Aufnahme: 1958

Pfarrer Johannes Wichert schreibt im Pfarrblatt über das Flüchtlings-Auffanglager Friedland

"Papst Pius XII. schrieb über Friedland:
'Millionen hat der Strom der Flüchtlinge von Ost nach West geführt. Das Lager Friedland ist zum Mittelpunkt und Wahrzeichen ihres oft so schweren Geschicks, aber auch der Sorge geworden, die sie umhegt.'

Der katholische Lagerpfarrer schreibt unter dem 6. November: 'Das Lager Friedland ist in den Jahren seines Bestehens zu einem Begriff geworden nicht nur in unserem deutschen Volk und für unser Volk, sondern auch weithin über die Grenzen unseres eigenen Landes. Der Klang seines Namens erreicht unsere Brüder und Schwestern in den deutschen Ostgebieten unter polnischer Verwaltung, die in der eigenen Heimat fremd geworden sind und die nur ein Ziel haben: endlich die immer mehr zerfallende Heimat des deutschen Ostens zu verlassen und zu uns zu kommen, um bei uns Freiheit zu finden und neue Heimat. Friedland klingt wie eine Verheißung für all unseren verschleppten Deutschen und Volksdeutschen, die, irgendwo im weiten Rußland verstreut, sich finden. Friedland ist Sehnsucht für alle die, die noch irgendwo in Gefängnissen, in Konzentrationslagern der östlichen Welt auf ihre Freiheit warten.

Vom September 1945, dem Beginn des Lagers Friedland, sind bis heute über zwei Millionen durch unser Lager gegangen. Dass Friedland zu einem unvergesslichen Erlebnis für Millionen Menschen werden konnte, verdanken wir der Hilfe guter Menschen, letzten Endes der göttlichen Vorsehung! Boten der göttlichen Vorsehung wurden uns in diesen Jahren so manche Pfarrer mit ihren Gemeinden, wurden gute Freunde im In- und Auslande, wurden Heimkehrer und Aussiedler selbst, die uns eine Dankesgabe für die Liebe sandten, die sie in Friedland empfangen haben. So wurde aus Mitteln der holländischen Caritas unsere große Betreuungsbaracke im Lager Friedland gebaut, konnte als Geschenk eines schwedischen Wohlfahrtsverbandes der Kindergarten geschaffen werden, wurden neue Betreuungsräume errichtet im Zuge der Vergrößerung des Lagers, konnte umfangreiches Gelände im Lager und angrenzend ans Lager erworben werden, auf dem bereits über 70 Häuser für Flüchtlinge stehen. So war es vor allem möglich, unsere Heimkehrerkirche zu bauen, die der Mittelpunkt des Lagers geworden ist, die Mitte aber auch der gesamten Caritasarbeit. Die 'Boten der göttlichen Vorsehung' schenkten uns auch immer wieder die Möglichkeit, dem Heimkehrer und dem Flüchtling als Gruß der Heimat eine Gabe zu überreichen, die vielleicht oft nicht eine wesentliche Hilfe bedeutet, aber doch immer wieder unseren Brüdern und Schwestern Beweis dafür war, dass Liebe zur lebendigen Tat wurde.

Friedland bleibt Aufgabe auch noch für morgen! Es ist nicht abzusehen, wann der Strom der Aussiedler abreißen sollte. Noch so viele sind drüben in der immer mehr zerfallenden ostdeutschen Heimat, die zu uns kommen wollen. Dazu erwarten wir in stärkerem Ausmaße unsere verschleppten Deutschen und Volksdeutschen aus Russland. Geben Sie uns bitte die Möglichkeit, allen, die noch kommen werden, das Bewusstsein zu schenken, dass Friedland das Tor zur Freiheit, zu einem neuen Leben, zur neuen Heimat ist! Wichtig bleibt für uns die finanzielle Hilfe, die es uns ermöglicht, gerade auch das für die Betreuung der Heimkehrer und Aussiedler zu schaffen, was am dringendsten erforderlich ist. Willkommen ist jedes Bekleidungsstück, vor allem auch Unterwäsche und Hemden für den Mann. Willkommen ebenso das Taschentuch, das Handtuch, das Stück Seife, Zahnpasta usw. Von Herzen sind wir dankbar für Spielzeug für unsere Kinder, für Süßigkeiten und Rauchwaren. Eine Bitte möchte ich dabei besonders aussprechen, dass alle Gaben unmittelbar an unsere Caritasstelle im Lager Friedland geschickt werden und nicht allgemein an die Lagerleitung. Vielleicht kann für Friedland mal eine Sonderkollekte durchgeführt werden, können die Gläubigen der Gemeinde auf die immer neue Not in Friedland hingewiesen werden. Jede Gabe wird Christi Liebe künden.'  Soweit der katholische Lagerpfarrer!

Liebe Pfarrkinder!
Wir dürfen nicht mit leeren Händen an der Krippe stehen. Unsere schönste Gabe für die menschgewordene Liebe Gottes wäre ein finanzielles Opfer für Friedland am Sonntag, dem 7. Dezember.

Euer Pastor, Johannes Wichert

Nachschrift:   Wer persönlich einmal eine Gabe nach Friedland senden will, möge folgendes beachten: Sachspenden gehen über die Adresse: Caritasstelle im Lager Friedland, Friedland/Leine Geldspenden über die Anschrift: Caritasstelle im Lager Friedland,  Postscheckkonto  Hannover 8791


Predigt, gehalten am Christkönigsfest 1958 bei der Gottesdienstübertragung aus der Heimkehrerkirche im Lager Friedland:

'Meine lieben Brüder und Schwestern im Herrn, meine lieben Aussiedler!
Glockengeläut hat Euch in Friedland begrüßt. Glocken der Heimat. Diesen Gruß der Glocken habt Ihr als den ersten Gruß vernommen, als Euer Zug unten am Bahnhof ankam. Ihr saht die Glocken im offenen Glockenstuhl unserer Heimkehrerkirche schwingen, da Ihr die ersten Schritte in unser Lager hineinginget. Bevor wir Euch noch die Hand reichen und ein Wort des Grußes sagen konnten, haben diese Glocken das Willkommen schon in Euer Herz hineingesungen. Zwei dieser Glocken sind aus Eurer ostdeutschen Heimat, die eine aus dem 15. Jahrhundert aus Welkersdorf im Kreise Löwenberg. Sie ist Christus dem König der Ehre und des Friedens geweiht, wie die Inschrift zeigt. Christus, dem wir am heutigen Feste als König huldigen. Die andere stammt aus dem Jahre 1704 aus dem Frauenburger Dom im Ermland.

Die Glocken haben Euch heute Morgen wiederum gerufen - gerufen zur Feier des heiligen Opfers am Christkönigsfest. Beim heiligen Opfer, von diesem Altare unserer Kirche aus möchte ich Euch noch einmal sehr herzlich willkommenheißen. Immer wieder stehen wir ergriffen vor Euch Aussiedlern, vor jedem einzelnen von Euch. Ihr wisst es selber gar nicht, wie viele Aussiedler Woche für Woche nach Friedland kommen. Es sind 2500, auch 3000 und mehr Deutsche, die jede Woche ihre Heimat im Osten verlassen: Schlesien, Ostpreußen, Westpreußen, Hinterpommern. Jede Woche wandert so mit Euch ein ganzes Dorf von drüben aus einer Heimat, die hinter Euch versinkt, zu uns nach Friedland. Der Abschied ist Euch schwer gefallen. Lange habt Ihr gerungen und überlegt. Ihr wolltet doch die Heimat, die Ihr so tief im Herzen truget, auch fest in Euren Händen halten, wolltet, wie so viele von Euch uns immer wieder sagen, diese ostdeutsche Heimat für alle retten, die vor 13 Jahren gewaltsam vertrieben worden sind, ja retten für uns alle. Und dann ging es nicht mehr. Ihr konntet einfach nicht mehr.

Heimat ist Euch zerfallen, aus Euren Händen geschlagen worden. Fremde seid Ihr in der Heimat geworden, Verbannte im eigenen Heim, fremd auch — und das ist für uns das große Leid, das wir alle miteinander tragen — in der eigenen Kirche. Hinter Eurem Kommen, hinter all diesen Aussiedlertransporten — fünf sind es in der Woche — steht doch das bange Fragen, das in Euren Herzen war und bleibt: 'Was wird aus unserer ostdeutschen Heimat, wenn Dörfer und Städte leerer und leerer werden, wenn immer mehr Aussiedler die Heimat verlassen?' Wir wissen es nicht. Wir können nur das Land, die jetzt schon so ferne Heimat, in Gottes Hand hineinlegen. Euch aber möchten und müssen wir danken für alles, was Ihr in diesen Jahren getragen habt, für Eure Treue und Geduld, mit der Ihr ausgehalten habt. Wir danken Euch für Eure Kraft im Leid. Dafür, dass Ihr mit Gottes Gnade alles Schwere und Dunkle durchgestanden habt und nicht daran zerbrochen seid. So sagte es hier den Aussiedlern einmal unser Bischof von Hildesheim, zu dessen Diözese Friedland gehört und der der Flüchtlingsbischof Deutschlands ist.

Immer wieder haben wir in diesen Jahren hinübergeschaut zu Euch, sind von dieser heiligen Stätte aus unsere Gebete zu Euch hinübergegangen. Mehr noch darf ich Euch sagen: Wir standen und stehen für Euch bereit! Nicht Fremdlinge seid Ihr für uns oder gar Bettler, die auf die Landstraßen hinausgeworfen sind, die jetzt bei uns in einer belastenden Fremde stünden. Ihr seid unsere im Herrn geliebten Brüder und Schwestern, für die wir immer gebetet haben, denen wir ein Stückchen Geborgenheit, ja, neue Heimat geben möchten. So hören wir es von Euch selbst: 'Friedland—jetzt haben wir es geschafft! Gott Dank, dass wir endlich frei sind! dass wir endlich daheim sind!'

Daheim sein — das sollt Ihr bei uns. Heimat vor allem hier in der Kirche. Vor dem Altar des Herrn sind wir ganz zu Hause. Wie froh klingen hier die Lieder Eurer Heimat, die Ihr so lange nicht mehr singen durftet! Wie stark und gläubig kommt das Gebet, das Ihr nach langen Jahren zum ersten Mal wieder in der Muttersprache sprechen dürft. Heimat der Seele! Man kann es nicht vergessen, wie an einem Morgen eine Gruppe unserer verschleppten Volksdeutschen aus Russland am Eingang der Kirche niederkniet und dann sich buchstäblich auf ihren Knien durch die ganze Kirche hindurchbewegt — bis hierhin vor den Altar. Daheim bei Gott! Das Mütterchen aus Ostpreußen kniet so still und versunken vor dem Bild der Gottesmutter. Ihre erwachsenen Kinder kommen nach Friedland, die Mutter abzuholen und finden sie hier in der Kirche. Ganz leise knien sie hinter der Mutter. Die Mutter, ahnend die Nähe der Kinder, wendet nur kurz den Kopf, nickt den Kindern zu und betet weiter - wohl gesammelter noch und innerlich froher.

Bei allem Schmerz um die Heimat, die Ihr verlassen habt, seid Ihr, Brüder und Schwestern, froh um die Heimat, die Ihr wiederfindet. Das heutige Fest von Christus dem König mag Euch wie eine Verheißung sein. 'Adveniat regnum tuum! Zu uns komme dein Reich!" Das Reich des Vaters, das von Christus auf dieser Erde in seiner heiligen Kirche gegründet wurde und in das Reich der ewigen Herrlichkeit hinüberführt. Den durch Christi Blut Erlösten ist dies Reich Heimat schon auf Erden. Glieder dieses Reiches, wissen wir uns von den starken Armen unseres Königs beschützt und behütet, von seiner Treue und Liebe wie mit einem festen Band umgeben — so, wie uns jetzt die Mauern unserer Kirche umschließen, die uns Abbild des himmlischen Reiches ist. In der Präfation der Festmesse von heute wird unseres Königsreich ein Reich der Wahrheit und des Lebens genannt, ein Reich der Heiligkeit und der Gnade, ein Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens. Gerechtigkeit, Liebe und Frieden — danach habt Ihr Euch immer wieder gesehnt, danach immer wieder in Euren Herzen gerufen. Nicht nur die, die als verschleppte Deutsche oder Volksdeutsche aus Russland kommen. In dieser Woche sind es wieder so viele gewesen, die zum Teil aus dem Memelland, zum Teil aus Zentralasien und Sibirien kamen.

Wie in einer Wüste haben sie gelebt, Sklaven der Arbeit, in einer für sie ganz fremden Umgebung, in einer Welt, wie es schien, so ohne Gott und ohne Gnade. In diesen Tagen saßen sie wieder so oft vor uns. Diese von harter Arbeit, von Entbehrungen und von Leid gezeichneten Gesichter, sie wurden froh, wieder hell. Aber auch Ihr, Brüder und Schwestern aus Nieder- u. Oberschlesien, aus dem Ermland, dem ganzen Ost- und Westpreußen, Hinterpommern, Ihr wolltet heraus aus aller Ungerechtigkeit und Korruption. Eine Welt, in der alles käuflich schien — Ihr glaubtet sie nicht mehr ertragen zu können. Das Recht auf die Muttersprache für Euch und Eure Kinder, das Recht auf Heimat, auf Hab und Gut, auf ein Stück Wald oder Feld — es blieb nichts anderes übrig, als dies alles in die Hand dessen hineinzugeben, der die Gerechtigkeit selber ist und der sein Urteil sprechen wird. — Liebe? Eure Seelen sind leer geworden, da Hass und Feindschaft zerstörend wirkten, da Kälte Euch umgab und so mancher unter Euch ganz einsam wurde, verlassen. — Ein Reich des Friedens? In Sibirien wurde es nicht gefunden, und Ihr fandet es nicht bei Euch. Zwar schweigen die Waffen schon lange, haben Kerker und Lager sich geöffnet, und doch: Eurer Herz kam nicht zur Ruhe. Ihr habt schon immer hinausgeschaut, nach draußen, in die Fremde, die als Heimat Euch winkte. Eine Frau aus Oppeln schrieb aus dem Lager an die Angehörigen, die noch drüben waren: 'Wenn ihr die Glocken von Friedland hört, dann habt Ihr es geschafft!'

Friedland — Land des Friedens. Der Klang ging in alle Dörfer und Städte jenseits der Grenzen im Osten und geht hinüber in die Weiten Russlands. Brüder und Schwestern, werdet Ihr es hier bei uns finden, das Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens? In Friedland, hier im Westen, in unserem Volk und in unserer Kirche? Wir möchten es Euch von ganzem Herzen wünschen. Und doch: Wir haben Angst. Wir sagen es Euch ganz ehrlich. Habt Ihr es wirklich geschafft, wenn die Glocken von Friedland läuten? Ihr wisst, die meisten von Euch kommen für lange Monate in Wohnlager, in Notunterkünfte. Ihr werdet draußen riesige Geschäftshäuser finden, Prachtbauten von Banken und Versicherungen, Ihr werdet chromglitzernde Autos schauen, die bisher höchstens im Film einmal sichtbar wurden für Euch.

Da könntet Ihr leicht bitter werden, wenn dann vor einem der zahlreichen Fenster eines Kasernenblocks in einem unserer Wohnlager ein Marmeladeneimer mit Euren Esswaren hängt. Wir wollen miteinander darum beten, dass allen Hungernden Nahrung gereicht werde, allen Frierenden Kleidung, den Heimatlosen Obdach und Geborgenheit. Gerechtigkeit liegt auch darin, dass Ihr von Eurer Seite aus keine unbilligen Forderungen stellt, dass wir aber Euch das geben, was zum menschenwürdigen Dasein notwendig ist. Gerechtigkeit bedeutet wohl auch dies: denen wirksam zu helfen und ihnen geradezu einen Ausgleich zu schaffen, die für uns alle harte Nachkriegsjahre durchlitten haben, die in zerfallender ostdeutscher Heimat für das sühnen mussten, was einmal Glieder unseres Volkes in Polen und Rußland gesündigt haben.

Christi Reich ist ein Reich der Liebe und des Friedens. Christus selbst ist der Friede. Er der große und einzige Versöhner, der auch bei diesem heiligen Opfer der Versöhnung auf diesem Altar unter uns zugegen ist. Er schenke Euch seinen Frieden, den Frieden der Seele. In unserer HeimkehrerKirche haben Zehntausende schon diesen Frieden gefunden; hier fließen erlösende Tränen — so wie es so manchem von Euch jetzt ergeht — Tränen der im Leid gereiften Aussiedler und Heimkehrer, hier kniet Ihr, die Heimatlosen, zur Rast vor dem Tabernakel nieder. Des Kindes angstvolles Auge wird licht, der Jugendlichen zweifelnder Blick gewinnt Vertrauen, des Erwachsenen Antlitz, von Leid und Bitternis trübe geworden, verklärt sich im Widerschein innerer Freude und inneren Friedens. Tragt, Brüder und Schwestern, Euren Frieden hinaus, nehmt ihn in Baracken und Kasernen mit, in Heime und Schlafstuben, in enge, allzu enge Wohnungen, zu Angehörigen, die Euch nicht mehr vertraut sind, zu eigenen Familiengliedern, denen Ihr in den langen Jahren der Trennung fremd geworden seid. Christi Friede sei mit Euch auf Euren Wegen in deutsches Land hinein. Friedland ist, wie unser heimgegangener Heiliger Vater Papst Pius XII. noch vor wenigen Wochen sagte,
Zum Mittelpunkt und Wahrzeichen der Liebe und Sorge geworden, die Heimkehrer und Flüchtlinge umfängt und umhegt.

Friedland als Versprechen, aber doch auch schon als Erfüllung der Liebe des Volkes und unserer Mutterkirche. Das ist der schönste Gruß, den die Glocken Euch heute läuten. Ihr spürt es, Ihr sagt es: Heimat ist dort, wo Gott ist — Gott ist dort, wo die Liebe ist. Sie begegnet Euch in vielen Formen: im guten Wort, im weisenden Rat, im Spielzeug für das Kind, im Buch für den Mann, die Frau, in Schuhen und Kleidung . .. Liebe — wir dürfen sie Euch schenken, weil andere uns zu den Boten ihrer Liebe machen: der Junge aus einer bayerischen Stadt, der uns sein Sonntagsgeld über zwei Jahre hinschickt; die Rentnerin aus dem Rheinland, die 300,-- DM für Euch gespart hat!. All diese Zeichen der Liebe führen uns hin zu Christus, der die Liebe selber ist.

Seine Liebe wacht immer, wartet stets auf uns alle. Das Licht am Altar kündet uns die stete Gegenwart seiner Liebe. Und in dieser Liebe haben über zwei Millionen vor Euch die Heimat der Seele gefunden und werden noch Tausende und Tausende nach Euch sie finden, wie sie Euch heute in dieser Stunde geschenkt werden soll. Brüder und Schwestern, wenn wir Euch in diesem und bei diesem heiligen Opfer heute am Königsfest Christi so herzlich grüßen, dann haben wir an Euch auch eine große und ernste Bitte: Wir wissen nicht, was mit Eurer Heimat wird. Wir wissen nicht, ob einer von Euch, von uns einmal dorthin zurückkehren wird. Was aber in diesen schweren Jahren nicht zerfiel und nicht geraubt werden konnte, das sind die unzerstörbaren, die unverlierbaren Werte Eurer Heimat: Treue zum Glauben und Sitte der Väter.

Vor kurzem war's: eine Mutter mit ihrer Tochter. Sie stammten aus dem Buchenland, waren 42 in den Warthegau umgesiedelt, Anfang 45 von den Russen nach Sibirien verschleppt worden. Der Vater gefallen. Auf einer Kolchose bei Novosibirsk hat das Mädchen Kindheit und Jugend verbracht unter 380 Verschleppten aus 15 verschiedenen Völkern. Die jetzt 18jährige kommt nach Friedland. Wisst Ihr, wir waren einfachhin ergriffen und erschüttert zugleich: Kein Hauch des Bösen schien das Mädchen berührt zu haben. Sauberes, helles Gesicht, klare, leuchtende Augen, rein. Wunder der Gnade inmitten einer Welt der Gewalt und äußerer Gottesferne. Christi Reich im Herzen des Kindes. — Ein andermal: vier Geschwister aus der Nähe von Allenstein. Beim Einmarsch der Russen warfen Soldaten den Vater der Kinder in der Scheune vom Boden auf die Tenne. Der Vater verstarb gleich. Die Mutter will mit den Kindern auf den Treck und geht verloren. Die Geschwister allein, das jüngste drei Jahre, der älteste 13 Jahre alt, Sie verlassen den väterlichen Hof. Der Dreizehnjährige wird Knecht auf einer neu gegründeten Kolchose. Er arbeitet, schuftet, er schafft das Brot für sich und die kleinen Geschwister. Er lehrt sie deutsch, erzählt ihnen vom Vater im Himmel, von Christus, von der Kirche, vom Leben Gottes in der eigenen Seele.

Er ist seinen Geschwistern Vater und Mutter, Lehrer und Priester. Als ich ihn frage, wie er das alles schaffen konnte, sagt er nur: 'Ich bin doch ein katholischer Ermländer!' Das sind Treue zum Glauben und heilige Vätersitte! Brüder und Schwestern, so bringt Ihr uns die Heimat, um die Ihr so viel gelitten habt. In Euch kommt sie zu uns mit dem Kostbarsten, was sie besaß. Wächst da nicht Christi Reich? Christi Reich — wir sollen es alle miteinander sein. Und Glieder dieses Reiches, denken und beten wir hinüber in die Heimat, die Ihr verlassen habt, hinüber in die Weite Rußlands auch — zu allen, die noch warten, zu allen aber auch — ob Deutsche, Polen oder Russen —, die da noch Sehnsucht haben, die noch rufen nach Christi Reich: dem Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens. Amen."

Quelle
Pfarrblatt Nr. 21 vom 30.11.1958
Zur Verfügung gestellt von
Katholisches Pfarramt Oberpleis Lager Friedland
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Katholische Kirche Oberpleis Kriegszeiten
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