Aufnahme: 1978

Pfarrer Willi Müller: Die Kriegs- und Nachkriegsjahre in der Pfarrgemeinde Sankt Pankratius Oberpleis

Bericht über die Jahre 1940 - 1950

Nur 21 Friedensjahre waren der Gemeinde Oberpleis vergönnt, und es waren keine guten Jahre. Der neue Krieg sollte den Schrecken des ersten Weltkrieges noch weit in den Schatten stellen!

Zunächst zeigte der Krieg noch keine großen Auswirkungen: Einschränkung des Glockengeläutes (Oktober 1939) und das Verbot, nach Fliegeralarm den Gottesdienst vor 10.oo Uhr zu beginnen (Oktober 1940), waren kriegsbedingte Maßnahmen, die man hinnehmen konnte. Aber schon am 7. Juni 1940 hatte die Gemeinde den ersten Kriegstoten zu beklagen: Wilhelm Müller (Gastwirt) aus Berghausen, gefallen in Frankreich.

Für die verschiedenen kleinen Lager französischer Kriegsgefangener wurden von September 1940 bis Juni 1941 eigene Gottesdienste gehalten; später wurden diese durch besondere Vorschriften verhindert. Eine monatliche Messe für polnische "Fremdarbeiter" in der Kapelle des Krankenhauses konnte da­gegen bis Kriegsende gehalten werden, meist durch den aus Siegburg vertriebenen Abt Idefons Schulte-Strathaus.

Mit Beginn des Rußlandkrieges (1941) nahm die Zahl der Gefallenen erheblich zu: 1941 waren es schon 16 Männer. Die Kinder- und Jugendseelsorge wurde bis zum Kriegsende mit großem Einsatz weitergeführt. Ein Ergebnis: in den Sommerferien 1942 kamen täglich rund 160 Kinder zur Werktagsmesse. Am 15.Juli 1942 mußten die beiden größten Glocken abgeliefert werden. Am 16. Oktober 1942 erlitt Pastor Dick wiederum einen Herzanfall; er war von da an nur noch bedingt arbeitsfähig. Die Last der Seelsorge lag nun hauptsächlich auf Kaplan Düster.

Aus dem Jahr 1943 wird berichtet, daß es zweiundsiebzigmal Fliegeralarm gegeben hat. Am 26. August 1944 starb Pastor Johannes Dick im Alter von 53 Jahren, nach­ dem er schon am 30. Oktober 1943 einen weiteren Herzanfall erlitten hatte, der ihn endgültig zum schwerkranken Mann machte. Die Gläubigen sind überzeugt, daß ihm das Leid des Kriege das Herz gebrochen hat. Pastor Dick war einer der tüchtigsten Priester in den langen Jahren der Geschichte dieser Gemeinde.

Als neuer Pfarrer wird Hans Wichert am 24. September 1944 vom Erzbischof ernannt und am 5. November 1944 feierlich in Oberpleis eingeführt. Die Feier war begleitet von Fliegeralarm und übertönt vom dumpfen Beben der im weiten Umkreis fallenden Bomben. Ab Ende Februar 1945 wurden die Tieffliegerangriffe so gefährlich, daß man sich kaum noch auf die Straße wagen konnte. Die Christenlehre und die Seel­sorgestunden mußten eingestellt werden.

Zwei Tage, nachdem die Amerikaner am 7. März 1945 den Rhein bei Remagen überschritten hatten, geriet auch Oberpleis unter Artilleriebeschuß. Dieser steigerte sich bis zum Passionssonntag, dem 18. März. Viele Oberpleiser hatten sich in die Krypta geflüchtet und verbrachten dort Tag und Nacht.

Am 19. März erreichte die Front den Süden des Pfarrgebietes. Am 20. März wurde der Kirchort selbst erobert und am 22. März war die ganze Pfarrei in der Hand der amerikanischen Truppen.
Am 25. März starb die letzte Kriegstote (Frau Leven) durch eine Granate.

Bei diesen Kämpfen kamen insgesamt 84 Zivilisten ums Leben, darunter 8 Kinder. 112 gefallene deutsche Soldaten wurden nach Ende der Kämpfe von den Männern aus Oberpleis geborgen, eine unbekannte Zahl wurde von den Amerikanern bestattet; 113 Männer aus Oberpleis haben als Soldaten fern der Heimat ihr Leben gelassen.

Die Palmsonntagsmesse konnte bereits wieder in der Kirche gehalten werden. An Ostern wurden wegen der Ausgangsbeschränkungen Messen in Oberpleis, Uth­weiler, Thomasberg (Schulhof), Berghausen (Hof Wasserheß) und Eisbach ge­halten.

Schon am 15. April begann wieder der Kommunionunterricht in Oberpleis, Thomas­berg, Berghausen (Gaststätte Müller) und Uthweiler. Den Eltern wurde empfohlen, die Kinder durch Erwachsene begleiten zu lassen.

Besonders die kleineren Orte litten stark unter Plünderungen von befreiten russischen und polnischen Fremdarbeitern. In der Nacht vom 26. zum 27. Mai wurden in Nonnenberg die Brüder Bernhard und Johann Strobel ermordet.

Am 6. Mai war die Bergung der gefallenen deutschen Soldaten abgeschlossen. In der Folgezeit kümmerte man sich um eine würdige Gestaltung der Kriegs­gräber sowie überhaupt um die Wiederinstandsetzung des Friedhofes.

Schon am 22. April hatten geschickte Hände die Kirchturmuhr wieder in Gang gebracht. Im April und Mai erfolgte eine Notverglasung der zerstörten Kir­chenfenster. Bis zum Jahresende waren auch die gefährlichen Schäden am Turm behoben. Die Steine dazu wurden mühsam von überall her zusammnengeholt. Schon vor dem Krieg befand sich die Kirche in einem schlechten baulichen Zustand. Nun waren noch erhebliche Kriegsschäden dazugekommenen: Die Reno­vierung sollte bis zur Jahrtausendfeier im September 1948 gelingen. Das war um so bemerkenswerter, als die Arbeiten durch Materialknappheit und dann noch einmal durch den Kapitalverlust bei der Währungsreform vom 20. Juni 1948 auf das äußerste erschwert wurden.

Am Fest Christi Himmelfahrt (10. Mai) wurden 62 Kinder zur Erstkommunion geführt. Viele ihrer Väter waren noch nicht aus dem Krieg heimgekehrt. Die Fronleichnamsprozession ging am 31. Mai wieder ihren alten Weg nach Boseroth und Auel.

Am 1. Juni begannen bereits wieder die Seelsorgestunden im Raum neben der Küsterwohnung, in der Schule Thomasberg und in Berghausen (Wirtschaft Müller). Die Kinder wurden auch zu werktäglichen "Schul"-Messen (Di. u. Fr. 7.oo Uhr) eingeladen. Der Schulunterricht konnte erst am 4. Oktober wieder aufgenommen werden.

Am 10.September begann die Winterarbeit bei Kolping. Zur gleichen Zeit wurden auch die Jugendseelsorgestunden wieder aufgenommen.

Am 8. Oktober wurde von der erzbischöflichen Behörde der regelmäßige Gottesdienst in Thomasberg genehmigt. Der gute Meßbesuch an Ostern von 600 - 700 Gläubigen gab den Anstoß, die alten Pläne einer eigenen Gottesdienststätte in Thomasberg nun mit Nachdruck zu verwirklichen. Um den Jahreswechse1 1945/46 wurde im Saal Wicharz in Thomasberg eine Notkirche eingerichtet.

Am 28. Oktober wurde eine Caritassammlung angekündigt. Der Pfarrer sagte dazu: "Wir brauchen alles"! Am gleichen Tag wurden die Eltern aufgefordert, den Tauschhandel der Kinder an der Autobahn wegen der damit verbundenen Gefahren nicht zuzulassen. Die Hilfsbereitschaft der Oberpleiser wurde noch einmal auf eine harte Probe gestellt, als zum Jahresende zu den Bombenflüchtlingen der Kriegszeit auch noch von den Besatzungsmächten Evakuierte aufgenommen werden mußten.(Später kamen noch die Flüchtlinge aus dem Osten hinzu.)

Am 5. Januar 1946 wurde Johannes Thomè zum weiteren Kaplan in Oberpleis ernannt; er übernahm besonders die Seelsorge in Thomasberg. Im Jahr 1946 erfolgten Reparaturarbeiten am Kreuzganggebäude, bis Ende 1947 erfolgte auch die Wiederherstellung der Vikarie und des Pfarrsaals.

Im Mittelpunkt aller Bemühungen des Jahres 1948 stand die Tausendjahrfeier (18. - 26.September), die an die Urkunde des Erzbischofs Wichfried aus dem Jahre 948 erinnern sollte. Aber es ging um mehr als ein historisches Gedächt­nis: Nach den Schrecken und den Demütigungen der letzten Jahre erwuchs der Gemeinde aus der Erinnerung an das große Erbe der Vergangenheit neue Lebens­kraft. Insofern wird diese Feier für viele Jahre ein Merkstein in der Geschichte von Oberpleis bleiben.

Die erste Nachkriegsrenovierung der Kirche kam zu einem guten Ende. Spätere Zeiten werden kaum ermessen können, wieviele Schwierigkeiten dabei in diesen Notjahren zu überwinden waren. Manche Kriegswunden, aber auch Schäden aus früheren Jahren konnten nur notdürftig geheilt werden. Vieles mußte der Zu­kunft überlassen werden.

Zusammen mit der Renovierung erfolgt auch eine Umgestaltung des Altarraums: Der allzu große und küstlerisch unbedeutende neuromanische Hochaltar wurde entfernt, ebenso die beiden Seitenaltäre, die an der Ostseite des Querhauses doch recht störend wirkten. Der alte Hochaltar, der als Seitenaltar erhalten war, erhielt wieder seinen ursprünglichen Platz, über ihm wurde das Dreikönigsretabel aufgestellt, das in den Kriegsjahren aus Sicherheitsgründen in die Krypta gebracht worden war. Generalvikar David nannte die neue Lösung den "künstlerisch bedeutsamsten Hochaltar in ganz Westdeutschland". Als Beginn einer neuen Fenstergestaltung wurden die Sechspaßfenster des Querhauses nach Entwürfen von Wilhelm Schmitz-Steinkrüger neu verglast.

Aus Anlaß der Feier wurde eine sehr interessante Festschrift herausgegeben.

Unmittelbar nach dem Fest wurde der um Oberpleis sehr verdiente Kaplan Erwin Düster nach Alfter versetzt. Seine Nachfolge trat Kaplan Walter Bieroth an.

Am 24. Mai 1949 feierte Franz Weber aus Eisbach unter großer Anteilnahme der Gemeinde seine Primiz-Messe.

Am 12. Juni 1949 wurde der Grundstein für die Kirche in Thomasberg gelegt; die Kirchweihe war am 19. März 1950. Die Zahl der evangelischen Christen hat durch die Kriegsereignisse und
den Flüchtlingsstrom stark zugenomnen. Seit 1945 gab es für sie regelmäßige Gottesdienste im Unterrichtsraum der katholischen Gemeinde, im Saal Lichten­berg, ab Ende 1947 in der Schule und ab Karfreitag 1949 im Saal Bellinghausen. Am 11. Dezember 1949 wurde die evangelische Kirche an der Ittenbacher Straße eingeweiht.

Ich habe in meiner tausendjährigen Tätigkeit als Schutzengel von Oberpleis niemals evangelische Christen in größerer Anzahl erlebt, ich bitte um An­weisung, ob sich meine Zuständigkeit auch auf die evangelische Gemeinde erstreckt.

Im übrigen bitte ich um Vergebung für die Länge des Berichtes, aber es hat noch niemals in Oberpleis so ereignisreiche Jahre gegeben!

Bericht über die Jahre 1950 - 1960

Das wichtigste Ereignis, über das ich zu berichten habe, ist die Neugründung der Pfarrei Thomasberg. Am 19. März 1950 wurde die Filialkirche St.Joseph in Thomasberg geweiht. Am 1. April 1953 errichtete der Bischof die abhängige Kirchengemeinde St. Joseph in Thomasberg im Verband der Mutterpfarre St. Pankratius in Oberpleis. Der erste Rektor war Kaplan Thome, der vorher sieben Jahre in Oberpleis gewirkt hatte. 1956 wurde Thomasberg zur selbständigen Pfarrei erhoben und damit endgültig von der Mutterpfarre Oberpleis ab­getrennt.

Wer geglaubt hatte, daß die Sorgen um den Kirchenbau nach der Renovierung zur Jahrtausendfeier 1948 nun für einige Zeit behoben seien, mußte bald un­angenehme Überraschungen erleben: Im Jahre 1950 zeigt sich, daß das Dach un­dicht war. Der neue Innenanstrich zeigte schon wieder erhebliche Schäden. Die Dachreparatur erfolgte noch im gleichen Jahr. Aber auch vom Untergrund her gab es Wasserschäden: Die ganze Kanalisation im Bereich von Kirche und Propstei­gebäude mußte im Jahre 1951 erneuert werden. Im Jahr 1952 wurde eine neue Heizungsanlage eingebaut. Zugleich versuchte man eine Trockenlegung der Krypta, die aber keinen nachhaltigen Erfolg hatte. Im gleichen Jahr 1952 wurde die Kirche neu gestrichen, auch erhielt sie neue Fenster im Obergaden und in den Seitenschiffen. Im Jahre 1953 wurde das Quadrum neu gestaltet. Im Jahr 1955 folgten Arbeiten in der Krypta: Fußboden, Anstrich, Fenster, ein neuer Altar. Neue Probleme kündigten sich schon an: Im Jahr 1953 bereits zeigten sich be­denkliche Risse im Turm. Hier kommen sicher noch größere Arbeiten auf die Gemeinde zu!

Im Jahre 1953 beschäftigte man sich mit dem Plan, eine neue Kapelle zu errichten. Es gab einige Auseinandersetzungen über die Frage, ob die Kapelle in Berghausen oder in Sandscheid errichtet werden solle. Man entschied sich schließlich für Sandscheid, weil die Kapelle den Schulgottesdiensten dienen sollte. Es sei nicht verschwiegen, daß Pfarrer Wichert auch deshalb gegen den Standort Berghausen war, weil er eine weitere Zersplitterung der Gemeinde verhindern wollte. Die Kapelle in Sandscheid wurde am 9. Mai 1954 eingeweiht. Doch der Architekt und die Zimmerleute hatten offenbar nicht gut gearbeitet: Im September 1955 mußte die Kapelle bereits wegen baulicher Schäden geschlossen werden. Nach Behebung dieser Schäden konnte im November 1955 wieder Gottes­dienst gehalten werden.

Im Mai 1954 wurde Kaplan Walter Bieroth Pfarrer von Neuhohnrath. An seiner Stelle trat der Neupriester Werner Oster seinen Dienst als Kaplan an.

In den Jahren 1956 und 1957 konzentrierten sich alle Bemühungen auf die Erneuerung der Orgel. Das alte Instrument war so schadhaft geworden, daß praktisch nur ein Neubau unter Verwendung einiger alter Teile sinnvoll war. Nachdem durch Konzerte des Kirchenchores ein Grundstock für den Orgelfonds gelegt war, kam es im Herbst 1956 zu einer großangelegten monatlichen Haussammlung, die im Laufe eines Jahres fast 30.000,-- DM erbrachte. Im Januar 1957 wurde die Orgel bei Klais in Bonn zum Preis von 30.000,-- DM in Auftrag gegeben; am Weihnachtsfest des gleichen Jahres erklang sie zum ersten Mal. Die Gestaltung des Orgelgehäuses zog sich dann allerdings noch drei Jahre hin.

Am 11. Juli 1958 erfUllte sich ein jahrelanger Wunsch von Pfarrer Wichert: Der neue Tabernakel konnte eingeweiht werden. Er ist vorne verschlossen durch eine silberbeschlagene Tür, die als Schmuck einen Kranz von 12 roten Korallenperlen und ein Strahlenornament besitzt. Davor ist ein durchbrochenes Bronzegitter aus vier Engeln, die mit einem Schleier das Mysterium verdecken. Der Tabernakel wurde geschaffen von dem Kölner Künstler Elmar Hillebrand.

Bisher habe ich fast nur über Dinge aus dem gottesdienstlichen Bereich be­richtet. Es muß aber auch erwähnt werden, daß die Kolpingsfamilie in der ganzen Zeit ein umfangreiches Bildungsprogramm betrieb. Vereinslokal war die Gaststätte Lichtenberg in der Dollendorfer Straße. Daneben gab es Aus­flüge des Kirchenchores, der Frauengemeinschaft sowie Ferienlager der Kinder und Jugendlichen, Tanzveranstaltungen usw.

Den Plan, im Pfarrsaal ein Jugendheim einzurichten, wurde nicht verwirklicht. Statt dessen wurde der Saal renoviert und im Januar 1958 wieder in Benutzung genommen.

Die erste MISEREOR-Kollekte am Passionssonntag 1958 erbrachte 9.000,-- DM. Eine solche Spendensumme an einem einzigen Sonntag hat Oberpleis noch nie erlebt!

Noch ein Ereignis darf nicht unerwähnt bleiben: Am 1 .April 1959 wurde der Katholische Kindergarten in der Lohrbergstraße eröffnet.

Mit Dank gegen Gott schaut die Gemeinde auf dieses ereignisreiche Jahrzehnt zurück.

Über eine Veränderung der Verkehrsverhältnisse muß ich noch berichten: Der Straßenverkehr hat sehr stark zugenommen und ist schon zu einer richtigen Plage geworden. Dagegen mußte die Rhein-Sieg-Eisenbahn den Personenverkehr am 1. Juli 1951 einstellen. Die nun eingesetzten Omnibusse sind sicher für die Leute schneller und bequemer. Es ist zu erwarten, daß auch der Güterverkehr auf der Kleinbahn bald aufhört und daß die Gleise abgebaut werden.

(Auch die Heisterbachertalbahn gibt es nicht mehr. Der Personenverkehr war schon 1926 aufgegeben worden, seit 1950 sind die letzten Reste des Güterverkehrs eingestellt.) Diese Bahnen haben viel für die wirtschaftliche Ent­wicklung des Landes getan und Verbindungen zu den Arbeitsstellen und Schulen geschafffen. Jetzt müssen sie den Kraftfahrzeugen weichen.

Bericht Uber die Jahre 1960 - 1970

Am Beginn der Berichtszeit ist wieder ein Kaplans-Wechsel zu vermelden: Kaplan Werner Oster, der recht segensreich in Oberpleis gewirkt hat, wurde am 5.Januar 1960 nach Düsseldorf versetzt. Nachfolger ist Kaplan Karl-Heinz Kronen.

Im Januar 1961 wurde ein sehr schöner Reliquienschrein in der Krypta aufge­stellt, ein Werk des Kölner Künstlers Elmar Hillebrand. Er birgt die Reliquien der hl. Felizitas, die 1803 aus dem Bonner Schloß nach Oberpleis ge­bracht worden waren, sowie die Reliquien eines Altars, der im Oktober 1808 aus der aufgehobenen Zisterzienser-Abtei Heisterbach in feierlicher Prozession nach Oberpleis überführt worden waren.

Die Sorgen um den baulichen Zustand der ehrwürdigen Propsteikirche wurden in diesen Jahren immer drückender. Am 18. Februar 1962 beantragt der Kirchenvor­stand die Vorplanungsgenehmigung für eine umfassende und gründliche Erneuerung. Im April mußte vor dem Eingang der Kirche ein Gerüst zum Schutz vor herabfal­lenden Steinen errichtet werden.

Der Gesundheitszustand von Pfarrer Hans Wichert verschlechterte sich zusehends. Schon im Jahre 1961 konnte er drei Monate lang krankheitshalber seinen Dienst nicht versehen, zu Weihnachten 1966 war er so krank, daß er noch nicht einmal dieses Fest in seiner Gemeinde feiern konnte. Am 12. Mai 1967 starb er nach langer, schwerer Krankheit. Pastor Wichert war ein kluger Seelsorger, vor allem aber zeichnete ihn seine große Liebe zu unserem Gotteshaus aus.

Bevor ich über den neuen Pfarrer berichte, muß ich erwähnen, daß um den Jahres­wechsel 1965/66 Kaplan Kronen von Kaplan Heribert Bauer abgelöst wurde. Dieser tatkräftige Priester war dem kranken Pfarrer eine große Hilfe, fast ein Jahr lang muß er die Last der Seelsorge allein tragen. Viele Oberpleiser hofften, daß Kaplan Bauer der neue Pfarrer von Oberpleis würde. Doch der Bischof ent­schied anders.

Am 13. August 1967 wurde Pfarrer Gottfried Stein als Pastor in Oberpleis eingeführt. Er war zu dieser Zeit bereits 56 Jahre alt. Pastor Stein hatte es nicht leicht: die Stimmung der Gemeinde war nicht günstig für ihn, und seine kantige Art war auch nicht geeignet, ihm neue Freunde zu gewinnen. Über seine Schwächen (und welcher Mensch hat keine Schwächen?) wurde viel geredet. Im Frühjahr 1969 gab es ernsthafte Schwierigkeiten zwischen dem Pastor und den gewählten Gremien, Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat. In einer turbulenten Pfarrversammlung am 16. Oktober 1969 kam es zu heftigen Angriffen gegen den Pastor. Die Versammlung, etwa 300 Gemeindemitglieder, sprach mit großer Mehrheit (6 Enthaltungen, 8 Gegenstimmen) dem Pfarrgemeinderat und dem Kirchenvor­stand das Vertrauen aus. Die Situation ist für Pfarrer Stein wahrhaft nicht leicht.

Trotz dieser Differenzen gibt es aus den letzten Jahren auch Erfreuliches zu berichten: Am ersten Adventsonntag 1967 wurde eine weitere Sonntagsmesse um  11.30 Uhr eingeführt. Im März 1968 begann mit Erneuerungsarbeiten am Turm nun endlich die Kirchenrenovierung. Im August wurde als erste Gemeinde­schwester Maria Hermes angestellt. Die Betreuung geschieht - ungeachtet der Konfession - kostenlos. Ab dem ersten Adventsonntag 1968 gibt es mit der neuen liturgischen Ordnung auch eine Vorabendmesse zum Sonntag. Im Mai 1969 traten etwa 70 Jungen und Mädchen den neu gegründeten Jugendgruppen bei. Eine Zählung im Herbst 1969 ergab rund 2000 Kirchenbesucher.

Im außerkirchlichen Bereich brachten die letzten Jahre große Veränderungen: Am 1. August 1969 wurde im Rahmen der komnunalen Neuordnung die Zivilgemeinde Oberpleis aufgelöst und mit Königswinter, Dollendorf, lttenbach, Heisterbacher­rott und Stieldorf zur neuen Stadt Königswinter zusammengefügt. Oie Oberpleiser sind über diese Neuerung nicht sehr glücklich.

Auch die Entwicklung des Schulwesens in diesen zehn Jahren ist von größter Bedeutung: Die Realschule Oberpleis begann am 22. April 1965 mit 38 Schülern in der Gaststätte Lichtenberg (Dollendorfer Straße). Im September 1967 zog sie in ein neuerrichtetes Gebäude des geplanten Schulzentrums.

Die herkömmliche Volksschule wurde durch Landtagsbeschluß vom 29. Februar 1968 in Grund- und Hauptschule aufgeteilt. In die Hauptschule gehen die Kinder der bisherigen katholischen Volksschulen Oberpleis, Eudenbach, Sandscheid und Ittenbach und der evangelischen Volksschule Oberpleis. Die Einheit von Pfarrbezirk und Schulbezirk wurde also aufgegeben.

Schließlich entsteht seit dem 1. August 1969 in Oberpleis auch noch ein Gymnasium.

All diese Neuerungen haben die alten Schultraditionen natürlich gründlich er­schüttert. Die neuen Schulen werden gewiß viel Segen bringen, aber es wird wohl auch große Probleme geben.


Bericht über die Jahre 1970 - 1980

Als erstes habe ich zu berichten, daß Kaplan Heribert Bauer im Oktober 1970 zum Pfarrer an St. Peter in Zülpich ernannt wurde. Der Bischof sendet keinen Nachfolger, so daß Oberpleis nun zum ersten Mal seit der Zeit der Pröpste ohne Kaplan ist. Das verändert die seelsorgliche Situation natürlich sehr stark. Eine gewisse Hilfe hat der Pastor allerdings in dem im gleichen
Jahr 1970 ernannten Subsidiar, Pfarrer i.R. Johannes Preuß, sowie nach dessen Tod im Oktober 1976 Oberstudienrat i R. Joseph Weyler. Beide Herren haben sich auch in der Seelsorge stark engagiert, ihr Verhältnis zu Pastor Stein ist allerdings recht gespannt.

Am 4. Oktober 1970 erklärte der gesamte Kirchenvorstand seinen Rücktritt. Im März 1971 war auch die Amtszeit des Pfarrgemeinderates abgelaufen. Die neugewählten Mitglieder beider Gremien hatten es sich zur Aufgabe gemacht, einen Ausgleich zwischen der Gemeinde und dem Pastor zu suchen. Ihre Ausdauer und ihre Zähigkeit blieben nicht ohne Erfolg. Trotz der großen Belastung durch die Kirchenrenovierung, von der noch zu berichten ist, ging das Gemeindeleben weiter.

Im Frühjahr 1972 konnte in Sandseheid ein zweiter Kindergarten der Gemeinde eröffnet werden.- Im Frühjahr 1973 wurde der "Kontaktkreis" gegründet, der sich in den Dörfern und Ortsteilen der Gemeinde um Kontakte zu allen Gemeindemitgliedern bemüht. - Eine besondere Aufgabe dieses Kreises wurde die "Offene Tür für ältere Menschen", die im Herbst 1973 im Rathaussaal eröffnet wurde. - Für die Jugendarbeit wurden im September 1974 Räume angemietet. - Im Juli 1976 wurde das erste Pfarrfest in "Pastors Garten" gefeiert.- Im Oktober 1976 begannen etwa 20 Mädchen eine regelmäßigen Sonntagsdienst im Konstantia-Haus.

Besonders möchte ich auf zwei zukunftsweisende Ansätze aufmerksam machen: Im Juni 1978 traf sich der Pfarrgemeinderat mit dem Presbyterium der evangelischen Gemeinde. Unter anderem wurden gemeinsame Gottesdienste vereinbart. In einer Zeit, in der die Gleichgültigkeit gegenüber der Botschaft Jesu immer größer wird, ist es ja besonders wichtig, daß die christlichen Gemeinden aufeinander zugehen.- Ein zweiter, wichtiger Fortschritt ist die Beteiligung der Gemeinde an der katechetischen Arbeit: zur Erstkommunion 1979 wur­den die Kinder erstmals in kleinen Gruppen von Frauen und Männern der Gemeinde vorbereitet. Ja, man besinnt sich in Oberpleis darauf, daß die Weitergabe des Glaubens eine Aufgabe der ganzen Kirche ist. Diese Entwicklung zur missiona­rischen Gemeinde ist sicher für die Zukunft der Kirche von entscheidender Bedeutung. - Impulse für die Zukunft erhielt Oberpleis auch durch die Ge­meindemission, die im November 1979 von zwei Oblaten-Patres gehalten wurde.

Auch ein Rückschlag darf nicht verschwiegen werden: Im November 1973 löste sich der Kirchenchor auf.

Nun aber ist über das große Werk der Kirchenrenovierung zu berichten, um das sich besonders die Mitglieder des Kirchenvorstandes verdient gemacht haben. Wie schon berichtet, war 1968 mit den Arbeiten am Turm begonnen worden. Dabei stellte sich heraus, daß die im 18. Jahrhundert vorgenommene Öffnung des Turmobergeschosses zum Kirchenraum durch einen großen Rundbogen statisch nicht unbedenklich war. Die Fachleute schlugen als Entlastung einen Mittelpfeiler vor, der dann auch schließlich nach dem Vorbild der alten Pfeiler gebaut wurde.

Jetzt aber konnte die Orgel aus akustischen Gründen nicht mehr an ihrem alten Standort auf der Turmempore bleiben. Diese Orgel war aber erst 1957 unter großen Opfern der Gemeinde errichtet worden. Schon 1969 war sie wegen der Bauarbeiten wieder abgebaut worden. Die Diskussion um die Orgelfrage wurde sehr erregt geführt und verschärfte die schon erwähnten Spannungen in der Gemeinde. Schließlich entschied der im Herbst 1970 neugewählte Kirchenvorstand, die bisherige Orgel zu verkaufen und nach Abschluß der Bauarbeiten im nördlichen Querschiff eine neue Orgel zu errichten, deren Kosten die bischöfliche Behörde übernahm .- Im übrigen wurde der Turmhelm und das oberste Geschoß des Turmes völlig abgetragen und neu errichtet.

Im Herbst 1973 begannen die Erneuerungsarbeiten am eigentlichen Kirchengebäude. Im Dezember 1973 wurde der Gottesdienst in eine hölzerne Notkirche verlegt, und es begann eine fünfjährige Bauzeit in der Kirche. Im Oktober 1974 wurden bei der Tieferlegung des Mittelschiffes große Teile des mittelalterlichen Tonfliesenbodens gefunden. Der bedeutsamste Teil des Bodens wurde 1975 in der Kölner Ausstellung "Monumenta Annonis" gezeigt. In den Jahren 1974/75 ging es hauptsächlich um die Sicherung der Bausubstanz, so wurde u.a. die gesamte Mauerkrone gefestigt, der Dachstuhl ausgebessert und das Dach neu gedeckt. Auch die gesamte Elektro-Installation wurde erneuert und die Kirche von innen neu verputzt. Ferner wurden die Rahmen der Kirchenfenster renoviert und die Fenster mit einer Schutzverglasung versehen. Im Jahr 1978 wurden die Außenwände der Kirche nach mehreren Jahrhunderten wieder verputzt und mit einem rot-weißen Anstrich versehen. Diese Maßnahme erregte in Oberpleis noch einmal großes Aufsehen, erschien die Kirche doch auf einmal in einem sehr ungewohnten Gewande. Im Innern wurde eine Nachbildung des alten Tonfliesenbodens verlegt sowie der neue Anstrich aufgebracht. In der Vierung wurde gemäß den Erfordernissen der erneuerten Liturgie ein Vierungsaltar errichtet. Am 17.Dezember 1978 konnte die Gemeinde dann endlich von ihrer Kirche wieder Besitz nehmen.

Ober eine Gebietsveränderung ist noch zu berichten: Am 19. Oktober 1977 verfügte der Erzbischof die Umpfarrung des Sonnenberger Hofes, der Ortschaft Freckwinkel und des nördlichen Teils von Uthweiler von der Pfarrei Stieldorf zur Pfarrei St. Pankratius in Oberpleis.

Im Herbst 1979 mußte Pastor Gottfried Stein erkennen, daß er an einer schweren und unheilbaren Krankheit litt. Er bat den Bischof um die Versetzung in den Ruhestand, dieser wurde zum 15. März 1980 entsprochen.

Vier Tage später, am 19. März, stand das Pfarrhaus in hellen Flammen! Pastor Stein, der sich am Vormittag einer anstrengenden ärztlichen Behandlung unterzogen hatte, schlief sehr tief und konnte buchstäblich im letzten Augenblick von den Männern der Feuerwehr gerettet werden. Ein Teil des Hausrats und die amtlichen Bücher wurden noch geborgen, das Haus brannte fast bis auf die Grundmauern nieder. Die Brandursache blieb ungeklärt.

Pastor Stein konnte bald darauf seine Ruhesitz in Rheinbreitbach beziehen, jedoch waren ihm noch wenige Wochen vergönnt bis zu seinem Tod am 7. Juni 1980. Er hat diesen Tod tapfer und mit großer Bereitschaft angenommen. Zum neuen Pfarrer wurde Pastor Willi Müller aus Köln ernannt und am 20. April 1980 unter großer Beteiligung der Gemeinde in Oberpleis eingeführt.

Quelle
Verfasser: Pastor Willi Müller alias Benjamin Bellinghausen, "Engel von Oberpleis"
Zur Verfügung gestellt von
Irina Wistoff: Aus dem Nachlass von Thomas Lissek; Fotograf unbekannt
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