Aufnahme: 1971
Aus der Geschichte von Oberpleis und der Umgebung, 7. Teil
Längsschnitt durch die Propsteikirche (rekonstruierter Zustand um die Mitte des 13. Jahrhunderts nach Effmann) Heute fehlen der Vierungsturm und die Treppentürme Der Langhausboden wurde erhöht.
Eine Betrachtung der Kirche in Oberpleis
Herr Eugen Heinen, Domführer in Altenberg, ein echter Sohn unserer Oberpleiser Heimat, verdanken wir eine kunstgeschichtliche Betrachtung der Oberpleiser Propsteikirche, die er in der Festschrift zur Tausendjahrfeier veröffentlichte. Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers geben wir diese interessanten Erläuterungen an dieser Stelle wieder:
„Wenn mir die Freude geworden ist, in dieser Schrift als geborener Oberpleiser etwas über die schöne alte Kirche meines Heimatortes sagen zu dürfen, so Muss ich fein und behutsam vorgehen. Es ist mir dabei, als müsse ich etwas aussagen über einen guten alten Bekannten, über einen Achtung gebietenden Erzieher meiner Jugend, von dem ich weiß, dass er mich sehr gut kennt. Würde es nicht allen denen so gehen, deren Kindheit und Leben begleitet ist von dem schweren Klang der Glocken aus dem alten Turm und der Orgel, deren Akkorde und Melodien uns hinwegtrugen über Freude und Leid? Es ist die Kirche in unser Herz gewachsen, so, dass wir uns unser Leben ohne ihre Gestalt nicht mehr denken können, und es wird selbst im kühlsten Herzen der Gemeinde doch wohl noch ein kleines Kämmerlein zu finden sein, welches dem schönsten Kleinod unseres Dorfes gehört. So ist sie von allen geliebt, und es mag hier der Vers aus dem Lavabo der Messe aufklingen: Ich liebe, Herr, die Zierde Deines Hauses, die hehre Wohnung Deiner Herrlichkeit.
Können wir Menschen aber etwas lieben, wenn wir nicht gleichzeitig auch die Güte und Schönheit dessen erkennen? Gewiss, wir empfinden, dass die Kirche schön ist, und damit ist an sich das Ziel der Erbauer, uns Menschen durch die Form des Kunstwerkes geistig zu erheben, erreicht. Doch wenn wir uns einmal darum kümmern, warum die Dinge gut und schön sind, so werden sie uns sehr viel mehr zum Erlebnis. Wir werden leichter erkennen, dass alle Verrichtungen mit großem Verantwortungsgefühl getan sind, und spüren, wie jeder Steinmetz sich dieser Verantwortung vor seinem Gott bewusst war, da er ihm ja das Haus baute, die hehre Wohnung Seiner Herrlichkeit. So ist jede Mauereinteilung und jeder Vorsprung, jedes Profil, jeder Stab und jede Hohlkehle bis in das letzte fein sauber durchgeführt. Ein Teil zum anderen wurde peinlich genau in seinen Maßverhältnissen zueinander ausgewogen, und niemand konnte Bauen, wie es ihm gerade passte. Man war gebunden an strenge Regeln und Baugesetze und an die Lehren der Statik, die von Bauhütte zu Bauhütte überkamen.
Dies alles überlegend, müssen wir uns die Frage stellen, ob wir wohl an all den Dingen vorübergehen dürfen, als hätten wir keinen Teil an ihnen. Viele der Gemeinde würden mit Ausdrücken der Verlegenheit antworten müssen, würde man sie nach dem Wie und Warum der Schönheiten ihrer Pfarrkirche fragen. Haben aber unsere Vorfahren, die Meister unserer Kirche, nicht ein Recht darauf, dass wir zum mindesten ihre Kunst beachten und so teilhaben an der Freude, die sie ja auch uns spenden wollten? Da nun aber 1000 Jahre der Geschichte unseres Kirchspiels vergangen sind und ein neuer großer Abschnitt der Geschichte beginnt, möchte ich den Freund unseres Dorfes gerne bei der Hand nehmen und mit ihm einmal richtig hinschauen. Doch vorher wollen wir noch bedenken, unter welchen Umständen alles das geworden ist, und ob Glaube und Begeisterung in uns heute noch so groß sind, dass, wenn es notwendig wäre, wir auch eine solche Kirche zu-stande brächten, von derselben Solidität und von demselben Ausmaß.
Bedenken wir, dass Werkzeug und Material damals noch ein wesentlich unbequemeres Gesicht hatten und dass Straßen und Fahrzeuge mit den unserigen nicht mehr zu vergleichen sind. Die Wohnungen der Menschen waren noch sehr klein, und niemand von uns würde sich mit einer solchen Behausung zufrieden geben. Keines jener Zeit hat die Jahrhunderte in unserer Gemeinde überstanden, aber in derselben Zeit baute man die Kirchen prachtvoll auf. Der alte Turm unserer Kirche aber stand und sah die Menschen ihre Häuser bauen und sah die Geschlechter und ihre Häuser wieder versinken und wieder bauen und wieder versinken.
Steht er nicht wie der Vater des Dorfes, als Künder und Mahner vor uns? Kraftvoll türmte der Meister vier Glieder übereinander und wusste sie in ihren Maßverhältnissen geschickt auszuwiegen, damit uns ihre Schwere nicht erdrücke.
Betrachten wir die Gliederungen, so sehen wir, dass der untere Teil ein etwas überhöhter Würfel ist, den ein dünnes Profil (oder Leiste), welches drei Seiten umläuft, oben abschließt. Die westliche Seite ist mit schönen regelmäßigen Quadern aus Trachyt (aus den Brüchen des Siebengebirges) verblendet, wogegen die anderen Seiten, außer den Ecken, aus hiesigem Bruchstein aufgeführt sind. Geschickt und in gutem Maßverhältnis ordnet sich das ernste in romanischen Formen gehaltene Portal in die Fläche und auch das darüber liegende Fenster, in romanischer Rundbogenform gehalten, mit Ecksäulchen und Blattkapitälen, (oberer Säulenabschluss, hier mit Blattverzierung) unterteilt angenehm die über dem Portal sonst leer gebliebene Fläche.
So etwa hat die Propsteikirche in Oberpleis um 1250 ausgesehen. Rekonstruktion nach W. Effmann.
Das Portal ist in den Gewänden (Innenseite der Portal- und Fensterrahmen) einfach profiliert. In den äußeren Ecken stehen gut geformte Säulchen, die von zierlichen Blattkapitälen abgeschlossen werden, sie tragen das darüber liegende Oberlicht. Ursprünglich war dieses Oberlicht geschlossen. Man nannte diese Form Tympanon, und es ist anzunehmen, dass sich plastische Darstellungen darin befunden haben. Da aber die Helligkeit nur spärlich in die Turmhalle drang, durchbrach man dasselbe und schaffte so ein Oberlicht. Die beiden Pfeiler, die den Turm sowohl von Nordosten als auch nach Südwesten abstützten, sind später eingezogen worden und stören etwas das Gesamtbild der Basilika. Das zweite Geschoß bleibt im Verhältnis zu seiner Breite und Länge um ein Viertel in der Höhe zurück, und die beiden darüber liegenden Felder machen zusammen die Höhe des ersten; unteren Blockes aus. So entsteht in dem Wechsel der Maßverhältnisse eine gewisse Spannung, die dem Betrachter den Eindruck der Lebendigkeit hinterlässt. Das Ganze wird gekrönt durch einen achtseitig geschieferten Helm, der sich leicht in südwestlicher Richtung neigt, als habe er dem Nordostturm nachgegeben. Auch das zweite und dritte Glied des Turmes sind durch eine aufgesetzte Profilleiste voneinander getrennt, doch tritt das dritte von dem zweiten fast unmerklich im Mauerwerk zurück. Bei den oberen Teilen läuft die Trachyt Verblendung rings um den Turm.
Das dritte Geschoß ist auf jeder Seite in fünf tiefliegende Felder aufgeteilt, die durch Lisenen (vorgelagerte Mauerstreifen) voneinander getrennt sind und oben einen hübschen Bogenfries ergeben. Die Turmstube tritt nun wieder einige Zentimeter zurück, doch läuft hier nicht, wie bei den unteren Feldern, ein aufgesetztes Profil um den Turm, das die Trennung markiert, sondern das Profil ist in die überstehende Kante des unteren Teiles eingelassen, so dass die Verjüngung des Turmes nach oben stärker zu Tage tritt. Jede Seite der Turmstube hat 2 Fenster (Schalllöcher) mit je 2 Rundbogenöffnungen, die durch ein zierliches Säulchen voneinander getrennt sind. Die tiefliegenden Fensterfelder sind nach oben durch einen Rundbogen im Mauerwerk begrenzt. Die zur Orgelempore führende Außentreppe ist 1840 angelegt worden und gehört nicht zu dem ursprünglichen Bild.
Der etwas bläulich-schwarze Ton der Trachyt Quadern bindet das Ganze zu einem harmonischen Bild, und wenn erst das volle Geläut vom Turme klingt, oder die kleinen Ministranten im Rhythmus des Beierns an die Glocken schlagen, das Nahen eines Festes zu künden, dann wird der alte Turm lebendig, und die Luft ist gefüllt von seiner Kraft, die er nun ausstrahlt, seit die frommen Mönche ihn um die Mitte des 12. Jahrhunderts errichteten, dass er das kleine Pfarrkirchlein überragen möge, welches gleich neben ihm wahrscheinlich an der Stelle der alten Schule stand. Der harmonische Eindruck, den wir bei dem Anblick der Westfassade der Kirche hatten, ist leider bei der Betrachtung der Nordseite nicht ganz erhalten, da im Laufe der Zeit einige Veränderungen des alten Zustandes durch Verfall und vielleicht auch infolge von Kriegsschäden vorgenommen werden mussten.
Die Propsteikirche von der Nordseite gesehen. Ganz links die 1894 zur Abstützung angebaute Sakristei.
Da das nördliche Seitenschiff im Mauerwerk in Bewegung geraten war, baute man zur Abstützung im Jahre 1894 die Sakristei an, die, wenn sie auch in den Formen nicht schlecht gebaut ist, doch den Blick auf die Chorbildung beeinträchtigt. Auch die beiden Strebepfeiler, welche den Giebel des nördlichen Querhauses flankieren, sind zum Schutz 1840 gegengesetzt worden. Sowohl die Neigung des Turmhelmes nach Südwesten, wie auch die starken Veränderungen der Nordseite lassen darauf schließen, dass Zeit und Sturm hier viel zerstörten. So ist auch das nördliche Seitenschiff, das Frauenhaus, schon um die Wende des 15. Jahrhunderts im gotischen Stil erneuert worden, und es will sich nicht recht in den ruhigen Takt der Obergadenfenster einordnen.
Wo wir im Obergaden (Obergeschoß) vier Rundbogenfenster haben, begegnen wir im unteren Teil sechs Fensteröffnungen. Das rechte baute man später zu einem Seiteneingang für die Frauen aus. Auch die Verstrebungen, die Nordwand zu stützen, sind nicht mit der Sorgfalt, weder in der Auswahl des Materials, noch in der Schönheit der Form, der alten Kirche ebenbürtig. Die Maß werke der unteren gotischen Fenster sind in ihren Formen schön in zwei Felder gegliedert, die oben eine Blatteinteilung tragen.
Doch bei dem Anblick des oberen alten romanischen Teiles, dem oberen Langhaus, spüren wir, wie es organisch aus der kraftvollen Form des alten Turmes gewachsen ist. Die Strecke des Langhauses mit dem Chor macht viermal den Durchmesser des Turmes aus und hat so ein gutes Maßverhältnis zu ihm. In sauberer Steinmetzarbeit ist der Obergaden des Langschiffes nach oben durch einen feinen Rundbogenfries abgeschlossen, in den die vier Rundbogenfenster hineinragen, und denen der Fries organisch nachgibt. Der Fries ist in schönen Tuffziegeln ausgeführt und verliert nie seine edle Farbe. Das nördliche Querhaus trägt im Giebel eine hohe und zur Seite zwei niedrige Rundbogennischen, welche wohl ursprünglich zur Aufnahme von Figuren gedacht waren. Darunter, in der Höhe der anderen Obergadenfenster, bricht das Licht durch ein rundes Fenster in den Raum. Es ist in der Form eines Sechspasses aufgeteilt und entspricht den romanischen Formen der Kirche.
In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts hat schon ein Umbau stattgefunden, bei dem ein Neubau des Chores unternommen wurde. Aus dieser Zeit stammt auch das runde Fenster in der nördlichen Giebelwand.
Dass dieses Fenster in der Zeit des Chorumbaues seine Form bekam, ist daran zu erkennen, dass der Abstand von der Dachgesims Linie zu den Fenstern bei den runden Fenstern genau so ist wie bei den fünf Chorfenstern. Vor dem Umbau in der Mitte des 13. Jahrhunderts standen die beiden Säulen. die das Chor eröffnen, noch nicht frei im Raum, und es zog sich genau wie bei der Westwand des Querhauses auch hier eine Mauer, die im rechten Winkel zum Chor stand. In diesen Ecken standen ursprünglich links und rechts von der Apsis zwei flankier Türme, die je eine Wendeltreppe enthielten.
(Fortsetzung folgt)
Die Propsteikirche heute mit renoviertem Kirchturm
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