Aufnahme: 1949
Grundsteinlegung in Thomasberg, 1. Teil
"Wir wollen unsere Kirche bauen, so überschrieb der Kirchbauverein von Thomasberg vor einiger Zeit einen Aufruf an die Bevölkerung dieses 1200 Seelen umfassenden Seelsorgebezirkes.
Seit dem Rosenkranz-Sonntag des letzten Kriegsjahres bringt Christus der Herr inmitten der 15 Thomasberger Dorfschaften dem himmlischen Vater sein Opfer dar. Welcher Segen von dieser mehr als bescheidenen Opferstätte ausgegangen ist, spürt jeder, der einmal miterlebt hat, wie hier eine Gemeinde zusammengewachsen ist. Der Hochwürdigste Herr Weihbischof Dr. Stockums hat mir nach seinem Besuch in Thomasberg - gelegentlich der Firmung 1948 -mit frohbewegtem Herzen gesagt, daß ihm diese Stunde in Thomasberg ein ganz besonders tiefes Erlebnis geworden sei.
Der Wunsch und Wille der Bevölkerung, dem lieben Gott ein rechtes Haus zu bauen, mag ein Wagnis sein in heutiger Zeit, aber es ist ein Wagnis des Herzens, das bereit ist zum Einsatz und Opfer für Gott, ist zugleich Ausdruck eines echten christlichen Verlangens, das ewige Licht als Symbol des lebendig gegenwärtigen Herrn inmitten so viel menschlicher Not und Armseligkeit leuchten zu sehen. Am Dreifaltigkeits-Sonntag wurde der Grundstein zum neuen Gotteshaus gelegt. Seitdem wachsen die Mauern des künftigen Heiligtums Tag um Tag gen Himmel. Es ist eine Freude, das zu sehen. Es wäre eine reine Freude, wenn nicht die Frage und Sorge dahinter stände, die mit den wachsenden Mauern zugleich wachsende Sorge: Werden die Thomasberger das so mutig begonnene Werk vollenden können? Der Wille ist da! Wer näheren Einblick in all das hat, was in freiwilliger Arbeit, in Hand- und Spanndienst, von groß und klein, bis zur Stunde geschafft und an echten Opfern gebracht worden ist, der kann nur mit Anerkennung vor dem bisher Geleisteten stehen und kann nicht anders, als an ein glückliches Gelingen glauben.
Und doch werden aller Mut und Einsatz, alle Arbeit und Opfer der Thomasberger allein nicht ausreichen, den Kirchbau vor dem Winter unter Dach zu bringen. Das ist eine im Grunde einfache Rechnung. Wer ihnen nun sagt: „Das wußtet ihr vorher, dem können sie nur antworten: So sprach auch unser Verstand, aber unser Herz sprach anders. Wir mußten beginnen, weil unsere Gemeinde nicht zum dritten Male auseinanderfallen durfte. Wir mußten dieses Jahr beginnen, weil nächstes Jahr die Situation nicht wesentlich anders sein wird, wohl aber viel Vertrauen bis dahin zerstört ist. Wir haben begonnen im Vertrauen auf die Hilfe Gottes und des heiligen Joseph und auch im Vertrauen auf die, die gleich uns nicht zuerst den Verstand gelten und rechnen, sondern das Herz sprechen lassen, das gläubige Herz, das gerne etwas für den lieben Gott tut. Darum werden Männer von Thomasberg zu Euch kommen nach Oberpleis und in die anderen Dorfschaften und um eine Spende für dieses Gotteshaus bitten, wenn nötig betteln; Männer, die nichts anderes vorhaben, als die Sehnsucht von zwei Generationen endlich zu verwirklichen, Männer, die selbst ihr Letztes und Bestes dafür opfern und tun, Männer, die darum auch den Mut haben dürfen, bei anderen dafür anzuklopfen.
Euer Pastor Hans Wichert
Nachschrift.
Weil heute allem Schwindel Tür und Tor geöffnet ist, bitte ich, auf die Ausweise zu achten, die die zu dieser Sammlung vom Kirchbauverein beauftragten Männer bei sich führen.
Grundsteinlegung in Thomasberg. 1. Teil.
Es ist für das Pfarrblatt höchste Zeit, das gegebene Versprechen einzulösen und den Bericht über die Grundsteinlegung, der als Erinnerung für spätere Zeiten dienen soll, fortzusetzen und zu Ende zu führen.
Hoch wachsen bereits die weithin sichtbaren, massiven Bruchsteinmauern, vor allem der Ostfront und des Kirchturms, aus der Erde und zeugen dafür, daß der Grundstein auf ein gutes Fundament gelegt wurde. Fest im Material, das felsiger Grund umschließt, aber tragender noch im Fleiß der Männer, die sich als wahrhaft lebendige Bausteine des künftigen Heiligtums erweisen, da sie Tag für Tag nach Feierabend an der Baustelle mitschaffen und als ansässige Bauhandwerker an jedem Samstag in freiwilliger Tagesschicht das begonnene Werk weiter- und höherführen, alle darum wissend, daß dieses große und mutige Werk zunächst nur aus eigener Kraft und in echter Gemeinschaft vollendet werden kann.
Der erste Bericht schloß mit dem schönen Gedicht von Frau Symnofski, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart, Wunsch der Väter und Wollen der lebenden Generation in erneutem Gelöbnis miteinander verbinden und hoffnungsfroh in die Zukunft weisen, deren Erfüllung bereits begonnen hat. Vor diesem Gedicht - als Festspruch vorgetragen von einem Mädchen der Oberklasse - sang der Thomasberger Chor sein „Lobet den Herrn" und eröffnete so die Feier auf dem Bauplatz mit dem rechten Geleitwort, dem gleichen, wie es nachher der Festspruch brachte: „Mit Gottes Hilf! Zu Gottes Preis!"
Die ersten Worte der Begrüßung unserer vielen Gäste von nah und fern sprach der Hauptlehrer von Thomasberg, der seit mehr als drei Jahrzehnten die Kinder dieses Bezirkes ins Leben geleitet, der sie als gläubiger Lehrer für Gott erzogen und damit das Fundament in die Seele des Einzelnen gelegt hat.
Nach dem Festspruch kam die Gemeinde zu Wort mit der Bitte: „Komm heiliger Geist, der alles schafft“ und dem Bekenntnis: „Wir sind im wahren Christentum“.Es war ein Bild eigener Art, die Gemeinde dicht gedrängt auf dem kleinen Flecken heimatlicher Erde stehen zu sehen, der nun bald heiliges Land für sie werden soll. Es war zugleich ein schönes und überzeugendes Sinnbild dessen, was vordem das Gedicht in seinen Schlußversen ausgesprochen hatte:
„Es möge unsere Kirche klein, uns Ruhstatt und uns Zuflucht sein."
Zwischen beiden Liedern sprach der Pfarrer zur Gemeinde. Seine Worte vom tieferen Sinn des aus der alten Kirche genommenen Grundsteines und der aus dem Fleiß, der Treue und Opferbereitschaft gewachsenen Fundamente hörtet ihr schon in dem ersten Bericht dieser Feier. Des Pfarrers Gedanken wanderten dann noch einmal zurück und zeichneten Bilder der Vergangenheit: von der Stunde an, da sich in den letzten Wochen des Krieges die Gemeinde von Thomasberg unter freiem Himmel auf dem Schulplatz versammelt hatte, bis zu dieser Stunde, da sie, äußerlich und innerlich gewachsen, sich wieder unter freiem Himmel zusammenfand, mit dem Willen und der Gewißheit, nun wirklich eine eigene Gemeinde zu werden. Der Pfarrer schloß mit dem Wort des greisen Petrus an die erste Christengemeinde: „Laßt euch nicht einschüchtern und erschrecken. Haltet nur Christus den Herrn heilig in euren Herzen“.
Dem Bekenntnis der Gemeinde: „Wir sind im wahren Christentum“ folgte ein Geleitwort des mit der Seelsorge in Thomasberg betrauten Kaplans, der gleichfalls den Bau der Kirche und den Aufbau der Gemeinde mit ganzer Seele fördert und der seiner Liebe zum Werk gleich herzlichen Ausdruck gab wie der Pfarrer. Er verlas auch die Urkunde des Bischofs, der den Pfarrer mit der Grundsteinlegung beauftragt hatte, und die andere Urkunde, die in den Grundstein eingemauert, den denkwürdigen Tag für alle Zeiten festhält. Ehe dann die feierliche Weihe mit den eigens dafür bestimmten Gebeten der Kirche begann, sang der Chor das ewig schöne „Heilig ist der Herr“ von Schubert.
Aus diesen Gebeten der Kirche sollen einige wiedergegeben werden, damit sie in den Herzen der Gläubigen weiterleben zur Erinnerung an den denkwürdigen Tag und mehr noch zur steten Erinnerung daran, daß das Gotteshaus seine allerletzten Fundamente im lebendig gegenwärtigen Herrn hat.
An der Stätte des zukünftigen Altares spricht der Priester: „Herr Jesus Christus, richte Deines Heiles Zeichen auf an diesem Ort und wehre dem bösen Feind den Zutritt.“ Anschließend betet er den schönen Psalm 83: „Glückselig alle, die in Deinem Hause wohnen. Sie werden preisen Dich in alle Ewigkeit.“ Und das Gebet: „Herr unser Gott! Himmel und Erde vermögen Dich nicht zu fassen und doch läßt Du Dich herab, auf Erden Deine Wohnung aufzuschlagen. Schau mit Huld und Gnade auf diesen Ort und reinige ihn von jeglicher Befleckung. Amen.“
Bei der Segnung des Grundsteines betet der Priester: „Herr Jesus Christus! Du bist der Eckstein und das unverrückbare Fundament. Festige diesen Stein, den wir in Deinem Namen legen wollen, und weil Du Anfang bist und Ende, so sei auch, wir bitten Dich, Anfang, Fortgang und Vollendung dieses Werkes, das zum Ruhm und zur Ehre Deines Namens begonnen werden soll.“ Darauf wird der Stein mit Weihwasser besprengt und mit drei Kreuzen bezeichnet unter dem Gebet „Segne Herr, diesen Stein und verleihe durch Anrufung Deines heiligen Namens, daß alle, die zum Bau dieser Kirche reinen Herzens mithalfen, die Gesundheit des Leibes und das Heil der Seele gewinnen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.“
Bei der Verlegung des neugeweihten Steines auf sein Fundament wird das Gebet gesprochen: „Im Glauben Jesu Christi legen wir diesen Stein auf dieses Fundament, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, auf daß hier wahrer Glaube, Gottesfurcht und brüderliche Liebe wachse und blühe.“ Bei der Segnung des ganzen Fundamentes, das der Priester umschreitet, betet er: „Allmächtiger und barmherziger Gott! Deinen Priestern hast Du vor andern die Gnade verliehen, daß alles, was sie in Deinem Namen würdig und recht verrichten, als von Dir getan gelten darf. So suche auch Du den Ort auf, den wir jetzt aufsuchen, und segne auch Du, was wir jetzt segnen. Gib diesem Bauwerk Wachstum vom Himmel her, und wie es nach Deinem Willen begründet wird, so möge es durch die Fülle Deiner Gnade vollendet werden durch Christus unsern Herrn. Amen.“
Im Anschluß an diese schönen Weihegebete der Kirche sprach die ganze Gemeinde in Andacht das Gebet des Herrn, in dem das „Geheiligt werde Dein Name“ für diesen Tag seine besondere Bedeutung hatte. Dem Vater unser folgte noch das gemeinsam gesprochene apostolische Glaubensbekenntnis.
Der Schließung des Grundsteins, darin die oben erwähnte Urkunde zusammen mit einem neuen Pfennig und einem 10-Pfennig-Stück - ein Zeichen unserer armen Zeit - in einer Bleikapsel versenkt wurde, folgten die Hammerschläge mit viel guten Wünschen aus frommen und frohen Herzen. Hier wurde eine Brücke geschlagen zwischen der Gnade Gottes, die alles schafft und trägt, und der Bereitschaft gläubiger Herzen und Hände, durch die allein Gottes Gnade wirksam werden kann und will.
Nach den Gästen des Tages kamen die Thomasberger Dorfschaften zum Hammerschlag:
„Wie Eidgenossen alter Zeit
So trete jetzt zum heiligen Stein
Die ganze Dorfgemeinschaft an,
Der Orte fünfzehn, Mann für Mann.
Und unser fester Hammerschlag
Gott Dank und auch Versprechen sag:
Wir scheuen weder Müh' noch Plag'!“
Das kam in immer wieder neuen herzlichen und herzhaften Worten und Wünschen zum Ausdruck:
„Weil wir so sehr unsere Dörflein lieben,
Hammer schlag zu, daß die Funken stieben.“
Noch einmal kamen auch die Kinder zu Wort im eigens zu diesem Tag geschaffenen Lied:
„Ein Kirchlein woll'n wir bauen,
Zu Gottes Ehr' und Preis.
Gott möge auf uns schauen,
Er seine Hilf erweis‘.
Gott wir loben Dich,
Gott wir rufen Dich,
O laß den Segen Dein
auf unserem Werke sein.
Wir wollen fleißig schaffen,
Woll'n gerne Opfer bringen,
Gott laß uns nicht erschlaffen,
Hör‘ flehentlich uns singen.
Gott wir loben Dich
Sankt Joseph, Dich wir bitten.
Dein Hilf stets bei uns sei!
Als Schutzpatron wir widmen,
Dir unser Kirchlein klein.
Gott wir loben Dich.“
Dann beschloß Beethovens „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“ - mit froh bewegtem Herzen vorgetragen vom Thomasberger Chor - und das „Großer Gott Dich loben wir“ - als Festlied der ganzen Gemeinde - die erhebende Feier. Bei Wicharz erfuhren die geladenen Gäste noch eine schöne Überraschung. Frau Symnofski's Verse - im Auszug - geben das am schönsten wieder.
„Gott grüße Euch Ihr lieben Gäste,
Wir baten Euch zu unserm Feste,
Wie wir's gewohnt nach Dorfes Sitte,
Zur Kaffeerund in unsre Mitte.
Ein jeder Ort reicht seine Gaben,
Mögt Ihr Euch herzlich dran erlaben.
Und höret nun Ihr lieben Leute,
Was wir Euch möchten sagen heute.
Ihr, die Ihr wollt unser Kirchlein bau'n,
Wir freuten uns, Euch hier heut zu schau'n,
Wir zollen Ehr' Eurer großen Kunst
Und bitten herzlich um Eure Gunst.
Baumeister Band, der den Plan ersann.
Herrn Nolden, der ihn ausführen kann.
Wir bitten die edlen Herrn vom Rhein,
Auch späterhin mit uns gnädig zu sein.
Der Behörd‘ wir bieten froh Grüß Gott,
Denkt nicht, es ginge immer so flott.
Ein einig Volk, das fällt ins Gewicht,
Das trägt die Feier, vergeßt es nicht.
Im Scherz die Bitt‘, die ernst wir meinen,
Ihr solltet im Etat vereinen
Für Thomasberg auch einen Posten
Im Titel; Kulturelle Kosten.
Wir danken denen von Herzen sehr,
Die trotz der Belange groß und schwer,
Traten für Strücher Seelsorge ein,
Sagten zu unsrem Kirchbau nicht „Nein“.
Dank sagen wir auch den wackern Leut,
Die Geld und Geschäft stets hilfsbereit
Zur Verfügung stellten unserm Tun
Uneigennützig und ohne zu ruh'n
Ihr Herren nun vom Kirchbauverein,
Nur herzlich Gruß und Dank soll Euch sein.
Ich möchte Euch nicht alle nennen,
Ihr wollt nicht, daß Euch alle kennen.
Stille wollt Ihr weiter arbeiten,
Lohn ist's, wenn in nicht fernen Zeiten,
Am Fuß des Ölbergs wird stehen fein
Unser liebes Strücher Kirchelein.
Zum Schluß all Ihr Gäst auf Wiedersehn,
Zum Richtfest mitsammen den Strauß wir seh'n!
Mit dem herzlichen Wunsch, daß Mauern und Dach noch vor dem Winter das neue Gotteshaus umschließen, sage ich noch einmal persönlich und von Herzen all denen Dank, die kein Bericht im einzelnen nennt und auch nicht nennen soll, all denen, die gleich Sankt Joseph, ihrem Schutzpatron, still und bescheiden dem Werke Gottes dienen, mit hilfsbereiten Händen und frommen Herzen. Gott allein kennt die wahre Treue, die Treue des Herzens. Gott allein kann und möge sie lohnen.
Euer Pastor Hans Wichert"
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