Aufnahme: 1969
Osterbräuche – Ostersitten - Gedanken zum Osterfest von Kaplan Bauer, Oberpleis
Ostern ist für die Christen das höchste Fest des Kirchenjahres. Es ist das Fest der Freude, der Freude über den Ostersieg Christi. In den ersten christlichen Jahrhunderten war Ostern auch das einzige Fest der Christen. Die Ableitung des Festnamens ist nicht völlig geklärt. Die Herkunft des Namens „Ostern" von einer angeblichen angelsächsischen Göttin Ostara oder ähnlich scheint grundlos. Dagegen dürfte das Wort Ostern in seiner Bedeutung „eostre" Morgenröte, die möglicherweise im germanischen Kult personifiziert wurde, Pate gestanden haben. In der römischen Liturgie, in romanischen und skandinavischen Sprachen, auch im Holländischen und Niederdeutschen nennt man noch heute das Fest nach der jüdischen Bezeichnung Pascha.
Ostern wäre für uns heute undenkbar ohne Ostereier. Sie bilden heute das charakteristische Merkmal des volkstümlichen Osterbrauchtums. In vielen Gegenden ziehen auch heute noch vor Ostern Kinder, vornehmlich Ministranten, von Haus zu Haus und erbitten von den Leuten Ostereier. Eines der schönsten Kinderspiele zu Ostern ist das Eiersuchen in Garten und Feld.
Woher stammt das Brauchtum der Ostereier? Eine mehrfache Wurzel ist erkennbar: die liturgische österliche Speisensegnung, die österliche Zinsabgabe und allgemein menschliche Bräuche ländlicher Kultur. Sichten wir zunächst, oberflächlich einige Zeugnisse für Ostereier. Häufig vorkommende Namen sind etwa im Norddeutschen die Bezeichmung „Paaskeier“, abgeleitet vom biblisch-jüdischen Namen Pascha, im Süddeutschen kommt der Name „Antlaßeier" vor, der vom Gründonnerstag, dem alten Entlaßtag, abgeleitet wird, an dem die Büßer ihre Sündenvergebung nach der 40-tägigen Fastenzeit empfingen.
Auch kommt häufig der Name „Roteier" vor, der von der Färbung der Ostereier, ausgeht. Das früheste Zeugnis auf deutschem Boden für das, was wir Ostereier nennen, dürfte die Speisensegnung am Ostermorgen sein, die aus dem 12. Jahrhundert stammt. In der lateinischen Kirche gehörte das Ei zu den in der Fastenzeit verbotenen Speisen. Ehe sie wieder gegessen werden, gibt man ihnen und auch anderen nach der Fastenzeit wieder gestatteten Speisen eine feierliche Segnung, die am Ostersonntag in der Kirche vorgenommen wurde. Der erste Ursprung des Ostereierbrauchtums ist also die liturgische Speisensegnung am Ostersonntag. Die zweite Serie der Erwähnung des Ostereierbrauchtums entstammt der mittelalterlichen Form der Zinsabgabe. Bis in die Gegenwart reicht uns das Recht der Ministranten, bei den Pfarrangehörigen Ostereier einzusammeln, die als Entgelt für den kirchlichen Dienst der Jungen gelten. Das Ostereierbrauchtum steht also im Zusammenhang mit den Zinseiern, mit der an Ostern fälligen Pachtabgabe und Entlohnung in Naturalien.
Eier gehörten auch zu den Naturalabgaben, die der Pfarrer zur Entlohnung an Ostern erhielt. Eine andere Seite des Ostereierbrauchtums bleibt noch zu klären: Warum werden die Eier gefärbt? Anscheinend waren die Zinseier ungefärbt, die gesegneten Ostereier aber gefärbt. Die Eier der österlichen Speisensegnung dienten dem baldigen Genuß, während die Zinseier ja länger aufgehoben und irgendwie konserviert werden mußten. Die Kenntlichmachung der gesegneten Eier geschah durch Zusatz von Zwiebelschalen beim Kochen, wodurch die braunrote Schale entsteht. Neben dieser mehr praktischen Erklärung zur Unterscheidung der gesegneten Eier von den Zinseiern findet man sodann die liturgische Erklärung. Wie alle Gegenstände, die man zu einer liturgischen Segnung brachte, wurden auch die Speisen für die österliche Segnung geziert und geschmückt. Dazu gehörte als Erstes die Färbung der Ostereier.
Die dritte Quelle des Eierbrauchtums stammt aus dem außerchristlichen Bereich. Das Ei gilt als das Symbol des Lebens. Wer es ißt, gewinnt seine Kraft, die besonders nach dem endgültigen Sieg des Frühlings über den Winter für beträchtlich angesehen wird. Das Ei als Zeichen des Lebens wird zu einem Zeichen der Freude und des Friedens, das man sich gegenseitig schenkt. Daher kommt auch die Sitte, die Eier mit lustigen Farben zu bemalen. Die französischen Könige pflegten nach der Ostermesse bemalte und vergoldete Eier zu verschenken.
Vielerlei Verwendung finden die Eier im bäuerlichen Fruchtbarkeitszauber. Sie werden im Acker vergraben oder unter den Pflug gelegt. Eierschalen mischt man unter den Samen. Man wirft Eier über Bäume und Sträucher. Was heute vielfach Kinderspiel ist, war ehedem ein heidnischer Segensritus. Die Fruchtbarkeitsriten finden nicht selten Anwendung auf den Menschen. Bräute müssen am Hochzeitstag ein rohes Ei essen. Besonders im Spätmittelalter wird das Ostereierbrauchtum von mannigfachem Aberglauben überwuchert. Es wird verwendet gegen Hexen, Feuersbrunst, Blitz, Insekten und Ungeziefer. So findet das Ei als Symbol des Lebens in allen lebensbedrohenden Situationen Verwendung, so auch als Medizin gegen allerlei Krankheiten.
Wir fassen zusammen: Das Osterei hat seinen letzten Ursprung im liturgischen Brauchtum der Speisensegnung am Osterfest. Dabei ist es möglich, allgemein menschliche Bräuche bäuerlicher Kultur zur Frühlingszeit, die sicher religiös betont sind, mit übernommen wurden. Mag dieses Brauchtum heute vielleicht entartet oder zur Karikatur geworden sein, ähnlich dem Weihnachtsbaum, so sollte man dennoch nicht dagegen zu Felde ziehen. Vielmehr bedarf es der Vereinfachung, der Deutung und der Reinigung, keineswegs aber der Zerstörung.
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