Aufnahme: 1989 (

100 Jahre „Rheinisches Oberammergau"

Michael Weyler (1841-1920) aus Oberscheuren. Ihm verdankt das Stieldorfer Passionsspiel Entstehung, Entfaltung und Ansehen.

R. So oder ähnlich könnte in diesem Jahr eine besondere Festzeit überschrieben sein, wenn die Passionsspiele in Stieldorf hätten weitergeführt werden können. Allein die widrigen Umstände des NS-Regimes, der letzte Weltkrieg und die gesellschaftlichen Veränderungen in der Nachkriegszeit führten schließlich zum Ende der Passionsspiele, die für die damalige Gemeinde Stieldorf unermeßlich viel bedeuteten. Die Aufführungen zwischen 1889 und 1935 machten das kleine Dorf über alle Grenzen hinaus bekannt und lockten zehntausende Besucher in den Kirchort Stieldorf. Dieses für die Gemeinde so wichtige Ereignis der Passionsspiele soll nun in diesem Jahr in Erinnerung gerufen und besonders gewürdigt werden. Geplant werden Lichtbildervorträge, ein Chorkonzert, eine Ausstellung von Bildern und Dokumenten sowie die Herausgabe eines Buches über die Geschichte der Passionsspiele Stieldorf. Als Geburtstag der Passionsspiele hat wohl der 20. Januar 1889 zu gelten, denn an diesem Tag kam der Beschluß des Kirchenchores zustande, in der Fastenzeit desselben Jahres die Leidensgeschichte des Herrn zur Darstellung zu bringen. In der Chronik der Pfarre Stieldorf ist über die Anfänge der Passionsspiele zu lesen:

Chronik der Pfarre Stieldorf - Das Passionsspiel
Als Gründer und langjähriger Leiter des Passionsspiels in Stieldorf hat der Landwirt Michael Weyler aus Oberscheuren zu gelten, der am 23. April 1841 in Oberscheuren geboren ist und dort in ehelosem Stande bei seinen nächsten Verwandten lebte. Lange Jahre war er Dirigent des Kirchenchores, bis er im Jahre 1905 den Dirigentenstab dem Briefträger Peter Schmitz aus Stieldorf übergab, als Ehrendirigent jedoch dem Verein noch immer bis ins hohe Alter seine Zuneigung und sein lebhaftes Interesse bewahrte. Der Rektor im Kloster zu Bornheim, Wilhelm Reuther aus Dambroich, war in den Jahren des Kulturkampfes Cooperator in Regensburg und lud seinen Verwandten Michael Weyler im Jahre 1880  ein, ihn zu besuchen und dann gleichzeitig das Passionsspiel in Oberammergau zu sehen. Wie sehr der hochwürdige Herr Rektor den biederen, tief religiösen und ideal gerichteten Weyler nach Oberammergau wünschte, zeigen seine drastischen Worte: „Du mußt kommen und wenn es ein Pferd kostet." Am Feste des hl. Benne, am 16. Juni 1880 sah Weyler in Oberammergau die Aufführung des Spieles. Besonders ergriff ihn die Vorstellung des Abschiedes Jesu von seiner heiligsten Mutter in Bethanien, begeistert kehrte er in seine Heimat zurück.

Am Sonntag nach der Kirmes hielt er den Sängern des Kirchenchores und deren Bekannten im Gasthause des Hermann Reuther in Stieldorf einen längeren Vortrag über seine Erlebnisse in Oberammergau und übertrug dadurch seine eigene Begeisterung auch auf die Sänger, so daß sie ausriefen: „Das müßten wir auch machen." Ihr Dirigent aber wies sie auf die großen Schwierigkeiten hin, welche mit einem solchen Unternehmen verbunden seien, ohne sie jedoch von dem gefaßten Entschlusse abzubringen. Herr Weyler sah sich unterdessen nach einem geeigneten Texte um, den er in dem Spiele zugrunde legen könne, weil der Text der Oberammergauer für die hiesigen Verhältnisse zu umfangreich sei. Sechs bis sieben Jahre gingen darüber hin, schließlich stützte er sich auf das sogenannte Mainzer Textbuch, nahm aber auch Prologe vor den einzelnen Szenen dazu, suchte Liedertexte und Melodien von alten Kirchenliedern und so kam, nachdem die nächsten Vorbereitungen abgeschlossen waren, am 20. Januar 1889 der endgültige Beschluß des Kirchenchores zustande, daß am Sonntage Lätare in der Fastenzeit desselben Jahres zum ersten Male das bittere Leiden des Herrn zur Darstellung gelangen sollte. Man wählte dazu den Saal des Gastwirten Schreckenberg, weil er der größte in Stieldorf war.

Bei ihren vorbereitenden Übungen, die etwa zwei Jahre gedauert hatten, fanden Herr Weyler und die Spieler wirksame Unterstützung an dem Hausgeistlichen des hochbetagten Pfarrers Oswald, an dem hochwürdigen Herrn Kaplan Becks. Anfangs stand er dem jungen Unternehmen skeptisch gegenüber, da er die Schwierigkeiten für zu groß hielt, welche von den einfachen Landleuten zu überwinden seien, fand aber in dem Schreinermeister Heinrich Koch aus Niederscheuren einen solch hervorragenden Darsteller der Rolle des Hohenpriesters Kaiphas, daß er ihn begeistert höher stellte als den betreffenden Spieler in Oberammergau. Ein ebenfalls sehr fähiger Spieler war der Schreiner Blesgen Wilhelm in Rauschendorf, der die Rolle des Verräters Judas übernahm. Herr Becks, der selbst eine Reihe kleinerer Bühnenstücke verfaßt hatte, stellte jetzt gerne seine Kenntnisse und seine Begabung in den Dienst des jungen Unternehmens und half den Spielern mit Rat und Tat. Nachdem also in Peter Walter aus Stieldorf ein geeigneter Christusdarsteller gefunden, nach längerem Suchen in Duisburg eine Firma entdeckt worden war, welche die nötigen Kostüme für so viele Spieler liefern konnte, wurde am Mitfastensonntage vor besetztem Zuschauerraum gespielt, am folgenden Sonntage war der Saal überfüllt. Auch die besseren Stände wurden auf die Darstellungen aufmerksam und bei einem Mittwochspiel zählte man vor dem Saale schon vierzehn Wagen. Am Palmsonntage wurde das Passionsspiel für dieses Jahr zuletzt aufgeführt. Hunderte, welche nach Stieldorf gekommen waren, mußten vor dem überfüllten Saale umkehren. In jenen Tagen erschien in der Bonner Reichszeitung ein Artikel: „Das rheinische Oberammergau".

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 3 vom 19.01.1989; Fotograf unbekannt; Text: R.
Zur Verfügung gestellt von
Rudolf Pieper (SZ)
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