Aufnahme: 1942 (Brief)

Kriegsgrauen

Aus dem Feld vor Stalingrad schrieb ein dem Oberpleiser Kirchenchor verbundener Priester diesen erschütternden Brief. Er offenbart in seiner Unmittelbarkeit das ganze Grauen des Krieges:

                                                                                        Rußland, den 3. November 1942

Liebe Kirchensänger!
Es fauchen die ehernen Rohre, die “Stalinorgel“ brüllt ihre totbringenden Töne, Kampf- und Sturzflieger brummen, bumsen u. heulen u. ich sitze beim Schein eines Kerzleins in muffigem Bunker u. schreibe Ihnen in kurz gewährter Pause allen einen herzlichen Gruß. Das Heldenlied von Stalingrad, das ich mitkomponieren durfte, wird in späteren Zeiten mal gesungen werden. Sie wissen aus den Berichten jedenfalls, wie hart und schwer der Kampf hier tobt. Es ist so furchtbar, wie es die Welt bisher niemals sah, dies blutgetränkte Stück einer ehemaligen 700 000 Stadt möge nie u. nimmer von einem Menschenpaar besiedelt werden. Dieser Fluch über diese Erde kann niemals weichen. Es ist mir nicht möglich zu berichten, was die Augen sehen müssen, was die Hände tuen u. die Nerven aushalten müssen; es macht uns hier allen, die wir hier in einer Schicksalsgemeinschaft stehen, um 20 Jahre älter.

Aus den Seelen u. Herzen von uns allen, die wir hier in einer Schicksalsgemeinschaft ohne gleichen stehen, die wir nicht wissen, ob wir in den nächsten Minuten noch da sind, - nur Gott weiß es. – aus allen Seelen u. Herzen schreie ich Ihnen in die weite Heimat hinein: „Bestürmt den Himmel!“ Gibt es noch eine andere Mission für alle, die noch in etwa gesichert leben, wie die Aufgabe des Betens? Wer es jetzt noch nicht begriffen hat, daß nur Gott noch helfen kann, wer da glaubt, den Soldaten helfen zu müssen u. ohne Gott zu helfen glaubt, der möge doch hierher kommen u. uns ablösen. Die Männer alle, die immer wieder „ein Stück“ von sich dieser verfluchten Erde hier anvertrauen müssen, die alle, ohne Ausnahme, haben jetzt zu schreien gelernt: Kyrie eleison!

Ein Heldenlied des deutschen Mannes, voll von Treue, Verantwortung u. Pflicht gegenüber der Heimat wird hier in speiendem Stahl und Eisen gestaltet. Soeben habe ich eine große Schar von ihnen in einem gewaltigen Granattrichter, hinter den Ruinen eines großen Gebäudes, zum eucharistischen Gott geführt; es war schon dunkel u. alle knieten im Dreck u. falteten die Hände wie die Kinder. Was mag da alles aus den Männerherzen dem Herrn entgegengeschlagen sein? Und über uns brauste ein schweres feindliches Bombengeschwader. Die Russen haben uns zum Glück nicht gesehen. Kyrie eleison: Die Heimat soll es rufen, wie diese Männer es gerufen haben. Als Priester Gottes stehe ich unter diesen Kämpfern, wir alle sind totgeweiht; ich kann Tränen trocknen, Schwache aufrichten, Schwankende stark machen, doch nicht ich tue das, ich armer hilfloser u. oft zagender Mensch, nein, der tut es durch mich, der mich gesandt hat. Euch allen, liebe Kirchensänger, die Sie vor Gott immer wieder hintreten können, Euch alle bitte ich um ein Gebet für alle Männer in dieser Hölle.
Mit getreuem Gruß
(Ihr ?. R.)


Quelle
Nachlass von Johannes Schenk, Organist u. Chorleiter des Kirchenchores St. Pankratius Oberpleis
Zur Verfügung gestellt von
Resl Bellinghausen, geb. Schenk
Räume & Galerien
Katholische Kirche Oberpleis Kriegszeiten
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