Abgebildete Personen
Aufnahme: 1975
Chronik der Kriegs- und Nachkriegszeit der Pfarrgemeinde Oberpleis - von Pfarrer Johannes Wichert
Zur Zeit des Nationalsozialismus trug die Dollendorfer Straße den Namen Adolf - Hitler - Straße.
1. TEIL
Heute, da ich beginne, in einigen ruhigen Tagen die Chronik der Pfarre zu schreiben, regt sich zunächst in mir der leise Vorwurf, daß es nicht schon früher geschehen ist. Doch erscheint es mir auch wiederum als recht und gut, daß ich von den allzu vielen und allzu starken Eindrücken einer so bewegten Zeit Abstand gewonnen habe, zumal die wichtigsten Daten und Ereignisse ihren unmittelbaren Niederschlag gefunden haben im Buch der sonntäglichen Verkündigungen und in meinen persönlichen Notizen während der Tage, da die Pfarrgemeinde Kriegsschauplatz wurde, letzte Abwehrfront rechts des Rheines, und da sie angesichts der täglich wachsenden Zerstörung und der vielen Toten aus der Tiefe ihres geängstigten Herzens zum Himmel rief: „Herr, bleibe bei uns“ „Herr, bleibe bei uns." - Das war das Wort, das über der Einführung des neuen Pfarrers und in seiner Einführungspredigt stand neben dem Segenswunsch des kommenden täglichen Opfers: „Der Herr sei mit Euch" und "Der Friede des Herrn sei mit Euch allezeit." Diese Einführung am 5. November 1944 stand ganz im Zeichen des Krieges, der Endphase des Krieges. Sie war überschattet von der Not der rheinischen Heimat, war begleitet vom Fliegeralarm und übertönt vom dumpfen Beben der im weiten Umkreis fallenden Bomben.
Die Einholung geschah vom Krankenhaus aus. Trotz Verbotes zog eine kleine Prozession von Meßdienern, Engelchen, Erstkommunikanten und Männern des Kirchenvorstandes zum Kirchvorplatz. Unterwegs kam Fliegeralarm, durch den sich aber Herr Kaplan Düster in seiner Begrüßungsansprache nicht stören ließ. In Ruhe und Ordnung erfolgte die Überreichung des Kirchenschlüssels und der Einzug ins festlich geschmückte Gotteshaus. Wohl fielen während der Predigt des Hochwürdigsten Herrn Dechant Ibach die ersten Bomben, Gott Dank, nicht allzu nahe, doch deutlich genug hörbar und spürbar, aber alle Gläubigen verblieben im Schutz des Gotteshauses. So kam dann nach den altehrwürdigen Einzugszeremonien auch noch der neue Pfarrer zu Wort. Sein "Herr, bleibe bei uns" der Einführungspredigt hat an diesem Tage seine erste Erfüllung gefunden. Am Schluß der kirchlichen Feier war die Fliegergefahr vorbei, so daß die Gemeinde ihren neuen Pfarrer an und in sein Haus begleiten konnte. Der folgende Tag versammelte in der Frühe die Pfarrgemeinde mit dem neuen Pfarrer zum ersten hl. Opfer für die Toten der Gemeinde. Dann begann der Alltag, der sehr bald immer deutlicher die Zeichen der nahen Front zeigte.
Wohl war vorerst im Gegensatz zur Stadt Bonn, aus der ich kam, noch vieles in der alten Ordnung. Die Gottesdienste fanden bis zum Beginn der Frontzeit zu den einmal festgesetzten Zeiten statt, wenn wir auch wegen der Gefährdung durch die Flieger nach und nach in frühere Morgenstunden gehen mußten. An die Weisung der Gestapo, nach nächtlichem Fliegeralarm erst nach 10 Uhr anzufangen oder hinter verschlossenen Türen zu zelebrieren, haben wir uns grundsätzlich nicht gehalten. Die Seelsorgestunden fanden trotz des strengen Winters und der immer regeren Tätigkeit der Jagd- und Tiefflieger noch regelmäßig statt. Auch war die Beteiligung in Anbetracht der Gefährdung recht gut, mit Ausnahme der jüngeren und der allzu weit entfernt wohnenden Kinder. Erst am Sonntag, dem 26. Februar 1945, mußten wir verkündigen: "Bei Vollalarm und Jagdfliegertätigkeit fällt in Zukunft die Christenlehre aus. Wie weit die Kinder den wöchentlichen Seelsorgestunden wegen bzw. bei Fliegeralarm fernbleiben, müssen wir der Verantwortung und Sorge der Eltern überlassen, ihrer Verantwortung vor Gott und ihrer Sorge um die Kinder."
Am Sonntag, dem 11. März 1945, war ein geregelter Gottesdienst nicht mehr möglich, da seit dem 9. März 1945 bereits das Artilleriefeuer über der Gemeinde lag. Von da an verlegten wir unseren Gottesdienst in die Krypta, die uns inmitten aller Todesnot die Gegenwart des Herrn schenkte und mit der lebendigen Gegenwart des Herrn auch sein Todesopfer für unsere lieben Toten, die jeder Tag von neuem von uns forderte, besonders der Passionssonntag - der 18. März 1945 -, der die Gemeinde wahrhaft der Passion des Herrn verband. Am Palmsonntag feierten wir das hl. Opfer wieder in der von Schmutz und Schutt und Fenstersplittern gereinigten Kirche. Auch dieser Tag forderte noch ein letztes Kriegsopfer in Frau Karl Leven, die von einer deutschen Granate zerrissen wurde. Es war unmittelbar nach einem amerikanischen Soldatengottesdienst in der Pfarrkirche, als eine letzte deutsche Salve mitten ins Dorf schlug. Nun muß ich mit meiner Chronik nochmals rückwärts gehen.
Ehe uns selbst als Gemeinde die letzte Phase des Krieges mit seiner ganzen Brutalität und Bitterkeit traf, hatten wir reichlichen Anteil an der Not des rheinischen Landes. Wohl kein Haus der Pfarrgemeinde blieb ohne Flüchtlinge: Verwandte und Bekannte, aber auch Unbekannte kamen und baten um Obdach, viele nur für Tage, bis die ausgestandene Angst und eine neue Sorge sie weitertrieb. Die meisten aber blieben, blieben auch, als wir Front wurden und blieben nach der Besetzung nochmals Wochen und Monate bei uns, bis sie endlich wieder nach Hause konnten und ihr Obdach für die abtraten, die tiefer aus dem Reiche kamen und auf der Rückkehr vom Osten zum Westen vor dem Rheinübergang lagen und warten mußten. Anfang März wurden für uns die Zeichen des Endes, das wir ja längst ahnten, unabweislich sichtbar. Am helllichten Tage konnte kein Auto mehr über die Landstraße fahren, weil unentwegt die feindlichen Tiefflieger kreisten, die mit ihren Bordwaffen jedes fahrende Ziel angriffen. Immer mehr Kriegstroß und Truppen kamen über den Rhein. Erst Troß: Schanzabteilungen, von russischen "Freiwilligen" durchsetzt, aber auch Troß im wahrsten Sinne des Wortes mit Weibern und allem, was dazu gehört, ferner Hitler-Jugend im Schanzdienst, hunderte Kinder, Jungen und Mädchen, die rein äußerlich arg verkommen aussahen, verdreckt und durchnäßt, abgerissen und hungrig, zum Teil aber auch wirklich verkommen in ihrer Haltung, ihren Reden und ihrem frivolen Treiben.
Deutsche Jugend, unsere Jugend, die erschütternder als alles andere die letzte und schlimmste Fratze des Krieges offenbarte. Gott Dank verloren wir sie bald aus den Augen, weil nun über die Remagener Brücke und zuletzt noch über die Godesberger Fähre die Reste der geschlagenen Armee von linksrheinisch zurückströmten. Im letzten Augenblick blieben wir von der Räumung unserer lieben Heimatgemeinde verschont, weil einfach keine Möglichkeit mehr bestand, soviele Tausende auf verstopften Straßen, die dazu noch von Tieffliegern ständig überwacht waren, zurückzuführen. Dafür ließ sich aber immer mehr und mehr hohes Militär in Oberpleis nieder. Der Kommandant der Rheinverteidigung schlug sein Quartier im Mathildenheim auf. Ein Teil dieses Stabes lag in der Vikarie. Von da hörten wir auch die Parole: "Die Eiterbeule muß unter allen Umständen aufgestochen werden." Gemeint war der mittlerweile über die nicht völlig zerstörte Remagener Brücke nachdrängende Feind. Viel Artillerie baute sich auf allen Höhen ringsum ein. Man sprach vom Einsatz einer neuen Division, von anrollenden Tigerpanzern, aber das Ende rollte schneller als die erwarteten Panzer. Als die ersten Artillerietreffer in Oberpleis hineinfegten, fegten sie auch die ganzen, kaum warm gewordenen Stäbe fort. Man überließ des Feld einem Ortskommandanten, einem meiner Bonner Freunde, der dann leider sehr bald einem sogenannten Kampfkommandanten unterstellt wurde, einem ständig herumtobenden Major, der mit Gewalt Oberpleis in "Verteidigungszustand" setzten wollte, Straßensperren baute und dafür auch u. a. die alten Linden des Kirchplatzes fällte, die am Ende nicht einmal gebraudit wurden. Dem Verständnis eines alten Pionier-Feldwebels danken wir es, daß nicht auch noch alle Bäume des Friedhofes diesem Irrsinn zum Opfer fielen. Ebenso verbissen und fanatisch wie dieser Kampfkommandant war ein uns zuletzt noch zudiktierter fremder Ortsgruppenleiter, der wörtlich meinte:"In Oberpleis müssen erst einige an die Wand ·gestellt werden", der den Wahnsinn so weit trieb, Frauen und Mädchen von 18 bis 45 Jahren zum Schanzen kommandieren zu wollen in einer Zeit, als selbst kein Mann mehr ohne zwingenden Grund die unter dem Feuer schwerster Artillerie liegenden Straßen passierte.
Das Bürgermeisteramt hatte sich nach dem Weggang des Amtsbürgermeisters unter der Leitung des ruhigen und sachkundigen Inspektors Meyer mit meinem Einverständnis in der Krypta niedergelassen. Es war eine echte, treue Notgemeinschaft, die alle Befehle des fremden Ortsgruppenleiters nach Kräften vereitelte. Ich gedenke hier gerne dieser Männer und Mädchen vom Amt, die bis zuletzt in vorbildlicher Weise der Gemeinde dienten. Gerne gedenke ich auch des später im Artilleriebeschuß verbliebenen Polizeimeisters Theodor Schmitz, der seine gerade Haltung nie verleugnete, und des tapferen Totengräbers Höhner, der mit Kaplan Düster und mir auch während des Artilleriebeschusses die Toten begrub, bis uns das immer stärker werdende Feuer Kreuz und Spaten aus der Hand nahm und uns zwang, die Toten vorerst da ruhen zu lassen, wo sie gefallen waren. Ebenso gedenke ich auch des vorletzten Ortskommandanten, Major von Specht, und der Männer seiner Transport-Abteilung 606, die lange Wochen bei uns waren und manchen Lebensmittel- und Kohlentransport für die Gemeinde bewerkstelligten: Männer, die in jeder Weise ordentlich und hilfsbereit und auf den Schutz des Ortes bedacht waren. Keines ihrer großen und zahlreichen Transportfahrzeuge war den Augen der Flieger sichtbar, ganz im Gegensatz zu den Abenteurern, die sie am Ende ablösten und die urch ihre Fahrlässigkeit den Ort und insbesondere die Kirche in äußerste Gefahr brachten. Alle meine Bitten und Vorstellungen, den rings auf dem Friedhof, um die Kirche und um das Pfarrhaus lagernden Wagenpark doch wenigstens zu tarnen, trafen taube Ohren. Man benahm sich wie in Feindesland, fuhr eines Tages rücksichtslos das geschlossene Tor zum Innenhof der Propstei ein und stellte auch diesen voll Fahrzeuge jeder Art.
Der leitende Offizier erwiderte mir auf meine energische Beschwerde, das sei Faustrecht, und wo so vieles vor die Hunde gegangen sei, käme es auf ns und unsere Kirche auch nicht mehr an. Am Kirchturm schloß man die Antenne einer Funkstation an, die vor dem Hodikreuz des alten Friedhofes parkte. Die schwere Beschädigung des Turmes, des alten Kreuzganges und die Zerstörung der Vikarie haben wir wohl vor allem dieser Funkstation zu danken. Das Ansinnen, unser von Flüchtlingen überfülltes Haus und die Krypta der Kirche, den einzigen sicheren Zufluchtsort Ungezählter, für militärische Zwecke zu räumen, gehört auch in das Kapitel der völligen Rücksichtslosigkeit. Viele wollten offenbar immer noch nicht begreifen, daß der Krieg verloren war. Gott Dank war in den Tagen, da Tausende Oberpleis passierten und die Kette der Fahrzeuge auf den Landstraßen nicht abriß, der Himmel so verhangen, daß wir von dem so sehr befürchteten Bombenteppich verschont blieben. Die eigentlichen Tage der Entscheidung und Prüfung, die Tage und Nächte ununterbrochenen und immer stärker werdenden Artilleriefeuers, die Tage und Nächte, da wir in der Gemeinde alle unter dem Kreuz des Herrn und dem Schatten des Todes standen, erreichten ihren Höhepunkt am Passionssonntag (18. März), der zur wirklichen compassio mit unserem Herrn wurde, wie sie die Gemeinde nie zuvor in den tausend Jahren ihres Bestehens erlebt hat, soweit uns wenigstens die Quellen ihrer Geschichte Aufschluß geben.
In den ersten Nächten dieser entscheidenden Zeit bot sich uns ein schaurig-schönes Schauspiel: Die ringsumliegenden Höhen wirkten im Abwehrfeuer deutscher Artillerie wie ein riesiger Kranz lodernden Feuers. Aber mehr und mehr verstummte die deutsche Artillerie, überdeckt und übertönt vom Einschlag feindlicher Granaten schwersten Kalibers. Immer unheimlicher wurden die Nächte, wo alle Familien eng gedrängt in oft sehr dürftigen und wenig Schutz bietenden Kellern das unheimliche Pfeifen immer näher einschlagender Granaten, das Geschepper splitternder Fenster, fallender Dachziegel und das Krachen berstender Mauern hörten. Die ersten Tage ließen uns in Oberpleis zunächst noch mit bangen Augen auf die Ortschaften ringsum die Autobahn schauen, aber bald schon schlugen die ersten Granaten mitten ins Dorf Oberpleis und zwangen uns in die Keller, die uns dann viele Tage und Nächte gefangen hielten. In den wenigen ruhigeren Stunden, von denen aber keine einzige Sicherheit bot, wurden Brot und Milch geholt, in Küche und Stall gearbeitet und alle lebensnotwendigen Dinge getan. Aber auch das wurde zuletzt oft genug ein Wettlauf mit dem Tode, dem dann auch allzuviele zum Opfer fielen. Die Kirche bzw. die Krypta wurde in diesen Tagen und Nächten Zuflucht für viele. Sie war so gedrängt voll, daß der Pfarrer sich an jedem Morgen den Weg durch einen Wall von Liegestätten und Stühlen, von übernächtigten Menschen und sorglos schlafenden Kindern zum Altare bahnen mußte.
Dieses allmorgendliche hl. Opfer in der Krypta, daß ich zuletzt mit der Generalabsolution verband, bleibt allen, die daran teilhatten, trotz der qualvollen Enge des Raumes, trotz der entsetzlich verbrauchten Luft und trotz aller Angst und Sorge in schönster Erinnerung. Wir haben das hl. Opfer immer wieder den Toten der letzten 24 Stunden geschenkt und alle Anliegen der Lebenden hineinverflochten. Vom Passionssonntag an ließ ich den "Herrn in Brotsgestalt" im verdeckten Kelch mitten unter der geängstigten Gemeinde. Am gleichen Passionssonntag erlitten unsere Kirche, der Kreuzgang und vor allem die Vikarie ihre schweren Schäden. Am Dienstag nach dem Passionssonntag (20. März) peitschten morgens während des hl. Opfers die Maschinengewehrschüsse um die Kirche. Zwischen Wandlung und Kommunion stürzte der Schmied Adolf Röttgen in die Krypta mit dem Ruf: „Männer heraus, im Dorf brennt es!" Nach diesem auch in höchster menschlicher Dramatik gefeierten heiligen Opfer und der bald danach glücklich überwundenen Brandgefahr sind Pfarrer und Kaplan ins Dorf gegangen, um ungehindert von den langsam hinter schwersten Panzern vortastenden Amerikanern die erste Ortsbesichtigung vorzunehmen.
Es war kein schönes Bild, das sich uns bot: überall abgedeckte Dächer, zersplitterte Fenster und aufgerissene Hausfronten. Im Kirchturm ein riesiges Loch, der Kreuzgang arg angeschlagen, die Vikarie ganz besonders schwer mitgenommen, um die Kirche und auf dem Friedhof Trichter an Trichter. Am 20. März 1945 hatten wir im Dorf Oberpleis die ärgste Not überstanden. Aber noch knatterten im Talgrund auf Uthweiler zu die Maschinengewehre, stiegen die Fontänen schwerer Granateinschläge an den Hängen von Frohnhardt, Eisbach und Pleiserhohn auf. Erst der 21. März, Frühlingsanfang, ein strahlend schöner Tag, brachte auch diese Dörfer in Feindeshand. Am 22. März rauchten die Höhen um Rott. Vier Tage hatte der Feind gebraucht, um durch die Pfarrgemeinde Oberpleis zu kommen.
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