Ein Rheinland gibt es auch in Texas

Aufnahme: 1977

Ein Rheinland gibt es auch in Texas

Der 1840 in Nievenheim bei Neuß geborene Josef Reissdorf war seit 1891 katholischer Pastor in Windthorst in Texas. Mit Sorge sah er, wie die deutschen Einwanderer in die USA weit verstreut und ohne Kirche leben mußten. Es war seine Idee, eine rein deutschsprachige katholische Siedlung zu gründen. Mit zwei Planwagen schickte er im Jahre 1895 den 21 Jahre alten Peter Loran und seinen Bruder von Windthorst gegen Westen, um geeignetes Land für eine solche Siedlung zu suchen.

Nach einigen Tagen fanden sie am Brazos River eine 200 Quadratkilometer große Talmulde, welche für den Anbau von Baumwolle geeignet schien. Während sein Bruder zurück nach Windthorst fuhr, um von der Entdeckung zu berichten, schlug Peter Loran am Brazos River sein Lager auf und er blieb dort für immer. Pastor Reissdorf und sein befreundeter, auch aus dem Rheinland stammender Grundstücksmakler Hugo Herchenbach, fanden in der Stadt Galveston zwei Männer, denen das große Gebiet gehörte, und sie machten mit ihnen einen Vertrag. Reissdorf und Herchenbach siedelten auch in diesem Gebiet, bauten ein Kolonistenhaus und vermittelten das Land für 1 bis 3 Dollar für den Morgen an Siedler. Nach einigen Jahren hatten sie etwa 100 deutschsprachige katholische Farmerfamilien dort angesiedelt. Nachdem die Farmer ihr eigenes primitives Holzhaus stehen hatten, wurde in Gemeinschaftsarbeit eine kleine Holzkirche gebaut. Weil sie am Josefstag fertig wurde und aus Verehrung für ihren „Vater“ Reissdorf wurde sie dem heiligen Josef geweiht. Vater Reisdorff nannte die Siedlung „Rheinland“, und der Brazos River war ihr Strom. Später ging man zur englischen Schreibweise über, und heute heißen die Siedlung und die Pfarrgemeinde Rhineland. Die Bewohner nennen sich auch heute noch Rheinländer. 

Jahrelang predigte, betete und sang man in der Kirche St. Josef in deutscher Sprache, und in der kleinen Privatschule wurden Deutsch und Englisch gelehrt. Eine große Blaskapelle wurde gegründet, und der deutsche „Parademarsch“ war eines der meist gespielten Stücke. Peter Loran war der Dirigent und Gründer, und auch in allen anderen Dingen blieb er über fünfzig Jahr der Boß der Gemeinschaft. Im Kolonistenhaus neben der Kirche wurde getanzt und man gründete viele Vereine. Die Farmen lagen wegen der Größe der Felder immer mehrere Kilometer auseinander, und als Adresse galten die Entfernungen und die Himmelrichtung von der Kirche. Die Entfernungen legte man natürlich zu Pferde zurück. Beliebt war auch der leichte vierräderige Wagen, auf dem der Lenker stand. Das Pferd lief an der langen Leine möglichst im Galopp. Ein Gewehr war nicht nur für die Jagd notwendig. Wölfe und Klapperschlangen und die große Hitze im Sommer machten das Leben nicht leicht. In manchen Sommern war der Strom ausgetrocknet, und im Winter hatte er manchmal Hochwasser. 

Einhundert Familien kauften sich mit der Zeit etwa 84.000 Morgen Land. Die Felder sind unvorstellbar groß und die meisten Farmer sind heute wohlhabend, aber der Anfang war schwer. Die Aufkäufer der Baumwolle gaben nur einen geringen Preis, bis man sich zu einer Genossenschaft zusammenschloß. Peter Loran kaufte sich die erste dampfbetriebene Baumwollpresse in der Gegend, und bald konnte man es sich leisten, die Baumwolle so lange zu langern, bis ein besserer Preis zu erzielen war. Nachdem die Siedlung stand, ging Vater Reissdorf weiter nach Westen und gründete noch drei solcher Siedlungen. Aus der Pfarrgemeinde St. Josef in Rhineland gingen mit der Zeit viele Nonnen, Mönche, Brüder und Geistliche hervor. 

Ende 1975 schrieb einer von ihnen, der Benediktinerbrother David (Gerald Bellinghausen, 37) an unseren Pastor in Oberpleis. Er wollte etwas über seine Großeltern Wilhelm Bellinghausen und Katharina Homscheid wissen. Im Jahre 1880 hatte der 34jährige aus Eisbach seine erst 19 Jahre alte Braut in Oberpleis in St. Pankratius geheiratet und war sofort mit ihr ausgewandert. Nachdem sie 8 Kinder hatten, kamen sie von Nebraska nach Rhineland, und bei ihnen lebte der ledige Bruder Anton Bellinghausen, der auch ausgewandert war. Anton wurde einer der eifrigsten Sänger im St. Josefchor von Rhineland. Der Spaßmacher der Gemeinde war Bill Schaecher, der als Wilhelm Schächer schon vor den Bellinghausens mit Eltern und Geschwistern nach Amerika auswanderte. Zwei Brüder und andere Verwandte von Brother David sind heute noch Farmer in Rhineland, und seine Eltern, die zehn Kinder hatten, leben heute in der benachbarten Kleinsdtadt Munday, nachdem sie ihre Farm verkauft haben.

Brother David wirkt im Benediktinerkloster Subiaco in Arkansas. Drei seiner Cousinen sind Nonnen, und wie er erst jetzt weiß, ist er mit vielen verstorbenen und noch lebenden Geistlichen aus unserer Gegend verwandt. Vettern seines Großvaters waren der Pastor Dr. Dr. Johannes Kirschbaum aus Eisbach und Pastor Dr. Dr. Peter Gratzfeld aus Hartenberg. Zur Verwandtschaft gehören ferner die Nonne Marianna Gratzfeld aus Hartenberg, der verehrte Prälat Peter Buchholz aus Eisbach und die Nonne Cyrilla Buchbolz aus Eisbach. Etwas weiter verwandt sind Caritasdirektor Pastor Peter Buchholz und dessen Bruder Pastor Werner Buchholz sowie Pastor Franz Weber und dessen verstorbener Onkel Pater Johannes Weber aus Eisbach. Das Gelübte, das der Ackerer Peter Kirschbaum im vorigen Jahrhundert in Eisbach vor Gott tat, hat eine weltweite segensreiche Wirkung gebracht. Als er die Kapelle in Eisbach baute, konnte er nicht denken, daß er sich damit ein einmaliges Denkmal schuf. 

Heute ist das Leben in Rhineland immer noch nicht mit unserem Lebensstil zu vergleichen. Neben der Kirche findet man noch den alten Kramladen, und die Farmen liegen einsam und weit verstreut in der ebenen großen Siedlung. Aber nicht alle Farmer leben mehr hier draußen, sondern wohnen mit ihrer Familie in Munday. Die Kinder haben es dort nicht so weit zur Schule, und die Hausfrauen haben Nachbarn und eine bessere Auswahl in den Geschäften. Der Farmer fährt morgens weit hinaus auf seine Farm und bedient dort seine übergroßen Maschinen. Baumwolle, das rentiert sich nicht mehr, aber den Weizen, mit dem man gutes Geld machen könnte, den darf man nur in vom Staat bestimmten Mengen anbauen, damit die Preise gehalten werden können. Trotzdem, die Farmer sind wohlhabend, und wer zuerst große Flächen pachtete, versucht nach einigen Jahren eigenes Land zu kaufen. Der alte Farmer muß sein Land und seine Maschinen zu Geld machen, um seine Altersversorgung zu sichern. Alles scheint dort anders zu sein, als wie wir es hier gewohnt sind, und da man dort keine Kirchensteuer kennt, lebt die Kirche von den Spenden der Gläubiger. 

Wir in Oberpleis sehen es als selbstverständlich an, daß der Kardinal uns die Kirche wieder für die nächsten 100 Jahre instand setzt. In Rhineland war die Holzkirche auch nicht für ewige Zeiten gebaut, und deshalb begann man 1927 mit dem Bau einer großen steinernen St. Josefskirche. Der Bauplan war sehr schön, und man ging mit viel Eifer an den Bau der „Kathedrale“. Es waren und blieben aber nur 500 Pfarrangehörige, die dieses wohl mit etwas zu viel Optimismus geplanten Bauwerk finanzieren mußten. Eine ungeheure Leistung vollbrachten die Rheinländer, indem sie in jeder freien Minute selbst Hand an den Bau legten. 80.000 Ziegel wurden mit einer kleinen Handpresse geformt und gebrannt. Es ging nur langsam vorwärts, trotz aller Anstrengung, und es kamen Jahre der Rezession, in denen das Geld knapp war. Trotzdem trieben die Gründer der Siedlung, besonders Peter Loran, die Jüngeren immer wieder an, denn sie wollten ihre Kathedrale noch fertig sehen. Die Geistlichen der Gemeinde wurden jetzt immer von der Benediktinerabtei in Subiaco gestellt, und diese Mönche standen mit auf den Gerüsten und setzten das Kreuz auf den Turm. Vierundzwanzig Jahre baute man, bis man endlich 1951 die Kirche einweihen konnte. Mit Recht ist man sehr stolz darauf. Im Jahre 1945 feierte man das goldene Jubiläum der Pfarrgemeinde. 1970 konnte man die 75jährige Geschichte feiern und durch das Jubiläumsbuch würdigen. Dieses schickte Brother David nach hier. Es ist eine wahre Geschichte aus dem damaligen Wilden Westen. Was wir heute im Fernsehen so gerne anschauen, die Holzschuppen, den überdachten hölzernen Gehweg vor den Stores, das alles gab es damals in Rhineland. Wenn Bill Schaecher seine rheinischen Witze und Frotzeleien zwischen den wilden Gestalten im Wagenschuppen loswerden wollte, dann mußte er manchmal beschwichtigend wieder zurückstecken, und nicht jeder konnte seine Sticheleien vertragen. 

Brother David hat jetzt hier bei uns schon mehrere Briefbekanntschaften gefunden, und seine alten Eltern wollen ihm in diesem Sommer eine Reise an den richtigen Rhein finanzieren. Er will sich die Heimat der Großeltern ansehen, Verwandte besuchen und die Oberpleiser Kirche und natürlich die Eisbacher Kapelle kennenlernen. 

Peter Weber

Quelle
Pfarrfamilie St. Pankratius Oberpleis Nr. 2 / April/Mai 1977
Zur Verfügung gestellt von
Edith Jarzombek / Pfarrbüro St. Pankratius Oberpleis
Räume & Galerien
Katholische Kirche Oberpleis
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