Aufnahme: 1995 (Text)

Die Stieldorfer Passionsspiele*, 2. Teil

Eine Nachbetrachtung von Heinrich Hillen

Der bisherige Erfolg ermunterte zum Bau einer größeren Festspielhalle für die Spielzeit 1902, weil man auch mit einem starken Fremdenzustrom zur Düsseldorfer Industrie- und Kunstausstellung rechnete. Die Fachleute Otto Müller und Michael Dammers schufen die Bühne und Dekorationen nach dem Oberammergauer Vorbild. Auf der rechten Bühnenseite wurde eine Orgel der Firma Klais installiert. Eine spezielle Bühnenbeleuchtung baute die Firma Prinz ein. So entstanden Kosten von über 50 000 Mark, die durch Bürgschaften der Passionsspieler abgedeckt wurden. Der erwartete Besucherstrom setzte ein. Darüber hinaus vermerkt die Chronik, dass neben dem rheinischen Adel auch Königin Sophie von Schweden die Passionsspiele besuchte. Am Ende der Spielzeit konnte die Spielleitung alle Schulden begleichen und ein Guthaben von 11 000 Mark aufweisen.

Höhepunkt der Entwicklung vor dem Ersten Weltkrieg war dann die Spielzeit von 1909. Im Jahre 1905 hatte Michael Weyler den Dirigentenstab an den Postschaffner Peter Schmitz übergeben. Auf der Vorstandssitzung am 6. September 1908 schlug nun dieser vor, die Festspielhalle durch einen Unternehmer erstellen zu lassen und dafür eine Leihgebühr zu zahlen. Auf die Ausschreibung hin erfolgten vier Angebote. Den Auftrag zum Bau der Passionsspielhalle erhielt Michael Meys aus Birlinghoven.

Gespielt wurde von Mai bis Oktober etwa in gleicher Rollenbesetzung wie 1902. Außer dem Dirigenten hatte auch der Orgelspieler gewechselt. Peter Bellinghausen hatte Heinrich Ennenbach abgelöst. Über 50 000 Besucher hatten das Stieldorfer Passionsspiel ergriffen erlebt. Als nach Beendigung der Spielzeit der Abbruch der Halle begann, stand diese eines Nachts in hellen Flammen. Es wurde von Brandstifung gesprochen, doch die Vermutung wurde nie bestätigt. Glücklicherweise waren die kostbaren Gewänder in einem benachbarten Schuppen untergebracht; das Löschwasser konnte hier keinen Schaden anrichten. Vom Reingewinn der Spielzeit wurde an der Chorseite der Kirche ein Vereinshaus erbaut, das die Requisiten aufnahm und für Proben zur Verfügung stand. Außer einem weiteren größeren Betrag für den Wegebau in der Gemeinde und Finanzmittel für caritative Zwecke wurde eine Rücklage von 12000 Mark gebildet, die später als Kriegsanleihe gezeichnet wurde und somit verlorenging.

Die Stieldorfer Passionsspiele waren aus der Gemeinschaft des Kirchenchores erwachsen. Der Vorstand hatte die zentralen Aufgaben in der Planung, der Organisation und im Ablauf geleistet. Die Entwicklung der Spiele hatte nun ein solches Ausmaß angenommen, dass diese Aufgaben nicht mehr vom Kirchenchor bewältigt werden konnten. Am 28. Juli 1911 versammelten sich die Einwohner der Pfarre Stieldorf, um einen Verein unter dem Namen „Stieldorfer Passionsspielverein“ zu gründen. Zum ersten Vorsitzenden wurde Michael Weyler gewählt, der zuvor schon zum Ehrendirigenten ernannt worden war. Eine vorbereitete Satzung wurde von der Versammlung angenommen. Das Königliche Amtsgericht Hennef vermerkte: „In das Vereinsregister ist der Stieldorfer Passionsspielverein in Stieldorf unter Nr. 13 des Registers am 7ten Juni 1912 eingetragen worden.“

Der Erste Weltkrieg 1914-1918 unterbrach die weitere Entwicklung der Stieldorfer Passionsspiele.

Schriftliche Grundlagen für die Passionsspiele Stieldorf

Das Mainzer Textbuch: Mit Erfolg hatte sich Michael Weyler gegen die Verwendung des Oberammergauer Textes eingesetzt. Er schien ihm für die Stieldorfer Verhältnisse zu umfangreich . Nach sechsjähriger Suche einigte man sich auf das sogenannte Mainzer Textbuch. Es war verfasst von einem Priester der Erzdiözese Trier und im Verlag Kirchheim in Mainz erschienen. (Leider konnte bisher kein Exemplar wiedergefunden werden.) Den einzelnen Szenen stellte man Prologe voran und nahm Liedertexte und Melodien von alten Kirchenliedern hinzu. Auf dieser Grundlage wurde jeweils in der Fastenzeit 1889 und 1890 im Saale Schreckenberg gespielt.

Das Stieldorfer Textbuch von Michael Weyler: In Anlehnung an das Oberammergauer Passionsspiel erarbeitete M. Weyler ein Textbuch, das in 13 Darstellungen bzw. Bildern das Leiden und Sterben des Welterlösers würdig und ergreifend schilderte. Den einzelnen Akten waren jeweils Prolog und ein Lied vorangestellt; dazu erschienen an passender Stelle lebende Bilder aus dem Alten Testament.

Der Aufbau: Jesus zieht unter dem Jubel des Volkes in Jerusalem ein. / Jesus wird in Bethanien von Magdalena gesalbt. Er nimmt Abschied von seiner Mutter und seinen Freunden. (Der junge Tobias nimmt Abschied von seiner Mutter.) / Jesus hält mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl. (Melchisedech opfert dem Herrn Brot und Wein.) / Das Synedrium gewinnt Judas zum Verrat. (Josef wird von seinen Brüdern verkauft.) / Christus leidet bittere Todesangst, wird von Judas verraten und von der Rotte abgeführt. (Adam muss im Schweiße seines Angesichts sein Brot gewinnen.) / Jesus wird Annas vorgestellt und ins Angesicht geschlagen. / Der Hohe Rat spricht das Todesurteil über Jesus. Judas, voll Verzweiflung, wirft die Silberlinge hin. (Der unschuldige Naboth wird zu Tode gesteinigt.) / Die jüdischen Priester verklagen Jesus bei Pilatus. Dieser erklärt ihn für unschuldig und schickt ihn zu Herodes. / Herodes mit seinen Höflingen verspottet Jesus. / Der Hohe Rat bringt Jesus wieder zu Pilatus und verlangt seinen Tod. Pilatus lässt ihn geißeln, Barrabas losgeben und verurteilt Christus zum Tode. (Die Opferung Isaaks.) /Jesus wird mit dem Kreuz beladen und nach Golgotha geführt, begegnet seiner betrübten Mutter. Simon von Cyrene hilft das Kreuz tragen. Frauen beweinen Jesus. (Christus am Kreuze) / Die heiligen Frauen besuchen das Grab. Petrus und Johannes kommen. Zwei Engel erscheinen. / Der Schlusschor beendet das Drama.

Als ergreifendste und erhabenste Szene nennt der Chronist die Darstellung Jesu am Kreuze.

Als Vorbild für die Szenerie des Abendmahles diente Weyler die bildliche Darstellung von Leonardo da Vinci in Mailand. Die Konsekrationsworte ließ er aus Ehrfurcht ebenso aus wie die Worte Jesu am Kreuze. Die Weylersche Textschöpfung erhielt ergänzende Unterstützung durch den Pfarrer Albert Pfeifer (1846-1907), der zu jedem Akt in schlichten Versen einen Prolog und einen Chortext schrieb.

Neubearbeitung des Textbuches durch Ina Breuer: Zur Spielzeit 1934 erfuhr der Text von Michael Weyler eine vollständige Neubearbeitung durch Fräulein Ina Breuer, die langjährige Leiterin der Kölner Spielschar. Sie hielt sich zwar grundsätzlich an den Verlauf, strich aber die Vorsprüche vor den einzelnen Akten bis auf den Prolog am Anfang. So wurden die zahlreichen Unterbrechungen vermieden. Lediglich nach 90 Minuten gab es eine Spielpause.

Hauptlehrer Gottfried Emans, der Ina Breuer eine große Meisterin des Laienspiels nannte, schrieb: „Die Handlung blieb dauernd im Fluss … Ein neuer Text mit durchgehender, sich immer mehr steigernder Handlung, so dass die Zuhörer unwillkürlich mitgerissen wurden …, in Wut über den Verrat des Judas und auch beim Abschied von Bethanien und bei den Leidensszenen zu den Taschentüchern griffen ...“ 

Massenauftritte (Einzug in Jerusalem, Verurteilung, Kreuzweg) wechselten mit kleineren eingeschobenen Szenen (Vorhölle), eingestreute alte Fastenlieder wurden von den Besuchern mitgesungen. Nach dem Schlusschor „Christus starb … Christ ist erstanden, Alleluja!“ sangen oft Darsteller und Besucher „Großer Gott, wir loben dich“. Gottfried Emans berichtete von einem tiefen seelischen Erleben aller Beteiligten.

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*Anm. d. Red.: Die Nachbetrachtung von Heinrich Hillen erschien 1995 unter dem Titel "Das Ende der Stieldorfer Passionsspiele vor 60 Jahren" in der Siebengebirgs-Zeitung, siehe unten.

Foto 1: Innenansicht der Passionshalle 1927; Foto 2: die Passionshalle im Bau

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 45 vom 09.11.1995 (2. Teil)
Zur Verfügung gestellt von
Rudolf Pieper (SZ)
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