Marienretabel - Dreikönigenaltar

Aufnahme: 1937

Marienretabel - Dreikönigenaltar

Zu den großartigsten Leistungen deutsch-romanischer Bildhauerkunst zählt der Dreikönigenaltar in der Propsteikirche zu Oberpleis. Auf dem Sitz der Weisheit thront Maria als Mutter des Königs der Könige, der seinerseits thronend auf ihrem Schoße sitzt. Mutter und Sohn sind streng frontal gebildet. Die himmlischen Heerscharen huldigen in ihren drei englischen Vertretern stehend dem König der Könige. Die drei höchsten Könige dieser noch heidnischen, aber zu Christus berufenen Welt huldigen ihm, indem sie, sich in Ergebenheit beugend, ihre Gaben darbringen, die des Christuskönigs offene rechte Hand entgegennehmen wird(1). Wenn viele heutige Betrachter diese Epiphaniedarstellung als unnatürlich und unnahbar empfinden, so liegt dies an den künstlerischen Mitteln, durch die das Übernatürlich-Göttliche des Ereignisses hier Gestalt gewonnen hat. Wo in der christlich abendländischen Welt gäbe es ein Ereignis, das diesem gleich wäre? Die Kluft, die zwischen Weltschöpfer, -erlöser und -richter einerseits und der Kreatur andererseits besteht, ist tief empfunden. Dem Betrachter oder Beter ist es verwehrt, sich mit dem Dargestellten zu identifizieren. Das Heilige als das „ganz Andere“ ist hier in gültige Gestalt gebannt.

Aber wie bei aller christlich religiösen Kunst bleibt immer ein Rest von Fragwürdigem. Gestaltgebung des Heiligen ist zwar menschenmöglich, weil Christus selbst Mensch geworden war; aber immer besteht die Tragik, daß das Bild Gottes bestimmt und gebunden ist an die Wirklichkeit der Umwelt des gestaltenden Künstlers. Es gibt keine christliche Kunst ohne diese Tragik. So ist es auch bei dem Epiphaniealtar in Oberpleis. Das Thema und die Darstellungsweise sind bestimmt von der germanisch-christlich-abendländischen Königs- und Kaiservorstellung, diese wiederum nicht zuletzt durch die Vorstellungswelt der Kulturmacht Byzanz. Aber es entsteht die Frage: Hat jener Christus, der im Stalle von Bethlehem geboren wurde, der die revolutionierende Bergpredigt, die Gleichheit aller Menschen vor Gott und die Nächsten- und Feindesliebe predigte, so ausgesehen? Berichtet das Neue Testament an irgendeiner Stelle etwas so Königliches, wie der Epiphaniealtar von Oberpleis es zeigt? Ganz anders ist das Göttlich-Heilige in der schlichten Pietä (15. Jh.) und in der Himmelskönigin (um 1700) in der Propsteikirche von Oberpleis dargestellt. Der Dreikönigenaltar ist ein „klassischer“ Ausdruck des Geistes, in dem und aus dem die Mönche des Michaelsberges und in Oberpleis ihr Leben von der Gründung bis tief in das 12. Jh. hinein gestalteten: salisch-reformerisch strenge Gleichgewichtigkeit von Weltlichem und Überweltlichem, Natürlichem und Übernatürlichem, von Imperium und Sacerdotium. So wie Erzbischof Anno II. mächtiger Fürst dieser Welt und zugleich Knecht Gottes, Reformer war, wie Kaiser Heinrich III. auch Kaiser und Reformer war, so war es diese ganze Zeit, in Gründung und Aufbau der Abtei Michaelsberg vollzogen.

(1) E. Beitz hat die Auffassung vertreten, daß die Epiphaniedarstellung als Altarvorsatz, Antependium, zur Gottesverehrung gedient hat, indem die Gläubigen die Hand auf den Kronreif des Christuskönig legten und die (nicht bezeugte und erhaltene) Reliquie, die man in der Öffnung im Haupte der Mutter Gottes annehmen darf, küßten. Nach Sebastianus soll die Abtei Reliquien Christi und Mariens besessen haben.

Beitz E.: Rupertus von Deutz und die Skulpturen einer Siegburger Kathedra. Z.f. christl. Kunst 34. Düsseldorf 1921.
Sebastianus Reymundus: Siegbergisches Heiligthum oder außführlicher Bericht von denen im Hoch-Adlichen Stift Siegberg des Heil. Benedictiner Ordens befindlichen H.H. Reliquien, Köln 1750.

Text aus: Robert Flink, Die Geschichte von Oberpleis, Siegburg 1955, Seiten 93-94
Bild von 1937. Rheinisches Bildarchiv Köln 48886
Detail des Retabels nach Abschluß der Restaurierung durch die Bildhauerin und Restauratorin Grete Brabender.

Quelle
Robert Flink, Die Geschichte von Oberpleis, Siegburg 1955, Seiten 93-94
Zur Verfügung gestellt von
Willi Joliet Retabel in St. Pankratius
Räume & Galerien
Robert Flink, Die Geschichte von Oberpleis Von Katholische Kirche Oberpleis
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