Aufnahme: 1995 (Text)
Die Stieldorfer Passionsspiele*, 3. Teil
Eine Nachbetrachtung von Heinrich Hillen
Die Satzung des Passionsspielvereins
In der Vereinssatzung von 1912 waren neben den allgemeinen Regularien und der Beschreibung der Vereinsorgane und ihrer Aufgaben Punkte genannt, die speziell und charakteristisch für diese Gemeinschaft waren:
§ 1 Der Verein bezweckt durch periodische Aufführung eines Passionsspiels, auf die Mitglieder, die Gemeinde und die Zuschauer moralisch einzuwirken.
§ 2 Ein wirtschaftlicher Geschäftsbetrieb ist ebenso wie die Verfolgung politischer Zwecke von der Tätigkeit des Vereins ausgeschlossen.
§ 3 Mitglied des Vereins … Aufnahmefähig sind unbescholtene Personen beiderlei Geschlechts, die das 18. Lebensjahr zurückgelegt haben.
§ 4 Jedes Mitglied hat einen jährlichen Beitrag zu zahlen, welcher festgesetzt wird auf Mark 10, -, und wird derselbe gezahlt im November.
§ 6 Die Wahl des Vorstandes … erfolgt erstmalig auf die Dauer von vier Kalenderjahren … für das Jahr 1912 … Vom Jahre 1916 ab … jedesmal auf die Dauer von sieben Jahren.
§ 11 Im November jeden Jahres findet eine Mitgliederversammlung statt … Die Einladungen … durch Ausruf in der Kirche.
§ 13 Im Falle der Auflösung des Vereins fällt das vorhandene Vermögen zur Hälfte der Katholischen Pfarrgemeinde Stieldorf und zur anderen Hälfte der Zivilgemeinde Stieldorf zu.
Die Vereinssatzung wurde von 48 Personen unterschrieben, ausschließlich männlichen Geschlechts.
In der Fassung vom 5. April 1933 wies die Satzung wesentliche Änderungen bzw. Ergänzungen auf:
§ 1 Das Wort „moralisch“ wird durch „religiös“ ersetzt.
§ 2 … sind die Einkünfte zunächst zu verwenden zur Erhaltung des Sachvermögens und zur Förderung und Vervollkommnung des Spiels. Religiöse Einkehrtage sollen alle Spieler würdig einstimmen und vorbereiten. Die Teilnahme wird zur Pflicht gemacht. Bei der Spielerauswahl soll ein kleiner vom Vorstand ernannter Ausschuss vorschlagen, eine wiederum vom Vorstand erweiterte Kommission wählen.
§ 7 Die Mitgliederversammlung hat stattzufinden während der Spielzeit jeden zweiten Monat (und) außerhalb derselben wenigstens einmal und zwar am 2. Januarsonntag. Sie wird eingeleitet durch Abendandacht und Generalkommunion.
§ 13 Die Auflösung des Vereins erfolgt bei ¾ Stimmenmehrheit der Mitgliederversammlung. Über den Verbleib des Vermögens entscheidet die gleiche Mehrheit.
Erinnerung und Neubeginn der Passionsspiele
Versuche zur Wiederbelebung
Hatte der Erste Weltkrieg die Entwicklung der Passionsspiele auch jäh unterbrochen, so waren die Festspiele doch weiterhin in den Menschen der Pfarrgemeinde lebendig. In den Vorstandssitzungen und auf der jährlichen Generalversammlung des Passionsspielvereins wurde intensiv beraten. So wurden beispielsweise während der Kriegszeit Gelder aus der Vereinskasse für Hinterbliebene bereitgestellt. Wegen der großen Not in der Nachkriegszeit war an eine Aufnahme der Passionsspiele nicht zu denken. Manche Spieler waren im Krieg geblieben. Das Vermögen des Passionsspielvereins war der Geldentwertung zum Opfer gefallen. Wiederholte Gespräche zur Wiederbelebung führten im Januar 1927 zu einer Versammlung im Saale Reuter. Unter Führung des Bürgermeisters Rudolf Hahn wurde ein Arbeitsausschuss gebildet, der zunächst im Rheinland eine Umfrage auf Erfolgsaussichten startete. Das Befragungsergebnis war recht positiv. Die geistlichen und weltlichen Behördern wurden gewonnen, vor allem aber die Bürgschaften der Stieldorfer Bevölkerung machten einen Beschluss zur Wiederaufnahme der Spiele für 1928 möglich.
Der Vorstand wählte im April 1927 Vikar Candels zum Spielleiter und Lehrer Quardt zum Chorleiter; im Mai wurden die Spieler ausgesucht. Das Protokoll vermerkte: „Es gelang, die Rollen in gute Hände abzugeben.“ Die Lehrerschaft begann mit vorbereitenden Lese- und Sprechübungen.
Bereitschaft zum Risiko
Um den Erlös der Stieldorfer Passionsspiele längerfristig zu gewährleisten, bewies der Vorstand Mut zum Risiko. Es gelang, den Intendanten des Bonner Stadttheaters, Dr. Albert Fischer, als künstlerischen Berater zu gewinnen. Dieser machte es möglich, dass sein Oberspielleiter Fritz Kranz ab Januar 1928 die Gestaltung der Proben überwachte und letztlich selbst Regie führte. Die Einstudierung der Chöre hatte Hauptlehrer Gottfried Emans übernommen. Die Pläne zum Bau der neuen Festspielhalle für 1200 Besucher hatte Kreisbaurat Bonn aus Siegburg erstellt. Den Auftrag zum Bau der Halle in kühner Binderkonstruktion erhielt die Firma Gebrüder Wilken aus Köln. Die Kosten für dieses Projekt betrugen betrugen allein 140 000 Mark. Den Entwurf für den Bühnenprospekt übernahm Professor Walter von Wecus von der Kunstakademie in Düsseldorf.
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*Anm. d. Red.: Die Nachbetrachtung von Heinrich Hillen erschien 1995 unter dem Titel "Das Ende der Stieldorfer Passionsspiele vor 60 Jahren" in der Siebengebirgs-Zeitung, siehe unten.
Foto 1: Passionsspiel Stieldorf 1934. Szene aus dem Abendmahl mit den Darstellern v.l.: Adolf Lütz, Joseph Kreutzer, Joseph Winterscheidt und Änni Schmitz.
Foto 2: Joseph Winterscheid, der Darsteller des Christus
Foto 3: Joseph Kreutzer, der Petrus-Darsteller
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