Aufnahme: 1951
Botschaft des Heiligen Vaters Pius XII.
“Geliebte Söhne und Töchter des katholischen Deutschland! Ihr könnt das Los, das euer Vaterland getroffen hat, seelisch nicht meistern, wenn ihr es nicht im gläubigen Aufblick zur göttlichen Vorsehung tragt. Was in den verflossenen Jahrzehnten, vor allem im letztverflossenen, vor sich gegangen ist, ist eine jener Heimsuchungen Gottes, eine jener Abrechnungen, die auf die Geschichte und die Verstrickungen ganzer Jahrhunderte zurückgreifen. Tragt euer Los in demütiger Hinnahme! Gebt ihm ein christliches Gepräge, indem ihr jenes Los von Gott entgegennehmt als Sühne, wenn nicht für eigene Schuld, so für die schwere Schuld anderer, des eigenen Volkes und fremder Völker.
Bleibt aber dabei nicht stehen! Schicksalswendungen solchen Ausmaßes sind, ganz unabhängig von dem Auf und Ab der weltlichen Geschichte eines Volkes, immer Heimsuchungen Gottes im eigentlichen Sinne des Wortes, also Zeiten weitgespannter Möglichkeiten für das Reich Gottes, Zeiten stärksten Anrufes der Wahrheit und der Gnade an alle. Sie sind und werden es aber nicht ohne euer Zutun und euer Mitwirken. Und der Kern, die innere Kraft eures Mitwirkens, möge die bereitwillige Hinnahme eures Loses sein; als Sühne, als Buße, als Opfer, aus dem eurem Volk und anderen Völkern Erbarmen, Segen und Heil werden möge, vielleicht auf Wegen, die euch augenblicklich unausdenkbar sind, die aber immer zum Guten führen werden. Denn die Gesamtheit dessen, was Gott geschaffen hat, lenkt und leitet er durch seine Vorsehung, von einem Ende zum anderen, alles machtvoll erfassend und aufs beste anordnend. Liegt doch alles bloß und offen vor seinen Augen, auch die zukünftigen freien Handlungen seiner Geschöpfe.
Bildet einen Damm gegen den Materialismus!
Der Materialismus ist fortschreitendes Abwerten und Absetzen des Ueber-sinnlichen und Religiösen bis zur ausgesprochenen Gottlosigkeit. Er läßt nur gelten, was das Experiment, die Erfahrung der Sinne bestätigt, was mit Maß, Zahl und Gewicht erfaßbar ist. Die unerhörten, sich überstürzenden Entdeckungen der Naturwissenschaften, die in Wahrheit ebenso viele Offenbarungen Gottes sind, und die Fortschritte der Technik mißbraucht der Materialismus, um die Menschen zu blenden, daß sie das Uebersinnliche, Uebernatürliche und Ewige daneben übersehen und vergessen. Kaum eine Zeit hat so, wie die gegenwärtige, das Wort der Schrift wahrgemacht, daß alles in der Welt Fleischeslust, Augenlust und Hoffart des Lebens ist. Die organisierte und in der Rüstung politischer Macht einherschreitende Gottlosigkeit wäre weniger gefährlich, wenn sie nicht als Rückhalt alle die Vielen für sich buchen könnte, die, ohne sich zu ihr zu bekennen, ja vielleicht verneinend, noch gläubige Menschen und Christen zu sein, in der Wirklichkeit des Alltages ganz so leben, als ob es keinen Herrgott gäbe.
Einen Damm gegen den Materialismus zu bilden, ist Aufgabe der Katholiken der ganzen Welt. Diese Aufgabe ist nicht hoffnungslos. Die Katholiken zählen gleichfalls nach Hunderten von Millionen und stellen eine Macht dar. Es ist nicht wahr und kann lediglich aus einseitiger, zu eng begrenzter Erfahrung erklärt werden, was vor kurzem geäußert wurde, daß die Katholiken nur noch zu einer nicht bedeutenden Minderheit mit innerer Freude ihrem Glauben anhingen. Die Erfahrung der Weltkirche ist eine andere. Und mit den Katholiken steht, wir wagen es zu sagen, immer noch die Mehrzahl der Menschen auf Seiten Gottes. Es gibt Länder, die gleichfalls nach Hunderten von Millionen zählen und deren Völker vor allem Religiösen eine solche Ehrfurcht haben, daß sie selbst manchen Katholiken beschämen könnten. Wenn wir an die Christen der ersten Jahrhunderte denken, so ist der Kampf gegen den Materialismus jenem Kampf vergleichbar, vor den sie sich gestellt sahen. Wie damals verlangt ein solcher Kampf den vollen Einsatz des katholischen Menschen, den geistigen und sittlichen.
Den geistigen: Nur solche, die den katholischen Glauben wirklich erfaßt haben und ihrer Reife entsprechend ihn immer wieder vertiefen, denen der Glaube also persönliches Eigentum geworden ist, werden unter euren Verhältnissen sich und andere vor der Ansteckung durch den Materialismus bewahren. Das katholiche Deutschland konnte sich seinerzeit einer zuverlässigen religiösen Schulung rühmen, die es seinen Söhnen und Töchtern mit auf den Weg ins Leben gab. Laßt dies auch heute euer Stolz sein. Der Kampf gegen den Materialismus fordert den sittlichen Einsatz des katholischen Menschen. Ein jeder fühlt, daß er den Materialismus erst einmal selber in sich überwinden muß, in seinen Grundsätzen und seinem Handeln, am Tag des Herrn wie im Alltag, im häuslichen Kreis wie im Beruf, allein wie in der Gemeinschaft, in Vergnügen und Sport, beim Griff zur Presse, zur Illustrierten und zum Buch, beim Besuch der Bühne und des Films. Immer und überall steht der Katholik unter dem Gebote Gottes und dem Gesetze Christi.
Der Gegensatz gegen den Materialismus hat dem lebendigen Christen das Bewußtsein geschärft, daß Gott im Mittelpunkt alles Seins steht, Gott, der einzige unvergängliche Wert, an dem alles Geschaffene zu messen ist. Wo der Christ dies unterläßt, hat er sich schon auf die Seite des Gegners gestellt. Seid ein Volk von Betern! Denn wenn das, was heute vom katholischen Menschen verlangt wird, fast übermenschlich erscheint, das Gebetsleben gibt die Kraft, es zu meistern. Die deutschen Katholiken haben sich immer ausgezeichnet durch Organisation und Leistung auf den verschiedensten Gebieten des kirchlichen Lebens. Mögen sie sich ebenso auszeichnen als ein Volk von Betern! Wir rufen den Priestern zu: Betet! Betet mehr! Seid den Gläubigen das Vorbild frommer Beter!
Wir rufen den Familien in Stadt und Land zu: Pflegt nach Väter Sitte das Gebet im häuslichen Kreis! Es bringt Segen, stärkt den Glauben, schafft Gottesfurcht und Gottvertrauen, gegenseitige Ehrfurcht und Liebe und Starkmut in schweren Tagen. Wir rufen eurer Jugend zu: Lernt beten! Nicht nur in der Gemeinschaft, sondern ebenso jeder für sich, damit ihr, auf euch selbst gestellt, in der Gefahr zu bestehen vermögt und für den Ruf Gottes bereit seid. Wir rufen den katholischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu: Tragt die Fragen und Schwierigkeiten, die zwischen euch liegen, auch im Gebete aus. Programme, Gesetze und Schiedssprüche allein schaffen nicht den sozialen Frieden.
Euch allen rufen wir zu : Hebt die Herzen und Hände zu Gott empor! Die Zukunft ist unsicher und dunkel. Betet, daß Gott in gnadenvoller Vorsehung alles zum Besten lenke!”
Liebe Pfarrkinder.
Diese Botschaft des Heiligen Vaters möge uns allen Wegweisung sein in dem neuen Jahr!
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