Aufnahme: 1955
FRÜHMITTELALTERLICHE GESCHICHTE VON OBERPLEIS - Wappen des Bonner Cassiusstifts
DIE FRÜHMITTELALTERLICHE GESCHICHTE VON OBERPLEIS
DER AUSBAU IM 9. UND 10. JAHRHUNDERT
Die Urkunde von 859
1. Der Inhalt
Die erste erhaltene Urkunde, die Oberpleis betrifft, ist vom 9. November 859 (Levison, W.: Die Bonner Urkunden des frühen Mittelalters. Bonner Jb. 136/7 (1932). Es wird die Schenkung eines Gerbert und Othilfrid an das Stift der Märtyrer Cassius und Florentius in Bonn beurkundet von einem Hof (curtem cum casa et scuria etc.) in der Gemarkung Oberpleis (in pago Auelgaue in villa vel marca quae dicitur ad Pleisam superiorem) für das Seelenheil eines Grafen Rembald (in elemosimam itaque Rembaldi comitis).
2. Ihre Bedeutung für die karolingische Reichsgeschichte
Diese Urkunde von 859 ist nicht nur von Bedeutung wegen ihres Alters und für die Geschichte von Köln, Bonn und Oberpleis, sondern auch für die karolingische Reichsgeschichte. Die Datierung ist nach den Regierungsjahren König Lothars II. (855-869), dem Herrscher des 843 im Vertrage von Verdun geschaffenen Mittelreiches, erfolgt. Der geschenkte Hof liegt rechtsrheinisch im Auelgau, das beschenkte Stift linksrheinisch, beide liegen in der Diözese Köln. Die Deutung dieses Sachverhaltes mit neuzeitlichen Augen legt den Schluß nahe: Oberpleis und Bonn gehören zu einem Reich, also zum Mittelreich Lothars II., nach dem später dieses Reich den Namen Lotharingien erhielt. Ferner ist zu bedenken, daß das Herzogtum Ripuarien als eine Einheit ganz dem Mittelreich zugeteilt worden sein kann.
3. Ihre Bedeutung für die kulturräumliche Zugehörigkeit von Oberpleis
Die Urkunde beweist, daß Köln, Bonn und Oberpleis zum gleichen Kulturraum gehörten. Erzbischof Guntar von Köln (850-863) ist in unserer Urkunde als Vorsteher, der über dem Bonner Propst Herigarius und dessen Stift stand, genannt. Das Pleiser Hügelland als Teil des Auelgaues gehört demnach offenbar seit Beginn seiner Geschichte in die Geschichte des Bistums Köln und damit zum Kölner Kulturraum.
4. Ihre Bedeutung für die Grafschaft
Wichtig wäre die Frage zu klären, wer dieser Graf Rembald war. War er ein Gaugraf? Levison (Die Bonner Urkunden des frühen Mittelalters. II) hat auf einen Grafen Reginbald (848) hingewiesen und den Zeugen gleichen Namens der Werdener Urkunde von 834 (Levison BU I 46). Handelt es sich um Pfalzgrafen oder gar Vorläufer der späteren Grafen von Berg?
5. Die Träger der Rodung
Wer waren Gerbert und Othilfrid? In welchem Verhältnis standen sie zu dem Grafen Rembald? Der Name Othilfrid bezeichnet den Adligen und Freien, den Besitzer eines Grundstückes. Lebte Graf Rembald noch, als die Schenkung erfolgte? Wir dürfen annehmen, daß Graf Rembald in irgendeiner grundherrschaftlichen Form der Besitzer des Hofes in Oberpleis war. Vor 882 schenkte König Ludwig III. der Jüngere von Ostfranken (876-882) seinen Hof mit Kirche, Zubehör und Leibeigenen in Geistingen dem Abt Heinrich des Cassiusstiftes. Ein laicus Engilbertus schenkte 895 dem Cassiusstift, außer Besitz und Kirche in Dattenfeld, cellam . . et quicquid ad illam pertinet in villa Steildorp (Lev BU 1). Gleich, was hier cella bedeutet: es ist Grundlage für die 1131 nachweisbare Abhängigkeit der Stieldorfer Kirche und des Zehnts vom Cassiusstift. Wohl ein Laie Lutfridus schenkte einen Weinberg in Rauschendorf (Lev BU 23). Alle Schenkungen erfolgten von Laien. Wir dürfen also folgern, was ja auch natürlich ist, daß die Träger der Rodung und Besiedlung des Pleiser Hügellandes Laien waren. Wir dürfen vermuten, daß Oberpleis als ursprüngliches Waldgebiet Königsbesitz war. Die Rodung scheint offenbar von den Vorgängern des Grafen Rembald betrieben worden zu sein. Ein wohl gräflich-grundherrschaftlicher Verband hat wahrscheinlich die Rodung an der oberen Pleis durchgeführt.
6. Die religiöse Situation
Warum schenkten Gerbert und Othilfrid, die doch wohl irn Auftrage des Grafen Rembald, den man als verstorben annehmen darf, handelten, dem Cassiusstift einen Hof? Ille bene possidet facultates in seculo, qui sibi de caduca vita praeparat regna coelestia, so beginnt unsere Urkunde. Die Beschenkte ist die ecclesia sanctorum martirum Cassii et Florentii . . . ubi Guntarius archiepiscopus praeesse videtur atque Herigarius praepositus cum turba canonicorurn deserviet. Levison bemerkte, daß die Arenga unserer Urkunde im frühen Mittelalter „sehr beliebt“ war. Warum? Die Menschen jener Zeit anerkannten die Majestät Gottes. Sie empfanden entweder den Anruf des Christentums und brachten daher hoffnungsvoll aus Gottesliebe Gott Gaben als Opfer dar, die sie nur der Gottes Sein und Wollen vertretenden Kirche übergeben konnten, oder aber sie empfanden die Kluft, die zwischen Sollen und Sein bestand, und sie versuchten diese Kluft versöhnend zu schließen durch gute Werke in Form von Schenkungen, die nach der naiven Vorstellung des do ut des die Umstimmung des göttlichen Urteils über den schenkenden sündigen Menschen bewirken sollten. Andere Gründe kommen in unserem Falle kaum in Frage, Wichtig für uns ist, daß als der Vertreter der göttlichen Macht auf Erden in unserem Raum zu dieser Zeit das Cassiusstift in Bonn angesehen wurde.
Darin liegt geschichtliche Gerechtigkeit und Folgerichtigkeit. In Bonn erlitten einige der ersten Christen den Tod für ihren neuen Glauben. An der Stelle ihres Martyriums bildete sich jene ecclesia sanctorum martirum Cassii et Florentii, die in einem abgesonderten Bezirk lag, in villa quae dicirur Basilica. Dieser bezeugt deutlich die hohe Würde und Stellung, die der christliche Gott und seine Vertreter auf Erden, die Kirche, genossen. Am Grabe dieser heiligen Märtyrer wurde unsere Schenkung vollzogen: Actum publice coram tumba sanctorum martyrum. Diese Kirche in Bonn ist eben die „Urkirche“ schlechthin für unseren Raum. Sie ist die Keimzelle und der Mittelpunkt des Christentums auch für den Auelgau. Das Cassiusstift hat für unseren Raum als geschichtliche Kraft die gleiche Bedeutung wie Trier, Köln, Xanten für ihre Räume. Die Geschichte von Oberpleis begann im Zeichen des Christentums. Von Bonn aus sind nicht nur die Quellströme des Christentums mit all ihren wichtigen Folgeerscheinungen ausgegangen, sondern mit ihnen auch wesentliche kulturellweltliche Antriebe; oder vielleicht richtiger gesagt: weil von Bonn aus weltlichpolitische Antriebe nach Osten vordrangen, besonders im Rahmen der allgemeinen West-Ost-Verlagerung des fränkischen Reiches, verstärkt vielleicht durch die Auseinandersetzungen mit den Sachsen, wurden bei der eigen- und staatskirchenähnlichen Einstellung der Weltlichen auch die Werte des Christentums mitverbreitet. 753 war König Pippin in Bonn. 921 trafen sich der deutsche und französische Herrscher auf dem Rhein bei Bonn. Der Propst des CassiusStiftes war Chorbischof und Archidiakon. In dem Gerichtszug der Landgerichte nach Bonn sehen wir noch eine späte Nachwirkung dieser ursprünglichen und hohen Bedeutung Bonns.
Die dem Cassiusstift ganz oder zum Teil unterstellten Pfarrkirchen im westlichen Siegkreis, Rheidt, Stieldorf, ursprünglich Niederpleis und Hennef, Uckerath, besonders Sieglar und Geistingen, die Unterstellung der Christianität Auelgau unter den Bonner Archidiakon sprechen für die kirchliche Bedeutung Bonns. Die Ergebnisse der Einzelforschung über die Urpfarreien im Auelgau werden kaum die hohe Bedeutung Bonns mindern.
Daß das Cassiusstift in Bonn die erste kirchliche Institution ist, die im Pleiser Hügelland als Grundbesitzer auftritt, spiegelt die epochemachende Tatsache der Geschichte des Pleiser Hügellandes wider: sie beginnt unter dem Einfluß Bonns.
Etwas zu ergänzen?
Kennen Sie abgebildete Personen, das Jahr oder Hintergründe zu diesem Bild? Schicken Sie uns einen Hinweis – wir prüfen ihn und ergänzen das Objekt.