Hirtenbrief zum Schulsonntag 1958

Aufnahme: 1958

Hirtenbrief zum Schulsonntag 1958

Zeitdokument aus dem Jahr 1958

1. Vom Ziel katholischer Erziehung.

Das Ziel jeder sinnvollen Erziehung ist eigentlich der glückliche Mensch. Manche Eltern denken aber über das Glück ihrer Kinder zu materialistisch. Sie sehen das Ziel der Erziehung fast ausschließlich darin, ihrem Kind so viel Kenntnisse und Schulzeugnisse zu sichern, daß ihm der soziale Aufstieg zu einer angesehenen, angenehmen Stellung mit reichlichem Einkommen offensteht. Sie versäumen darüber, ihr Kind genügend anzuleiten, das Leben und das Sterben als vertrauender, guter, gottgefälliger Mensch zu bestehen. Sie gleichen gewissermaßen dem Vater, der seinem Kind statt Brot einen Stein in die Hand drückt, und bleiben dem Ziel katholischer Erziehung noch recht fern.

Andere denken zwar nicht materialistisch, aber doch zu weltlich. Höchstes Glück der Erdenkinder sei nur die Persönlichkeit. Von der Menschwerdung Gott Sohnes und ihren tiefgreifenden Folgen für das menschliche Leben, von Sünde und Sündenvergebung, von den Sakramenten, vom täglichen Erlöserwirken Gottes, vom Leben in der Gemeinschaft der Heiligen, kurzum von der gesamten, in Jesus Christus eröffneten, übernatürlichen Welt ist überhaupt nicht die Rede. Eine Erziehung aber, welche die Menschwerdung Gottes nicht ständig ernst nimmt und damit den Kindern und Jugendlichen die frohe Botschaft der Erlösung vorenthält, verfehlt ihr Ziel. Wäre sie in jeder anderen Hinsicht noch so vorzüglich, es träfe sie doch das Wort des hl. Augustinus: ‚Große Schritte, aber außerhalb des Weges‘.

Das katholische Erziehungsziel ist der ganze junge Mensch, regsam in seinen geistigen und leiblichen Kräften, versehen mit den nötigen Kenntnissen zur richtigen Sinndeutung des Lebens und der Welt, tüchtig in Beruf, Familie und Staat, mit lebendigem, wohlgebildetem Gewissen und zuverlässigem Charakter, vorbereitet zu echter Väterlichkeit und Mütterlichkeit, herangereift zum eigenen Entschluß, sein Leben unter den heutigen Umständen in der Nachfolge Christi zu bestehen.

2. Katholische Erziehung und katholische Schule.

Katholische Erziehung ist so gleichsam nichts anderes als ein Gärtnerdienst,
der dem Knospen natürlicher Anlagen zu vollem Erblühen und Reifen im Licht göttlicher Gnade verhelfen will. Zu den Naturanlagen des Kindes gehört aber auch sein Streben nach Gott. Was sich im Kind schon anfänglich, zunächst noch unter mancherlei Spielformen verborgen, regt, wächst im Jugendlichen weiter.

Die religiöse Naturanlage des Kindes und des Jugendlichen ruft geradezu nach der religiös und bekenntnismäßig eindeutig bestimmten Schule. Dem katholischen Kind die zu ihm passende katholische Schule willentlich vorzuenthalten, ist unbarmherzig und mit sinnvoller Pädagogik nicht vereinbar. Es wäre ein folgenschwerer Irrtum zu meinen, katholische Erziehung im ebengenannten Sinn könnte gleichsam nebenher in zwei oder vier Stunden Religionsunterricht geschehen, während man sich in den zweiunddreißig oder vierunddreißig Wochenstunden der übrigen Fächer nicht darum zu kümmern brauche. Bei solcher Unterrichtsweise bleiben die Jungen und Mädchen blind für die allseitigen Beziehungen zwischen Glauben und Leben und Kultur. Das Glaubensleben erscheint ihnen lebensfremd. Der Glaube verliert seine lebenformende Kraft. Im Unterricht so zu tun, als seien die übrigen Lebensgebiete gewissermaßen von der Glaubenswelt abgeschnitten, ist ein entscheidender erzieherischer Fehler. Der Unterricht muß im Gegenteil in allen Fächern dem Verlangen nach Sinndeutung des Lebens und der Welt im jungen Menschen entgegenkommen. Zudem wird die Überzeugung der Jungen und Mädchen durch das Vorbild einer in der sakramentalen Welt lebenden Lehrerpersönlichkeit besonders gefestigt. All dieses aber kann nur die katholische Schule leisten, und zwar dann, wenn sie nicht allein ihrer Satzung nach, sondern dem Geist nach katholisch ist.

3. Politische Auseinandersetzung über die katholische Schule und die bekenntnismäßige Lehrerbildung.

Notgedrungen wenden wir uns noch kurz jenen Auseinandersetzungen um die Bekenntnisschule und um die bekenntnismäßige Lehrerbildung zu, die in manchen Ländern der Bundesrepublik entstanden sind. Entscheidungen über das Schulwesen und die Lehrerbildung müssen zunächst den eigentlich erzieherischen Erfordernissen, dem Wohl und dem Recht des Kindes sowie dem Recht der Eltern entsprechen. Sonst sind sie sinnlos. Wir bedauern, daß politische Argumente, Standesinteressen und auch wohl weltanschauliche Ressentiments die Diskussion verwirren.

Viele angeführte Argumente sind nicht nur der Sache fremd, sondern auch nicht stichhaltig. Gegner der Bekenntnisschule sagen: ‚Der Staat ist neutral. Er darf keine Weltanschauungsgruppe bevorzugen‘. Dennoch bevorzugen sie gleichzeitig ganz einseitig jene Volksgruppe, die Gemeinschaftsschulen wünscht, und zwar mit Steuermitteln, zu denen alle anderen Weltanschauungsgruppen, die diese Schulen nicht wünschen, beitragen müssen. Man sagt, der Staat habe für Toleranz zu sorgen, und gleichzeitig zwingt man in manchen Ländern mit staatlichem Schulzwang den bekenntnisgläubigen Volksteil, seine Kinder in staatlich erzwungene Gemeinschaftsschulen zu schicken, die dieser aus religiösen Gründen ablehnt.

Man sagt: ‚Wir richten die staatliche Schule als Gemeinschaftsschule ein. Diese aber ist christlich. Damit können bekenntnisgläubige Christen zufrieden sein‘. In Wirklichkeit führen solche Vorschläge keinen Schritt weiter. Das Wort ‚christlich‘ täuscht nämlich. Was in den zahlreich vorliegenden Ausführungen über diese Schulart als ‚christliche Erziehung‘ ausgegeben wird, ist im innersten Kern verschieden von dem, was bekenntnisgläubige Katholiken darunter verstehen. Wenn man gar mit dem Hinweis auf den ‚christlichen‘ Charakter einer Gemeinschaftsschule die Einrichtung von Bekenntnisschulen verweigert, so bedeutet das nichts anderes als die Zumutung, der katholische Volksteil solle mit einem seinem Gewissen widersprechenden Schulsystem zufrieden sein nur deshalb, weil andere dieses auch als christlich bezeichnen.

In einigen anderen Ländern wird versucht, Gesetze herbeizuführen, welche die bekenntnismäßige Lehrerbildung beeinträchtigen oder nur noch scheinbar aufrechterhalten oder ganz verhindern. Das geschieht auch in Ländern, in denen die Bekenntnisschule gesetzlich garantiert ist. Wer ungefähr weiß, was katholische Erziehung ist, weiß auch, daß katholische Lehrerbildung ein nichtersetzbarer Bestandteil davon ist. Der Abiturient, der in einigen Jahren schon als Lehrer und Erzieher vor katholische Jungen und Mädchen hintreten will, muß Gelegenheit haben, die ganze Größe und Weite der katholischen Geisteswelt, katholische Erziehungswissenschaft und Erziehungspraxis gründlich kennenzulernen. Wer weiß, wie in der Kirche seit 2000 Jahren über das Lehren gedacht wird, versteht, daß sie auch heute fordert: Der Würde des Standes und dem Rang seines Dienstes entsprechend, soll die Bildung des Lehrers die beste sein, die möglich ist.

Wir rufen darum allen katholischen Männern und Frauen, die mit dem Schulwesen zu tun haben, die Mahnung Pius XII. ins Gedächtnis, die er schon im Jahre 1952 an die Deutschen richtete: ‚Ihr habt es nicht nötig', sagt der Heilige Vater, ‚von uns eigens darauf hingewiesen zu werden, welch entscheidende Bedeutung in der gesamten Schulfrage der bekenntnismäßigen Ausbildung der Lehrkräfte zukommt. Sie wiegt unter Umständen soviel wie die katholische Schule selbst. Wir bitten und mahnen euch daher, bis zum letzten auf die Heranbildung katholischer Lehrer und Lehrerinnen an katholischen Bildungsstätten, seien es pädagogische Seminaren oder Akademien, zu bestehen und euch keinesfalls mit gesetzlichen Regelungen zufriedenzugeben, die den Schein einer Berücksichtigung der bekenntnismäßigen Forderungen vielleicht wahren würden, in Wirklichkeit aber über eine echte, in die Tiefe gehende und ganzheitliche katholische Bildung der künftigen katholischen Lehrer und Lehrerinnen hinwegtäuschten und sie unmöglich machten'.

Geliebte Erzdiözesanen, in solcher Unruhe und Verwirrung tut es not: daß alle katholischen Männer und Frauen sich immer von neuem auf das gottgesetzte Ziel katholischer Erziehung besinnen.

Das große Anliegen der Schule und Erziehung empfehle ich herzlich dem Gebet aller Gläubigen.

Joseph Kardinal Frings
Erzbischof von Köln"

Quelle
Pfarrblatt Nr. 12 vom 15. Juni 1958
Zur Verfügung gestellt von
Herbert Krämer, aus dem Nachlass von Pfarrer Hans Wichert
Räume & Galerien
Katholische Kirche Oberpleis
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