Aufnahme: 1996
FFZ 95: Wir können auch anders! - Pfadfinder in Holland
Sommerferien + Freizeit = Ferienzeit. Nach dieser einfachen Formel verfahren jährlich die Oberpleiser DPSG-Pfadfinder und bieten für ihre Mitglieder die sogenannten Gemeinschaftspauschalreisen mit Erlebnischarakter, Ferienfreizeiten (Kürzel: FFZs) an. Diese erfreuen sich glücklicherweise (oder sollte man ob der früheren Freizeiten besser sagen: "logischerweise'?) einer großen Beliebtheit, so daß man auch in diesen Ferien wieder ausgebucht in fremde Lande zog.
Der vorliegende Artikel befaßt sich im folgenden mit der FFZ der "Großen" nach Holland und los gehts:
(20 Teilnehmer, 4 Leiter, 1 Kaplan) verbrachten die erste Woche in einem Ort namens Baario, dessen Einwohnerschaft uns zahlenmäßig weiter unterlegen war. "Unser" Vermieter ("if you have fun, I have fun!“) bewirtschaftete in unmittelbarer Nähe unserer gemütlichen Unterkunft seinen Bauernhof. Insbesondere der direkt angrenzende Stall, in dem ungefähr 200 Kälber untergebracht waren, trug je nach Windrichtung mehr oder weniger zum gewissen Flair der ersten Tage bei.
Weitere Attraktionen des Hauses waren ein Volleyballfeld, eine Tischtennisplatte, ein drinnen aufgehängter Basketballkorb, eine Sauna sowie der ungefähr 50 Meter vom Haus entfernt verlaufende Schifffahrtskanal, dessen Erkundung mit einem kleinen Ruderboot den Beteiligten immer großen Spaß machte und aufgrund der spärlichen Nutzung Kanals durch große Lastkähne überhaupt keine Gefahr darstellte (zumindest tagsüber).
Um einigermaßen mobil sein und dem Landleben notfalls einmal entfliehen zu können (z.B. in das kleine Ortchen Zwartsluis (5,3 km) oder in die mondäne Weltstadt Meppel (7,8 km), mieteten wir ein Dutzend Fahrräder an, die dann auch rege benutzt wurden. Sehr interessant waren hierbei die Fahrten. bei denen wir alle gemeinsam etwas unternahmen, wie schon nach kurzem Vergleich der Anzahl der FFZIer und der Fahrräder klarwerden dürfte. Als Kolonne mit gut 20 Leuten auf 12 Fahrrädern erregten wir nicht selten eine gewisse Aufmerksamkeit, und das zu Recht.
Im Unterschied zu Ferienfreizeiten mit jüngeren Teilnehmern verzichteten wir Leiter in Holland auf die Ausarbeitung eines detaillierten Programms, sondern gaben vielmehr nur den Rahmen (Essenszeiten, allgemeine Verhaltensregeln (Du sollst nicht töten) usw.) vor. In den täglichen Abendrunden besprach man dann gemeinsam das Programm für den nächsten Tag sowie andere Belange und endete mit Gebet und Gesang (Schööön). Auch bei der Essenszu- und -nachbereitung war Mitverantwortung seitens der Teilnehmer angesagt.
So verbrachte man die erste Hälfte der FFZ eigentlich recht geruhsam in der Umgebung des Hauses mit Sonnenbädern, Frisbee- und Würfelspiel, Mittagsschlaf, gelegentlichen Einkaufsfahrten, Gitarrenklang (unvergessen: der zweistrophige, selbst komponierte Blues von Daniel), Anfertigung von Gipsmasken und Batiksachen, gelegentlichem Videokonsum, abendlichem Alkoholgenuß, erster Rasur, Tischtennis, neuem Haarschnitt, Rätseln, Musikhören und zwischenmenschlichem Miteinander. Nach einer gemeinsamen Meßfeier verließ uns nebenbei gesagt am Samstag unser Kaplan, um in einer Nacht und Nebelaktion (Wortspiel!) zur anderen FFZ nach Österreich zu stoßen.
Hier noch zwei herausragende Ereignisse (aus meiner subjektiven FFZ-Top-Ten):
1. An einem Tag mieteten wir für die ganze Gruppe Kajaks an und schlugen uns unter fachkundiger Leitung von Guido H „Gleich kommt ein Super-Sandstrand" Becker durch die grüne Hölle aus teilweise sehr engen Kanäle und meterhohem Schilf durch. Sehr lustig (außer für Beteiligten) war hierbei die unfreiwillige, halbe Eskimorolle, die Jürgen und Patrick einer kurzen Pause meisterlich vorführten. (Die Schuldfrage ist bis heute noch nicht geklärt!) Der angekündigte Sandstrand entpuppte sich übrigens als nicht existent.
2. Aus Platzgründen mußte dieser Punkt leider gestrichen werden. Wer trotzdem etwas darüber erfahren möchte, spreche Guido oder mich doch einmal auf das Überraschungsfrühstück im Bett an. Nach einwöchigem Landaufenthalt räumten wir dann am Montag in aller Frühe das Haus (auf) und begaben uns nach Lemmer, wo wir nach kurzer Suche das zweimastige Segelschiff "De Zevenwouden" bestiegen, mit dem wir dann bis Freitag auf dem Ijsselmeer herumfuhren. Unser Skipper Rudolph mit seinem Matrosenpaar Birgit und Mauritz steuerte hierbei die Städte Staveren, Enkhuizen, Monnickendam und Hoorn (in dieser Reihenfolge an), die hinsichtlich der Einkaufsmöglichkeiten und der Entfernung zum jeweiligen Dusch- und WC-Haus ein breites Spektrum abdeckten. Auch beim Segeln waren die Teilnehmer natürlich wieder stark gefordert und konnten ihre seemännischen Fähigkeiten am Vordeck (Klüver- und Focksegel), am Groß- sowie am Besansegel unter Beweis stellen. Diese mußten nämlich morgens nach der Ausfahrt aus dem Hafen ausgepackt, gehißt und später dann richtig einjustiert werden. Von einigen Wenden und einer Halse abgesehen, wurden sie dann abends vor Einfahrt in einen neuen Hafen wieder eingeholt. Beim "Einparken" halfen dann die besonders Begabten durch geschicktes Anbringen von Fendern und anderen Schutzvorrichtungen, um die Schäden an anderen Schiffen möglichst klein zuhalten, während der Rest der Mannschaft lauthals Shantys zum Besten gab (kleiner Scherz).
Ansonsten genoß man das gute Wetter und die engen Kabinen, lag auf Deck herum, hielt zweimal bei ziemlicher Windstille zum Schwimmen an, hetzte kurz vor Ladenschluß durch die verschiedenen Hafenstädte, aß zusammen mit der Crew im kleinen Speisesaal, freute sich, als Mauritz Markus ins Wasser warf, kaufte sich coole Mützen, besuchte mehrere Discos und Kneipen, lief nachts schon mal auf Deck, suchte Kleingeld für die Duschhäuser und erfreute sich des Lebens.
Der letzte Tag der Ferienfreizeit gestaltete sich schließlich mit starkem Wind, einem Bruch der Großsegel - Gaffel (inklusive daraus folgender Verspätung), einer akribischen Reinigung des gesamten Bootes (innen und außen), einer toll funktionierenden Gepäcktransportkette über vier fremde Boote hinweg und dem etwas entnervten Busfahrer (Warum saßen eigentlich fast alle Teilnehmer in der hinteren Hälfte des Busses?) sehr ereignisreich.
Resümierend sei hier noch einmal festgestellt, daß die FFZ eine gute Sache war. Slam!
Stefan Thomas
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