Aufnahme: 1985
DER GIERALTOWICE-AUSSCHUSSES BERICHTET :
Erste Reise
Studienfahrt nach Polen mit Besuch der Pfarrei "Gieraltowice"
Am 08.05.1985 setzte sich der Bus mit 28 Teilnehmer der Studienfahrt nach Polen in Bewegung. Nach einer langen Nachtfahrt erreichte die Gruppe am 09.05. ihr erstes Ziel, Breslau. Weitere Stationen der Fahrt waren Katowice, Krakau, Tschenstochau. Warschau, Danzig und Stettin. Untergebracht war die Gruppe jeweils in Hotels der Orbisgesellschaft. Verpflegung und Unterkunft waren ausgezeichnet. Die Landschaft und die Sehenswürdigkeiten beeindruckten sehr. Kontakte mit der Bevölkerung waren da. In Polen fühlten wir uns wohl und empfanden keinerlei Zwang, da wir uns frei bewegen konnten. Begleitet wurden wir auf der ganzen Fahrt von einer polnischen Dolmetscherin, die uns jederzeit behilflich war und alle Hindernisse aus dem Wege räumte. Erstaunt standen wir in Breslau vor den renovierten alten Gebäuden, wenn man bedenkt, daß Breslau zu 85% im Kriege zerstört wurde. Jemand der nach 40 Jahren hinkommt, erkennt es nicht mehr wieder. Genauso geht es mit den Städten Warschau, Danzig und Stettin. Sowohl in Danzig als auch in Warschau wurden die zerstörten Häuser nach BiIdern wieder naturgetreu aufgebaut. Es erscheint einem unwahrscheinlich, wenn man davor steht, das dies zum Teil Rekonstruktionen sind.
Krakau dagegen ist im Krieg nicht zerstört worden und steht noch in seiner alten Pracht, überragt von Wavel, dem alten Königsschloß. Bei Krakau darf man den Besuch der Industriestadt Nova Huta nicht vergessen. Wir besuchten dort die Kirche, die durch den heutigen Papst und damaligen Kardinal von Krakau und den dortigen Pfarrern gegen den Willen der Regierung errichtet wurden. Gebaut wurde die Kirche von den Einwohnern in freiwilliger Arbeit und mit Unterstützung westlicher Kirchen und Länder. Am Sonntag sind dort 16 Messen, die immer voll besucht sind. Betreut wird diese Kirche von 30 Priestern. Sehr beeindruckt waren wir ebenfalls vom Salzberwerk in Wielcka in dessen unterirdischen Räumen, die vom Salz befreit wurden, Kapelle und eine Kathedrale entstanden. Begnadete Künstler (Bergleute) schufen hier teilweise in 40-jähriger Arbeit diese wunderschönen Reliefs aus dem Leben Christi. Einer dieser Bergleute, der die Kathedrale zum größten Teil schuf, lebt heute noch.
Immer wieder während unserer Fahrt begleiteten uns endlose Weiten, Felder und Wälder. Überall wurden wir freundlich empfangen. Die Medikamente, die die Gruppe für das Krankenhaus in Tichy mitnahm, wurden dort an einen der leitenden Ärzte übergeben. Leider blieb uns nicht die Zeit der Einladung Folge zu leisten und das Krankenhaus zu besichtigen. Dafür machten wir um so ausgiebiger Gebrauch davon, einige Stunden in der Pfarrei "Gieraltowice" zu bleiben. Als der Bus dort ankam, standen ca. 80 Personen bereit uns zu empfangen. Hier bekamen wir polnische Gastfreundschaft zu spüren. Für uns war eine Kuchentafel gedeckt, gestiftet von den Eltern der Kommunionkinder und dem Pfarrer. Anschließend ging das große Fragespiel los: Kennt ihr diese oder jene Familie. Erzählt uns etwas über sie. Stundenlang mußten wir Fragen über Oberpleis und die Pfarrei beantworten. Es wurde diskutiert. Einige wurden in die Familie entführt und bewirtet. Am Abend besuchten wir dann gemeinsam mit den Pfarrgangehörigen den Gottesdienst. Pfarrer Niemic hatte extra die Erstkommunionbeichte vom Nachmittag auf den Vormittag verlegt, um uns empfangen zu können und Zeit für uns zu haben. Er fungierte während dieser Zeit als Dolmetscher, ebenso unsere polnische Begleiterin. Am Abend fand dann eine große Diskussions-Rrunde mit Pfarrangehörigen statt, in der über sämtliche Lebensbereiche, ob dies nun Schule oder andere Dinge betraf, gesprochen wurde.
Alle, die mit Skepsis mitgefahren waren, kamen restlos begeistert in die Heimat zurück.
Andreas Müllenholz
Zweite Reise
Am 4.10.1985 war es so weit: Zwei Mitglieder des Gieraltowice-Ausschusses, vier weitere Erwachsene, die brieffreundschaftliche Kontakte zu Familien in unserer Partnergemeinde oder deren näherer Umgebung pflegen, und drei Kinder starteten zur gemeinsamen Fahrt nach Gieraltowice. Der Zweck dieser einwöchigen Reise war, den persönlichen Einladungen der dortigen Familien, insbesondere der von Herrn Pfarrer Niemiec, Folge zu leisten und gemeinsam über weitere Fortführungsmöglichkeiten der Partnerschaft in den Pfarreien nachzudenken. Wenn es auch für drei der Mitfahrenden nicht der erste Besuch dort war, so hatten die übrigen doch bisweilen ein merkwürdiges Gefühl, was sich, wie man später feststellte, nach einer reibungslosen Fahrt durch die DDR und Polen sowie der herzlichen Aufnahme in den Familien, als
völlig unbegründet herausstellte.
Einige Oberpleiser hatten uns Briefe und Päckchen für "ihre Familien in Gieraltowice" mitgegeben, die freundlich entgegengenommen wurden. Dabei bekamen wir einen deutlichen Eindruck von der Lebensweise der polnischen Mitmenschen. Vergleicht man die dortigen Lebenshaltungskosten mit unseren Verhältnissen, so kann man es kaum fassen, daß ein Erwerbstätiger mit relativ hohem Einkommen für 2 Tafeln Schokolade einen halben Tag, für drei Tuben Zahnpaste einen Tag und für ein Pfund Kaffee drei Tage arbeiten muß. Ist es auch in letzter Zeit ruhiger geworden um die Not des polnischen Volkes, so wurde uns dennoch sehr bewußt, daß es den Familien in diesem Land oft am Nötigsten, für unsere Verhältnisse am Selbstverständlichsten, fehlt.
Die Situationen sind recht verschieden. Selbst wenn eine Familie glücklicherweise genügend Geld zur Verfügung hat, so sind lebensnotwendige Gebrauchsgüter in den Geschäften meist nicht erhältlich. Dort zeigen sich immer noch endlose Warteschlangen, wobei man nach stundenlangem Anstehen dennoch vor leeren Regalen anlangt. Besonders hart trifft es zudem die Rentner oder Witwen, die mit ihrer kargen Rente nicht einmal die ihnen zugeteilten Karten, auf die sie Butter, Fleisch oder Zucker erhalten sollen, einlösen können. Ihnen bleibt daher oft nichts anderes übrig, als diese zu verkaufen, um von dem Erlös wenigstens Heizmaterial für den Winter zu kaufen. Zu Krankenhausaufenthalten muß man sich oft Medikamente und Spritzen selbst mitbringen, damit eine (für uns selbstverständliche) Behandlung sichergestellt ist.
Es wird wohl jedem sehr schnell bewußt, was es heißt, solche Artikel auf dem Schwarzmarkt für hohe Summen beschaffen zu müssen. Trotz dieser Misere ist man immer wieder erstaunt über die Zufriedenheit, Herzllchkeit und allgemeine Gastfreundschaft des polnischen Volkes. Auch nach der einen oder anderen negativen Erfahrung können wir grundsätzlich davon ausgehen, daß die Hilfen, die von unserer Gemeinde ausgehen, wirklich angebracht sind. Kontakte und direkte Hilfen von Familie zu Familie sind von besonderer Wichtigkeit und allen Transportartikel vorzuziehen. Es wäre sicher ein Erfolg, wenn sich auch heute noch der eine oder andere dazu entschließen könnte, sich einer Familie in unserer Partnergemeinde anzunehmen. Herr Pfarrer Niemiec und der CARITAS-RAT in Gieraltowice haben die Auswahl der dort in Frage kommenden Personen mit großer Gewissenhaftigkeit getroffen. Man kann also sicher sein, daß die Hilfen bestimmt diejenigen erreichen, die ihrer bedürfen. Anschriften sind im Pfarrbüro erhältlich.
Edith Jarzombek
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