Aufnahme: 1982
Geistliche Musik der Renaissance in der Propsteikirche Oberpleis
E i n h e i t v o n K l a n g u n d R a u m
Einen besonderen Akzent gewann die von unserem Organisten Adolf Fichter betreute und regelmäßig mitgestaltete Konzertreihe "Geistliche Musik in der Propsteikirche Oberpleis" durch die jüngste Veranstaltung am 23.Mai, zu der er als Ausführender das einer Kennergemeinde schon bekannte Musikerehepaar Cecile und Kristian Gerwig gewinnen konnte. Insgesamt hatten sich etwa einhundert Konzertbesucher eingefunden um eine Musik zu hören, die nicht wesentlich jünger als das Gotteshaus ist, in dem sie erklingen sollte und in dem sie vielleicht vor Jahrhunderten als damals zeitgenössische schon einmal aufgeführt worden ist.
Die Künstler, die sich auf diesen Bereich Alter Musik spezialisiert haben, hatten ihr Programm auf den Marienmonat abgestimmt: Neben anonymen Werken des 14.Jahrhunderts enthielt es solche von John Dunstable (1370-1453;- "Ave regina cae loruin" "Sancta Maria") Guillaume Dufay (1.400-1474; "Ave regina caelorum"-;"Flos los florum")und vier Marienlieder des um 1480 entstandenen Glogauer Liederbuches. Die Folge dieser der sog. ·Ars nova zuzurechnenden Werke sollte mit Kyrie, Gloria und Agnus Dei aus der Messe MI-Mi Johan Ockeghens (ca.1420-1495),einem Hauptmeister der sog. Zweiten Niederländischen Schule, enden.
Damit kündigte sich ein manchem Konzertbesucher fremder Ausschnitt historischer Kirchenmusik an. Gänzlich unbekannt wird den meisten die an gesprochene Stilepoche aber nicht gewesen sein, denn Musik der Renaissance allgemein erfreut sich wachsender Beliebtheit was die steigende Instrumentennachfrage und die Popularität von Ensembles, welche diese Musik spielen, (wie etwa "Odhecaton" aus Köln) zeigen. Wer jedoch mit rhythmisch betonten Weisen, mit vitalen Klängen von Trommel, Flöte, Zink, Pommer oder Schalmei gerechnet hatte, mußte sich enttäuscht sehen.
Das' Eröffnungsstück anonymer Herkunft, "Angelus ad virginem", ließ die Merkmale und Musizierpraxis dieser frühen Kirchenmusik erkennen aus der sich dann weitere Formen der Mehrstimmigkeit entwickelt haben: Die ·Hauptstimmen wurden vokal wiedergegeben und von Saiteninstrumenten mit wachsender Eigenständigkeit begleitet. In der technischen Unabhängigkeit, mit der sich diese Kunst beherrschten und der Feinfühligkeit, mit der sie in dieser Weise zu zweit vielstimmig musizierten, zeigte sich das besondere Können der Solisten.
Die ruhige Führung der Gesangsstimmen, der im ganzen ähnliche Klangcharakter der wechselweise hinzutretender Leute, Harfe, Fidel und Gambe schufen eine meditative Atmosphäre, die wesentlich auch von den baulichen und akustischen Eigenschaften des Kirchenraumes mitgetragen wurde. Kurze musikgeschichtliche, und instrumentenkundliche Anmerkungen, die Kristian Gerwig zwischen den Stücken machte, störten besagte Stimmung nicht, mußten aber recht lückenhaft und, oberflächlich bleiben.
Gerade weil nicht mit einem Potpourri unterschiedlichster Instrumente und Ausdruckscharaktere der Stücke aufgewartet wurde, dabei die Vortragsfolge chronologisch geordnet war, ließ sich gut erkennen, wie die Technik mehrstimmigen Komponierens zwischen dem 14. und 15. Jh· zunehmend ausgefeilter wurde und sich der durchimitierende Stil entwickelte. Insofern standen die Ausschnitte aus der Messe Ockeghens, welche ein in allen Stimmen enthaltenes, gut erkennbares Quintsprungmotiv kennzeichnete, als Konzertabschluß am richtigen Platz.
Die rhythmische Beweglichkeit vor allem der Vokalstimmen, die zeitweilig textbezogene Koloraturen enthielten und ihr gegenseitiger Zusammenklang in oft "schlanken" Intervallen (Oktave, Quinte, Quarte) erforderten genauestes Intonieren, eine Leistung, welche die Solisten weitgehend erbringen konnten. Die Zuhörer dankten ihnen nach der Vortragsfolge mit herzlichem Applaus. Manche nahmen noch die Gelegenheit zu einem Gespräch mit den liebenswürdigen Künstlern wahr.
Edgar Zens
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