Aufnahme: 1995 (Text)

Die Stieldorfer Passionsspiele*, 5. Teil

Eine Nachbetrachtung von Heinrich Hillen 

Die Spielzeit 1934/35

Als neuer Geschäftsführer wurde Diplombetriebswirt Klaus Friedrichs eingesetzt, der schon 1928/29 als Student in diesem Bereich für den Passionsspielverein tätig war. Er leitete umfangreiche Werbemaßnahmen ein. Am 7. Mai 1934 fand vor zahlreich geladenen Ehrengästen und der Presse  die Erstaufführung des neubearbeiteten Passionsspieles statt. Die dramatischer zusammengefasste Handlung erzielte durch die geschlossene Einheit und einen künstlerischen Gesamteindruck große Beachtung in ganz Deutschland.  Woche für Woche erlebte Stieldorf in der Folgezeit einen großen Besucherandrang. Zahlreiche Sonderveranstaltungen mussten eingelegt werden; in der Haupturlaubszeit wurden über zwei Wochen hin tägliche Aufführungen notwendig. Bereits im August waren sämtliche Schulden getilgt. Die Spielzeit endete mit einem erheblichen Reingewinn, der satzungsgemäß wieder größtenteils caritativen Zwecken zugeführt wurde. Die Spielzeit war zwar nach außen hin erfolgreich, doch Frieden und Eintracht waren nicht wieder eingekehrt. Der Einfluss des Nationalsozialismus hatte in der Gemeinde zugenommen. Es kam zu Auseinandersetzungen und Tätlichkeiten zwischen örtlichen Parteigenossen und Stieldorfer Bürgern. Besonders in den Reihen der Passionsspieler wuchs der Widerstand.

Die Generalversammlung im November 1934 beschloss, beim Generalvikariat in Köln die Umwandlung des Passionsspielvereins in eine Bruderschaft kirchlichen Rechts zu beantragen. Damit wollte man sich dem Einfluss der weltlichen Behörde entziehen. 

In der Folgezeit sah sich der Passionsspielverein mancherlei Anschuldigungen ausgesetzt. Die Parteigenossen stellten ihn als „erheblich staatsgefährdend“ dar. Außerdem forderten sie die Bezahlung des Grundstücks, auf dem die Festspielhalle 1927 errichtet worden war. Anfang Januar 1935 fand durch die Gauleitung eine Ortsbesichtigung  durch „Experten“ statt. Die Untersuchung hatte folgendes Ergebnis:

a) Für das Grundstück der Halle sollten 6000 Mark bezahlt werden.

b) Eine geschäftliche Verwaltung von Kirchenseite dürfe nicht erfolgen. 

c) Die Bausubstanz der Halle weise Mängel auf. Die Benutzung sei verboten.

Wegen des weiterhin großen Interesses von Besuchergruppen hatte die Generalversammlung für 1935 bereits eine verkürzte Spielzeit beschlossen. Außerdem wollte man zur Sanierung der Halle – das Asphaltdach wies Risse auf – Gelder einspielen. Diese Pläne waren nun durch das Gutachten der Gauleitung bedroht. In seiner Not wandte sich der Passionsspielverein an den Oberpräsidenten der Rheinprovinz, Freiherr von Lüningk, in Koblenz. Diesem Förderer der Stieldorfer Passionsspiele gelang es, eine Spielerlaubnis für den Sommer 1935 beim Reichspropagandaministerium in Berlin zu erwirken.

Nach der Spielgenehmigung mit der Auflage, höchstens 1000 Besucher pro Aufführung in die Halle zu lassen, wurde unter Zeitdruck geprobt. Als trotz vieler Schwierigkeiten am 15. Mai 1935 die Erstaufführung stattfand, regnete es in Strömen, und viele (selbst geladene) Besucher blieben aus. Das änderte sich auch in den Folgewochen nicht, obwohl alle mit voller Hingabe spielten. Viele Besucher blieben aus, weil sie Angst vor eventuellen Schikanen der Machthaber hatten.

Am 30. Oktober 1935 fand die letzte feierliche Vorstellung der Stieldorfer Passionsspiele statt. Der Vorhang schloss sich hinter dem Spiel, das den Stieldorfern und ihrer Gemeinde und durch diese so vielen Besuchern viel gegeben hatte.

Das Ende der Passionsspiele?

In einer Aufstellung für das Finanzamt Siegburg wird das Vermögen des Passionsspielvereins Stieldorf am 1.1.1935 mit rund 36000 RM ausgewiesen. Dabei wird der Wert der Festspielhalle mit 15700 RM festgesetzt. Eine Aufstellung zum 31.12.1935 nennt ein Vermögen von rund 41000 RM. Die Halle wird mit einem Schrottwert von 5100 RM angegeben. Die Spielzeit 1935 konnte nur mit einer Sondergenehmigung unter bestimmten Auflagen durchgeführt werden und brachte dennoch einen finanziellen Reingewinn. 

Anfangs hätten die Schäden an der Halle mit relativ geringem Aufwand beseitigt werden können. Durch Sonneneinstrahlung und Temperaturwechsel waren Risse im Asphaltdach entstanden. Die Schikanen der Nationalsozialisten werwehrten den Kauf von Dachpappe, der als genehmigungspflichtig erklärt wurde. So verfiel die Bausubstanz bis zum Schrottwert.

Auf Druck des Amtsbürgermeisters Klein beantragte der Stieldorfer Gemeindebürgermeister Engels beim Passionsspielverein einen Zuschuss von 5000 RM zum Bau eines Hitlerjugendheimes. Er selbst war zeitweise Vorstandsmitglied und berief sich auf die Vereinssatzung. Der Antrag wurde abgelehnt, doch die Benutzung des bestehenden Vereinshauses angeboten. Das passte natürlich nicht. Um einem Zugriff auf das Barvermögen des Vereins vorzubeugen, wurde 1937 eine Reichsanleihe von 20000 RM gezeichnet, die später verlorenging. Die Folgezeit war gekennzeichnet von Auseinandersetzungen mit einigen Mitspielern, mit dem ehemaligen Geschäftsführer Friedrichs, mit dem Finanzamt und insbesondere mit den örtlichen Machthabern des Dritten Reiches.

Dabei sollte 1939 eine Jubiläumsspielzeit gefeiert werden. Intensive Bemühungen zur Reparatur der Halle schlugen fehl. Alle Anstrengungen waren umsonst, als die militärische Aufrüstung einsetzte und der Zweite Weltkrieg ausbrach.

Nach erfolgter Besichtigung der Passionsspielhalle 1942 durch das Kreishochbauamt erging die Parteiverfügung, Absperrmaßnahmen zu ergreifen und Warnschilder zum Schutz der Passanten aufzustellen. Wenig später musste der Passionsspielverein auf Anordnung des Amtsbürgermeisters der Firma Josef Kurenbach in Berghausen den Auftrag zum Abbruch der Halle erteilen. Das brauchbare Holz wurde zur Ausbesserung von Fliegerschäden beschlagnahmt. Lediglich der Bühnenunterbau blieb zunächst zur Unterbringung der Requisiten, Gewänder und der wertvollen Orgel erhalten. Mit wehmütigen Gedanken verfolgten die meisten Stieldorfer die Abbrucharbeiten, und obwohl einige Baumaterial von der Halle erhielten, waren alle sehr traurig.

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 *Anm. d. Red.: Die Nachbetrachtung von Heinrich Hillen erschien 1995 unter dem Titel "Das Ende der Stieldorfer Passionsspiele vor 60 Jahren" in der Siebengebirgs-Zeitung, siehe unten.

Foto 1: Die Kreuzigungsszene 1934

Foto 2: Elisabeth Wolter (Maria) und Magdalena Winterscheid (Maria Magdalena)

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 48 vom 30.11.1995; Fotograf unbekannt
Zur Verfügung gestellt von
Rudolf Pieper (SZ)
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