Ehemalige Benediktinerpropstei St. Pankratius in Königswinter-Oberpleis als architektonisches Baudenkmal

Aufnahme: 1955

Ehemalige Benediktinerpropstei St. Pankratius in Königswinter-Oberpleis als architektonisches Baudenkmal


Wir haben die Möglichkeit, wenigstens auf einem Teilgebiet, der Kunst, die positiven Leistungen der Propstei in Oberpleis zu würdigen und von ihnen auf den Geist der Mönche zu schließen. Wir geben damit einen Beitrag zu den Leistungen der Abtei in dieser Zeit.

Gesamtanlage
Das großartigste Denkmal, das uns jene frühe und große Zeit der Propstei in Oberpleis hinterlassen hat, ist die Propstei als architektonische Gesamtanlage selbst. Es ist eine hohe Aufgabe, diese Klosteranlage, die die Mönche vom Michaelsberg in Oberpleis erbauten, in ihrer Bedeutung zu würdigen und zu versuchen, aus der Deutung dieser Anlage, ihrer Raum- und Schmuckformen Aufschlüsse zu gewinnen, die uns eine Vorstellung vermitteln von dem Geist, den ihre Erbauer erfüllte. Jede christliche Kunst ist Vergegenständlichung von christlichen Ideen. Es muß daher grundsätzlich möglich sein, aus einem christlichen Kunstwerk den in ihm realisierten christlichen Gehalt ermitteln zu können, so schwer das auch im einzelnen sein mag.

Die Gesamtanlage der Propstei des 12. Jh. in Oberpleis ist eine verkleinerte und salische Umformung des von der Abtei St. Gallen um 800 entworfenen Idealplanes einer benediktinischen Klosteranlage. Alle nach diesem Plane geforderten Hauptteile sind auch in Oberpleis verwirklicht worden: die geostete Kirche, die im Süden der Kirche um den Kreuzhof rechtwinklig errichteten Klostergebäude mit einem Kreuzgang, der „stille“ östliche Teil mit den Gärten und der südlich gelegene Wirtschaftshof. Die Klostergebäude um den Kreuzhof hatten alle die Räume, die zu einem gemeinsamen Leben erforderlich waren, besonders Refektorium und Dormitorium. Insgesamt war das Kloster eine abgeschlossene Welt für sich, ein echtes claustrum. Die Gemeinschaft der Gott Tag und Nacht dienenden Mönche in Oberpleis hatte sich von der Welt draußen abgeschlossen, um ein Leben in und für Gott zu führen.

Propsteikirche
Die Propsteikirche war offensichtlich, wenigstens zu einem Teil, auf dem alten Friedhof von Oberpleis erbaut worden (1). Von welch einfacher und darum großartiger Monumentalität war das Gotteshaus. Von welch tiefer Symbolik ist der Kreuzgrundriß der Basilika!

Der Zweck des Gotteshauses forderte die Dreigliederung in Gemeinde-, Mönchs- und Altarraum. Diese Raumteile sind klar geschieden, zugleich jedoch verbunden und nach Osten zum Raum des Allerheiligsten gerichtet. Der Gemeinderaum, eine Pfeilerbasilika, ist ein einfacher, strenger Längs- oder Wegbau, der den Beter nach Osten zum Altare zwingt. Der Anstieg und der Triumphbogen zum Raum der Mönche im Querhaus bedeutet eine Grenze. Die Erhöhung von Querhaus und Altarhaus, durch die sich unter beiden erstreckende Hallenkrypta verursacht, entspricht der größeren Bedeutung und Heiligkeit dieser Raumteile. Der Aufstieg in die vermutlich ausgeschiedene Vierung ist Erhebung in die Mitte des ganzen Raumes: Durchdringung von Langhaus und Querhaus, durch die Triumphbögen wirksam als Kernraum abgeschlossen und geöffnet zugleich. Von ihr strahlen alle übrigen Raumteile aus und empfangen ihr Leben. Das Altarhaus war der heiligste Teil des Gotteshauses: Stätte für den Altar, wo das Wunder der Menschwerdung und des Opfers Jesu Christi immer wieder neu vollzogen wurde. Er war das Endziel des ganzen Raumes. Die gesamte Raumkraftbahn des Weges vom Eingang führt auf den Altar. Hier allein sind Kreis und Kugel als raumgestaltende Elemente verwandt, während alle übrigen Raumteile streng und nüchtern aus dem Kubus gewonnen sind. Im feierlichen Halbrund der Apsis sammelten sich alle Kräfte des ganzen Raumes um den Altar.

Querhaus und Altarhaus sind von zentralisierender Wirkung. Sie stehen im Gegensatz zur Achsialität des Langhauses. Dieser Wegbau des Langhauses ist Ausdruck der römisch-kirchlichen Reform, die das Zeitalter des Investiturstreites bestimmte. Die Kunst zu Zeiten Erzbischofs Anno II. brachte eine entschiedene Wendung zur achsialen Raumanordnung, Jegliche Schmuckformen fehlten. Von welch großartiger, lebendig durchrhythmisierter Monumentalität ist die Hallenkrypta! Sie diente der Reliquienverehrung. Vermutlich befand sich in ihr der Dreikönigenaltar mit Reliquien der Mutter Gottes. Durch die beiden Zugänge aus den Seitenschiffen war ein ungestörter Prozessionsweg durch die Krypta möglich. Sie muß in engster Verbindung mit dem Altar der Oberkirche gesehen werden. Wie klar und einfach bezwingend ist die ganze Anlage, geprägt vom Geist strenger salischer Kunst: Verbindung von Sacerdotium und Imperium in klassischer Vollendung. Von nicht minder bezwingender Einfachheit und Monumentalität war der Außenbau. Sicher ist nur, daß er im Osten zwei Chorflankierungstürme hatte. Ob er auch einen Vierungsturm besaß und wie hoch der wuchtige Westturm war, müssen noch offene Fragen bleiben.

Vergleicht man den Westturm mit denen der Nachbarschaft, z. B. Geistingen, St. Servatius in Siegburg, Asbach, so wird man ihn als den einfacheren, dafür aber umso mächtiger wirkenden, auch vielleicht als den älteren ansprechen dürfen. Eine nicht nur äußere, sondern auch eine innere geistige Schutzkraft ist an ihm zum Ausdruck gebracht: In die Westseite, zur Himmelsrichtung des Bösen und des Gerichtes nach dem Glauben des Mittelalters, sind kaum deutbare wilde Tiere eingehauen zur Abwehr des Bösen. Welche Bedeutung hatte der Turm mit seinen Glocken! Vorbild der Oberpleiser Kirche war die Mutterkirche, die Abteikirche auf dem Michaelsberg. Die inneren Antriebe, der Geist dieser strengen und einfach großen Raumformen weisen auf Erzbischof Anno und über ihn weiter zurück auf die erste Großleistung salisch-deutscher Baukunst: den Dom zu Speyer.

Es kann nicht bezweifelt werden, so streng und feierlich ernst diese Raum- und Schmuckformen zu uns sprechen, so streng und ernst war auch der Geist der Mönche auf dem Michaelsberg und in Oberpleis. Der Geist der Reform, der das Ideal der Mönche in dieser Zeit war, ist in ihren Bauschöpfungen Raum geworden. Die Kunstgeschichte datiert auf Grund der Raum- und Schmuckformen dieses erste Gotteshaus der Mönche in Oberpleis auf ‚kurz nach 1100‘. Westturm und Klosteranlage sind auf die Zeit um 1150 zu datieren. Die Schmuckformen weisen auf die frühstaufische Kunst hin.

(1) Bei der Anlage eines Luftheizungsschachtes im Winter 1952/53 sind im w Joch des s Seitenschiffs auf einer Länge von etwa 4 Meter 6-7 (?) vollständige, nebeneinander liegende Skelette mit den Köpfen nach Westen unter dem Baugrund gefunden worden, etwa 1,5 Meter unter dem heutigen Kirchenfußboden. Es fehlt leider eine Dokumentation des Fundes!

Text aus: Robert Flink, Die Geschichte von Oberpleis, Siegburg 1955, Seiten 87-93.

Bild: Architekt Werner Schulz, Oberpleis, Isometrische Rekonstruktion der Propstei St. Pankratius, Zustand Mitte des 13. Jahrhunderts.

Quelle
Robert Flink, Die Geschichte von Oberpleis, Siegburg 1955, Seiten 87-93.
Zur Verfügung gestellt von
Willi Joliet Die Propsteikirche zu Oberpleis - Bericht für die Wiederherstellung der Pfarrkirche in Oberpleis
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