Aufnahme: 1975
Chronik der Kriegs- und Nachkriegszeit der Pfarrgemeinde Oberpleis - von Pfarrer Johannes Wichert
2. TEIL
Die Haltung der amerikanischen Soldaten, die über die in Dollendorf geschlagene Brücke kommend Oberpleis mit einer ganzen Armee passierten und in dem fast drei Wochen dauernden Kampf um Siegburg zu Tausenden in der Gemeinde Quartier bezogen, war sehr unterschiedlich. Die von ihnen beschlagnahmten Quartiere mußten geräumt werden, höchstens durften die Einwohner in den Kellern verbleiben. Das gab nach den Tagen des Kampfes und der unmittelbaren Todesgefahr noch drei Wochen arge Bedrängnis in den engen Kellern und überbelegten Häusern, gab ein ständiges Hin- und Herziehen mit Bettzeug, Kleidern, Wäsche, Hausrat und Lebensmitteln. Hinzu kam die Sorge um das im Haus verbliebene Hab und Gut, das den fremden Soldaten preisgegeben war. Was die blühendste Phantasie nicht ausmalen kann, ist dabei leider auch Wirklichkeit geworden. Der Gerechtigkeit willen sei gesagt, daß von den ungezählten Tausenden, die Oberpleis passierten, nur der kleinste Teil so gehandelt hat. Die befreiten Polen und Russen witterten auch bald Morgenluft und stahlen in den für die Besatzung beschlagnahmten Wohnungen, was sie fanden.
Mittlerweile war am 21. März der amerikanische Ortskommandant bei mir als dem Ortspfarrer gewesen. Ich sollte ihm Männer für die Verwaltung der Gemeinde benennen. Zu allen Beratungen und Entschließungen wurden Pfarrer und Kaplan hinzugezogen. Herr Kaplan Düster hat in diesen vierzehn Tagen, wo ich im Volksmund „Oberbürgermeister" war, gute Dolmetscherdienste geleistet. Wir haben beide die Last und schwere Verantwortung auf uns genommen, haben durch persönliches Dazwischentreten und energische Beschwerden manches abwenden können, haben in oft mühseligen Verhandlungen erreicht, daß wider höheren Befehl die gesperrten Straßen doch benutzt werden konnten zum Heranholen von Fleisch und Brotgetreide und Brand und ebenso zum Heimholen der Gefallenen, unserer notdürftig an Ort und Stelle begrabenen Pfarrangehörigen und der zum Teil in Wald und Feld und Sumpf unbeerdigt liegenden deutschen Soldaten. Allen amerikanischen Kommandanten, mit einer Ausnahme, sei nachgesagt, daß sie sich korrekt verhalten haben. Nur fehlte ihnen die rechte Befehlsgewalt über die oft täglich wechselnden Truppen und manchmal wohl auch, durch die lange Kriegszeit bedingt, der Blick für die üblen Vorkommnisse und daher auch der Wille, wirklich durchzugreifen. Vor allem hatte ihnen die Propaganda das wahre Bild der Bevölkerung völlig entstellt. Wir waren eben doch alle Nazis.
Das kirchliche Leben hatte vorerst noch sehr zu leiden, da wir Durchgangslager und -straße für eine ganze Armee waren, außerdem Kampfgebiet der um Siegburg und an der Sieg fast drei Wochen lang festgehaltenen Truppen und vorerst auch noch im Schußbereich der deutschen Artillerie lagen. Ausgangs- und Straßensperren waren die stärksten Hemmnisse. Zwar konnten wir am Palmsonntag wieder das hl. Opfer in der Pfarrkirche feiern, aber auch nur für die näher anwohnenden Gläubigen, da um 9 Uhr alle zu Hause sein mußten, und den Gläubigen, die weiter als drei Kilometer wohnten, das Passieren der Straße zur Kirche verboten war. Es war außerdem lebensgefährlich auf diesen Straßen, weil Panzer und Geschütze, Munitionskolonnen und Fahrzeuge jeder Art, Riesenfahrzeuge mit aufmontierten Kranen und solche von der Größe eines Eisenbahnwaggons, Mannschafts- und Gerätewagen, Kabel- und Pontonwagen, Trinkwasser- und Benzinwagen, eine unvorstellbare nie abreißende Kette in ebenso unvorstellbarem Tempo über die zum Teil arg mitgenommenen Straßen rasten.
Darum gingen Herr Kaplan Düster und ich an den beiden Ostertagen und am Weißen Sonntag nach Thomasberg, Berghausen und Eisbach, während in der Pfarrkirche und in Uthweiler evakuierte Confratres aushalfen. All diese Osterfeiern auf dem Schulhof in Thomasberg, im Hofgeviert von Friedrich Wasserheß, Berghausen, und in der Kapelle von Eisbach werden mir allzeit in strahlender Erinnerung bleiben. Unter Leitung des rührigen und umsichtigen Hauptlehrers Symnofski war in Thomasberg der Altar auf der Freitreppe des Schulgebäudes aufgebaut: Mit Wand- und Bodenteppich, Kreuz und Bildern, Kerzen und Blumen. Unter den im ersten Grün und Frühlingslicht leuchtenden Bäumen des Schulhofes standen Kinder und Jugend, Frauen und Männer, sogar an die Sitzgelegenheiten für die alten Leute hatte man gedacht. Ebenso schön und fast noch intimer war die Opferfeier im Hofgeviert von Wasserheß. Auch hier war eine Scheunenwand verkleidet mit Teppich, Kreuz und Bildern, waren die Altarstufen mit Teppichen belegt, der Altartisch mit feinstem Linnen gedeckt und mit Blumen und dem ersten Grün geschmückt. Die Eisbacher hatten gleichfalls ihre schöne, bis zum Tage vorher noch von Soldaten belegte Kapelle zu einem Schmuckkästchen gemacht. All diesen Dorfgemeinschaften nach der überstandenen Angst und inmitten aller noch ungelösten Fragen den österlichen Gruß des Herrn zu bringen, sein Fürchtet Euch nicht! Ich bin es". Der Friede sei mit Euch!", war mir schönste priesterliche Aufgabe.
Eine andere echt priesterliche, wenn auch bittere Aufgabe, war die Heimholung der Toten, die noch auf ihre Bestattung in geweihter Erde warteten. So wie sie draußen lagen: an Feld- und Straßenrand, in Wiesen und Gärten, oft wohl von liebender Hand begraben und betreut, oft genug aber auch noch unbestattet, konnten sie nicht liegen bleiben. Zuerst haben wir unsere eigenen Toten begraben, dann innerhalb des Monats April all unsere gefallenen Soldaten heimgeholt. Es war ein schweres Werk für die Männer, die sich bereitfanden, die oft arg zerfetzten, ohne Sarg begrabenen Leichen wieder auszugraben und zum Friedhof zu bringen; ein echtes Werk leiblicher Barmherzigkeit, womit sich diese Männer selbst ein Denkmal im Herzen Gottes gesetzt haben. Die Zahl der innerhalb der Gemeinde gefallenen Zivilpersonen betrug 70 Tote. Davon 44 aus der alten Pfarrgemeinde, 22 Evakuierte, 2 Ausländer und 2 völlig Unbekannte. Kinder unter 11 Jahren waren es 8; der älteste Tote war 78 Jahre alt. Von den gefallenen deutschen Soldaten haben wir 113 auf unserem Friedhof bestattet, ein Teil war von den Amerikanern auf andere Sammelfriedhöfe gebracht worden. Unter den von uns bestatteten deutschen Soldaten war der jüngste 17 Jahre und 3 Monate, der älteste 56 Jahre alt. Mit der Benachrichtigung der Angehörigen und der Identifizierung der vielen unbekannten Soldaten haben sich Pfarrer und Kaplan und zuletzt Herr Kaplan Düster alleine alle erdenkliche Mühe gegeben. Zurzeit, da ich diese Chronik schreibe, ist schon mancher Gefallene mit Sicherheit identifiziert. Der Pfarrer selbst hat die Gestaltung des Ehrenfriedhofes übernommen, aber trotz aller Initiative zur Stunde noch nicht alles so erreicht, wie es geplant war.
Nach der Heimholung unserer Toten durften und mußten wir auch an die erste Instandsetzung unseres Gotteshauses denken. Ehe ich überhaupt davon wußte, war das schwer verbeulte Zifferblatt der Kirchenuhr heruntergeholt, instandgesetzt und wieder neu angebracht, war das Werk von Schutt befreit und in Gang gebracht, so daß ab Sonntag, den 22. April, silberne Ziffern statt der früher goldenen uns die rechte Zeit anzeigten. Die „Heinzelmänner" waren Willi Bellinghausen und Josef Mohr. Bis Sonntag, den 29. April, waren durch geschickte und fleißige Zusammenarbeit von Glaser Wilhelm Dunkel und Telegraphenarbeiter Heinrich Klein und dem immer hilfsbereiten Bernd Dresen die Chorfenster in Kunstglas erneuert und die stark verbeulten Fenster des Obergadens wieder in Ordnung gebracht. Bis Sonntag, den 6. Mai, hatte Schreinermeister Wilhelm Gast unter Mithilfe von Herrn Josef Gerits die Fenster der Frauenseite in einer sehr praktischen Verbindung von Holz und Glas erneuert. Im Mai wurde dann auch der völlig verwüstete alte Friedhof gepflügt und neu eingesät.
Am 7. Mai hielten wir in der zuerst gründlich gesäuberten Krypta unseren ersten Dankgottesdienst, zu dem sich alle die einfanden, die dort in schweren Tagen Schutz gesucht und gefunden hatten. Am Donnerstag, dem 10. Mai, am Tag der Himmelfahrt des Herrn, führten wir 62 Kinder: 29 Jungen und 33 Mädchen, zum erstenmal an den Tisch des Herrn. Dieser Tag war nicht nur für die Kinder selbst und deren Eltern, sondern auch für die ganze Gemeinde der erste wirklich frohe Tag nach langer Zeit. War doch seit dem 8. Mai der so unfaßbare grauenvolle Krieg ebenso endgültig zu Ende, wie die Dämonie des Dritten Reiches und waren für unsere Gemeinde die Tage des Kampfes und der Besatzung zu Ende. Wohl fehlten noch von der Hälfte aller Kinder Vater oder Mutter. Sie waren gefallen, vermißt, gefangen oder noch nicht wieder heimgekehrt.
Sehr bald nach diesem schönen Tage sollte unsere Gemeinde, gleich vielen anderen, noch einmal die Not der Nachkriegszeit in einer besonders bedrückenden und beängstigenden Weise spüren. Es kam die Zeit der nächtlichen Russen- und Polenüberfälle. Wehrlos waren die davon betroffenen Häuser und Höfe den schwer bewaffneten Banditen ausgeliefert, die sogar mit Lastwagen vorfuhren, alles aufluden, was ihnen mitnehmenswert erschien und im Falle irgendeines Widerstandes vor keinem Mord zurückschreckten. Zwei wackere Männer unserer Gemeinde fielen einem dieser zahllosen wochenlang dauernden Überfälle zum Opfer, darunter der allzeit getreue und hilfsbereite stellvertretende Vorsitzende des Kirchenvorstandes, Johann Strobel. Erst als durch einen überall organisierten Selbstschutz verschiedene Raubzüge mit blutigen und tödlichen Verlusten der Banden endeten, hörte diese Plage auf.
Wohl blieb noch lange Zeit die Unsicherheit auf den nach auswärts führenden Straßen, besonders auf der durch den Wald von Heisterbach führenden Straße, wo Ungezählte am helllichten Tage einfach ausgeplündert wurden. Trotz dieses ausgesprochenen Räuberwesens, trotz aller durch den langen Krieg und die Besatzungszeit bereits entstandenen Verluste an Hab und Gut, mußten auf Befehl der Militärregierung immer wieder Sammlungen für die in Lagern gesammelten Russen und Polen durchgeführt werden. Sie waren sach- und zahlenmäßig vorgeschrieben und bedeuteten eine schwere Belastung der Gemeinde. Vor allem zeigten sie uns aber, wie wehr- und rechtlos wir geworden waren. Daß wir als Volk, als armes zerschlagenes Volk, inmitten aller Wehr- und Rechtlosigkeit auch noch ehrlos wurden, bleibt das erschreckendste Signum dieser Zeit und bleibt zugleich das echte und unverfälschte Erbe der hinter uns liegenden Epoche innerdeutscher Schmach.
Am Montag, dem 28. Mai, hielten wir das feierliche Sechswochenamt für alle aus und in unserer Gemeinde während der Frontzeit Gefallenen und zogen nachher gemeinsam zu ihrer Ruhestätte auf unseren Friedhof. Am Donnerstag, dem 31. Mai - am Fronleichnamstage - ging der Herr nach all dem Schrecken wieder segnend und Wohltaten spendend mit uns durch Dörfer, Wiesen und Felder. Wie überall in Stadt und Land begleitete ihn auch durch unsere Gemeinde eine nie zuvor gesehene Heerschar. Am Freitag, dem 1. Juni, konnten wir die Seelsorgestunden für das 8. Schuljahr wieder aufnehmen. Ab Montag, dem 16. Juni, für alle Kinder. Im September wurde der Schulunterricht in Oberpleis wieder aufgenommen, im Oktober in Thomasberg und einige Zeit später in Sandscheid. Wieviel Arbeit, Mühe und Sorge hinter diesen nüchternen Worten und Daten steht, weiß nur der, der sich darauf besinnt, daß in dieser Zeit rein gar nichts vorhanden bzw. an nichts zu kommen war, weder an eine Dachpfanne, noch an einen Quadratzentimeter Glas oder ein Gramm Farbe.
All diese Arbeit und Mühe nahmen insbesondere unsere Schulleiter gerne auf sich, einmal im Gedenken an unsere Kinder, dann aber im Gedanken daran, daß wir unsere Schule nun wieder auf christlichem Boden aufbauen zu können hofften. Als nach unendlich viel Mühe die Schulräume fertig waren, mußten wir nochmals auf behördliche Besichtigung und auf Genehmigung durch die Militär-Regierung warten. Zum Schluß schob dann noch eine ärztliche Untersuchung sämtlicher Kinder den Wiederbeginn hinaus. Aber wir hatten uns bereits daran gewöhnt, daß der Papierkrieg noch lange nicht zu Ende war. Als endlich alle Formalitäten erfüllt waren, konnten wir beginnen. Wir stellten diesen Beginn unter das Geleitwort „Mit Gott fang an" und unter das Zeichen des Kreuzes, das wieder seinen alten Platz in unseren Schulräumen erhielt. Wir begannen mit heiliger Messe und Schulgebet.
Der Schulleiter, Herr Lehrer Gossen, und der Pfarrer sprachen aus einem Geist und Herzen zu den Kindern, die sich in der festlich geschmückten Schule von Oberpleis eingefunden hatten. So war es auch beim Wiederbeginn des Schulunterrichtes in Thomasberg, der sich glücklich verband mit der kurz zuvor erfolgten Errichtung einer eigenen Seelsorgestation in Thomasberg. Auch hier waren Lehrer und Priester mit der Gemeinde ein Herz und eine Seele. Auch hier geleitete uns das „Ite missa est" in die neue Zeit und Arbeit. Wieviel Not diese neue Zeit uns noch gebracht hat, haben wir alle miteinander erfahren: Unsere Männer, die aus langer Kriegsgefangenschaft endlich heimgekehrt sind, aber ebenso unsere Frauen, Eltern und Kinder, die so lange auf die Heimkehr warten mußten und die z. T. noch immer besorgt und bange, vielleicht sogar vergeblich, warten. Und alle miteinander haben wir erfahren und müssen es täglich an Leib und Seele, an Hab und Gut neu erfahren, was es heißt, ein besiegtes Volk zu sein.
Darum ist es gut, daß inmitten unseres Dorfes das hl. Geviert um die alte Pfarrkirche in edler Schönheit neu erstanden ist. Möge unser geliebtes Gotteshaus ein Sinnbild des Friedens sein: Nicht nur als Stätte des inneren Friedens, den wir hier suchen und finden, sondern auch als Symbol unseres unbesiegbaren Lebenswillens und unserer Hoffnung auf den so sehnlichst erwarteten äußeren Frieden.
Wohl tobet um die Mauem
der Sturm in wilder Wut,
Das Haus wirds überdauern:
auf festem Grund es ruht.
Gott wir loben dich;
Gott wir preisen dich.
0 laß im Hause dein
uns all geborgen sein.
E N D E
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