erzbischof in Köln, mit Caesarius von Heisterbach und führte die Propstei zu wirtschaftlicher Stärke. Doch hatte sich der kleine Konvent mit seinen umfangreichen Bauaktivitäten wohl übernommen. Bereits im Jahre 1256 wird von „drückender Schuldenlast" berichtet. Im Jahr 1329 stand der innere Niedergang der Propstei fest. Das monastische Leben von einst war dahin und kam auch in dieser Form nie wieder. Die Propstei löste die Klostergemeinschaft schließlich ganz auf. Rund hundert Jahre später gab es hier keine Mönche mehr, lediglich der adelige Propst lebte mit angemessener Dienerschaft in dem ansonsten verwaisten Klostergebäude. Die Kreuzganggebäude verfielen. Flink äußerte in diesem Zusammenhang die Vermutung, die Pröpste könnten sogar froh gewesen sein, als zu Beginn des 16. Jahrhunderts schwedische Horden die Propstei nicht nur plünderten, sondern auch baulich zum Teil zerstörten, um endlich die kalten Klostergebäude abreißen und sich ein wohnlicheres Haus errichten zu können.

Ein neues Propsteigebäude wurde unter Propst Bertram von Ans im Jahre 1645 errichtet. Das Datum läßt sich heute noch an den eisernen Balkenankern ablesen. Die drei Kreuzgangflügel wurden abgerissen, nur der Westflügel blieb stehen. In ihr brachte der Propst wahrscheinlich seine Dienerschafft unter. Nach der Plünderung 1615 wiederholte sich dieses Schicksal im Jahre 1703, der Propst wurde gefangengenommen und abgeführt. Im 17. und 18. Jahrhundert blieb die Propstei zeitweise ganz unbewohnt, die Krypta fand als willkommener Rübenkeller Verwendung. Die Säkularisierung im Jahre 1803 zog den Schlußtrich unter eine Jahrhunderte alte Entwicklung. Der Kirchenbesitz fiel in weltliche Hand. Nach dem „Reichsdeputationshauptschluß" wurden die von Napoleon auf linksrheinischem Gebiet enteigneten Fürsten mit rechtsrheinischem Land entschädigt. Dazu mußten die Kirchengüter herhalten. Der Staat - für Oberpleis damals das Herzogtum Berg - übernahm das Kreuzganggebäude und die Propstei. Der Wirtschaftshof wurde privatisiert und die Propsteikirche kam an die Kirchengemeinde. Die alte Oberpleiser Pfarrkirche nordwestlich der Propsteikirche wurde abgerissen.

Im Jahre 1824, inzwischen war Preußen Landesherr geworden, tauschte der Staat das alte Pastorat westlich der Kirche gegen das Propsteigebäude und den Kreuzgangflügel. Ersteres diente fortan als Wohnung für Pfarrer und Vikar, der Kreuzgang wurde als „Ökonomiegebäude" zweckentfremdet. Dessen schlecht vorgenommene Fundamentierung hatte im Verlauf der Jahrhunderte zu einer zunehmenden Schiefstellung geführt, weshalb bereits 1840 Strebepfeiler angebracht wurden. In einem Protokoll von 1844 ist vermerkt, dass das Gebäude zur Unterbringung von Pferden und Kühen diente, und 1847 wurde „der Einsturz von einem der Bögen in dem „alterthümlichen Gang des Ökonomiegebäudes" gemeldet. Der Verfall schritt unaufhörlich fort. Die Hiobsbotschaften häuften sich: 1852 waren die „beiden Stalltüren in einem jämmerlichen Zustand" und auch die Mauer „bedurfte sehr der Ausbesserung". 1864 hieß es, „der restliche Teil des Daches" leide bei jedem Sturm.

Erst in den Jahren 1891 bis 1894 kam es zu einer umfassenden Sanierung, die der Architekt Wiethase durchführte. Zunächst wurde die Krypta wieder freigelegt, dann an der nördlichen Chorseite, wo ehemals ein Flankierungsturm stand und wo selbst nach dessen Abbruch wegen des schlechten Baugrundes noch statische Schäden auftraten, eine neuromanische Sakristei zur Stützung des Bauwerkes angebaut. Bereits damals wurden für das Kreuzganggebäude immer wieder sinnvolle Nutzungsmöglichkeiten gesucht, doch die Planungen kamen nicht zur Ausführung. So konzipierte das Königliche Bauamt Siegburg hier ein Jugendheim, doch wurde das Vorhaben Ende des Ersten Weltkrieges nicht mehr weiter verfolgt. 1927 plante das Preußische Hochbauamt eine Küsterwohnung mit Lehrsaal. Der Staat wollte zwar den Unterhalt des Baudenkmals finanzieren, nicht aber den Ausbau zu einer Wohnung. Dem hielt das Erzbischöfliche Generalvikariat entgegen, entweder sollte der Staat alles finanzieren und die Kirchengemeinde die Miete zahlen, oder der Staat solle das Eigentumsrecht an dem Kreuzganggebäude der Kirche übertragen. Eine Einigkeit kam nicht zustande, und so wurde die ganze Planung ad acta gelegt.

1932 war wieder ein Jugendheim im Gespräch. Realisiert wurde es nicht. Der Zweite Weltkrieg verlief für die Propstei einigermaßen glimpflich. Im Zuge der Kämpfe am Siebengebirge wurde durch Erdkampf und Artilleriebeschuss die Südwestecke des Turmobergeschosses mit den beiden angrenzenden Schallarkaden ausgebrochen und die Dächer der Kirchen-Nordseite so beschädigt, dass im folgenden Winter große Schäden entstanden durch eindringende Feuchtigkeit. In der Zeit von 1945 bis 1947 wurde das Obergeschoss des Kreuzganggebäudes zu einem Pfarrsaal ausgebaut mit heute kaum noch nachzuvollziehenden Schwierigkeiten bei der Materialbeschaffung. Die Kosten in Höhe von 32 000 Reichsmark trug die Pfarrgemeinde. In einem Protokoll des Kirchenvorstandes wird die Erwartung ausgesprochen, „dass der Staat diese Summe ersetzt". Ob er es getan hat, ist bis heute unklar.

1955/56 wurde das Kreuzganggebäude teilweise restauriert.

Doch vierzig Jahre später standen Diplomingeneur Heinrich Blumenthal und seine Mitarbeiter vom Staatlichen Bauamt Bonn vor abgefallenem Außenputz, Steine waren aus der Fassade gebrochen, und die Gewölbe mußten gesichert werden, um ein Fortschreiten der Schiefstellung des Gebäudes zu verhindern. Schließlich galt es, den in der Nachkriegs-Notzeit aufgesetzten Dachstuhl aus Brettbindern zu entfernen und durch einen neuen aus Stahlträgern zu ersetzen. Dadurch entstand im Obergeschoß ein Raum, der künftig für vielfältige Zwecke der Kirchengemeinde nutzbar ist. Dank den inzwischen nach den Richtlinien und Auflagen des Denkmalschutzes abgeschlossenen Maßnahmen blieb das Erscheinungsbild des historischen Kreuzganges nahezu unverändert und sein Verfall wurde - zumindest für eine überschaubare Zeit - gebremst.

Denkmalschützer und Kunsthistoriker sind sich einig: An keinem der überkommenen Kreuzgänge des 12. Jahrhunderts ist ein mit Oberpleis vergleichbares reiches Gliederungssystem nachzuweisen. Neben den drei Flügeln des Bonner Kreuzganges, dessen Innenfronten von den störenden Eingriffen des ausgehenden 17. Jahrhunderts schon im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts weitgehend befreit wurden, ist der Westflügel in Oberpleis das einzige Bauwerk seiner Gattung und seiner Zeit in unserem Gebiet, dessen ursprünglicher Zustand mit fachmännischer Sorgfalt wieder hergestellt werden konnte."


Quelle
Honnefer Volkszeitung, Weihnachten 1999
Zur Verfügung gestellt von
Verein Gutenberghaus Bad Honnef; Fotograf unbekannt
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Katholische Kirche Oberpleis Presseberichte Presseberichte 2 (ab 1990 bis 2000)
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1947

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