Aufnahme: 1995 (Text)
Die Stieldorfer Passionsspiele*, 6. (letzter) Teil
Eine Nachbetrachtung von Heinrich Hillen
Bemühungen und Schwierigkeiten
Bestandsaufnahme in der Kirchen- und Zivilgemeinde
Anders als nach dem Ersten Weltkrieg hatten sich die Stieldorfer schon 1945 Gedanken um ihr Passionsspiel gemacht. Nur so ist zu erklären, dass ein Plan des Architekten Peter Heuser zur Errichtung einer neuen Passionsspielhalle für 1200 Personen bereits vom 13. November vorliegt.
Im Februar 1953 wurde durch Presse und Rundfunk die Nachricht verbreitet, die Stieldorfer Passionsspiele könnten bald wieder besucht werden. Beim Volksbildungswerk hatte Gottfried Emans einen Vortrag über die Stieldorfer Passionsspiele gehalten und unter Führung von Pfarrer Paul Hestermann eine Wiederbelegung geplant. Als erstes fand am Passionssonntag im Saal Schlösser – dem Ort der ersten Passionsspiele 1889 – ein Konzert des Stieldorfer Kirchenchores mit der Szene „Christus am Ölberg“ statt. Es wurde am Palmsonntag wiederholt und löste nach der Berichterstattung ein großes Echo in Deutschland und sogar in Übersee aus. Wiederholt stellte der künftige Geschäftsführer des Passionsspielvereins, Josef Müller, Rentabilitätsberechnungen an. Demnach konnte der Bau einer neuen Halle zunächst nicht realisiert werden, da nach fachmännischer Kalkulation ein Hallenneubau ca. 425000 DM gekostet hätte. Der zeitweilige Optimismus war verfrüht. Neben den Finanzproblemen konnte man auch nicht mehr den Idealismus früherer Jahre bei der breiten Gemeindebevölkerung voraussetzen. Auch die Bemühungen einflussreicher Persönlichkeiten vermochten es nicht, dem Passionsspielverein neue (Finanz-)Kraft für eine neue Spielzeit zu geben.
Das Ende des Passionsspielvereins
Als im Laufe der Zeit immer mehr Mitglieder des Passionsspielvereins verstarben, regte das Erzbischöfliche Generalvikariat im Zusammenhang mit dem Mietobjekt Wohnhaus für den Kirchenschweizer, das dem Passionsspielverein gehörte, an, auf einer Generalversammlung die Vereinsauflösung und die Übertragung auf die Kirchengemeinde zu beschließen.
Auf der Mitgliederversammlung des Passionsspielvereins Stieldorf e.V. am 22. Juni 1958 im Vereinshaus wurde einstimmig Pfarrer Josef Bolten zum Vorsitzenden und Heinrich Horn zum Geschäftsführer gewählt. Weiter wurde einstimmig beschlossen, das gesamte Vermögen der Kirchengemeinde Stieldorf zum Eigentum zu übertragen, die Löschung des Passionsspielvereins im Vereinsregister zu veranlassen und die Liquidation zu betreiben. Nach diesem Beschluss gab es eine kontroverse Diskussion im Stieldorfer Gemeinderat, da nach der ursprünglichen Vereinssatzung bei Auflösung das Vermögen je zur Hälfte der Kirchen- wie der Zivilgemeinde zufallen solle. Um des Friedens in der Gemeinde willen schlug Pfarrer Bolten vor, einen Teil des Geländes am Friedhof der Zivilgemeinde für Zwecke der Friedhofserweiterung zu überlassen. Das Grundstück der ehemaligen Passionshalle wurde im Grundbuch beim Amtsgericht Siegburg am 10. November 1958 auf die kath. Kirchengemeinde Stieldorf eingetragen. Mit Schreiben vom 15. Dezember 1959 teilte das Amtsgericht Siegburg mit: „Im hiesigen Vereinsregister ist unter Nr. 149 'Stieldorfer Passionsspielverein e.V.' in Stieldorf am 15. Dezember 1959 folgendes eingetragen worden: Spalte 5 (Auflösung). Die Liquidation ist beendet, der Verein ist erloschen.“
Die Erinnerung soll bleiben
Die große Zeit der Stieldorfer Passionsspiele ist wohl endgültig vorbei. Nach der Auflösung des Passionsspielvereins erschienen in der Presse hin und wieder Artikel über die Geschichte der Passionsspiele. Im Jahre 1975 gründete der Pfarrgemeinderat einen Arbeitskreis, der Dokumente und Erinnerungen sammeln sollte. Diese wurden dann im Jubiläumsjahr 1989 der Öffentlichkeit vorgestellt.
Der Pfarrgemeinderat führte einige Veranstaltungen durch, die die Vergangenheit lebendig werden ließen:
Am 11. März 1989 hielt Hauptlehrer Heinrich Hillen erstmals im Pfarrheim einen Lichtbildervortrag über die Geschichte der Stieldorfer Passionsspiele. Weiter 12 Einladungen zu Lichtbildervorträgen folgten bisher.
In einer Ausstellung in der Geschäftsstelle Stieldorf der Volksbank Bonn wurden Bilder und Dokumente über die Passionsspiele Stieldorf gezeigt. Die Präsentation war für die Zeit vom 8. bis 18. August 1989 geplant, musste aber wegen der großen Resonanz um eine Woche verlängert werden.
Am 5. November 1989 trafen sich die vier Chöre aus der Pfarre Stieldorf zu einem geistlichen Konzert in der Pfarrkirche mit Gesängen und Instrumentalmusik zur Passion, u.a. mit einem Chorwerk aus der letzten Passionsspielfassung.
Viele Besucher nahmen an den Veranstaltungen teil. Alt- und Neubürger waren gleichermaßen interessiert. Eine Zusammenfassung der Dokumente und Bilder soll nach dem Wunsch des Pfarrgemeinderates und der Kommunalpolitiker der Rates der Stadt Königswinter in Buchform festgehalten werden.
Die zehn Aufführungsperioden in der Zeitspanne von 1889 bis 1935 machten die Pfarrgemeinde Stieldorf in ganz Deutschland und darüber hinaus bekannt und trugen Stieldorf das Attribut „Rheinisches Oberammergau“ ein. Fast alle Familien des Kirchspiels waren in irgendeiner Weise am Geschehen beteiligt. Wenn pro Aufführungsjahr über 50000 Gäste aus Nah und Fern gezählt wurden, so war dies auch ein Wirtschaftsfaktor für den sonst stillen Kirchort. Heute zeugt nur noch der Straßenname „An der Passionshalle“ von dem bedeutenden Kapitel Stieldorfer Geschichte.
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*Anm. d. Red.: Die Nachbetrachtung von Heinrich Hillen erschien 1995 unter dem Titel "Das Ende der Stieldorfer Passionsspiele vor 60 Jahren" in der Siebengebirgs-Zeitung, siehe unten.
Foto 1: Der Vorstand des Passionsspielvereins Stieldorf im Jahre 1928
Foto 2: Das Stieldorfer Passionsspielhaus im Jahre 1928
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