Aufnahme: 1955
Advent
"Was bedeutet dieses Wort? Wörtlich übersetzt heißt es Ankunft. Ankunft des Erlösers, den Gott der Herr vor den verschlossenen Paradiesespforten den gefallenen Menschen verhieß und in immer wieder neuen, geheimnisvollen Worten und Bildern durch seine Propheten verkündete: 'Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und sein Name heißt Emmanuel, Gott mit uns.'
'Du Bethlehem bist zwar klein unter den Fürstenstädten Judas. Doch aus dir wird hervorgehen, der Herrscher sein wird in Israel, dessen Ursprung von Anbeginn her ist, von den Tagen der Ewigkeit her.' Um das Kommen dieses Erlösers bangte und betete das auserwählte Volk Gottes viele tausend Jahre hindurch: 'O komm, o komm Emmanuel, nach dir sehnt sich dein Israel! In Sünd' und Elend weinen wir, und flehn und flehn hinauf zu dir.' So singen und beten auch heute noch wir in der Zeit des alljährlich wiederkehrenden Advents.
Advent bedeutet also nicht nur Ankunft, sondern auch die Zeitenspanne vom Sündenfall bis zur Stunde von Bethlehem. Was für Gott in seinem ewigen Ratschluß Gegenwart ist, - vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag -, wurde für die Menschheit eine viele tausend Jahre lange Zeit der Erwartung. Und so verstehen wir heute noch den Advent des Kirchenjahres, der mit seinen Liedern und Gebeten uns zurückversetzt in die bange Erwartung des Volkes Israel. Für die Kirche, und damit für uns als lebendige Glieder der Kirche, bedeutet der Advent aber nicht nur eine Rückerinnerung an längst Vergangenes. Der Kirche ist jeder neue Advent lebensvolle und schmerzliche Wirklichkeit, wenn sie derer gedenkt, die noch immer in Finsternis und Todesschatten sitzen. Wenn sie bedenkt, wie wahr selbst unter christlichen Völkern die Worte des Adventsliedes sind: 'Aus hartem Weh die Menschheit klagt, sie stand in großen Sorgen. Wann kommt, der uns ist zugesagt, wie lang bleibt er verborgen? O Herr und Gott, sieh an die Not, zerreiß des Himmels Ringe. Erwecke uns dein ewig Wort und laß herab ihn dringen, Den Trost ob allen Dingen.'
Für jeden von uns muß diese Not der Kirche eine eigene Not und Sorge sein ‚Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit,‘ und 'Einer trage des anderen Last.' Für uns bedeutet der Advent also Anruf zum Gebet für die unerlöste Menschheit, für die bedrängte, unterdrückte und gefesselte Kirche im Osten und in den weiten Missionsländern. Für uns ist der Advent aber auch Anruf und Frage nach der Tiefe unserer eigenen Christusverbundenheit. Wie viele sind erlöst und doch nicht erlöst? Wie viele sind das ewig schwankende Rohr im Winde, hin- und her- getrieben von Meinungen und Strömungen der Zeit, gefangen und getrieben von ihren Lüsten und Leidenschaften. 'O komm du wahres Licht der Welt, das unsere Finsternis erhellt!
O komm, o komm Gott Sabaoth, mach frei die Welt von aller Not!'"
Das ist ein echtes und verpflichtendes Gebet für jeden von uns. Für jeden, der ehrlich zu seinem ständigen Versagen steht. Für jeden, der sein Bild im Spiegel des heiligen und gerechten Gottes sieht. So bedeutet der Advent für den Christen alljährlich einen neuen Anfang, neue Sehnsucht und neuen Beginn, neues Streben und neues Wachsen. Ja! Das ist der tiefste Sinn eines jeden Advents, daß wir aus der Erkenntnis unserer Sünde und Schwäche zu Gott rufen und beten um sein Kommen. Daß wir aus neu erwachter Sehnsucht nach dem unserer Seele unauslöschlich eingeprägten Ebenbild Gottes dem Erlöser zur Weihnacht die Wohnung bereiten, um dann in größerer Treue mit ihm durch das neue Jahr der Kirche zu gehen und dem ewigen Advent, der letzten Wiederkunft des Herrn, entgegen zu gehen.
Pastor H. Wichert
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