Aufnahme: 1995 (Text)
Die Stieldorfer Passionsspiele*, 4. Teil
Eine Nachbetrachtung von Heinrich Hillen
Die Spielzeit 1928/29
Einerseits lagen die leitenden Funktionen in den Händen von Fachleuten, andererseits bleib es jedoch bei dem (Laien-)Spiel der Stieldorfer Arbeiter und Bauern. Es war nicht schwer, die Begeisterung der Mitwirkenden zu wecken. Das Erlebnis der Passionsspiele der älteren übertrug sich auf die jüngeren Spieler. Die Festspielleitung schätzte aber auch realistisch die Erfolgsaussichten ein. Nicht nur der Idealismus der Stieldorfer, auch die Scharen der Besucher konnten und mussten zum Gelingen des großen Werkes beitragen. Deshalb wurde ein Werbeausschuss eingesetzt, der von Klaus Friedrichs geleitet wurde. Werbeprospekte verschiedenster Art wurden verschickt. Anzeigen erschienen ebenso in allen deutschen Zeitungen wie mehrfarbige Plakate in Verkehrsämtern und Reisebüros. Tausende von Ansichtskarten mit den Hauptdarstellern, Spielszenen und Dorfpartien wurden in der näheren und weiteren Umgebung angeboten.
Zur ersten Aufführung Mitte Mai gut gerüstet, versammelten sich die Pfarrangehörigen morgens zum Gottesdienst in der Kirche. Trotz stürmischen Besucherandrangs herrschte auch tagsüber Ruhe und Ordnung. Alle spürten, dass Passionsspiele aufgeführt wurden und nicht etwa Kirmes gefeiert wurde. Die Spieler betrachteten ihre Tätigkeit als Dienst bei der Glaubensverkündigung.
Kurz vor 15 Uhr begannen die Glocken der Pfarrkirche ein festliches Geläute. Mit dem letzten Glockenschlag verlosch das Licht in der Festspielhalle, oberhalb der Bühne erstrahlte ein großes goldenes Kreuz. Zuschauerraum und Bühne waren durch einen wallenden blauen Vorhang getrennt. Vikar Candels spielte auf der Orgel, deutlich wurde der Prolog gesprochen, der Passionschor (36 Sänger) sang klangvoll und mächtig. Dann erlebten die Besucher ein Passionsspiel, das für viele von ihnen zu einem unvergesslichen Erlebnis wurde.
Presse und Rundfunk berichteten in lobenden Worten vom Stieldorfer Passionsspiel. Fast 100 000 Besucher kamen aus Deutschland, Holland, Belgien, Luxemburg, Frankreich und einigen überseeischen Ländern in das kleine Stieldorf. Trotz des großen Ereignisses blieb werden der umfangreichen Investitionen eine Restschuld von 58 000 Mark. Unter diesem Druck beschloss die Generalversammlung im November eine verkürzte Spielzeit für 1929. Die fast 300 Mitwirkenden waren auch in der Zeit von Juni bis Oktober 1929 mit Ernst und Hingabe bei ihrem Spiel. Die Bilanz konnte fast ausgeglichen werden. Die gemeinsame große Aufgabe war gelöst und das Gemeinwesen auch im Alltag für die kommenden Jahre geprägt worden.
Probleme, Aufführungen und Ende der Passionsspiele
Spaltung im Passionsspielverein
Nach dem enormen Einsatz der Mitwirkenden 1928/29 sollten nach dem großen Erfolg eine Ruhezeit eintreten. In der neuen Halle hatte sich eine gute Akustik gezeigt. Sie stand fest und solide für die kommenden Spielzeiten. Ein Ordnungsdienst sorgte für die Pflege der Halle. Andere kümmerten sich um die Erhaltung der kostbaren Gewänder. Gelegentlich traf man sich zu einer Probe. Doch bei den Vorstandssitzungen und den alljährlichen Hauptversammlungen im November tauchten zunehmend Probleme auf. Der kleinen Restschuld stand zwar das große Sachvermögen gegenüber, doch die Steigerung des Zinsfußes von 5 auf 20% ließ die Schuld auf 23 000 Mark anwachsen. Die Veränderungen im politischen Bereich führten zu Missklängen auch im Passionsspielverein; insbesondere nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten führte der NS-Druck zu einer Spaltung selbst im Vorstand. Die Zukunft der Passionspiele war gefährdet.
Geschäftsführer Heinrich Pauly musste sein Amt niederlegen, weil er als Mitglied der Zentrumspartei von der Stieldorfer Schule versetzt wurde. Ergebnislos wurde auf einer Vorstandssitzung im Vereinshaus dagegen protestiert. Um die gestiegenen Schulden zu tilgen, wurde eine Spielzeit bereits für 1934 beschlossen. Hellenleiter W. Reuter, Ortsgruppenleiter L. Zaun und Amtsbürgermeister Benkowitz als Mitglieder der NSDAP wollten verstärkt Einfluss nehmen. Um die Kosten gering zu halten, sollte mit eigenen Kräften auch in leitenden Funktionen gearbeitet werden. Als Leiter des musikalischen Teils wurde Musikdirektor Th. Kurscheid bestimmt. Hauptlehrer G. Emans sollte die Spielleitung übernehmen. Doch der lehnte ab mit der Begründung, diese Aufgabe sei nur von einem erfahrenen Fachmann – wie 1928/29 – zu lösen. Mit der Drohung, Emans – wie auch schon Pauly – dienstversetzen zu lassen, zogen die drei Parteigenossen zur Kreisleitung nach Siegburg. Landrat Dr. Butlar und Kreisleiter Hofstetter verlangten für den nächsten Sonntag eine Generalversammlung des Passionsspielvereins und sagten ihre Teilnahme zu. Als Landrat Dr. Butlar und Stellvertretender Kreisleiter Saal eintrafen, fanden sie einen dicht besetzten Saal Reuter vor, in dem in Anwesenheit von Mitgliedern der SA in Uniform mit Fahnenschmuck die Meinungen aufeinanderprallten. Letztendlich konnte die Situation von Landrat Dr. Butlar gerettet werden, die Gesamtleitung zu übernehmen. Er brachte seine Erfahrung als früherer Intendant des Stadttheaters Kassel mit. Durch seine Beziehungen und die Bemühungen von Pfarrer J. Palm gelang es, Fräulein Breuer vom Bühnenvolksbund Köln zu gewinnen, die ein neues Textbuch schrieb und die Spielleitung übernahm. Eine Neubearbeitung der Chorpartien erfolgt durch den Komponisten August Klein. So konnte im November 1933 die Probenarbeit beginnen.
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*Anm. d. Red.: Die Nachbetrachtung von Heinrich Hillen erschien 1995 unter dem Titel "Das Ende der Stieldorfer Passionsspiele vor 60 Jahren" in der Siebengebirgs-Zeitung, siehe unten.
Foto 1: Christus vor dem Hohen Rat
Foto 2: Judas (Peter Jonas) 1934/35
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