Aufnahme: 1955
Exkurs über die alte Pfarrkirche von Oberpleis als Bauwerk
Da wir in der nach 1805 abgerissenen Pfarrkirche von Oberpleis die Nachfolgerin der 948 bereits bestehenden Kirche sehen, ist es möglich, daß Lage und Teile des Baues von 948 in ihr aufgegangen waren. Da bisher über die Pfarrkirche als Bauwerk nichts bekannt ist, soll kurz berichtet werden, was darüber auszumachen ist. Mutmaßlicher Grundriß und Lage können bei Erdarbeiten in Oberpleis als Anhaltspunkte für die Suche der Fundamente dienen.
Am 25. Februar 1804 fand vor dem Landdinger von Blankenberg, Legrand, in Oberpleis eine Gemeindeversammlung statt, auf der die Oberpleiser den Wunsch äußerten, daß der Kurfürst ihnen die durch die Säkularisation in seinen Besitz übergegangene Propsteikirche, die gerade groß genug sei, überlassen werde, „weil die alte kirche durchaus irreparabel". Andernfalls müsse eine neue, größere Pfarrkirche als die bisherige erbaut werden. Die Gemeinde verpflichtete sich, die gesamten Turmunterhaltungskosten zu übernehmen, da „das kirspel ohnehin in demselben seine Glocken mit hangen habe, und dieser Thurn bisher zu 3/4, die probstey aber zu 1/4 reparirt habe. Die reparations kosten des auf der alten pfarrkirchen stehenden Thurns hingegen, welche gleichwohl in keinem hohen Anschlag kommen konten, indem darinn nur ein kleines meße klockelein hienge, in aukunft ganz wegfielen.“ Es wird auf ein Gerichtsurteil von 1766 verwiesen, das die Gemeinde trotz Aufforderung nicht beschaffen konnte, auf Grund dessen die Dezimatoren „den an der alten kirche ersichtlichen abhang auf ihre kosten erbauen“ ließen. Es kann sich 1766 nur um eine Reparatur gehandelt haben, weil schon in den Kirchenrechnungen von 1759/61 eine solche belegt ist. Sie besaß also ein Seitenschiff. „Die unteren Mauren (der Pfarrkirche) seyen aber noch in ziemlich gutem Stande, und der daran gebaute abhang noch ein ganz festes gebäude, sie fänden es daher für dienlich, daß diese kirche zu einem Schuhlhause eingerichtet, und darinn zugleich eine Gemeinheits Stube angebragt werde97.“
Die kurfürstliche Regierung ordnete eine Abschätzung beider Kirchen in Oberpleis an, die am 7. August 1804 durch drei Werkmeister stattfand. Die Maße der Pfarrkirche waren: „1. bei der alten Pfarrkirche das Schiff 62' lang, 28' breit und 30' hoch, das Chor 39' lang, 18' breit und 25' hoch und ein Anhang 62' lang, 12' breit und 13' hoch"98.
Das Fußmaß war das rheinische. Demnach waren die Maße in Meter:
Bauteil Länge Breite Höhe
Fuß m Fuß m Fuß m
Schiff 62 19,47 28 8,80 30 9,42
Chor 39 12,50 18 5,69 25 7,85
Seitenschiff 62 19,47 12 3,77 13 4,08
Die Gesamtlänge der Pfarrkirche war also rund 32 m, sie entsprach etwa der der Propsteikirche ohne Westturm. Am 9. April 1805 genehmigte die kurfürstliche Regierung den Kirchentausch. Die Unterhaltspflicht wurde von der alten Pfarrkirche auf die Propsteikirche übertragen. Die alte Pfarrkirche wurde für 300 rtlr. zur Erbauung eines Schulhauses an die Gemeinde verkauft99.
Einige Jahre später ist die alte Pfarrkirche dann abgebrochen worden100.
Am 13. April 1821 berichtete der Bürgermeister Frölich an den Landrat Scheven über die Reparatur der Kirchhofsmauer an der Westseite und bemerkte, daß die „Hinwegbringung des Schutt und Steine vom Abbruch der alten Kirche" noch zu erfolgen habe101.
1770/3 war ein Streit über die Reparatur der alten Pfarrkirche entbrannt102. Die Abtei Michaelsberg als Hauptinhaberin des großen Zehnts versuchte, sich mit allen Mitteln ihrer Pflicht zu entledigen. Als alles nichts half, wollte man wenigstens die Reparatur des einzigen Seitenschiffs abwälzen. Die Abtei stellte daher 17 Fragen auf, die von einer vereidigten Kommission von Handwerkern beantwortet werden sollte. Die kurfürstliche Regierung nahm den Vorschlag an. Am 24. Januar 1771 vernahm der Landdinger von Proff u. a. je einen vereidigten Maurer-, Zimmer- und Dachdeckermeister über die 17 Fragen. Diese dienten nur dem Nachweis, ob Mittelschiff und Seitenschiff in einem Zuge als ein Bauwerk errichtet worden seien oder nicht. Das Ergebnis war eindeutig: es habe sich „ad evidentiam ergeben, daß der abhang linkerseits mit dem schiff uno tractu aufferbawet worden" sei. Laut Frage 2 waren Haupt-und Seitenschiff durch „Schwibbogen" verbunden. Das Seitenschiff besaß ein Holzdach (4), es war niedriger als das Hauptschiff wegen dessen Fenster (5). (7) „Das gantze gemaur rundt umb (um Haupt- und Seitenschiff) wäre mit einer fußsohl versehen; 2tens könte man dieses auch aus denen in dem Niederlaaß gehenden bogen erkennen, weilen dieser nicht nachhero, sonderen anfangs gemacht werden müßen." Beide Schiffe besaßen „ein fundament" und bildeten „ein Gemäuer" (8). Der Hauptzweck der Schwibbögen (9) sei nicht, aus dem Seitenschiff auf den Hochaltar sehen zu können, „sonderen es wurden die Schwibbogen geschlagen, umb die kosten wegen denen fundamenten undt gehöltz des Dachs, fort maur zu spahren".
Schwerlich vermag man hieraus ein klares Bild über das Aussehen der Pfarrkirche zu gewinnen. Lediglich scheint es sicher, daß sie tatsächlich zweischiffig und Haupt- und Seitenschiff durch Arkaden verbunden waren.
Am 31. Mai 1794 fand vor dem Amtsverwalter Bürgel, dem Propst von Oberpleis, von Copons, Pastor Meys u. a. eine Kirchenbesichtigung aus Anlaß der Kirchenrechnungsprüfung statt: „l.tes wäre die kirch vorbehaltlich des aufbewahrten heiligsten Sakraments schier einem Schweinstall gleich, es waren 2.tens ausschließlich des hohen altars die beyde Nebenälter fast unbrauchbar . .. 5.tens das blafon durch den durchs Tach schlagenden Regen abgefallen . . ."103. Demnach hatte offenbar das Hauptschiff eine Flachdecke.
Aus den Kirchenrechnungen ergibt sich noch: Im Chor, der geplättet war, standen die Chorstühle für die Sänger. Die Kirche hatte drei Altäre, den Hauptaltar, einen Marien- und Antoniusaltar; einer stand links, also im Seitenschiff, und war aus Ziegelstein, einer war ein kleines Altärchen. 1731 heißt es in der Aufstellung der Kirchen der Christianität Siegburg: „Oberpleis Parochia tit: Nativitatis B:V:M. . .." Demnach müßte der Hauptaltar der Mutter Gottes geweiht gewesen sein. Die Patrone der beiden Nebenaltäre sind nicht genannt104. Sie enthielt eine hölzerne Galerie (Empore). Ein heute nicht mehr erhaltener Taufstein mußte schon um 1660 und später gedichtet werden. (1702 wurde der jetzige hergestellt.) Die Herren von Hillesheim vom Haus Niederbach besaßen das Erbbegräbnis im Chor; auch die Pastöre von Oberpleis wurden im Chor begraben105. Es ist kaum möglich, aus diesen Angaben eine Rekonstruktion des Aussehens der Pfarrkirche zu wagen. Sie muß auf der heutigen Kriegerehrenmalanlage und dem westlichen Vorplatz gestanden haben. Grundriß und Lage, wie sie zu vermuten sind, sind in der Skizze angedeutet.
Auffallend ist die Länge des sogenannten Chores. Vielleicht darf man in ihm den ältesten Teil der Pfarrkirche vermuten. Ihn als die Kirche von 948 anzusprechen, ist unmöglich 106. An ihn ist dann, möglicherweise in einem Zuge, Haupt- und Mittelschiff angebaut worden 107.
97 Pfarrarchiv A C Nr. 7.
98 Pfarrarchiv A4, 27. Düster hatte für die heimatkundl. Ausstellung aus Anlaß der Jahrtausendfeier 1948 einen Rekonstruktionsversuch mit den Maßen ohne Quellenangabe zur Verfügung gestellt.
99 Strange J. Beiträge zur Genealogie der adligen Geschlechter X. 1871, S. 43f.
100 Pfarrarchiv A4, 21
101 Bürgermeisteramt Oberpleis Akten 360, V, 8, 4 Wege-Contraventionen
102 Abtei Siegburg Akten im Staatsarchiv Düsseldorf 429 f. 51 ff.
103 Pfarrarchiv Kirchenrechnungen 1791/3.
104 Archiv EB Köln, Gen.-Akten I, 4 Dekanat Siegburg.
105 Strange J.: Beiträge zur Genealogie der adligen Geschlechter X, 1871, S.40 ff.
Maaßen, Geschichte der Pfarreien des Dekanates Königswinter, Köln 1890, S. 497 ff.
106 Vgl. die Kapelle in Heisterbacherrott, um 1200, Renard E.: Die Kunstdenkmäler des Siegkreises. Düsseldorf 1907, S. 148 f.
107 In Oberpleis befinden sich noch viele behauene Andesitsteine, die z.T. sicher von der alten Pfarrkirche stammen. So vor allem die Steine der Mauer der Schmiede Röttgen an der Dollendorfer Straße. Am linken, westlichen Eingang sind zwei Pfeiler gesetzt, die oben offensichtlich mit den Kämpferplatten der alten Pfarrkirche abschließen. Im Keller, die Treppenplatte am Hauseingang un daneben sind Grabsteine von Pastoren von Oberpleis, die im Chor der Pfarrkirche beerdigt waren.
Etwas zu ergänzen?
Kennen Sie abgebildete Personen, das Jahr oder Hintergründe zu diesem Bild? Schicken Sie uns einen Hinweis – wir prüfen ihn und ergänzen das Objekt.