Aufnahme: 1948

Aus der Geschichte von Oberpleis und der Umgebung, 9. Teil


Ein Blick in die Oberpleiser Propsteikirche kurz nach ihrer Innenrenovierung 1948
  
Das Mittelschiff
Die Kirche hatte ursprünglich die Form einer romanischen Basilika, wobei das westliche Langhaus eine flache Decke trug. In diesem Falle wäre die Lage der Obergadenfenster in der Höhe und im Verhältnis zu den Wandflächen gut gewählt. Da aber in der Zeit des neuen Chorbaues in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts auch das untere Langhaus eingewölbt wurde, erscheinen uns die Fensteröffnungen im Verhältnis zum Gewölbe etwas zu hoch gelegen, obwohl sie zu den Wänden, die das Mittelschiff begrenzen, in einem guten Verhältnis stehen.

Dass der Takt, in dem die sechs Arkaden, die in kraftvollen runden Bogen uns zu dem Raum des Altares geleiten, im Gewölbe des Langhauses nicht beibehalten ist, erscheint etwas merkwürdig. Es ist dieses jedoch nicht die Schuld derer, die die Einwölbung vornahmen, da, wie die Gliederung des Außenfrieses am Obergaden beweist, die Fenster schon in der Frühzeit der Kirche das Verhältnis von sechs oben zu sechs unten hatten. Das alte romanische Gewölbe des rechten Seitenschiffes hält jedoch diesen, durch die Arkadenreihe (von Pfeiler zu Pfeiler springende Bogen) gegebenen Rhythmus ein, und auch das gotische nördliche Seitenschiff bildet die Gewölbe im selben Takt. Die Pfeiler, welche die Arkaden trennen, sind aus Wolsdorfer Tuff fest gefügt und setzen in demselben Material die Bogen fort. Hier ist jedoch wichtig, sich die ursprüngliche Länge der Pfeiler vorzustellen, die durch ihre im Grundriss quadratische Form uns vielleicht etwas klobig vorkommen. Denken wir uns aber die Pfeiler 60 cm nach unten verlängert, so ergibt sich doch ein gutes Verhältnis zu der Mauer, die sie trägt und zu dem Raum.

Merkwürdigerweise ergab sich bei der Untersuchung der unteren Pfeilerenden, dass sie ohne Basenprofil unmittelbar auf dem Boden ansetzten. Auch das obere Abschlussprüfer ist denkbar einfach gehalten. Wir finden eine einfache Schrägkante, die die Kämpferplatte abschließt. Oben setzen dann auf gut geformten, mit Blättern verzierten Kragsteinen die zum Gewölbe aufsteigenden Gurtbogen und Wülste an, denen man an ihrer reicheren Form schon ansieht, dass sie etwa 100 Jahre nach der Errichtung der unteren Pfeiler entstanden sind. Hier bilden sich die Gurtbogen (trennen Gewölbejoch von Gewölbejoch), die nun nicht mehr einen Halbkreis beschreiben, wie wir sie in dem südlichen Seitenschiff und in der Krypta finden, und laufen oben, wenn auch nicht steil, so doch in einer Spitze zusammen. Die Kreuzrippen des Gewölbes sind kräftige runde Wülste, die sich in der Mitte wieder nach unten neigen und in Tiergestalten oder Kugeln enden. Die acht Gewölbewülste der Vierung enden im Sichwiederherunterneigen in Schlangenköpfen, welche die Abschluss kugeln tragen.

Südliches Seitenschiff
Wie schon erwähnt, sind die Gewölbe des südlichen Seitenschiffes in romanischen Formen gehalten, einfache vierteilige Gewölbefelder, ohne Rippeneinteilung. Nach Osten wird der Seitengang durch einen schweren spitzen Bogen, der aber wieder der zweiten Bauperiode angehört und dadurch den Raumausklang etwas beeinträchtigt, abgeschlossen.

Nördliches Seitenschiff
Das nördliche Seitenschiff hat in der Wende des 15. Jahrhunderts gotische Kreuzrippengewölbe bekommen, mit zierlichen Kehlrippen, die von kleinen Konsolen ausgehen und oben von Schlusssteinen abgeschlossen werden, in denen wir verschiedene Wappen finden, die vermutlich nach der Abtei Siegburg weisen.

Vierung und Querschiff
Zwei Stufen führen vom unteren Langhaus zu der Vierung (Schnittpunkt von Querschiff und Langhaus). Diese wird eröffnet von einem kraftvoll betonten Gurtbogen, der von einer halb runden entsprechenden Säule getragen wird. Letztere gehört zu den Pfeilerbündeln, welche die Langhauswände nach Osten abschließen. Wenn auch die Vierung zu dem im 13. Jahrhundert umgebauten Teil gehört, so ist sie doch sehr schwungvoll und imposant gestaltet. Bedenken wir, dass die ursprüngliche Form anders war. Es war eine romanische Basilika, hochgezogenes Mittelschiff und die beiden Seitenschiffe in halber Höhe. Demnach musste sich über dem Bogen, welche die Seitenschiffe nach Osten abschließt, eine Mauer hochziehen, die den Dachstuhl nach Osten hin begrenzt. Gleichzeitig bildet sie den Abschluss des Querschiffes nach Westen, und es lag ihr gegenüber die Wand, die denselben Raum nach Osten beendet. Die erste der beiden Mauern ist noch vorhanden, dagegen hat man die, welche den östlichen Teil des Vierungsgewölbes tragen, frei in den Raum gesetzt.

Die beiden Seitengänge über das Querschiff hinaus fortsetzend, entstanden so zwei Durchgänge zum Altarraum, welche die gleiche Höhe des Querschiffes und des Chores haben und durch zwei Stufen eingeleitet werden. In diesen Nischen standen einst die beiden Türme, die das Ostchor flankierten. In der Höhe der Vierungssäulenkapitäle laufen an den Außenwänden der seitlichen Chornischen sehr schöne Blattfriese. Sowohl die freistehenden Säulen der Vierung, als auch die beiden, sich an die Seitenwände des Langhauses anschließenden, setzen auf schön ausgearbeiteten Eckblattbasen an und verlaufen oben in reich geschmückten Kapitalen aus.

So bietet der große Triumphbogen, der das Chor eröffnet, ein imposantes Bild, da hier ja die Maßverhältnisse nicht durch einen überhöhten Boden, wie er unten in der Kirche vorhanden ist, gestört sind. Hier ist die Linienführung denkbar rein und schön und die reiche Form der Pfeilerbündel mit ihren Schmuckkapitälen vermittelt uns das Gefühl der wirklichen Feier. Vor der eigentlichen Apsis bilden sich wieder zwei Pfeilerbündel, die den Vierungssäulen entsprechen, aber nicht freistehen. Der Halbkreis der Apsis ist in fünf Felder aufgeteilt. In gleichmäßigen Abständen ragen auf Rundbasen ansetzend vier Achteck-Säulen auf, die in halber Höhe durch Schaftringe unterbrochen werden. Von hier an laufen sie nach oben in runder Form weiter und bilden an ihren Enden schöne Knospenkapitäle. In den fünf Mittelfeldern sitzen organisch und schön fünf Rundbogenfenster, durch welche das Licht der Sonne am frühen Morgen in den Altarraum fällt. Gerade das Chor der Kirche zu Oberpleis ist eins der interessantesten des Rheinlandes und vermag den Gottesdienst allein durch seine Anlage feierlich zu gestalten. Wenn auch einige Dinge sich in der Zeit umgebildet haben, die nicht ganz den Rhythmus des Raumes einhalten, so ist doch zu sagen, dass diese alte Kirche ein Raum der Andacht ist, ein heiliger Raum der Besinnung, der erlebt sein will in allen Phasen des Kirchenjahres, in allen Abschnitten des Lebens.

Krypta
Nun steigen wir eine der beiden Treppen, die von den Seitenschiffen hinab führen, in die Krypta und haben dabei den Eindruck, als stiegen wir, gleich den frühen Christen, hinab in die Gänge der Katakomben. Es ist kühl hier unten und es empfängt uns ein Raum, der geschaffen scheint für das Gedächtnis der Toten. — Ernsteste Romantik. Der größte Teil desselben zieht sich von Nord nach Süd. Er wiederholt unten den Grundriss des oberen Querhauses mit 21 Gewölbefeldern, die drei Quergänge bilden. Die östliche Längsseite ist um das mittlere Drittel, nach Osten sechs Felder beschreibend, herausgeschoben. Von diesen wieder ist nach demselben Schema das mittlere Drittel der Ostseite um ein Feld in der gleichen Richtung herausgedrückt.

All diese Räume schließen an den Seiten im rechten Winkel. Stellen wir uns unten in die Mitte und betrachten den Raum in der östlichen Richtung, so haben wir hier einen Mittelgang und zu beiden Seiten Gänge, die bis in den kleinen Vorraum der Concha (Altarnische) durchlaufen. An den Enden laufen diese beiden Seitengänge im rechten Winkel auf die Mauern auf, welche den Altarraum flankieren. In diese brach man zur Milderung der vielleicht doch etwas harten Form rundbogige Nischen, in denen wohl einmal Plastiken gestanden haben. Die Altarnische beschreibt im Grundriss nur ein Feld und schließt sich nach oben durch ein einfaches Tonnengewölbe, also eine ganz frühe Form. Spärliches Licht fällt durch das kleine Rundbogenfenster in die Mitte der Apsis auf den Opfertisch. Das Querhaus erhält sein Licht von den Seiten, an denen sich ja drei Fenster befinden, welche dieselbe Form aufweisen wie das der Apsis. Wenn auch der ganze Raum einen sehr einheitlichen Eindruck macht, so stellt man doch verwundert fest, dass die einzelnen Joche ganz verschiedene Grundrisse haben und auch der Durchmesser der Säulen von ganz verschiedener Art ist. Die stärksten von ihnen tragen das Gewölbe des Mittelschiffes, also die ersten drei Joche. Die nächsten beiden Joche in Richtung der Altarnische werden von einem ganz dünnen Säulenpaar getragen, anscheinend um die Durchsicht zu dem Altarraum frei zu geben.

Die restlichen acht Säulen, welche die Gewölbe der beiden Seitenfelder tragen, sind ein klein wenig dünner als die Säulen, welche den Mittelgang flankieren. Sie ruhen auf einfachen Rundbasen und laufen in fast gleichbleibender Stärke bis zu den Kapitälen, welche die Form der einfachen in dieser Landschaft immer wiederkehrenden Würfelkapitäle haben, die an den vier Seiten in je zwei runde Lappen aufgeteilt sind. Die darauf ruhende Deckplatte ist nach unten durch eine kräftige Hohlkehle abgeschweift. Von Kapitäl zu Kapitäl laufen die runden ganz reinen Gurtbögen, welche das einfache Kreuzgewölbe einschließen. An den Wänden setzen diese Gurtbögen auf schlichte Flachdienste auf, welche die Flächen gut zueinander aufteilen.
Wie bei allen schönen Architekturen ist auch hier allein das klare Maß der Dinge das ausschlaggebende, und es ist verwunderlich, dass bei der Verschiedenheit der Größenverhältnisse, die unserem geometrischen Gefühl manchmal recht absonderlich erscheinen und hier so ausdrücklich in Erscheinung treten, doch eine harmonische Raumwirkung vorhanden ist. Wie schon bei der Betrachtung des alten Querhauses gesagt, führte von der Südseite früher einmal eine Treppe in die Krypta, die aber später zugebaut wurde.

Doch wie alle diese alten Räume, so muss man auch ihn in seiner eigentlichen Bestimmung, im Gottesdienst, erlebt haben. Wie manch Requiem mag hier erklungen sein in all den Jahrhunderten, und wieviel Trauer und Trost mag in dieser engen, dunklen Geborgenheit gefühlt und gegeben worden sein! Es rückt uns diese Krypta die Gemeinschaft der ersten Christen um 1000 Jahre näher, wenn wir in ihr eng verbunden mit dem Geschehen des Altares weilen. Es klingen aus fernen Zeiten die Gesänge an unser Ohr, und der Raum hat uns ganz getrennt von dem Wirken und Leben der Menschen. Wir sind hinabgezogen in die Ebene der Dahingeschiedenen, wenn in der stillen dunklen Abgeschlossenheit die innige Bitte verklingt: „dona eis pacem".

Foto: Friedrich Müller

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 37 vom 10.09.1971
Zur Verfügung gestellt von
W.Joliet; Foto 1: K. Balensiefen; Scan: H. Röttgen mehr Information - 360° Innenansicht der Pfarrkirche - Die Krypta
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