Pfarrer Gottfried Stein äußert sich zur vollzogenen Kirchenrenovierung und geänderten Platzordnung

Aufnahme: 1979

Pfarrer Gottfried Stein äußert sich zur vollzogenen Kirchenrenovierung und geänderten Platzordnung

 „Ich möchte mich, zunächst nochmals bedanken bei all denjenigen, die mich in den vergangenen 12 Jahren bei der Wiederherstellung unserer Pfarrkirche unterstützt haben, und in irgendeiner Form waren Sie hieran ja alle beteiligt. Gerade deshalb ist es mir auch schwergefallen, Sie darauf hinweisen zu müssen, dass am 17.12.1978, dem Tage der feierlichen Wiedereröffnung unserer Kirche, dort nicht Platz genug sei für alle. Unsere Gemeinde zählt über 4500 Seelen; und ich hatte Angst und Sorge insbesondere um unsere älteren Frauen und Männer, die bei schlechter Witterung draußen vor der Tür hätten bleiben müssen. Man mag diese Entscheidung für falsch halten, aber ich würde diesen Fehler wieder begehen müssen, stünde der Tag der Wiedereröffnung unserer Kirche noch bevor; das unschöne Wort "Wiederinbetriebnahme" hätte ich allerdings verhindert.

Wir haben allerdings unsere Kirche am 17.12.1978 in einem würdigen und feierlichen Rahmen eröffnet, und für alle diejenigen, die dabei sein konnten, wird dieser Tag in schöner Erinnerung bleiben. Auch unser ‘Hanjo‘ war ja sehr begeistert, wie er schreibt, wenn er allerdings meint, der Neubau einer Kirche sei nunmehr unumgänglich oder besser gewesen, bedarf das eines Kommentars. Die meisten von Ihnen wissen, dass ich von Anfang an den Neubau einer Kirche - mit Tiefgarage übrigens - zur Diskussion gestellt habe und das hat damals einen ziemlichen Wirbel gegeben. Nur die Aufgabe dieser meiner Idee hat den Fortgang und auch den Umfang der Restaurierungsarbeiten an unserer Kirche ermöglicht. Jedenfalls bin ich heute froh, dass wir damals diese Entscheidung getroffen haben und - wie doch auch die meisten von Ihnen - stolz darauf sind, dass wir diese Kirche haben und insbesondere auch für diejenigen erhalten haben, die nach uns kommen. Wir haben eine einmalige Gelegenheit genutzt, die man uns heute, müssten wir erst jetzt beginnen, kaum noch einmal bieten würde. Deshalb ist es auch heute reine Illusion, den Neubau einer Kirche überhaupt zu erwägen.

Wir haben eine Klosterkirche und den Blick zum Altar kann man für alle nicht erreichen, indem man Pfeiler versetzt. Durch den Ausbau der Orgelbühne haben wir insgesamt gesehen mehr Sitzplätze zum Altar bekommen als früher, auch wenn wir uns nach reiflicher Überlegung für die Aufstellung 3-sitziger Bänke im Mittelschiff entschieden haben. Dazu muss man die Entwicklung der Dinge kennen: Ursprünglich war vorgesehen, für Seitenschiffe und Mittelschiff neue Bänke anzuschaffen und 4-sitzige Bänke im Mittelschiff. Die Gänge in allen Schiffen wären genügend groß geblieben. Dann haben wir eingesehen, dass unsere alten Bänke noch erhaltenswert waren und durch deren Aufstellung in den Seitenschiffen auch viel Geld gespart werden konnte. Allerdings wurden dadurch die Seitengänge zu schmal. Der weitere erforderliche Zugang im Mittelschiff innen an den Arkaden vorbei bedingte die Aufstellung einer 3-sitzigen Bank. Nicht der mittelalterliche Schmuckfußboden war maßgeblich für diese Lösung, er und das Gesamtbild der Kirche haben hiervon profitiert, und das schadet doch wohl nichts.

Der Bau der Wendeltreppe zur Orgelbühne hat weitere Sitzplätze im Seitenschiff geschaffen. Das war uns wichtig. Wendeltreppen sind immer eng, und man kann, wenn man will, auch aneinander vorbeikommen. Die - werktags geschlossene - Glastür im Turmraum - statt Windfang - ermöglicht es jederzeit, einen Blick in das Innere der Kirche zu werfen und auch ein Gebet zu sprechen. Was die Platzordnung in der Kirche anlangt, so möchte ich auch für diejenigen, die sonntags nicht die Messe besuchen konnten, dass wiederholen, was ich in allen Messen verkündet habe: Man wirft mir u. a. die Einführung mittelalterlicher Zustände vor, soweit es um die Platzverteilung in dieser Kirche geht. Das stimmt nicht. Als ich im Jahre 1967 Pfarrer dieser Kirche wurde, habe ich eine Sitzplatzordnung übernommen - nicht eingeführt - und bis zur Schließung der Kirche im Jahre 1972 beibehalten, die in Folgendem bestand: nur Männer auf die Orgelbühne, Frauen links, Männer rechts im Langhaus, Kinder im Chorbereich.

Jedenfalls die meisten von Ihnen - Meckerer gibt es immer - haben bis dahin diese Ordnung akzeptiert, und es lag nahe, dass ich bei Wiedereröffnung der Kirche auch mit dieser Ordnung wieder begonnen habe. Es war schon - nicht nur in meinen Augen - eine schöne, alte und auch dieser Kirche gemäße Tradition.
Weil aber offenbar die Mehrheit hieran nicht festhalten möchte, soll in unserer Kirche ab sofort folgende Regelung gelten: 1. Männer und Frauen können nach ihrer Wahl Plätze im Langhaus und auch auf der Orgelbühne einnehmen. 2.  Alle schulpflichtigen Kinder im Alter bis zu 14 Jahren benutzen nur die Bänke in unmittelbarer Nähe des Altars. In der Kindermesse sind die Bänke im Mittelschiff zusätzlich für Kinder freizuhalten. Es gibt nicht wenige - ich habe es feststellen können - die es lieber gesehen hätten, wenn die frühere Platzregelung beibehalten worden wäre, für die Neuregelung aber Verständnis haben.

Abschließend noch ein Wort zu unserer Krypta. Sie ist der schönste und feierlichste Raum in unserer ehrwürdigen Kirche, eine Stätte der Besinnung und Andacht, jedenfalls keine Ausweichstätte für Minderprivilegierte. Eine Messe in der Krypta mitzufeiern kann zu einem schönen Erlebnis werden, ich zwinge keinen.

Pfarrer Gottfried Stein

Chance der Erneuerung nutzen!
Genugtuung erfüllte mich, als ich in der letzten Pfarrfamilie die Leserbriefe zur Wiederherstellung unserer Pfarrkirche gelesen hatte. Hier ist an Enttäuschungen. Empfindungen, Ansichten und Einsichten alles das schwarz auf weiß gedruckt, was wohl viele Pfarrangehörige sagen oder denken. Allen Briefschreibern sei gedankt, dass sie sich frei und offen geäußert und damit so manchem Nächsten aus dem Herzen gesprochen haben.“

Quelle
Pfarrfamilie Oberpleis April / Mai 1979
Zur Verfügung gestellt von
Willi Joliet
Räume & Galerien
Katholische Kirche Oberpleis
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